Technik und Natur

Gleich vorweg: Da ich nicht so wahnsinnig viel zu berichten habe und es aus dem Archiv eigentlich gar nichts Neues gibt, wird dieser Eintrag heute eher bildlastig. Zu den Bildern muss ich auch allgemein noch sagen, dass ich sie ziemlich stark verkleinere, bevor ich sie hier hochlade. Das hat den Grund, dass ich gerne möglichst lange mit dem Speicherplatz auskommen würde, den WordPress mir zur Verfügung stellt. Und ich denke, ihr habt mehr davon, wenn ihr viele verschiedene Bilder zu sehen bekommt, als wenn ich nur wenige hochlade und irgendwann welche löschen muss, auch wenn die Qualität dann nicht ganz so doll ist. Im Übrigen weiß ich, dass ich nicht die begabteste Fotografin der Welt bin, aber es geht ja auch nur darum, euch Einblicke zu geben. Wer richtig tolle Bilder aus Estland in guter Qualität sehen möchte, dem empfehle ich den Blog des estnischen Fotografen Jarek Jõepera.

Heute hat meine fünfte Woche hier begonnen. Das ist insofern etwas Besonderes, als ich noch nie zuvor länger als vier Wochen am Stück in Estland gewesen bin. Und als wollte Estland mir noch einmal „Tere tulemast“ (herzlich willkommen) entgegenrufen, weil es gemerkt hat, dass ich dieses Mal nicht nach vier Wochen wieder gehe, wurden mir dreieinhalb schön sommerliche Tage in Folge beschert (bis es dann heute Nachmittag heftig zu regnen und ein kleines bisschen zu gewittern anfing – inzwischen sieht es aber wieder ganz gut aus draußen). Der Regenschirm der küssenden Studenten ist auch wieder da. Anscheinend wurde er wirklich gereinigt, denn er glänzt richtig. Nur komisch, dass man dafür eine Woche gebraucht hat.

Am Samstag kamen Merit und ich endlich dazu, die Tartuer Stadtbibliothek zu besuchen. Sie hat noch bis Ende des Monats eingeschränkte Öffnungszeiten, die nur leider nicht auf der Internetseite standen, und wir sind schon zwei Mal dort hingelaufen, um dann festzustellen, dass sie zu hatte. Dieses Mal hatten wir Glück. Merit hat sich dann gleich angemeldet. Die Benutzung der Bibliothek ist für alle kostenlos. Einen Ausweis bekommt man nicht, zumindest nicht, wenn man einen estnischen Personalausweis hat, denn dieser enthält einen Chip, mit dem der Inhaber alle möglichen Dinge tun kann – zum Beispiel Zugtickets kaufen oder eben die Bibliothek benutzen. Die Mitarbeiterin an der Infotheke hat nur Merits Daten eingegeben und irgendwas auf ihrem Ausweis gespeichert und das war’s. Ich habe mich nicht angemeldet, daher weiß ich nicht, wie das Ganze bei Leuten ohne estnischen Ausweis läuft, und ob es für die auch kostenlos ist. Die Bibliothek selber ist nicht so wahnsinnig spannend oder besonders, wirkt aber ziemlich gemütlich. Mir fiel auf, dass deutlich mehr ältere Bücher in den Regalen stehen als in deutschen Bibliotheken. Es gibt auch ziemlich viel fremdsprachige Literatur, vor allem viel auf Russisch, die nur bei der Belletristik von den estnischen Büchern getrennt ist. Leider konnte ich nirgendwo rausfinden, wie viele Medieneinheiten (Achtung, Bibliothekarsdeutsch!) der Bestand umfasst, aber für eine Stadt von etwa 100.000 Einwohnern wirkt er eher groß. Erstaunt hat mich allerdings, dass es keine Selbstverbucher gibt, das hätte ich in diesem technisch immer sehr fortschrittlichen Land wirklich erwartet. Aber vielleicht zieht man hier auch einfach den persönlichen Kontakt zwischen Personal und Benutzern vor.

Zum Thema moderne Technik fällt mir noch etwas ein. Wer sein altes Auto verkaufen möchte, hängt in Estland einfach ein Schild ins Fenster, auf dem nichts weiter zu sehen ist als die Aufschrift „müügiks“ (zu verkaufen) und darunter ein QR-Code. Preis und sonstige Konditionen erfährt man dann, wenn man den Code mit seinem Smartphone gescannt hat. Aber selbst in Estland dürfte die Gruppe der potenziellen Kunden dadurch doch eingeschränkt sein, denn auch hier hat nicht jeder ein Smartphone.

