Nicht auf leeren Magen lesen!

In diesem Blog-Eintrag wird es zum Großteil um Essen gehen. Und um das Einkaufen von Essen. Ein möglicher Titel wäre auch gewesen „Essen bei den Esten“, aber irgendwie fand ich das dann doch blöd, zumal meine schwäbischen Freunde dann „Essen bei den Eschten“ gesagt hätten und … nee, besser nicht.

Unter estnischer Küche können sich wahrscheinlich die wenigsten etwas vorstellen, und um es gleich vorweg zu nehmen: So wahnsinning viel anders als die deutsche Küche ist sie nicht, abgesehen davon, dass mehr Fisch gegessen wird. Aber Kartoffeln sind hier mindestens genauso allgegenwärtig wie in Deutschland. Nun bin ich nicht gerade mit typisch deutscher Küche aufgewachsen, abgesehen von den seltenen Gelegenheiten, zu denen es bei uns mal so etwas wie Schweinebraten mit Rotkohl und Klößen gab, kochen meine Eltern schon immer eher italienisch oder türkisch (ja, die türkische Küche hat weitaus mehr zu bieten als Döner für zwofuffzich, aber das ist ein anderes Thema). Das habe auch ich mir natürlich angewöhnt und das stellt hier auch kein Problem dar, man bekommt so gut wie alles, was man dafür braucht, in jedem größeren Supermarkt, denn auch in Estland ist zumindest die italienische Küche schon seit Jahren beliebt. Allerdings merke ich auch, dass ich mich daran gewöhnt habe, in Stuttgart in jedem Laden Spätzle und Schupfnudeln einkaufen zu können, die vermisse ich schon ein bisschen. Aber das werde ich auch überleben.

Der Lebensmitteleinkauf ist wohl der Lebensbereich, in dem ich hier die allerwenigsten Sprachprobleme habe. Durch neun diesem Praxissemester vorausgegangene mehrwöchige Estland-Urlaube (wenn ich richtig gezählt habe), in denen wir uns immer selbst versorgt haben, kenne ich eine große Menge Lebensmittel-Vokabeln und kann das Wörterbuch, das mich ansonsten überallhin begleitet, getrost zu Hause lassen. Was ist nun anders in estnischen Supermärkten? Eigentlich eine ganze Menge. Zunächst einmal fällt auf, dass es ziemlich viele aus Skandinavien oder Deutschland importierte Produkte gibt, die aber immer mit einem Aufkleber (für Stuttgarter: Bäbber) beklebt (für Stuttgarter: bebäbbt) werden, auf dem die Zutaten und die Nährstoffe auf Estnisch draufstehen. Überhaupt gibt es auf nahezu ausnahmslos jedem Produkt eine Kalorienangabe, das Wort „light“ liest man allerdings ziemlich selten – jemand, der sich traditionell estnisch ernährt (viel Fisch, viel selbst angebautes Obst und Gemüse, viel Kartoffeln, viele Milchprodukte) und zu den vielen Hobbysportlern gehört, die man im ganzen Land überall sieht, wird das auch kaum nötig haben. Es gibt außerdem eine deutlich größere Fischauswahl als in Deutschland. Unser Supermarkt hier um die Ecke hat zwar keine Frischtheke, aber man bekommt sehr viel abgepackten oder tiefgefrorenen Fisch, darunter sind auch einige etwas gruselig aussehende, undefinierbare Viecher. An Gemüse gibt es eigentlich das gleiche wie in Deutschland auch, zumindest in den etwas größeren Läden. Allerdings muss man in Deutschland für Möhren, die so aussehen wie die estnischen, schon zu überteuerter Bioware greifen. Hier legen die Leute keinen Wert auf gerade, gleich lange, schön saubere Möhren oder Gurken mit Normkrümmung, alles sieht aus wie frisch vom Feld und kostet trotzdem wenig. Super finde ich, dass man hier auch z. B. einen halben Chinakohl kaufen kann, was für jemanden, der nur für sich alleine kocht, sehr praktisch ist, zumal wir kein Gefrierfach haben.

