Forever young … oder auch nicht

Das lange Wochenende ist fast rum und es wird Zeit, mal wieder ein bisschen von hier zu erzählen. Wie ich im Zusammenhang mit dem letzten Song der Woche schon schrieb, geht das Leben hier momentan ziemlich ruhig vor sich. Im Archiv sind noch immer viele im Urlaub, aber so langsam trudeln die Leute wieder ein. Im Moment ist für zwei Wochen eine Praktikantin aus Polen da, mit der die Mitarbeiter Deutsch oder Russisch sprechen. Tiiu zum Beispiel spricht fließend Russisch, wie viele ältere Leute hier, die die Sprache noch in der Schule lernen mussten. Am Mittwoch rief jemand aus Weißrussland an und fragte nach irgendwelchen Dokumenten, die seine Vorfahren betrafen, die wohl mal in Estland gelebt haben. Mit dem konnte sie problemlos eine halbe Stunde telefonieren. Überhaupt wird in meinem Büro immer viel geredet. Die verbreitete Vorstellung von dem schweigsamen Esten kann man total vergessen. Lieblingsthema Nummer 1 bei Anne, Kalev und Tiiu sind im Moment Kinder und ihre Namen, da in Annes Familie wohl vor Kurzem ein kleiner Junge namens Mathias Hugo geboren wurde (ich weiß nicht, ob es ihr Enkel ist oder ein anderer Verwandter). Sie erzählte mir ganz stolz, dass ihr Großvater Hugo hieß und aus einem  Ort in der Nähe von Stuttgart stammte. Den Namen des Ortes habe ich leider nicht ganz verstanden, da sie es ziemlich komisch ausgesprochen hat. Aber da sie immer so glücklich ist, wenn ich sie verstehe, wollte ich nicht nochmal nachfragen. Es war auf jeden Fall ein Ort mit -dorf am Ende.

