Deutsch-Estnische Freundschaft

Da ist es doch glatt schon wieder Montag. Wie schnell doch so ein Wochenende immer vergeht. Als Student merkt man ja oft gar nicht so genau, ob gerade eigentlich Mittwoch oder Samstag ist, aber im Praxissemester ist eben alles anders. Da geht man freitags nach der Arbeit nach Hause und denkt, dass man jetzt unendlich lange frei hat, und ehe man sich’s versieht, ist es Sonntag Abend.

Ich habe mir gedacht, dass dieser Eintrag ein bisschen anders wird. Und zwar werde ich, ganz unkonventionell sozusagen, dieses Mal mit dem Song der Woche anfangen. Das liegt daran, dass ich ihn gerne als Aufhänger benutzen würde (meine Journalisten-Schwester wäre bestimmt stolz auf mich) für diesen Eintrag. Der Song hat zwar nicht besonders viel und auch keinen allzu tiefgründigen Text, aber trotzdem lässt sich aus der am häufigsten vorkommenden Zeile („there’s something in the air“) ziemlich viel machen. Hier nun also das Video, wobei ich betonen möchte, dass ich den Song nicht aus diesem Spiel kenne, es war einfach nur das einzige Video, das man sowohl in Estland als auch in Deutschland sehen kann. Taadaa – Digitalism mit „Pogo“, wahrscheinlich nicht gerade der Geschmack meiner Eltern und meiner Oma, auch wenn es sich, wie es der Titel vielleicht suggeriert, nicht um einen Punk-Song handelt.

Also, there’s something in the air, aber was? Zu allererst: der Herbst. Er kommt, aber ziemlich langsam, der Sommer will sich noch immer nicht so recht verabschieden. Letzte Woche Mittwoch hatten wir noch einmal 25 Grad und es wurde richtig schwül, was ich in Estland auch im Juni oder Juli bisher sehr selten erlebt habe. Dann gab es allerdings auch wieder Tage mit Regen und Wind, aber so richtig kalt war es noch gar nicht. Ich bin heute noch im T-Shirt draußen rumgelaufen. Es wird zwar inzwischen gegen 8 Uhr abends dunkel (und nicht mehr gegen 10 wie kurz nach meiner Ankunft), aber noch liegen kaum Blätter auf den Straßen. Man muss allerdings aufpassen, dass man auf dem Weg zum Archiv keine Eicheln oder Kastanien an den Kopf bekommt. Auf der Titelseite einer der weniger anspruchsvollen Zeitungen (oder, wie man bei uns am Niederrhein sagt: Käseblättschen), die im Supermarkt immer an der Kasse ausliegen, las ich vor Kurzem, dass der Herbst hier angeblich besser werden soll als der Sommer. Und Merit hat heute irgendwo im Internet gelesen, dass uns ein ziemlich kalter Winter bevorsteht, allerdings gilt das nicht nur für Estland. Warten wir’s ab. Ich freue mich jedenfalls auf diese ersten, kleinen Anzeichen vom Herbst, denn ich mag den Herbst. Und das nicht nur, weil ich im Oktober Geburtstag habe. Ich finde, der Herbst ist verkannt, er ist für die meisten Leute nur eine Übergangszeit, die den lauten, warmen Sommer mit der stillen, kalten Weihnachtszeit verbindet. Ich mag die Regentage zwar auch nicht so, aber  erwiesenermaßen regnet es in unseren Gefilden im Sommer am meisten und nicht im Herbst, und außerdem ist die Bezeichnung „goldener Oktober“ meistens auch ziemlich wahr. Hier bedeutet Herbst momentan vor allem eins: Wind. Man kommt sich fast vor wie am Meer, auch wenn es von hier bis zur Ostsee recht weit ist. Aber ich habe nichts gegen Wind.

Außerdem liegen noch zwei Besuche in der Luft. Am Freitag kommen Laura und Christoph (meine Schwester und ihr Freund) für vier Tage her und mieten ein Auto, so dass wir Ausflüge machen können. Leider hat Laura sich gestern beim Fußballspielen verletzt, und kann deshalb nicht gut laufen. Also werden wir uns wohl etwas einfallen lassen müssen, wobei sie nicht viel gehen muss. Aber das wird trotzdem schön. Laura war seit acht Jahren nicht mehr in Estland und für Christoph ist es eine Premiere, ich bin also sehr gespannt, wie es für die beiden wird. Und wir können viele Ziele ansteuern, die man ohne Auto schlecht erreichen kann, also richtig raus in die Natur. Dann werde ich eine Menge Fotos machen und sie hochladen. Meine Kamera guckt mich schon vorwurfsvoll an, weil ich sie im Moment kaum benutze. Das wird sich ändern. Wenn Laura und Christoph wieder weg sind, dauert es gar nicht lange, bis Stephan für zehn Tage zu Besuch kommt, und dass ich mich darauf sehr freue, könnt ihr euch ja sicher denken. Mir stehen also drei Wochen mit lieben Menschen bevor und etwas Besseres kann ja eigentlich gar nicht in der Luft liegen, oder?

