Von lebenden Statuen, einem ganz besonderen Haus, verschiedenen Gewässern, alten Straßen und vielem mehr

Die übliche abendliche Atmosphäre in der Fabrik. Draußen schiebt sich ein Güterzug vorbei, durch die kleine Ritze in der Holzwand zwischen unseren Zimmern sehe ich das Licht in Merits Zimmer, ich höre gute Musik, es riecht ein wenig nach Holz. Verdammt gemütlich hier, kann ich euch sagen.

Das fanden auch Laura und Christoph, die am Freitag hier ankamen. Sie waren am Freitag Morgen nach Tallinn geflogen und kamen dann mit ihrem Leihwagen nach Tartu, wo sie mich erstmal nach Feierabend vom Archiv abholten. Außer einer kleinen Runde duch die Stadt haben wir dann aber nichts mehr unternommen, da die beiden um 5 hatten aufstehen müssen. Dafür nutzten wir den Samstag und den Sonntag für gemeinsame Ausflüge. Merit war nicht dabei, sondern bei ihrer Uroma in Nordestland. Am Samstag ging es erst einmal in ein kleines Dorf namens Valma, das direkt am Võrtsjärv, dem zweitgrößten See Estlands, liegt. Das hatten wir nicht konkret angesteuert, aber da wir mal an den See wollten, sind wir dort eingebogen, und das hat sich gelohnt:

Dort fühlt man sich fast wie am Meer. (Das Bild hat, wie auch einige andere in diesem Eintrag, Laura gemacht)

Von dort ging es dann zum ersten eigentlich geplanten Ziel: Viljandi. Viljandi ist mit etwa 20.000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt des Landes. Dort befindet sich die „Tartu Ülikooli kultuuriakadeemia“ (Kulturakademie der Uni Tartu), an der man unter anderem auch Bibliothekswesen studieren kann, allerdings leider nur auf Estnisch. Hauptsehenswürdigkeit von Viljandi sind die Burgruinen, die sehr idyllisch in einem Park liegen. Dort findet jeden Sommer das „Viljandi Folk Festival“ statt, das Merit diesen Juli auch besucht hat. Viljandi ist für estnische Verhältnisse eine geradezu bergige Stadt, man hat einen tollen Blick auf den Viljandi järv (Viljandi-See) im Tal, der sehr langgezogen ist und daher aussieht wie ein Fluss:

Außerdem befindet sich in dem Park auch noch eine rot-weiße Hängebrücke, über die Laura und ich schon als Kinder spaziert sind. Die Buchhandlung und das Café, in dem wir schon vor Jahren Postkarten kauften beziehungsweise Zimtschnecken aßen, existieren auch noch in der Innenstadt.

Danach ging es weiter nach Pärnu, darüber schrieb ich ja im allerersten Eintrag schonmal. Es war das erste Mal, dass ich außerhalb der Sommersaison in der „Sommerhauptstadt“ war, und ich muss sagen, ich war ziemlich enttäuscht davon, wie anders Pärnu im Herbst wirkt. Obwohl vor den Spa- und Kurhotels noch immer jede Menge größtenteils finnische Autos parkten, hing an der Tür des „Rannakohvik“ (Strandcafé) ein Schild, das besagte, dass das Café seit dem 27.08. quasi Winterpause macht. Außerdem hatte man sämtliche Umkleidekabinen und Bänke vom Strand weggeräumt und, wie wir später feststellten, in das nahegelegene Stadion des Fußballvereins Pärnu Linnameeskond (Pärnu Stadtmannschaft) gebracht. Auch der Kuursaal, ein Restaurant, das mit der Aufschrift „Eesti suurim kõrts“ (Estlands größtes Wirtshaus) wirbt, und in dem wir früher oft mit unseren Eltern waren, hatte zu. Die Innenstadt war ziemlich menschenleer, nichts mehr zu sehen von den vielen finnischen, englischen und deutschen Touristen, die im Sommer dort flanieren. Wir kamen dann in eine Gegend von Pärnu, in der ich noch nicht gewesen bin, und in der sich die Stadtbibliothek befindet. Sie ist untergebracht in einem ziemlich neu aussehenden Glasgebäude, sieht wirklich gut aus. Vor der Bibliothek steht ein Podest, mit dessen Hilfe jeder mal zu einer Statue werden kann. Als ich hier im Blog über die estnische Nationalbibliothek schrieb, hatte ich mich ja „beschwert“, dass man davor eine Dichterin und keine Bibliothekarin in Stein gehauen hat. In Pärnu konnte ich nun selbst für eine Bibliothekarinnen-Statue sorgen (dass ich noch keine fertige, sondern nur eine angehende Bibliothekarin bin, lassen wir einfach mal unter den Tisch fallen ;) ):