Ich habe noch drei weitere Kollegen kennengelernt. Birgit, die eigentlich in einer anderen Abteilung arbeitet, wurde direkt an ihrem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub von Kalev und mir mit dem Lesen eines sehr langen und sehr unleserlich geschriebenen schwedischen Briefs beauftragt, da sie wohl diejenige im Archiv ist, die am besten Schwedisch kann und sich dieser Brief zwischen den deutschen befand. Sie las den Brief also auf Schwedisch und erklärte mir den Inhalt auf Englisch, den ich dann wiederum auf Deutsch in die Datenbank eingab. Außerdem habe ich noch Katri kennengelernt, die sich mir als „boss of this little unit“ vorstellte. Das hat mich einigermaßen verwirrt, da Kalev mir schon mindestens zwei weitere Personen als „unser Leiter“ vorgestellt hatte (ich musste ihm erst erklären, dass man das Wort „Führer“ besser nicht benutzen sollte). Aber vielleicht gibt es auch einfach ganz viele kleine Unterabteilungen und damit auch mehrere Chefs. Der Oberchef vom ganzen Archiv ist jedenfalls noch im Urlaub. Aber einen der anderen, die auf irgendeine Weise für unsere Abteilung zuständig sind, habe ich schon kennengelernt. Er sah allerdings wenig chefmäßig aus, da er in kurzer Hose und Schlappen rumlief, als er mir am Dienstag vorgestellt wurde. Ich bin dann am gleichen Tag auch mit ihm und Edith mittags essen gegangen, dieses Mal in einem kleinen Café am Rathausplatz, wo es ebenfalls Mittagessen inklusive Wasser und Brot für 3,50 Euro gab. Die beiden haben mir erzählt, dass es sowas wie eine nicht ganz ernst gemeinte Rivalität zwischen dem Ajalooarhiiv hier in Tartu und dem Riigiarhiiv (Staatsarchiv) in Tallinn gibt, und dass ich froh sein kann, nicht in Tallinn zu sein. Dort sollen sich deutlich jüngere Dokumente befinden, die fast alle auf Estnisch oder Russisch verfasst wurden, so dass ich dort wesentlich weniger hätte machen können. Aber Edith meinte, dass man vielleicht mal einen Ausflug nach Tallinn organisieren könnte, um das Riigiarhiiv und das Filmarchiv zu besichtigen. Außerdem sind im Moment Überlegungen im Gange, was man mir noch zu tun geben könnte. Kalev hat vorgeschlagen, dass ich die deutschsprachigen Datenbankeinträge korrigieren könnte, da sie wohl einige Fehler enthalten. Außerdem steht die Idee im Raum, mich das englischsprachige Infomaterial zum Archiv und den Möglichkeiten, die es Forschern bietet, auf Deutsch übersetzen zu lassen (was auch mein Praktikumsprojekt werden könnte). Es gibt wohl immer wieder mal Deutsche, die ins Archiv kommen, um etwas über ihre deutschbaltischen Vorfahren zu recherchieren, wie  zum Beispiel der alte Mann, der mich letztens in sehr unbeholfenem Englisch nach dem Weg zum Lesesaal fragte und sehr erleichtert war, an jemanden geraten zu sein, der auch Deutsch spricht. Ich bin gespannt, was noch so an Aufgaben auf mich zukommen wird. Auf jeden Fall finde ich es schön zu sehen, dass man sich richtig Mühe gibt, damit ich nicht immer das gleiche machen muss. Kalev bringt mir jetzt auch fast jeden Tag irgendwelche deutsch- oder englischsprachigen Bücher zur estnischen Geschichte, mit den Worten „für Kontext, wenn du Zeit hast, kannst du ein bisschen lesen“. Er hat mir auch letzte Woche ein Buch geschenkt, dass er vor einigen Jahren geschrieben hat und das in einer Buchreihe des Archivs erscheinen ist. Es trägt den Titel „Haapsalu Kodanikeraamat – Hapsaler Bürgerbuch 1496-1797“ (Haapsalu ist eine Stadt im Nordwesten Estlands). Ich werde also wahrscheinlich sehr gebildet sein, was estnische Geschichte angeht, wenn ich nach Deutschland zurückkomme.

Das Wetter ist hier gerade sehr wechselhaft. Am Samstag konnte ich tatsächlich noch einmal eine kurze Hose aus dem Schrank nehmen. Letzte Nacht um 2 wurde ich dann von dem stärksten Regen geweckt, den ich jemals erlebt habe. Dagegen war der Guss, der 2011 beim Southside vom Himmel kam, ein harmloses Nieseln. Eine halbe Stunde lang schüttete es wie aus riesigen Eimern. In Dachwohnungen hört sich Regen ja immer besonders schlimm an und man konnte fast ein bisschen Angst kriegen. Das war echt übel. Heute Morgen glich unsere Straße dann einer Seenlandschaft und es war deutlich kälter als gestern und vorgestern. Dazu weht schon seit Tagen ein kühler Wind. Aber die Sonne kommt auch immer wieder mal raus.

