Gemischter (Obst-) Salat

Mein Wort des gestrigen Tages war brauserimäng. Ihr kennt das sicher alle, überall wird man im Internet mit Werbung zugeschüttet. Schon seit einiger Zeit sind viele der Werbeanzeigen, die ich zu sehen bekomme, auf Estnisch, und gestern öffnete sich eins dieser nervigen Pop-Up-Fenster und wollte mich zu einem dieser noch nervigeren Browserspiele auffordern, nur eben auf Estnisch. Ich mochte das Wort mäng schon immer, es war eins der ersten estnischen Wörter, die ich konnte – wenig erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ich mit 7 Jahren zum ersten Mal hier war. Und bis heute freue ich mich jedes Mal, wenn ich ein Schild mit der Aufschrift mänguväljak (Spielplatz) lese, weil ich dieses Wort noch mehr mag. Wobei ich die lettische Version, spēļu laukums (ich hoffe, das ist richtig geschrieben), auch nicht schlecht finde. Im estnischen Fernsehen gibt (oder gab?) es eine Quizshow namens „Eesti Mäng“, bei der Fragen rund um Estland gestellt werden. Die habe ich letztes Jahr gerne geguckt und war immer ganz stolz, wenn ich mit meinen paar Worten Estnisch erraten konnte, worum es in der Frage ging. Einige von euch haben sich vielleicht schon gefragt, ob ich hier eigentlich Estnisch lerne. Ich hatte mir vor Praktikumsbeginn vorgenommen, hier einen Kurs zu belegen, da ich die Sprache immer schon lernen wollte, und es in Deutschland geradezu unmöglich ist, einen Kurs zu finden. Leider hat sich das Ganze als schwieriger rausgestellt als gedacht. Ich habe bisher nicht rausfinden können, ob ich an der Uni an einem Kurs teilnehmen könnte, da ich dort ja nicht eingeschrieben bin. Außerdem sind die Kurse dort oft vormittags, was ja nun für mich nicht in Frage kommt. Die Kurse an den Volkshochschulen sind manchmal auf Grundlage von Russisch und zum Teil ebenfalls vormittags oder abends gegen 18 Uhr. Ich hätte am liebsten einen Kurs, der am Wochenende stattfindet, da ich mich auf der Arbeit schon immer über Stunden sehr konzentrieren muss und nicht weiß, ob es mir so viel bringen würde, abends ziemlich müde noch zu einem Kurs zu gehen. Ich weiß auch aus Erfahrung, dass bei VHS-Kursen nicht viel rumkommt, da die Gruppen dort nicht so homogen sind wie an einer Uni, was das Lerntempo ziemlich verlangsamt. Irgendwie habe ich mich noch nicht so ganz entschieden, was ich machen werde, aber immerhin habe ich mich jetzt schonmal für einen „Estonian Buddy“ beworben. Das ist ein Angebot von der Uni, das anscheinend auch Nicht-Studenten nutzen können. Dort bekommt man, nach Möglichkeit, einen Studenten „zugeteilt“, der einem Estnisch (oder auch eine andere Sprache) beibringt, und im Gegenzug bringt man ihm/ihr ebenfalls eine Sprache bei. Die Bewerbungsfrist läuft noch ein paar Tage, danach werde ich wohl erfahren, ob man jemanden für mich gefunden hat. Ansonsten bleibt mir nur das Selbststudium, aber es ist wirklich schwer, sich dazu aufzuraffen … Mein Ziel ist es allerdings auch eher, ziemlich viel zu verstehen als wirklich gut selbst sprechen zu können. Das ist wahrscheinlich auch das realistischere Ziel, wenn man bedenkt, dass ich nur bis Ende Januar hier bin.

Heute hatten wir einen Zettel im Briefkasten, auf dem stand, wir seien nur einen Anruf entfernt von … Kartoffeln. Es war eine Anzeige von einem Kartoffel-Lieferdienst. 25 Kilo für 6,50 Euro, Lieferung frei Haus! Verlockend, aber wir haben bisher noch nichtmal den 4-Kilo-Sack leerbekommen, den wir kurz nach unserem Einzug gekauft haben. Also haben wir den Zettel einfach nur in eine Schublade unseres Wohnzimmertisches gelegt, soll sich der nächste, der hier einzieht, drüber freuen. Wir selbst haben nämlich eine ganze Menge kleiner „Schätze“ gefunden, als wir ankamen. Beispiele: eine Christbaumkugel mit einem Motiv aus dem Disney-Film „Cars“, einige ausländische Münzen und alte estnische Kronen, mehrere Rollen Garn, ein sehr dickes Buch über irgendein Computer-Programm, einen Zettel mit einem nicht besonders netten Weihnachtsgedicht, einen Kinder-Geldbeutel mit Tigger-Motiv, eine CD der estnischen Band Terminaator (nicht mein Geschmack), einen kleinen Magneten (oder sowas) mit einem Iren und dem Schriftzug „Daniel“ drauf und eine Medaille vom Sportfest einer Ärztevereinigung. Und so dachten wir uns, dass wir auch irgendwas hinterlassen sollten, der Kartoffel-Zettel ist jetzt der Anfang.