Eine Welt für sich sind Milchprodukte und Backwaren, die sich in unserem Supermarkt hier direkt nebeneinander befinden. Es gibt hier zum Teil ganz andere Milchprodukte als in Deutschland und vor allem werden sie auch teilweise anders verpackt. Ich habe mal Merit gefragt, ob sie für jedes estnische Milchprodukt eine zumindest halbwegs passende deutsche Übersetzung wüsste, aber die hatte sie nicht, denn nicht alles hat eine wirklich genaue Entsprechung. Milch (piim) gibt es nur frisch zu kaufen, sowas wie H-Milch habe ich zumindest noch nicht gesehen. Es gibt Milch mit 0,05 % (meine Mutter würde sagen: weißes Wasser), 2,5% oder 3,5% und kohvikoor (wörtlich: Kaffeerahm) mit 10 % Fett. Unter kondenspiim versteht man hier, wenn ich das richtig sehe, nur die gezuckerte, die es hier auch mit Schokoladengeschmack gibt. Dann gibt es noch kohupiim, das ist vergleichbar mit Quark, allerdings fester und trockener (es sei denn, man kauft kohupiimakreem). Quarkpackungen wie in Deutschland gibt es nicht, kohupiim wird in kleinen, geschenkähnlich aussehenden, etwa quadratischen, flachen Päckchen verkauft, innendrin ist das Produkt dann ähnlich wie Butter in Silberfolie eingepackt. Kohupiimakreem, was es auch mit Vanille- oder Schokogeschmack gibt, wird entweder in Bechern angeboten oder aber in Würsten. Überhaupt wird sehr vieles neben den uns bekannten Verpackungsformen auch in Wurstform angeboten, so zum Beispiel Mayonnaise oder Hackfleisch. Jogurt gibt es aus Bechern, aus 1-Liter-Tetrapacks und in Tüten, für deren Beschreibung mein Vater das Wort „quabbelig“ verwenden würde. Auch Milch (piim) gibt es sowohl in Tetrapacks als auch in Tüten. In Deutschland gab es diese Art der Verpackung früher wohl auch, heute fällt mir nichts ein, was noch darin verkauft wird, und da ich es irgendwie schwierig finde, die Dinger wirklich zu beschreiben, hab ich einfach mal ein Bild gemacht:

Milch in einer Tüte

Es gibt auch noch Tüten kleineren Formats, in denen unter anderem hapukoor, also sowas wie saure Sahne verkauft wird. Diese Tüten haben, wie auch die Würste, den entscheidenden Vorteil, dass sie deutlich günstiger sind als die anderen Arten der Verpackung, und platzsparend im Mülleimer sind sie auch. Merit hat mir gleich am Anfang erzählt, dass jede gute estnische Hausfrau mehrere Gefäße besitzt, in die die Tüten gestellt werden, so dass man einfach nur eine Ecke abschneiden und schütten muss. Wir haben inzwischen auch drei davon plus eine Milchkanne, und in unserer Küche findet man immer wieder abgeschnittene Ecken von Milch- und Joghurttüten auf der Arbeitsplatte … Ich hab zwar jedes Mal Angst, dass mir so eine Tüte in der Einkaufstasche kaputt geht, aber inzwischen finde ich die Dinger trotzdem super. Auch Buttermilch (pett, wobei das wohl nicht genau das gleiche ist) kriegt man, wie keefir, nur in diesen Verpackungen. Als laktoseintoleranter Mensch oder Veganer hat man es hier in Estland übrigens wesentlich schwerer als in Deutschland, ich habe nur ganz vereinzelt mal laktosefreie Milch gesehen und Soja- oder andere Ersatzprodukte gibt es wirklich nur in sehr großen Supermärkten.

Bäckereien, wie es sie in Deutschland an jeder Ecke gibt, muss man in Estland mit der Lupe suchen, auch wenn es in den letzten Jahren mehr geworden sind. Hier in Tartu gibt es jedoch gleich am Rathaus den pagari pood (Bäckerladen), aus dem es immer ganz toll nach Zimtschnecken (kaneelirullid) riecht. Ansonsten kauft man seine Backwaren im Supermarkt. Es gibt eine große Auswahl an abgepacktem Brot, darunter zum Teil Sorten, die man in Deutschland nicht bekommt. Weißbrot heißt sai, dunkles Brot ist leib. Eine Firma hat die beiden kombiniert und saib draus gemacht – in der TV-Werbung dafür streiten sich, wie Merit mir erzählte, ein kleiner Junge und seine Schwester darum, ob sai oder leib gekauft werden soll, und am Ende wird dann das neue Produkt als Lösung des Problems präsentiert. Saib schmeckt gar nicht schlecht, überhaupt klingt „abgepacktes Brot“ schlimmer, als es ist, das Brot ist wirklich gut hier. Etwas Besonderes ist must vormileib (schwarzes Formbrot), das seinem Namen alle Ehre macht und richtig schwarz ist. Und sehr lecker. Anderes Gebäck gibt es meist in solchen Selbstbedienungsklappen, die man zum Beispiel von Backwerk kennt. Interessant finde ich, dass diese Sachen nach Kilopreisen verkauft werden und vom Kunden selbst abgewogen werden müssen. Kuchen gibt es in vielen Läden an einer Art kleiner Frischtheke. In Pärnu war ich ganz begeistert, dass es dort in einem Laden immer noch, wie im letzten Jahr, musimops zu kaufen gibt. Das haben Stephan und ich letzten Sommer schon allein des lustigen Namens wegen probiert, es handelt sich um so eine Art Hefeteilchen mit Vanillepuding. Musi bedeutet Kuss und der mops ist ganz einfach der Mops – wäre ein toller Name für einen solchen Hund, oder? Frische Hefe wird hier übrigens auch in Würfeln verkauft, allerdings enthalten die 50 oder 100 Gramm statt der deutschen Standardmenge 42 Gramm.