Heute wollte ich eigentlich mit Merit und ihrer Schwester Karen, die gerade zu Besuch ist, einen Ausflug machen, und zwar nach Taevaskoja. Das liegt etwa 50 Zugminuten von hier entfernt. Dort befindet sich eins der größten Naturwunder Estlands, das „Himmelreich“. Es besteht aus der kleinen und der großen „Himmelshalle“ sowie der „Mutterquelle“. Bei den Himmelshallen handelt es sich um beeindruckende Felsmauern, die 13 bzw. 24 Meter hoch sind und aus Sandstein bestehen. Die Mutterquelle spendet sehr kaltes und klares Wasser, und es wird behauptet, dass man für immer jung bleibt, wenn man es trinkt. Umgeben ist das Ganze von einem sehr schönen Wald und es gibt auch einen Aussichtspunkt. Es ist nicht so ganz einfach, das alles mit Worten zu beschreiben, aber die Internetseite bietet viele Infos und Fotos. Tja, da wollten wir also hin. Ich war zwar schon ein paar Mal dort, aber Merit und Karen noch nicht. Dummerweise verpassten wir den Zug. In Deutschland hätte man einfach den nächsten genommen, hier fuhr der nächste erst etwa 8 Stunden später. In die meisten Orte fährt von hier nur einmal morgens und einmal abends ein Zug, die Eisenbahn spielt insgesamt keine allzu große Rolle in Estland, da es fast überall hin sehr gute und regelmäßige Busverbindungen gibt. Wir sind dann zum Busbahnhof gelaufen, mussten aber feststellen, dass es nach Taevaskoja keinen Bus gibt. Unterwegs sahen wir, dass sehr viele Leute zum heutigen Tag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Estland-Fahnen an ihre Häuser gehängt hatten. Das sah sehr schön aus, hätte allerdings bei Sonnenschein noch besser gewirkt. Wir saßen dann eine halbe Stunde im Busbahnhof und überlegten, wo wir stattdessen hinfahren könnten, denn da wir am Wochenende nicht viel unternommen hatten, wollten wir den Feiertag ausnutzen. Leider war es schon 11:30, so dass wir keine sehr weit entfernten Ziele mehr ansteuern konnten. Estland ist zwar ziemlich klein, aber wenn man dann irgendwo hinfahren will, kommt es einem doch immer groß vor. Und vieles, was sich so richtig in der Natur befindet, lässt sich ohne Auto schlecht erreichen. So entschieden wir uns letztendlich, nach Elva zu fahren. Elva ist eine Kleinstadt, in die man mit dem Bus von hier etwa 40 Minuten braucht. Das Besondere an Elva ist, dass die Stadt sozusagen einfach in einen Wald gebaut wurde. Die meisten Häuser stehen einfach zwischen den hohen Kiefern. In Elva gibt es außerdem einen an warmen Tagen sehr beliebten Badesee, in dem ich als Kind schon gebadet habe, für den es aber heute eindeutig zu kalt war. Wenn ich mir vorstelle, dass in Deutschland gerade Temperaturen von bis zu 40 Grad herrschen, ist mir das kühle Wetter hier trotzdem viel viel lieber. Wir sind dann eine Weile durch Elva spaziert und haben viele Fotos gemacht, so hatten wir immerhin einen kleinen Ausflug. Leider bin ich hier bei WordPress schon ziemlich nah am Uploadlimit, so dass ich mir mal was einfallen lassen muss, was die Fotos angeht. Ich werd mir was überlegen, denn ohne Fotos wär’s ja doof.

Übrigens ist hier etwas Seltsames passiert. Ich habe ja vor Kurzem ein Foto von dem Brunnen hochgeladen, der vor dem Tartuer Rathaus steht. Als wir am Samstag auf den Rathausplatz kamen, fehlte der Regenschirm, den der Mann auf dem Brunnen in der Hand hält! Es war nur noch der Griff des Schirms da. Wir haben uns gefragt, ob jemand den Schirm geklaut hat, aber bei einer solchen Aktion hätte der Dieb sich vollständig nass gemacht, und ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass jemand das tun würde. Der Schirm ist bis heute Nachmittag, als wir das letzte Mal am Brunnen vorbeiliefen, nicht wieder aufgetaucht, dabei hatte Karen die schöne Idee, dass man ihn wegen des Feiertags vielleicht gegen eine Estland-Fahne ausgetauscht haben könnte. Dem war leider nicht so, stattdessen steht das Statuenpärchen jetzt im Regen. Ich werde morgen mal im Archiv fragen, ob jemand weiß, was der Grund für das Verschwinden des Schirms ist. Es ist jedenfalls mysteriös.

Morgen beginnt dann meine dritte Woche im Archiv und übermorgen fängt auch Merits Praktikum an. Mal schauen, wie es für sie wird. Ich melde mich dann bald wieder.

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3 Gedanken zu “Forever young … oder auch nicht

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