Aber verlassen wir die Vabriku, biegen ab in die A. Haava (nach der Lyrikerin Anna Haava benannte Straße), gehen dann ein ganzes Stück die Näituse (Ausstellungsstraße) entlang, biegen in die Veski (Mühlenstraße) und kurz darauf in die J. Liivi (nach dem Dichter Juhan Liiv benannte Straße), wo wir Haus Nummer 4 betreten. Und dann sind wir im Archiv, in dem es diese Woche ständig etwas zu feiern gab und gibt. Am Montag hatte Kalev Geburtstag, was ich leider nicht wusste. So habe ich zwei Stunden lang mit ihm im Büro gesessen, ohne zu gratulieren, bis Anne mit einer Blume reinkam und mir ein Licht aufging. Es war mir schon ein bisschen unangenehm, dass ich nichts für ihn hatte, denn er hat mir ja schon ein Buch geschenkt, ohne dass es einen Anlass dafür gab. Den ganzen Montag über kamen immer mal wieder Kollegen vorbei, um ihm Blumen oder etwas anderes vorbeizubringen. Es gibt hier in Estland eine große Süßigkeitenmarke mit dem Namen „Kalev“, so dass er jede Menge Schokolade von dieser Marke bekam (der Name kommt von einem Helden aus dem estnischen Nationalepos „Kalevipoeg“, was „Kalevs Sohn“ bedeutet). Eine Kollegin hatte ihm auch Äpfel aus dem Garten mitgebracht, obwohl er selber oft Äpfel und Gurken aus seinem eigenen Garten mitbringt. Gestern hatte dann Birgit Geburtstag, die mir beim Lesen der alten Dokumente schon ein paar Mal mit ihren Schwedisch-Kenntnissen ausgeholfen hat. Zum Glück hatte Tiiu für sie einen ganzen Strauß Blumen gekauft, so dass sie mir ein paar abgeben konnte und ich nicht wieder mit leeren Händen gratulieren musste. Um zu beschreiben, wie es in Birgits Büro gestern aussah, muss ich ein klein bisschen ausholen. Meine Mutter hat ein Buch mit dem Titel „Wohnen mit Blumen“. Mein Vater dachte jedoch jahrelang, der Titel laute „Wohin mit Blumen?“, und genau daran musste ich gestern denken. Birgit bekam so viele Blumen, dass sie schon Tassen von ihren Kollegen als Vase ausleihen musste. Einer nach dem anderen kam rein und überreichte seinen Strauß, sie konnte sich gar nicht mehr retten vor lauter Blumen. Es wurde dann eine richtige kleine Feier daraus, sie hatte etwas zu essen und alkoholfreien Wein besorgt (kein Alkohol im Dienst!), und bekam neben den Blumen auch noch jede Menge Pralinen, einen riesigen Zucchino aus dem Garten einer Kollegin und anderes Obst und Gemüse geschenkt. So lernte ich gestern einige Pflanzen kennen, die ich noch nie gesehen hatte, zum Beispiel eine Blume, deren estnischer Name wörtlich übersetzt „grüner Neid“ bedeutet. Außerdem gab es Aronia-Beeren, die wie saure Heidelbeeren schmecken, und zwei besondere Möhrensorten. Die eine Möhre war innendrin normal orange, außen allerdings pechschwarz, die andere war gelbgrün und schmeckte ähnlich wie Kohlrabi. Morgen gibt es noch einen runden Geburtstag zu feiern, aber ich weiß noch nicht, ob ich da hingehen werde, da ich die betreffende Kollegin nicht kenne und wahrscheinlich morgen wieder alleine im Büro bin, so dass mich niemand mitnehmen könnte. Aber am Montag dürfte auch wieder was los sein, denn dann ist Anne wieder da, die heute 65 wird. Leider habe ich noch keine ihrer berühmt-berüchtigten Geburtstagsreden für ihre Kollegen mitbekommen, aber vielleicht hält sie sich ja selbst eine. Ich bin auch schon gespannt, wie es an meinem eigenen Geburtstag wird, das ist ja nicht mehr so lange hin.

