Neues Bier, altes Papier

Bevor ich von meinen ersten Tagen im Praktikum berichte, hier noch was Interessantes für die (angehenden) Bibliothekare, die Stuttgarter und alle Biertrinker unter euch (wer sich jetzt drei Mal angesprochen fühlt: Herzlichen Glückwunsch!). Fangen wir mit der Bibliothekswelt an: Ende Juli/Anfang August fand im Baltikum ein Bibliothekarstreffen der besonderen Art statt: „Cycling for libraries“. An insgesamt 11 Orten, 5 davon in Estland, radelten Bibliothekare und Bibliotheksliebhaber zusammen und sprachen über Bibliotheken. Letzten Samstag fand das Ganze auch hier in Tartu statt, was ich aber leider erst am nächsten Tag erfuhr. Ein Bibliotheksbus stand aber noch immer in der Altstadt, so dass ich  das Werbeplakat fotografieren konnte:

Leider habe ich nicht so wirklich mitbekommen, wie genau diese „Unconference“ ablief, aber da weiß das Internet sicher mehr.

Und nun zum Bier. Die estnische Brauerei Saku bringt in regelmäßigen Abständen neue Sorten auf den Markt, jetzt wurden drei neue Kreationen nach Städten benannt. Es gibt Saku Dublin (soll wohl Guinness nachempfunden sein), Saku Manchester (keine Ahnung, warum) und – Saku Stuttgart. Letzteres trägt den deutschen Schriftzug „das echte Hefeweizen“ auf dem Etikett. Leider haben die Leute bei Saku wohl gedacht, Stuttgart sei in Bayern, das Design ist blau-weiß und es steht auch irgendwas von „Baierimaa“ hinten auf der Flasche. Aber seht selbst:

Stephan fand das Bier gar nicht schlecht.

Aber genug von radelnden Bibliothekaren (wobei die Vorstellung, unsere HdM-Profs alle gemeinsam radeln zu sehen, irgendwie schwer abzuschütteln ist) und genug von deutschem Bier, sei es echt oder nachgemacht – jetzt geht es ins Eesti Ajalooarhiiv, also in das historische Staatsarchiv Estlands, an meinen Arbeitsplatz für die nächsten sechs Monate. Am Montag Morgen begab ich mich um 8 dorthin, es liegt weniger als zehn Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Es handelt sich um ein großes, altes, rotes Gebäude, das idyllisch zwischen Bäumen auf einem Hügel steht. Irgendwann werde ich dort mal Fotos machen, das sieht nämlich wirklich schön aus. Bisher habe ich nur ein Bild von dem Wegweiser in der Altstadt (mit dem Handy gemacht und daher nicht die allertollste Qualität): 

Die Frau am Empfang des Archivs war schon etwas älter und konnte daher kein Englisch, aber zum Glück heißt Praktikant auf Estnisch auch praktikant, so dass ich ihr sagen konnte, warum ich dort war, woraufhin sie mir mit Hilfe von Zetteln und der Wanduhr mitteilte, dass die für mich zuständige Mitarbeiterin erst um 9 kommen würde. So spazierte ich noch ein wenig durch das morgendliche Tartu. Viel ist hier um diese Uhrzeit momentan nicht los, da noch Semesterferien sind. Um 9 Uhr wurde ich dann am Empfang von Edith abgeholt. Sie ist Archivpädagogin und war diejenige, die im Vorfeld alles gemanagt hat, was mit meinem Praktikum zu tun hatte. Sie ist um die 30 und spricht sehr gut Englisch. Sie hat mich dann erst ein wenig rumgeführt. Interessant ist, dass dieses Archiv seine Depoträume nicht im Keller, sondern in den oberen Stockwerken hat. Stattdessen befinden sich im Untergeschoss die Archivbibliothek, die Restaurationswerkstatt, in der Merit ab dem 21. August arbeiten wird, und noch ein paar Räume für das Personal.

