Liebesfilme, Geburtstagschaos und ein Mordfall

Die zweite Woche im Praktikum begann so, wie die erste aufgehört hatte – mit Briefen aus dem Jahr 1689. Ich werde langsam besser im Entziffern der Handschriften, aber auch, wenn man lesen kann, was da geschrieben wurde, ist es nicht immer einfach, zu verstehen, was genau der Verfasser da eigentlich von dem schwedischen Generalgouverneur wollte. Da wird so viel rumgeschwafelt, auf Mitleid gemacht und sich beim Gouverneur eingeschleimt, dass der eigentliche Sinn des Briefs ziemlich versteckt bleibt. Vor lauter „Eure hochgräfliche Excellenz“, „unterthängist“, „gehorsamst“, „ich armer alter, fast blinder Mann“ und dergleichen schwirrt einem dann schonmal schnell der Kopf. Zudem sind viele der Briefe auch noch in einer Sprache verfasst, die ich mal als „Lateutsch“ bezeichnen möchte. Jeder heutige Lehrer beschwert sich, wenn seine Schüler ständig in deutschen Texten mit englischen Ausdrücken um sich werfen – damals war es ganz normal, Deutsch und Latein zu mischen. Da ich ja fünf Jahre Latein in der Schule hatte, stellt das kein großes Problem dar, das Herauslesen eines Namens aus einer Unterschrift allerdings schon. Zum Glück kann Kalev da so gut wie immer helfen.

In den Briefen geht es meist darum, dass irgendwer sich von irgendjemand anderem ungerecht behandelt fühlt. Oder um Geld. Das Interessanteste in der letzten Woche waren zwei Briefe von Leuten, die sich über den örtlichen Pfarrer beschwerten, der sich ziemlich unchristlich verhielt (der Verfasser wurde sogar erstaunlich direkt und sprach von „Hurerei“, was Kalev mich dann auch so in die Datenbank eintragen ließ). Mit Hilfe eines speziellen Lexikons fanden wir heraus, dass dieser Pfarrer auch nur genau bis 1689 Pfarrer war, zumindest in dieser Gemeinde. Heute hatte ich dann einen Brief vor mir, in dem einer einen Mitbürger beschuldigte, seinen Sohn ermordet zu haben. Ich war so erstaunt, dass ich erst dachte, ich hätte mich verlesen, aber als ein paar Zeilen später die Wörter „Tothschläger“ und „Mordthat“ auftauchten, war die Sache klar. Der Vater des Opfers schrieb den Brief zwei Tage nach der Tat, ließ aber auch in dieser Stimmung kein einziges „ich bitte unterthänigst“ oder „hochwohlgeboren“ unter den Tisch fallen. Ein paar Briefe später äußerte sich dann auch der Beschuldigte zu den Vorwürfen. Da kam man sich vor wie ein Detektiv.

Ich muss noch von einer lustigen kleinen Episode berichten, die sich heute im Archiv ereignete. Als ich heute Morgen in unser Büro kam, stand auf dem kleinen Kaffeetisch ein Blumenstrauß in einer Vase. Den hatte Tiiu besorgt, denn sie, Anne und Kalev dachten, dass eine Kollegin aus dem Stockwerk unter uns Geburtstag hätte. Also gingen wir zu viert los, um ihr zu gratulieren. Es stellte sich heraus, dass sie erst in einem Monat Geburtstag hat. Kalev sprach in seinem altmodischen Deutsch von einer „Irrung“. Wie die Kollegin uns berichten konnte, hatte aber ein anderer Mitarbeiter auf ihrem Stockwerk heute Geburtstag. Der war allerdings im Urlaub. Im ersten Stock hängt an einer Art schwarzem Brett immer eine Liste mit den Kollegen, die im aktuellen Monat Geburtstag haben – da hatte nur leider keiner der drei draufgeguckt. Aber es fand sich auf der Liste eine Kollegin, die gestern Geburtstag hatte. Da Tiiu nun schon extra Blumen gekauft hatte und unsere kleine Glückwunschdelegation bereit war, gingen wir also in die Restaurationswerkstatt, in der diese Kollegin arbeitet. Doch auch hier kein Erfolg, die Dame hat ebenfalls Urlaub. So übergaben wir den Strauß dann einfach an die anderen Restauratorinnen, die sich über uns kaputtlachten. Es muss wirklich sehr lustig ausgesehen haben, wie wir vier durchs Archiv rannten, um den Strauß an irgendwen loszuwerden. Ich musste an diese Loriot-Szene im Flugzeug denken, in der sich der Blumenstrauß während des Flugs als so störend erweist, dass die von Evelyn Hamann gespielte Dame am Ende zu dem netten Herrn, der die Blumen für sie festgehalten hatte, einfach sagt: „Och, behalten Sie den nur.“ (Wer es nicht kennt: http://www.youtube.com/watch?v=fN14c8ri00E)

