Notes from the Archive (and more)

In der Stuttgarter Staatsgalerie gab es vor einiger Zeit mal eine Ausstellung über den Architekten James Frazer Stirling, die den Titel „Notes from the Archive“ trug, und den möchte ich für diesen Eintrag gerne übernehmen, denn es sind tatsächlich eher kleine Notizen als große Neuigkeiten, die es aus dem Archiv (und aus meinem sonstigen Leben hier) zu vermelden gibt.

An meinen Aufgaben hat sich aufgrund des immer noch andauernden Urlaubs einiger Kollegen nichts geändert, und so habe ich mir in den letzten Tagen immer wieder mal selbst Abwechslung verschafft, indem ich in den Büchern über baltische Geschichte gelesen habe, die Kalev mir gegeben hat. Außerdem hatte ich ihn dieser Woche eine besonders hohe Dichte an Briefen, deren Verfasser so unordentlich unterschrieben haben, dass selbst Kalev sie nicht oder nur teilweise entziffern konnte. In einem solchen Fall suchen wir meistens erst im Internet, was aber eher selten zu einer Lösung führt, und dann in den Archivbeständen. Für Letzteres muss man runter in den 2. Stock (oder in den 1., je nachdem, wie man zählt) gehen, denn dort gibt es einen Raum, in dem unter anderem alte Verzeichnisse aufbewahrt werden. In denen kann man beispielsweise nachsehen, wer im Jahre 1690 Soldat in welcher Kompanie war, oder wem welches Gut gehörte (in Livland gab es damals eine Unmenge an Gutshöfen mit Herrenhäusern, von denen man einige heute noch besichtigen kann). Bei diesen Verzeichnissen handelt es sich um die dicksten Bücher, die ich jemals gesehen habe. Sie sind in Leder eingebunden, das Papier ist ziemlich dick und die Schrift in den meisten Fällen geradezu perfekt erhalten. Man muss schon alle sieben Harry-Potter-Bände in der gebundenen Ausgabe übereinander stapeln, um eine ungefähre Vorstellung von der Dicke eines solchen Buches zu erhalten. In den Ledereinband ist oft etwas eingraviert (falls man das bei Leder so sagt), in meinem Fall ein Symbol für die schwedische Monarchie, und der Vorderschnitt des Buches war ursprünglich mal in den schwedischern Farben eingefärbt, was heute aber nur noch leicht zu erkennen ist.

Dieser ganze Raum ist ziemlich beeindruckend, und Edith erzählte mir, dass es bei den Archivführungen für Schulklassen, die sie manchmal macht, immer ziemlich schwer ist, die Kinder dort wieder rauszubekommen, weil sie so fasziniert sind. Ich muss dazu sagen, dass eigentlich im ganzen Archiv die Materialien in hohen Regalen aus dunklem Holz aufbewahrt werden. Rollregale, wie es sie im Literaturarchiv in Marbach überall gibt, habe ich bisher nur in der Bibliothek gesehen, die sich im Keller des Archivs befindet und nur für das Personal zugängig ist. Die Bibliothek wird zur Zeit wohl umstrukturiert und wirkt daher etwas chaotisch, überall stehen Kartons mit alten sowjetischen Büchern, die ausgemustert werden. Im restlichen Gebäude jedenfalls sind die Regale schon etwas älter und wohl auch ziemlich platzraubend, was mit ein Grund dafür ist, dass das Archiv in einigen Jahren umziehen wird. Es gibt auch noch ganz alte Archivmöbel, zum Beispiel einen Schrank mit ganz vielen einzelnen, kleinen Schubladen, in dem früher kleine, wertvolle Archivalien aufbewahrt wurden.

Das Nachsehen in den Verzeichnissen bezeichnet Kalev immer als „ein Gymnastik“, denn wir selbst arbeiten ja im 4. Stock und müssen daher so einige Stufen zurücklegen, wenn wir herausfinden wollen, wer der Verfasser des Briefes gewesen sein könnte. Vor ein paar Tagen gab es auch „ein großes Gymnastik“, denn Kalev machte mit Merit und mir einen Ausflug auf das Dach des Archivs. Dafür muss man in den 5. Stock gehen, von wo aus man über zwei ziemlich steile Holztreppen einen kleinen, eingezäunten Bereich des Daches erreicht. An dem Tag war der Himmel wolkenfrei und so hatte man einen tollen Ausblick. Von oben sieht Tartu aus wie ein Wald, in dem ein paar Gebäude stehen. Vielleicht kann man etwas mehr von der Stadt im Detail sehen, wenn die Baumkronen nicht mehr so dicht sind. Kalev hat jedenfalls gesagt, dass man vom Archiv aus den besten Blick über Tartu hätte, in diesen Genuss kommt man aber nur als Mitarbeiter. Glück gehabt! Leider hatte ich keine Kamera dabei, da dieser Ausflug ziemlich spontan war, aber ich komme bestimmt irgendwann nochmal dort hoch.