Edith zeigte mir eine Auswahl verschiedener Archivalien, die zum Großteil ziemlich viel älter waren als alles, was ich in meinem Praktikum in Marbach so alltäglich in der Hand hatte. Im uurimissaal, dem Forschungsraum, saß nur ein einziger Benutzer, und Edith erzählte, dass es eigentlich jeden Tag höchstens 10 bis 20 sind, denn es gibt so gut wie alles digital im Internet. Die estnischen Archive sind da wohl schneller als die deutschen, in denen bisher oft nur ein kleiner Teil des Bestandes digital verfügbar ist. So kommen eigentlich nur noch ein paar ältere Leute persönlich vorbei. Der Raum, in dem man sich früher Mikrofilme anschauen konnte, wird heute nur noch ab und zu für Veranstaltungen genutzt.

Mein Arbeitsplatz ist im vierten Stock, wobei man dazu sagen muss, dass in Estland das Erdgeschoss als erster Stock gilt. Auf jeden Fall ist das Praktikum hier ein gutes Training für Vorlesungen im HdM-Nebengebäude, denn man muss 90 Treppenstufen bewältigen, bis man da ist, wo ich arbeite. Das Gebäude wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als Studentenwohnheim gebaut und hat daher viele einzelne Räume, was aufbewahrungstechnisch nicht so praktisch ist, aber trotzdem hoffen die Mitarbeiter, dass sich der geplante Bau eines neuen Gebäudes am Stadtrand von Tartu noch ein bisschen verschieben wird, denn eine bessere Lage kann ein Arbeitsplatz hier eigentlich gar nicht haben, und in einem historischen Gebäude herrscht natürlich ganz automatisch auch die passende Atmosphäre. Das Archiv ist seit seiner Entstehung 1920 in diesem Gebäude, vorher hatte Estland kein eigenes Archiv.

Bis Ende August sind noch sehr viele Mitarbeiter im Urlaub, deshalb ist momentan alles „very slow and very sleepy“, wie Edith sagte. Da derjenige, der für mich zuständig ist, diese Woche ebenfalls noch Urlaub hat, weiß ich noch gar nicht genau, was alles so meine Aufgabe sein wird. Die ersten drei Tage jedenfalls habe ich mit an dem estnisch-schwedischen Projekt „Shipwreck Heritage“ oder kurz „Shipwher“ mitgearbeitet, das zum Ziel hat, Dokumente aus verschiedenen Archiven in einer gemeinsamen Datenbank zusammenzuführen, um so eine komplette Übersicht über Schiffsunglücke im Ostseeraum zu erhalten. Das Ganze wurde mir erklärt von Reet, die zwar nach eigener Aussage seit zehn Jahren kein Deutsch mehr gesprochen hat, es aber trotzdem gut kann. Die Akten, die bearbeitet werden müssen, stammen aus den 1850er Jahren und sind zum Großteil handschriftlich auf Deutsch verfasst. Für jemanden, der keine Erfahrung mit sowas hat (also für jemanden wie mich), ist das sehr schwer zu lesen und unheimlich zeitraubend. Aber Reet machte mir mit dem Satz „wir haben nicht Eile, das ist schon sehr alt“ Mut, und ich habe das Gefühl, dass das wirklich nur eine Frage der Übung ist, und im Gegensatz zu den anderen, die an dem Projekt arbeiten, habe ich ja den Muttersprachen-Vorteil. Allerdings fand ich im Laufe der Zeit zwischen den deutschsprachigen Dokumenten auch Schriftstücke auf Englisch, Französisch, Russisch, Dänisch, Schwedisch und Niederländisch.