Zu trinken gibt es hier neben Milch und Konsorten natürlich die üblichen Cola & Co sowie jede Menge verschiedene Säfte. Toll finde ich, dass man überall Tomatensaft (tomatimahl) bekommt. In Estland stimmt dieser Mythos, dass die Menschen nur im Flugzeug Tomatensaft trinken, absolut nicht. Ansonsten habe ich Saku, das wohl am weitesten verbreitete heimische Bier, ja schon erwähnt, man bekommt aber auch viele ausländische Sorten. Allerdings ist hier auch Bierkonsum erst ab 18 erlaubt, und die Kontrollen sollen auch deutlich strenger sein als in Deutschland. Es gibt zwar vereinzelt spezielle Alkoholläden, allerdings ist es hier nicht so wie z. B. in Island, wo man nur in diesen Läden gegen Vorlage des Ausweises sehr teuren Alkohol bekommt. Man kriegt eigentlich alles im Supermarkt, aber oft stehen Spirituosen in einem abgetrennten Regal, an dem man sich nicht selbst bedienen kann. Wein wird hier nicht allzu viel getrunken, aber sehr beliebt ist siider, also Cider bzw. Cidre, den es hier in nicht nur mit Apfel-, sondern auch z. B. mit Birnen- oder Johannisbeergeschmack gibt.

Und was zahlt man für das Ganze? Estland ist wirklich nicht mehr das billige Land, das es einmal war, und das nicht erst seit der Einführung des Euro im Januar 2011. Deutlich niedriger als in Deutschland sind allerdings die Preise für Brot und anderes Gebäck, öffentliche Verkehrsmittel, Miete (wobei Tartu da wohl im Landesvergleich besonders günstig sein soll, in Tallinn ist es sicher um einiges teurer) und im eigenen Land angebautes Obst und Gemüse. Vieles, wie etwa Fleisch, Müsli oder Nudeln, ist ziemlich genau gleich teuer wie in Deutschland. Milchprodukte hingegen sind zum Teil etwas teurer, selbst die Quabbelpackungen. Komischerweise zahlt man für alles, was man zum Backen braucht, mehr als in Deutschland, abgesehen von Eiern. Das fertige Gebäck ist hier also, anders als in Deutschland, nicht teurer als etwas Selbstgebackenes. Was die Supermärkte angeht, muss ich bei alledem dazu sagen, dass der, den wir hier die Ecke rum haben, kein „Säästu Market“ (Sparmarket) ist. Das ist die einzige Kette im Land, die mit Aldi oder Lidl vergleichbar ist, alle anderen Läden sind etwas teurer, bieten aber auch die größere Auswahl. „Säästu Markets“ gibt es insgesamt relativ selten. Und man muss bei der ganzen Sache auch immer bedenken, dass schon in Deutschland die Lebensmittel im Vergleich zum Beispiel mit Skandinavien oder Frankreich ziemlich günstig sind. Bei vielen Sachen gibt es auch einfach nur importierte Markenprodukte und keine hauseigene Nachmache. Das fällt besonders bei Kosmetikprodukten auf. Solche Läden wie dm oder Rossmann gibt es in Estland nicht, auch für diesen Bedarf geht man in den Supermarkt. Dort gibt es dann aber auch wirklich nur Nivea, Garnier und Co, und keine günstige Alternative, was für jemanden, der an das 65-Cent-Duschgel aus dem dm gewöhnt ist, eine echte Umstellung bedeutet.