Das Wochenende verbrachten Merit und ich größtenteils in Geschäften, denn irgendwie fehlte immer noch irgendwo irgendwas. Das Lõunakeskus, ein großes Einkaufszentrum etwas außerhalb von Tartu, hat auch sonntags von 10-21 Uhr geöffnet (wie auch die anderen Einkaufszentren hier in der Stadt), und es gibt einen kostenlosen Shuttle-Bus dorthin. Da waren wir dann gestern noch, nachdem wir am Samstag in der Innenstadt nicht alles gefunden hatten. Ansonsten war ich nur noch laufen, hab das Ausschlafen genossen  – und dann war’s das auch schon mit dem Wochenende.

Hier in Tartu findet im Sommer eigentlich fast jeden Tag irgendwas statt, es gibt die verschiedensten Festivals. Letzte Woche war das Liebesfilm-Festival „Tartuff“ an der Reihe, für das auf dem Rathausplatz eine Leinwand und jede Menge Stühle aufgebaut wurden. Wenn es dunkel wurde (das ist hier im Moment immer so gegen 22 Uhr der Fall, also 21 Uhr nach deutscher Zeit), kam der erste Film. Wir sahen am Donnerstag Abend den französisch-kanadischen Film „Monsieur Lazhar“, der allerdings eigentlich kein Liebesfilm ist. Aber ich fand ihn gut und merk ihn mir schonmal für die nächste Filmrausch-Filmvorschlagsrunde vor. Die Stimmung auf dem Rathausplatz war sehr schön, auch wenn es ziemlich kalt wurde und ich stehen musste, um die englischen Untertitel sehen zu können – Merit hatte es da besser, die estnischen Untertitel befanden sich am oberen Rand der Leinwand. In den letzten Tagen war es die meiste Zeit über windig, oft auch regnerisch, und man brauchte eigentlich immer eine Jacke, aber heute gab es wieder sonniges T-Shirt-Wetter. Das haben wir ausgenutzt und einige Fotos in unserem Viertel, beim Archiv, in der Altstadt und am Emajõgi (dem Fluss, der durch Tartu fließt) gemacht. Ich werde morgen oder übermorgen mal einige davon hochladen, heute bin ich zu müde dafür. Als kleiner Vorgeschmack hier nur schonmal ein Bild von dem Haus, in dem ich hier wohne (das Dachfenster gehört zu unserem Wohnzimmer):Image

Head ööd! – Gute Nacht!

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2 Gedanken zu “Liebesfilme, Geburtstagschaos und ein Mordfall

  1. Auf dem Bild siehts echt schöner als aus wenn man wirklich davor steht … das macht die Umgebung :D Und dein Theme hier im wordpress passt zur Farbe des Hauses. Es harmoniert prächtig.

  2. Schönes Haus. :)

    Wundert mich, dass niemand die Blumen haben wollte – ich hätte sie gerne genommen.

    Wie hat sich denn der Beschuldigte geäußert?

    Und juhu: Endlich Internet!

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