Die Aufschrift lautet: „Monument igaühele – omal riisikol“ – „Monument für jeden – auf eigenes Risiko“

Auch Laura und Christoph posierten noch, aber ob sie die Bilder der Welt zeigen wollen, müssen sie selber entscheiden. Von Pärnu aus ging es dann wieder nach Tartu, wo wir noch in der Stadt etwas essen gingen. Da es ziemlich zu schütten angefangen hatte, nachdem das Wetter den ganzen Tag über schön gewesen war, konnten wir sonst nicht mehr viel machen. Am Wochenende war es insgesamt übrigens deutlich kälter als die Tage zuvor, es soll allerdings wohl noch einmal wärmer werden.

Am Sonntag nahmen wir uns Ziele in der etwas näheren Umgebung vor. Als erstes ging es über Elva nach Otepää. Über Elva habe ich ja schonmal geschrieben, dort gingen wir einfach ein wenig spazieren. In Otepää wurde natürlich als erstes das grüne Holzhäuschen angesteuert, in dem wir früher fast jeden Sommer verbrachten. Laura, die seit 2004 nicht mehr dort gewesen war, war ein bisschen aufgeregt, als wir dort ankamen. Zum Glück schien gerade niemand das Haus gemietet zu haben, so dass wir problemlos auf dem Grundstück Bilder machen konnten. Das Haus ist für meine Familie einfach „unser grünes Häuschen“ und, natürlich abgesehen von dem Haus meiner Eltern in Mönchengladbach, gibt es wohl kein Gebäude auf der Welt, das sich für Laura und mich mehr nach Kindheit anfühlt, es ist fast so etwas wie ein zweites Zuhause, und nach wie vor der Lieblingsurlaubsort meiner Eltern.

Die zwei Schwestern und das grüne Häuschen wieder vereint

In Otepää hat sich einiges verändert, seit Laura das letzte Mal dort gewesen ist. Der Busbahnhof ist jetzt an einer ganz anderen Stelle als damals, die Touristeninfo und die Post sind umgezogen, es gibt einen zweiten innerstädtischen Supermarkt, das spordikeskus (Sportzentrum) ist größer, und das Rathauscafé, in dem wir früher immer Saft tranken und Rhabarberkuchen aßen, ist einer Dönerbude gewichen. Aber eine wahre Institution in der Stadt gibt es immer noch: Die Pizzeria Merano, in der man, wie ich finde, die beste Pizza Estlands bekommt, die wir dann natürlich auch noch aßen, bevor es weiterging. Kurz hinter Otepää befindet sich der Kärnjärv, ein wunderschön im Wald gelegener See, den man oft für sich alleine hat, da es dorthin nur selten Touristen verschlägt, und erst recht keine ausländischen. Dort gibt es eine rustikale, hölzerne Sauna, die wir im Sommer oft gemietet haben, und in der man selbst für das Feuer sorgen muss. Da es dort leider regnete, blieben wir nicht lange, so dass ich mir hier mit einem Bild aus dem Sommer 2011 behelfen muss:

Als nächstes fuhren wir zum „Eesti Maanteemuuseum“, dem estnischen Landstraßenmuseum. Auch das kannten wir schon von früher, allerdings war es bis vor ein paar Jahren noch deutlich kleiner und hatte keine Außenanlagen. Stephan war letztes Jahr ganz begeistert von dem Museum, so dass ich es auch Laura und Christoph zeigen wollte. Man kann dort, wie in vielen estnischen Museen, sehr viele Sachen selber ausprobieren. Unter dem Motto „Koht, kus tee elab“ – „der Ort, an dem die Straße lebt“, kann man dort die Geschichte des estnischen Straßenverkehrs erleben. Es gibt die „liikluslinn“ (Verkehrsstadt), in der Kinder Verkehrsregeln üben können, und außerdem jede Menge historischer Fahrzeuge, alte Zapfsäulen, sowjetische Straßenschilder, Sitze aus einer Tallinner Straßenbahn, und vieles mehr. Christoph konnte für einen Euro sogar eine ganze Weile mit einem kleinen Bagger im Sand graben. Hier mal ein paar kleine Eindrücke vom Museum:

Als wir dort alles gesehen hatten, war es auch schon wieder Abend und wir fuhren zurück nach Tartu. Am Montag nahm ich Laura und Christoph mit ins Archiv, wo sie meine Bürokollegen kennenlernten. Edith gab den beiden dann auch noch eine Führung, an der ich auch teilnahm, danach ging es für mich ganz normal an die Arbeit, während Laura und Christoph nach Taevaskoja zu den „Himmelshallen“ fuhren und auch noch einen Ort am Ufer des Peipsi Järv ansteuerten. Der Peipsi ist der größte See des Landes und der fünftgrößte in Europa, er ist etwa sieben Mal so groß wie der Bodensee. Etwas weniger als die Hälfte des Sees gehört zu Estland, der Rest zu Russland, es ist also ein Grenzsee, und in den am Ufer gelegenen Orten leben auch auf estnischer Seite sehr viele Russen. Das ist dann ein etwas anderes Estland-Gefühl, aber es ist interessant zu sehen und gehört eben auch einfach zu diesem Land dazu, auch wenn viele Esten auf die russische Minderheit nicht gut zu sprechen sind. Der durch Tartu fließende Fluss Emajõgi verbindet übrigens die beiden größten Seen des Landes miteinander, und im Sommer kann man wohl auch mit einem Schiff direkt von hier zu der im Peipsi Järv gelegenen, bewohnten Insel Piirissaar (Grenzinsel) fahren.

Heute Morgen sind Laura und Christoph Richtung Tallinn gefahren, von wo sie morgen früh wieder zurück nach Deutschland fliegen. Es waren vier sehr schöne Tage mit den beiden und ich glaube, es hat Christoph hier sehr gut gefallen, er war ja zum ersten Mal hier. Aber ich kenne auch keinen Menschen, dem es in Estland nicht gefällt – wie auch? Wer noch mehr Beweise dafür braucht, dass man es hier einfach nur toll finden kann, muss sich noch bis morgen oder übermorgen gedulden, dann lade ich noch ein paar weitere Bilder von unseren Ausflügen unter „Fotos aus Estland“ hoch. Jetzt bin ich gerade zu müde dafür und präsentiere euch deshalb nur noch den Song der vergangenen Woche. Ich wusste schon zu Anfang der Woche, dass ich einen Song von Bombay Bicycle Club aussuchen wollte, und entschieden habe ich mich letztendlich für „Dust on the Ground“, das sicher einige von euch kennen. Denn als ich sah, wie es für Laura war, wieder in Estland zu sein, fielen mir zwei Textzeilen aus diesem Song ein: „It’s that ancient love that you won’t outgrow“ und „there’s an itch so slight, even when you’re gone“. Das passt zu meiner Überzeugung, dass Estland irgendwas mit einem macht, wenn man hier ist, und dass es einen nie wieder loslässt. So geht es auch Stephan, den ich am Freitag endlich wiedersehe. Passend zum Herbst gibt es den Song in Akustik-Version mit einem sehr schönen Video:

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2 Gedanken zu “Von lebenden Statuen, einem ganz besonderen Haus, verschiedenen Gewässern, alten Straßen und vielem mehr

  1. Wusste ich doch, dass es Euch in Estland immer gut gefallen hat . . . – auch wenn es im Teenie-Alter als „irgendwie uncool“ kritisiert wurde.

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