Noch etwas hat sich in der Luft verändert, zumindest fühlt es sich so an. Letzte Woche Montag habe ich mich in Tartu angemeldet. Merit hat mich netterweise begleitet, so dass es mit der Sprache kein Problem war (wobei die Frau in der zuständigen Abteilung der Stadtverwaltung auch nicht so schlecht Englisch konnte). Ich weiß, ich bin schon fast zwei Monate hier und hätte mich schon früher anmelden können, aber da ich als EU-Bürgerin drei Monate lang quasi mit Touristenstatus sowieso hier sein darf, war keine besondere Eile geboten. Es gab auch gar kein Problem damit, dass mein Mietvertrag, den ich vorlegen musste, schon seit dem 1. August gilt. Beim Ausfüllen des Formulars habe ich festgestellt, dass ziemlich vieles an meinen Daten kompliziert ist. Da wäre erstmal mein Nachname, den hier tatsächlich noch nie jemand versucht hat auszusprechen, und den ich ja auch in Deutschland immer buchstabieren muss. Dann sollte ich meinen letzten Wohnort in Deutschland angeben. Das ist eigentlich Stuttgart, aber da die Adresse, die ich dort hatte, ja nicht mehr gilt, habe ich die Adresse meiner Eltern angegeben, die ich ja auch selbst immer noch habe. Mönchengladbach ist wirklich ein gemeiner Städtename für Nicht-Deutsche und auch der Straßenname ist nicht gerade einfach (schon das Wort Straße sorgt wegen des „ß“ für Probleme). Da bin ich froh, dass ich nicht auch noch in Gladbach geboren wurde, Viersen ist da schon einfacher, auch wenn die Esten V wie W aussprechen und das „ie“ nicht wie langes I, sondern einzeln. Der Portugiese, der sich am Schalter neben uns gerade anmeldete, hatte deutlich größere Probleme als ich. Allerdings ist das alles kein großes Drama, wenn man sich in Estland anmeldet, denn es interessiert eigentlich nur die Nationalität der Person. Und hier läuft alles über die ID-Nummer, die man sein Leben lang behält. Ich habe jetzt auch eine, sie setzt sich zusammen aus dem Geschlecht, dem Geburtsdatum und noch ein paar Ziffern, die, glaube ich, nichts bedeuten. Für Esten und für Ausländer, die nicht länger als drei Monate hier bleiben, ist es keine Pflicht, sich anzumelden, und es stellte sich heraus, dass sich noch niemand, der vor uns in unserer Wohnung gewohnt hat, angemeldet hat, denn unsere Wohnungsnummer fand sich noch nicht im Computersystem, so dass die Mitarbeiterin erstmal unseren Vermieter (den sie persönlich zu kennen schien) anrufen und fragen musste, ob das alles seine Richtigkeit hat. Am Freitag nach der Arbeit waren Merit und ich dann mit der Anmeldebescheinigung beim Migrationsbüro, wo ich meine ID-Karte beantragt habe. Für 24,28 Euro „state fee“ bekommt man eine Karte, die fast genauso aussieht wie ein richtiger estnischer Personalausweise, und darf fünf Jahre lang ohne besondere Erlaubnis in Estland leben und arbeiten. Natürlich wurde das biometrische Automatenfoto, das ich in dem Büro machen lassen musste und das dann direkt auf den Computer der Mitarbeiterin geschickt wurde, nicht besonders schön, aber es kommt zum Glück recht klein und in schwarz-weiß auf die Karte. Ich bekomme eine E-Mail, wenn ich die Karte abholen kann, in etwa zwei Wochen soll es soweit sein. Auf jeden Fall ist es jetzt schon ein gutes Gefühl, so richtig legal und registriert hier zu sein, und wenn ich irgendwann nochmal für mehr als drei Monate hier leben möchte, kann ich das für die nächsten fünf Jahre problemlos tun. Die Karte dann schließlich wirklich in der Hand zu halten, wird bestimmt noch mehr an meiner persönlichen „Estland-Luft“ verändern.