Die Leute nennen mich hier alle Ewa, da V im Estnischen immer wie W gesprochen wird. Meinen Nachnamen hat bisher noch niemand auszusprechen versucht, da es hier eigentlich üblich ist, dass sich alle gleich mit Vornamen anreden. Überhaupt ist mein Praktikum bisher von einem witzigen Sprachenmix geprägt. Ich sollte mir wirklich eine Liste machen, in die ich eintrage, mit welchem Mitarbeiter ich wie kommunizieren kann. In dem Büro, in dem ich einen Schreibtisch habe, sitzen außer mir noch vier Kollegen, von denen allerdings eine noch Urlaub hat. So habe ich bisher nur Anne, Tiiu und Kalev kennengelernt. Anne ist um die sechzig und erklärte mir lachend: „I speak nicht English, I speak nicht Deutsch, I speak only Russki“ (und natürlich Estnisch). Sie freut sich immer sehr, wenn ich sie auf Estnisch begrüße, und ist ganz stolz, wenn sie in ihrer lustigen Deutsch-Englisch-Mischung etwas sagt, was ich dann auch verstehe, zum Beispiel: „Ewa, I go home. See you morgen!“ Ansonsten habe ich nur noch Sven kennengelernt, der fließend und nahezu akzentfrei Deutsch spricht, und wurde ein paar Mitarbeitern aus anderen Abteilungen vorgestellt, mal auf Englisch, mal auf Estnisch.

Tiiu, die mir gegenüber ihren Platz hat, ist ebenfalls schon etwa sechzig und Expertin für historische Siegel, die sie mit einer riesigen Lupe untersucht. Laut Edith soll sie auch Deutsch können, aber bisher hat sie nicht wirklich viel zu mir gesagt außer „Auf Wiedersehen“ und solche Sachen. Heute hat sie selbstgemachte Marmelade und Pfannkuchen mitgebracht und jeder durfte sich bedienen. Genau wie Anne arbeitet sie nur in Teilzeit und ist deshalb nicht jeden Tag da. Kalev würde ich auf Mitte vierzig schätzen. Er spricht ganz gut Deutsch und kann die alten Handschriften schnell und problemlos lesen. Er hat Deutsch in der Schule gelernt und danach eigentlich nur noch durch die alten Dokumente mit der Sprache zu tun gehabt, so dass er manchmal Ausdrücke benutzt, die heute kein Mensch in Deutschland mehr verwenden würde.

Am Montag ging ich in der Mittagspause mit Edith und ihrem Mann Lauri essen. Lauri hat früher auch in dem Archiv gearbeitet, als IT-Fachmann, aber er ist eigentlich Mathematiker und hat inzwischen woanders einen besser bezahlten Job gefunden. Wir waren im „Wilde & Wilde“, in unserer Familie besser bekannt als „der Ire in Tartu“, wo es mittags zwei Gerichte zur Auswahl gibt, beide für 3,50 Euro, ein Glas Wasser und Brot inklusive. Am Montag hatte man die Wahl zwischen „Ahju praad“ und „Hakklihapallid“, also Braten und Hackfleischbällchen, und Edith war ganz begeistert davon, dass ich durch die vielen Urlaube hier, in denen wir meistens selbst gekocht haben, schon ziemlich viel verstehe, was Lebensmittel betrifft. Unter dem „Wilde“ hat ein neues Restaurant/Café aufgemacht, das „Tervisekohvik“. Das bedeutet Gesundheitscafé und laut Edith schmeckt es dort auch genauso („I don’t want to eat in a place that I leave feeling hungry“). Das „NoTT“, eine kleine Bar quasi direkt neben dem „Wilde“ hat sie mir aber empfohlen, „the beer is very cheap and you can meet a lot of people“ – spätestens, wenn Laura und Christoph Ende September zu Besuch kommen, wird das mal ausprobiert.