Ich habe in dieser Woche auch mal wieder gemerkt, wie schwierig es sein kann, seine eigene Muttersprache so zu sprechen, dass andere, für die sie eine Fremdsprache ist, einen auch verstehen können. Nachdem ich letztes Jahr zwei Wochen lang einen Ferienjob in der Schweiz gemacht hab, bei dem meine Kollegen aus allen möglichen Ländern kamen und sich daher in einem Primitivdeutsch mit Schweizer Akzent unterhalten haben, bin ich allerdings schon geübt darin. Als Kalev vor ein paar Tagen von seinem Termin beim hambaarst, also beim Zahnarzt, zurück ins Büro kam, dachte ich daran, wie man in meiner Heimat jemanden fragt, wie eine solche Untersuchung verlaufen ist. In Gladbach fragt man in einem solchen Fall einfach: „Na, wat sacht der Aazt?“ Das konnte ich Kalev aber natürlich schlecht fragen, und so versuchte ich es mit „wie war es beim Zahnarzt?“, woraufhin er abwinkte und sagte: „viele Probleme“. Er wollte es mir dann noch genauer erklären, stellte aber bald fest: „das sind keine historischen Worte, das weiß ich nicht.“ Mit Hilfe des Wörterbuchs konnte er mir dann allerdings doch noch sagen, dass eine Zahnwurzel „kaputt“ ist. „Kaputt“ ist ja eins dieser deutschen Wörter, die eigentlich jeder kennt, und die die Kommunikation ziemlich erleichtern können, denn es reicht vollkommen aus, wenn man zum Beispiel sagen kann „jetzt ist Sowjetunion kaputt“ (auch ein O-Ton von Kalev), so wird man verstanden, ohne sich kompliziert ausdrücken zu müssen. Übrigens hat Kalev mir erzählt, dass seine Tochter vor einiger Zeit an einem Austausch mit einer Schule in Süddeutschland teilgenommen hat, und dass ihre Austauschschülerin nun bald für zwei Wochen hierher kommt. Vielleicht nimmt er sie einmal mit ins Archiv, um ihr alles zu zeigen, und damit sie sich mit mir unterhalten kann. Übrigens hängen über Kalevs Schreibtisch zwei gemalte Porträts von ihm. Ich weiß nicht, wer sie gemalt hat, aber er ist darauf  jedenfalls ziemlich gut getroffen, vor allem auf dem einen, auf dem er mit gelangweiltem Gesichtsausdruck am Schreibtisch hängt. In der letzten halben Stunde eines Arbeitstages gleicht er diesem Bild haargenau.

Am Mittwoch war ich einigermaßen verwirrt, als meine drei „office mates“, wie Edith sie nennt, alle gleichzeitig aufsprangen und, mit ihren Portemonnaies bewaffnet, das Büro verließen, nachdem Tiiu einen Anruf bekommen hatte. Kalevs Erklärung: „Wir gehen Fisch kaufen.“ Aha, dachte ich, in Estland geht man also während der Arbeit Fisch kaufen, das erlebt man in Deutschland wahrscheinlich nicht. Ich habe mir dann schon vorgestellt, wie die drei mit einem Eimer voller Fische zurückkommen würden, der dann den ganzen restlichen Tag in unserem Büro vor sich hin stinken würde, aber schon nach fünf Minuten waren sie wieder da – ohne Fisch, aber mit etwas enttäuschten Gesichtern. Ich habe nicht herausfinden können, wo sie den Fisch in der kurzen Zeit eigentlich herkriegen wollten (die Fischmarkthalle ist am Busbahnhof und damit mindestens 15 Gehminuten entfernt), aber ich gehe davon aus, dass irgendein Mitarbeiter des Archivs seine Angelerfolge verkauft hat – hoffentlich nicht zwischen alten Dokumenten – und für die drei einfach nicht das Passende dabei war.