Und die Luft im Archiv? Letzte Woche war sie nicht voller Blumenduft, anscheinend hatte keiner Geburtstag. Dafür ist bei Kalev seit einigen Tagen die deutsche Austauschschülerin seiner Tochter zu Besuch, die aus der Nähe von München stammt und – typisch bayrisch – Sophie Huber heißt. Er war ein wenig verzweifelt, da sie kein Wort Estnisch kann und seine Tochter auch nicht besonders viel Deutsch. Als ich ihn fragte, wie sie so ist, sagte er: „Sie ist sehr still und sie interessiert sich für Mathematik“, womit er anscheinend nicht viel anzufangen wusste. Auch soll sie dem estnischen Essen gegenüber wohl etwas skeptisch sein, den von Kalevs Tochter gekochten Frühstücksbrei (ein bisschen wie Porridge, nur nicht so schleimig und aus verschiedenen Getreidesorten) soll sie wohl gelobt, aber dann doch nur zu einem kleinen Teil gegessen haben. Kalev hat Merit erzählt, dass er sich extra eine Folge der deutschen Telenovela „Sturm der Liebe“, die im estnischen Fernsehen läuft, angeschaut hat, um zu sehen, was man in Deutschland so isst. Ob er damit wohl bei einem bayrischen Madel Erfolg hat? Noch hat er ihr nicht das Archiv gezeigt, aber das kommt vielleicht noch. Kalev wollte heute auf einer Karte sehen, wo ich herkomme (er sagte: „das klingt wie München“, woraufhin ich mich beeilte, ihm zu zeigen, wie weit Gladbach von Bayern entfernt ist), und erzählte mir, dass er von Deutschland bisher nur Berlin, Potsdam (ja, Marcus, du darfst dich freuen) und Rostock kennt. Er und Tiiu hatten noch lebhafte Erinnerungen an eine Exkursion der Archivmitarbeiter vor 12 Jahren, bei der sie von einem Guide rumgeführt wurden, der sich in Berlin selbst überhaupt nicht auskannte, und bei der Kalev sich in Spandau einen Regenschirm mit Karl dem Großen drauf kaufte, den er heute immer noch benutzt. Es finden wohl regelmäßig solche Exkursionen statt, aber Tiiu sagte, dass heute nicht mehr so viele Mitarbeiter mitfahren wie früher, in der Schweiz waren sie diesen Sommer nur zu acht unterwegs. Übrigens scheint aus der Beerensammel-Aktion mit Indrek nun eine Pilzsammel-Ausflug mit mehreren Kollegen zu werden und zwar am 26. September. Das hat Merit vor Kurzem erfahren. Auch Edith, Kalev und ein paar andere werden dann dabei sein, und wir müssen an dem Tag nicht arbeiten. Ich mag zwar nicht so gerne Pilze, aber das wird bestimmt lustig.

Ansonsten geht alles seinen Gang. Merit hat übrigens inzwischen endlich unseren Vermieter kennengelernt, der bisher ein ziemliches Phantom war. Er begegnete ihr vor ein paar Tagen im Treppenhaus und versprach, dass er sich bald um unsere Waschmaschine kümmern wird, die spinnt nämlich. Nachdem wir die erste Hürde, die finnische Beschriftung, mit Hilfe von Wörterbüchern und einem finnischen Bekannten von Merit genommen hatten, stellte sich heraus, dass die Maschine nicht wirklich zu schleudern oder sich gar nicht richtig zu drehen scheint, sie schafft es, zwei Stunden lang irgendwas zu machen, und dabei einen Teil der Wäsche trocken zu lassen und den anderen so richtig klatschnass zu machen. Jetzt bekommen wir entweder eine Reparatur oder aber eine neue Waschmaschine, nachdem wir alles mögliche ausprobiert und auch schon ein paar Mal von Hand gewaschen haben. Merit hat vor ein paar Tagen unser Wohnzimmer ein bisschen umgestaltet. Ich wurde schon mehrfach nach Fotos aus der Wohnung gefragt, und ich werde auch bald welche machen und hochladen.

Das war es dann aber erstmal für heute. Zum Abschluss noch ein Bild von Ülvi. Ülvi ist ein kleines Holzschwein, das meine Eltern in dem Auto fanden, das sie im Juli hier gemietet hatten, und das sie mir dann als Glücksschweinchen schenkten. Ich habe es gestern angemalt und Ülvi getauft, jetzt ist es ein echtes estnisches Schwein. Es hat nur ein Ohr und das blau ist heller als das richtige estnische blau, aber ich finde es trotzdem schön.

Übrigens habe ich gerade das Gefühl, dass ich ganz viel vergessen habe, was ich eigentlich schreiben wollte, aber das kommt dann eben im nächsten Eintrag. Dieser hier ist ja auch so schon wieder ziemlich lang geworden. Kurz fassen kann ich mich irgendwie nicht, das versuche ich immer wieder, aber ich sprenge jede Hausarbeits-Seitenbegrenzung, und eine Mail mit der Betreffzeile „Nur ganz kurz“ und mir als Absender sollte man nur anklicken, wenn man viel Zeit hat …

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