Den Rest des Montags und den Großteil des Dienstags und Mittwochs saß ich dann weiter vor den Schiffsunglück-Akten. Es ist schon ein bisschen frustrierend, wenn man eine halbe Stunde auf ein Wort starrt, ohne es entziffern zu können, obwohl man genau weiß, dass es in der eigenen Muttersprache da steht. Manchmal habe ich allerdings auch eine ganze Weile gebraucht, um zu merken, dass ich gerade versuche, einen russischen Text zu lesen. Reet hatte mir zwar ein Buch mit Buchstabentabellen gegeben, aber viel bringt das leider nicht, da es bei einigen Buchstaben bestimmt fünfzig verschiedene Schreibvarianten gibt, und manche der Leute, die damals die Dokumente verfasst haben, nicht gerade um eine ordentliche Handschrift bemüht waren. Edith hat mir noch einen Link zu einer Seite geschickt, auf der man sich anmelden und das Transkribieren üben kann (das ist vielleicht für den einen oder anderen meiner Kommilitonen auch interessant, die Seite heißt Ad Fontes, müsste man durch Googeln eigentlich finden), aber allzu viel hat mir das bisher nicht geholfen. Zum Glück muss ich das Ganze aber auch nicht transkribieren, sondern nur einige Informationen herausfiltern, z. B. den Namen und den Kapitän des Schiffs, die geplante Fahrtstrecke oder den Unfallort. Letzteres ist besonders spannend, denn eigentlich hat jeder estnische Ort nicht nur einen estnischen, sondern mindestens auch einen deutschen, manchmal auch noch einen schwedischen Namen. Einige davon konnte ich schon vorher zuordnen, andere habe ich noch nie gehört und wieder andere findet man nirgendwo im Internet, oft handelt es sich auch nur um Bezeichnungen für einen Gutshof, den es schon gar nicht mehr gibt. Die Tatsache, dass ich oft nur einzelne Buchstaben entziffern kann und daher den genauen Namen nur raten kann, macht das Ganze noch schwieriger, und nicht jedes der Schiffe ist vor der estnischen Küste gestrandet, so dass man es auch mit deutschen Bezeichnungen für Orte in Polen, Litauen, Lettland oder Russland zu tun haben kann. Aber es ist immer ein schöner Erfolg, wenn man den richtigen Ort gefunden hat. Ich glaube, wenn ich mich mit dem Land und der Sprache gar nicht auskennen würde, hätte ich überhaupt keine Chance, herauszufinden, wo die Schiffe, die Dinge wie Baumwolle, Erbsen oder Salz geladen hatten, aufgrund von Eis oder schlechten Sichtverhältnissen gestrandet sind.

Da Kersti, die vierte Kollegin aus meinem Büro und Leiterin des Schiffs-Projekts, erst in zwei Wochen aus dem Urlaub kommt, bekam ich heute erstmal eine andere Aufgabe. Es ging wieder um deutsche Handschriften, die jedoch noch älter waren als die Dokumente aus den Schiffsakten, nämlich aus dem späten 17. Jahrhundert. Es handelte sich hauptsächlich um amtliche Briefe, die in einer Datenbank erfasst werden müssen. Im Gegensatz zu den Dokumenten über die Schiffsunglücke muss man diese Texte schon ganz lesen, um angeben zu können, wer da worüber an wen schreibt. Kalev kann die Briefe zwar viel schneller lesen als ich, tut sich aber schwer damit, auf Deutsch zu formulieren, worum es darin geht, so dass er heute sehr froh war, dass ich da war, um ihn zu korrigieren. Allerdings muss ich dazu sagen, dass man hier in Estland Geschichte studieren muss, um Archivar zu werden, so dass er von den ganzen Dingen, die da beschrieben werden, viel mehr versteht als ich. So hatte auch ich manchmal meine Probleme, treffend in einem Satz zu sagen, um was für einen Brief es sich handelt.

Ich bin gespannt, was mich in den nächsten Wochen und Monaten noch so erwartet, und ich werde euch auf dem Laufenden halten. Wenn ich bald richtiges Internet habe, lad ich auch mal ein paar mehr Fotos hoch.

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3 Gedanken zu “Neues Bier, altes Papier

  1. Welche Ausdrücke benutzt Kalev denn so?

    Find’s echt krass, wie detailliert du alles beschreibst. Wow! Aber gut so, dann hast du später selbst noch sehr viel davon. :)

    Finde sogar, dass das, was du dort machst, relativ spannend klingt. ^^

  2. total begeistert über den ersten Bericht, und ich finde die Forschung über die Schiffsunglücke in der Ostsee wahnsinnig interessant. Das wird ein tolles halbes Jahr werden,und ich beneide dich um diese Möglichkeit der Weiterbildung. Schade, dass ich schon so alt bin !!!

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