Ja, das war meine Arbeitswoche. Außerhalb der Arbeit merkt man inzwischen wirklich, dass das neue Semester vor der Tür steht, es sind deutlich mehr junge Leute zu sehen, und man hört immer wieder Leute Englisch sprechen. Gestern Abend im Supermarkt des Innenstadt-kaubamaja (Kaufhaus) hatte ich das Gefühl, die einzige Person im ganzen Laden zu sein, die keinen Alkohol für die bevorstehende Partynacht kaufte. Merit und ich sind inzwischen Mitglied in der Facebook-Gruppe der rund 400 Erasmus-Studenten, die jetzt für ein halbes Jahr hier studieren. Da Merit Leute sucht, die im November mit ihr auf ein Konzert in Tallinn gehen, trafen wir uns am Donnerstag Abend mit Richard, einem ungarischen Politikstudenten, der Interesse an dem Konzert bekundet hatte. Er ist erst vor ein paar Tagen hier angekommen. Wir sind mit ihm ein bisschen durch die Stadt und den botanischen Garten gelaufen, wobei er uns unter anderem von seinen Mitbewohnern erzählt hat. Es gibt hier in Tartu ein eigenes Studentenwohnheim für die Erasmus-Leute, in dem sich immer zwei Leute ein Zimmer und drei Zimmer eine Wohnung teilen. Richard erzählte uns von einem Chinesen, der morgens immer die ganze WG aufweckt, indem er auf seinem Laptop laut schnulzige Liebeslieder hört, von seinem ukrainischen Zimmergenossen, einem Türken, der quasi die ganze Zeit schläft, und einigen anderen. Es sind wohl sehr viele Deutsche unter den Erasmus-Studenten, die wohnen auch meist in rein deutschen WGs. Es ist irgendwie komisch, sich vorzustellen, dass jetzt so viele Leute aus Deutschland hier sind, ich bin gespannt, wie oft man ihnen so begegnen wird. Jedenfalls habe ich in den letzten Tagen relativ oft deutsche Euromünzen als Wechselgeld bekommen. Da Estland ja erst seit etwa 1 ½ Jahren den Euro hat, sind ausländische Münzen insgesamt eher selten, jedenfalls außerhalb von Tallinn, abgesehen von finnischen. Es war auf jeden Fall gut, dass Merit und ich mit Richard Englisch sprechen mussten, denn das tue ich hier insgesamt viel seltener als ich erwartet hatte, da meine Arbeitssprache ja doch eher Deutsch ist. Edith hat schon gesagt, dass wir mal zu dritt essen gehen könnten, das wird dann bestimmt witzig, da Merit und ich ja eigentlich miteinander Deutsch und Merit und Edith miteinander Estnisch sprechen könnten, wir aber zu dritt auf Englisch umsteigen müssen. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich zumindest so viel Estnisch verstehe, dass ich im Alltag ziemlich problemlos zurecht komme, das dürfte bei vielen Erasmus-Studenten nicht der Fall sein.

An diesem Wochenende habe ich nicht wirklich was unternommen. Merit war noch einmal bei ihren Verwandten und so war ich alleine hier. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mal nach Valga zu fahren. Valga ist eine geteilte Stadt an der lettischen Grenze, der lettische Teil heißt Valka. Bus und Zug brauchen etwa 1 1/2 Stunden für die Fahrt dorthin. Valga ist nicht gerade die schönste Stadt in Estland, aber aufgrund ihrer Lage interessant, und ich wollte gerne mal sehen, ob sich dort seit dem letzten Jahr etwas verändert hat. In Estland kann so etwas ja immer schnell gehen, vielleicht sieht Valga inzwischen deutlich besser aus als 2011. Aber gestern war es fast den ganzen Tag regnerisch, windig und relativ kühl, so dass ich nur ein bisschen shoppen gegangen bin. Im Moment ist hier überall Sommerschlussverkauf, so dass es schwer war, nicht mit lauter Sommersachen wieder nach Hause zu kommen, denn eigentlich muss ich schon langsam Richtung Herbst und Winter denken, was Klamotten angeht. Heute sieht das Wetter schon ein bisschen besser aus, mal sehen, was ich heute noch machen werde.

Fotos gibt es heute leider keine, dafür aber schon wieder einen neuen Song der Woche (ich bin jedes Mal überrascht, dass schon wieder eine Woche rum ist). Wer mich kennt, hat sich vielleicht schon gefragt, wann ich wohl zum ersten Mal einen Song von Kaizers Orchestra auswählen würde – und taaadaaa, jetzt ist es soweit. Und zwar habe ich mich für „Silver“ entschieden, weil mein MP3-Player sich während meiner Laufrunde gestern dafür entschied, ihn zu spielen, und ich dann gemerkt habe, wie gut er eigentlich zu der vergangenen Woche passt. Einfach von seiner Stimmung her. Ich merke, dass ich schlecht darin bin, zu erklären, warum ich mich für einen bestimmten Song entschieden habe, vielleicht lasse ich das mit der Begründung in Zukunft einfach sein und sage: Einfach so. Also kommt hier jetzt, einfach so, quasi auf dem Silbertablett, „Silver“. Bitteschön.

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