Nach dem Ausflug zur Bibliothek waren wir noch im botaanikaaed, dem botanischen Garten, denn die Sonne schien und es war schön warm. Der botanische Garten ist nicht weit von der Altstadt entfernt und gehört zur Universität (wenn man durch Tartu läuft, kann man sich fragen, was hier eigentlich nicht zur Uni gehört). Es gibt keinen anderen Ort in Estland, an dem man so viele verschiedene Pflanzenarten auf so kleiner Fläche bewundern kann. Das Ganze ist parkartig angelegt, mit einem kleinen See, auf dem Enten schwimmen, und einigen Statuen. Dazu gibt es noch zwei Gewächshäuser für tropische Arten, in denen wir aber wegen des Wetters nicht waren. Um in die Häuser zu kommen, muss man 2 oder 3 Euro zahlen, der Rest ist kostenlos zu besuchen. Was mir an dem Garten besonders gut gefällt, ist die Tatsache, dass alles nicht ordentlich in einzelnen Beeten angelegt ist, sondern ziemlich „wild“ wächst. Und je nachdem, wo man gerade steht, merkt man entweder gar nicht, dass man in einer Stadt ist, oder kann die Vabadussild (Freiheitsbrücke) und die Uni-Sporthalle sehen. Wir haben eine Menge Fotos gemacht, von denen ich euch mal ein paar präsentiere.

Zum Titel dieses Eintrags passende Beleuchtung
Blick aus dem Garten auf die Vabadussild (Freiheitsbrücke)

Eine von den sich am See sonnenden Enten
Panorama

Noch mehr Fotos entstanden gestern. Da Merit einen erneuten Besuch bei ihren Verwandten um eine Woche verschoben hat, fuhren wir doch noch nach Taevaskoja zu den schon erwähnten Himmelshallen. Die Zugfahrt dorthin dauerte etwa 50 Minuten und kostete pro Person 1,47 Euro. Man muss vom Bahnhof aus noch ziemlich weit laufen, bis man die eigentlichen Sehenswürdigkeiten erreicht, und die Beschilderung ist irgendwie sehr seltsam. Schon letztes Jahr hatten Stephan und ich, als wir mit dem Auto dort waren, sehr lange suchen müssen, bis wir endlich den Parkplatz fanden, von dem aus man dann zu den „Himmelshallen“ gehen kann, und auch dieses Mal wurden wir von einem an einer komischen Stelle stehenden Schild in die Irre geführt. Aber mit der Hilfe eines vorbeikommenden Radfahrers kamen wir irgendwann an. Schon im Zug hatten wir eine Menge Leute mit Gummistiefeln und Eimern gesehen, die in den Wäldern der Gegend Pilze sammeln gingen. Das machen hier im Sommer sehr viele Leute, und im Zug zurück nach Tartu waren wir so gut wie die einzigen Passagiere ohne gut gefüllten Pilzeimer. Über unseren Ausflug gibt es nicht viel zu erzählen, deshalb lasse ich die Bilder sprechen. Das angeblich ewig jung haltende Wasser aus der „Emaläte“, der Mutterquelle, haben wir natürlich auch getrunken – mal sehen, ob es wirkt … Aber ich habe es schon als Kind getrunken und bin trotzdem immerhin schon 21 geworden, also machen wir uns keine allzu großen Hoffnungen. ;)

Die Bushaltestelle in Taevaskoja. Aufschrift: „Koht kus taevas puudutab maad – Where the sky touches the earth“
Zwei der vielen Pilzsammler
Die kleine Himmelshalle (Väike Taevaskoda)
Und da gibt’s das jugenderhaltende Wasser – an der Emaläte (Mutterquelle)
Eiskalt und glasklar

Ob man die wohl essen kann?

Die große Himmelshalle (Suur Taevaskoda). Das Bild ist allerdings von 2011, da mir dieses Mal kein gutes gelungen ist
Schwalbennester im Felsen
Die Jungfrauenhöhle (Neitsikoobas)
Auf diesem See fährt im Sommer jede Stunde ein kleines Ausflugsschiff – das ist allerdings größer als das Boot im Bild

Zum Schluss gibt es jetzt noch den Song der Woche, für den ich mich dieses Mal sehr schnell entscheiden konnte: „The Ghost Inside Our House“ von Cloud Cult. Wieder habe ich den Song wegen seiner Stimmung und nicht wegen seines Textes ausgesucht (der hat nämlich eine ziemlich traurige Hintergrundgeschichte), aber eine Zeile daraus finde ich so schön und irgendwie passend zum estnischen Sommer, dass ich sie als Schlussworte für diesen Blog-Eintrag aufschreiben möchte: „In songs they say life is like a song, it’s a song, a hummable song.“


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