Gestern haben Anne, Kalev und Tiiu mich mitgenommen zu der Präsentation des neuen AIS. AIS steht für Arhiivi Info Süsteem, also für die Datenbank, über die man die Bestände der estnischen Archive durchsuchen kann. Falls es jemanden interessiert, über den virtuaalne uurimissaal (den virtuellen Forschungssaal) kommt man auf AIS und die ganzen anderen Datenbanken, die die Archive bieten, unter anderem auch auf die schon mal erwähnte Wappen-Datenbank. Dort sieht man allerdings noch die alte Version, die neue, die uns gestern vorgestellt wurde, befindet sich wohl noch in der Testphase. In meinem Praktikum im ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe) Anfang des Jahres war ich bei drei Präsentationen von Museumsdatenbank-Anbietern dabei und fand das eigentlich immer ziemlich spannend. Gestern habe ich mich aber ziemlich gelangweilt, da das Ganze natürlich auf Estnisch stattfand. Aber ich glaube, selbst wenn ich alles verstanden hätte, wäre es sehr öde gewesen, denn der IT-Typ, der es vorstellte, sprach so leise und monoton, dass sogar Indrek, der Chef des Archivs, gelangweilt seine Kaffeetasse in den Händen drehte. Aber immerhin habe ich so einen schönen kleinen Raum im Archiv kennengelernt, dessen Decke bemalt ist, unter anderem mit einem Bild des Archivgebäudes. Der Bildschirmpräsentation nach zu urteilen, ist das neue AIS zwar vielleicht etwas chicer vom Layout her, aber ich fand es irgendwie ziemlich unübersichtlich. Mal sehen, ob und, wenn ja, wann, das an den Start geht, und ob ich dann damit zurechtkomme.

Apropos Indrek. Edith hat mir heute erzählt, dass er mich und Merit noch kennenlernen möchte. Ich dachte dann an ein Gespräch oder vielleicht ein gemeinsames Mittagessen, aber Edith hat gesagt, er sei ein „country guy“ und es könne gut sein, dass er mit uns Beeren pflücken gehen will. Das war nach der Fischkauf-Geschichte das zweite Mal, dass ich dachte: „Okay, sowas passiert einem wohl nur in Estland.“ Ich hoffe, dass wir das wirklich machen, denn es wäre doch sehr witzig, wenn ich von mir behaupten könnte, dass ich mit meinem Chef Beeren gesammelt habe. Da in den letzten Tagen irgendwelche internationalen Gäste im Archiv waren, habe ich Indrek bisher nur im Anzug gesehen und kann ihn mir gar nicht im Wald vorstellen. Merit hat ihn allerdings auch schon in kurzer Hose und Badelatschen gesehen. Jedenfalls sieht er nicht halb so streng aus wie auf dem Bild, das Kalev mir in meiner ersten Woche mal gezeigt hat.

Vorgestern habe ich noch eine weitere Kollegin kennengelernt, Margit. Sie hat sich mir auf Deutsch vorgestellt, aber Anne konnte es natürlich nicht lassen, ihr meine Estnischkenntnisse vorzuführen. Als sie und Margit das Büro eigentlich schon verlassen hatten, ging die Tür nochmal auf und Anne steckte den Kopf herein, um mir zu sagen, dass ich zu Margit doch „nägemist“ (auf Wiedersehen) sagen sollte. Habe ich natürlich gemacht, woraufhin Anne ein erfreutes „Aiii“ vernehmen ließ und Kalev kommentierte: „Sehr gutes Eschtnis!“, er spricht das immer ein bisschen falsch aus. Anne heißt mit Nachnamen übrigens Maasikas, also Erdbeere. Das passt irgendwie total zu ihr, sie ist einfach so eine liebe, lustige Frau. Und ich wette, sie bekommt am Montag ganz viele Sachen mit Erdbeeren geschenkt. Ich schenke ihr jetzt schon was, indem ich diesen Eintrag mit einem „nägemist“ beende. Also: nägemist!

Advertisements

4 Gedanken zu “Gemischter (Obst-) Salat

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s