So, nach diesem Streifzug zwischen estnischen Supermarktregalen gibt’s jetzt noch schnell das Neueste aus dem Archiv. Allzu viel ist das nicht, aber gestern war Merits erster Arbeitstag bei den Konservatoren. Sie wurde erst einmal rumgeführt und vielen Leuten vorgestellt, bevor sie dann gestern Nachmittag und heute mit einer Kollegin alte Landkarten gesäubert hat. Sowohl die Konservatoren als auch Kalev haben sich schon mehrfach über die wohl nicht gerade professionelle und bestandserhaltende Restaurierungsarbeit in der Sowjetunion aufgeregt. Da wurde einfach immer alles irgendwie geklebt, so dass man zum Teil überhaupt nicht mehr lesen kann, was dort steht. Der Witz daran ist, dass vor Beginn der Sowjetära die Qualität der Restaurationsmaßnahmen deutlich höher war. Die Esten sind ja im Allgemeinen nicht gerade gut zu sprechen auf alles, was mit der Sowjetunion zu tun hat, und die stümperhafte Arbeit der sowjetischen Konservatoren scheint in Merits Abteilung ein häufig angesprochenes Thema zu sein. In meiner Abteilung ist hingegen nicht viel passiert. Edith hat diese Woche schon wieder Urlaub, deshalb habe ich die ganze Woche Briefe entziffert, Bücher über estnische Geschichte gelesen und mich im Rahmen der Möglichkeiten mit meinen Kollegen unterhalten. Tiiu hat gestern zum ersten Mal richtig mit mir geredet, ich glaube, sie ist selber nicht überzeugt von ihren Deutschkenntnissen, die aber eigentlich gar nicht schlecht sind. Sie hat mich gefragt, wo ich studiere, und mir erzählt, dass sie selber in Moskau auf der Uni war, dass eines ihrer Kinder Medizin studiert hat, und dass ihre Enkelin jetzt für ein Semester nach Finnland geht. Sie selbst war wohl während ihres Studiums schon einmal für eine Weile als Praktikantin im Ajalooarhiiv tätig. Heute gibt sie Informationen über Siegel und Wappen von alten Adelsgeschlechtern in zwei spezielle Datenbanken ein. Dort gibt es dann neben der Namenssuche auch die Möglichkeit, nach Motiven auf dem Siegel oder Wappen zu suchen und so herauszufinden, zu wem es gehört. In der Wappen-Datenbank gibt es auch deutsche Infotexte und eine deutschsprachige Suchmaske. Überhaupt bieten die estnischen Archive eine ganze Menge von Online-Informationsressourcen (um es mal in schönstem HdM-SPO-Deutsch auszudrücken) und ich finde es immer wirklich spannend, darin und in diversen Fachbüchern über die Person zu recherchieren, die in dem Brief, der gerade vor einem liegt, den Generalgouverneur um irgendetwas bittet.

Morgen und/oder Montag bin ich eventuell ganz alleine im Büro. Kalev ist heute gegen 4 aus dem Raum gestürmt, weil er den Bus nach Haapsalu kriegen wollte, wenn ich das richtig verstanden hab, hat er in dem dortigen Archiv irgendwas zu tun. Tiiu und Anne arbeiten wahrscheinlich auch nicht, bleibe nur ich. Kalev kommentierte das, indem er zu mir sagte: „Du bist unsere einziges Held! Ein Arbeitsheld!“ Merit hat mich aber schon zu den zwei Mal täglich stattfindenden Konservatoren-Kaffeerunden eingeladen, also werde ich nicht den ganzen Tag alleine im Büro sitzen, wo ausnahmsweise mal nicht Kalevs Radio leise im Hintergrund dudeln wird. Er hört immer den Sender „Viker Raadio“ (liebe Eltern, ihr erinnert euch), auf dem sich ziemlich schreckliche Musik mit sehr langen Wortbeiträgen abwechselt. Die Esten übersetzen sehr gerne englische oder auch deutsche Liedtexte oder singen einen eigens geschriebenen estnischen Text zu bekannten Melodien. Auf „Viker“ kam gestern „Love is in the air“ auf Estnisch (irgendwas mit armastus, also Liebe, kam auch in der Übersetzung vor) und vor ein paar Jahren hörte ich auch mal eine estnische Version von „99 Luftballons“. Ich kenne aber auch einfach keinen guten estnischen Radiosender, und da ich hier sowieso kein Radio habe, gibt es für mich FluxFM über den Internet-Livestream (leider gibt es da nur die Versionen aus Berlin und Bremen, nicht aber die aus Stuttgart). Ach, übrigens habe ich gesehen, dass ich doch noch eine Menge Speicherplatz für Fotos hier habe, irgendwie wurde mir da vor Kurzem was falsch angezeigt. Ich werde also bald auch ein paar Bilder aus Elva unter „Fotos“ hochladen.

So. Das Ganze hier ist wieder länger geworden als der Võhandu, der längste Fluss Estlands, und deshalb ist jetzt hier auch Ende. Head isu! – Guten Appetit!

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