Im Westen, Teil 1

Was nun folgt, wird vermutlich sehr lang, aber angesichts der Tatsache, dass ich so lange nichts mehr geschrieben habe, geht das, denke ich, in Ordnung. Es gibt auch, wie schon angekündigt, wirklich eine Menge zu erzählen, ich war in der letzen Zeit nämlich ziemlich viel unterwegs in diesem schönen Fleckchen Erde, das sich Estland nennt. Von diesen Ausflügen werde ich in zwei Teilen berichten, den ersten Teil gibt es heute, den zweiten spätestens übermorgen. Insgesamt sind während der letzten zehn Tagen an die 1000 Fotos entstanden, sich bei der Menge für die blogwürdigsten Fotos zu entscheiden, war nicht leicht. Ich werde in der nächsten Zeit dann mal mein Versprechen von vor einigen Wochen einlösen und neue Bilder unter „Fotos aus Estland“ hochladen.

Zuletzt berichtete ich ja über den Besuch von Laura und Christoph. Ein paar Tage nach ihrer Abreise stand schon der nächste Besuch an: Stephan back in Estonia! Dass wir uns beide sehr gefreut haben, brauche ich wohl niemandem extra zu sagen. Leider nahm der Busfahrer am Tallinner Flughafen ihn wegen Überfüllung nicht mehr in dem Bus mit, den er eigentlich hatte nehmen wollen, aber beim Warten auf den nächsten Bus lernte er ein nettes, junges, tschechisch-estnisches Ehepaar kennen, das schon in seinem Flugzeug aus Prag gesessen hatte. Am Tartuer Busbahnhof traf ich die beiden dann auch noch. Die Eltern der Frau leben, wie sie erzählte, in Elva, in einem der typischen Holzhäuser zwischen Bäumen (siehe „Forever young …“) , weshalb wir natürlich ziemlich neidisch waren.  Ihr tschechischer Mann warnte mich vor dem estnischen Winter, in diesem herrsche „the craziest weather I`ve ever seen in my life“. Ich bin mal gespannt, ob ich diese Aussage werde nachvollziehen können. Lauras Erzählungen vom Prager Winter (hier nachzulesen) klangen auch schon teilweise ziemlich abenteuerlich, also was kann wohl ein Tscheche meinen, wenn er von „crazy weather“ im Winter spricht? Richtiges „crazy weather“ habe ich selbst bisher nur in Island erlebt, also warten wir mal ab, was passiert.

Den Samstag haben wir dann mit etwas Shoppen verbummelt. Am Sonntag fuhren wir nochmal nach Pärnu. Das war schon das dritte Mal dieses Jahr, dass ich dort hinfuhr, aber ich bin einfach gerne dort, und Stephan liebt den Pärnuer Strand, an dem wir dann im Wind spazieren gingen.

Am Montag musste ich ganz normal arbeiten. Am Dienstag auch, allerdings war das trotzdem kein normaler Tag, denn ich hatte Geburtstag. An die Zahl 22 muss ich mich erst noch gewöhnen, aber mein Geburtstag war richtig schön. Direkt morgens bekam ich Geschenke. Von Merit bekam ich eine Tasse mit dem typischen Trachtenmuster der Insel Kihnu, aus der mein Apfel-Zimt-Tee gerade besonders gut schmeckt. In Estland hat jede Gegend ihr eigenes typisches Muster und dazu gibt es diese wunderschönen Tassen, von denen ich schon immer eine haben wollte. Außerdem hatte Merit mir ein ganz tolles Kuchenkrokodil gebacken und ein estnisches Kinderbuch von den Mumins gekauft, zum Estnischlernen. Von Stephan bekam ich ein Hörbuch, zu seinem Hauptgeschenk später mehr. Außerdem hatte meine Freundin Lisa ihm eine CD ihrer Band misou für mich mitgegeben, die nicht nur sehr schöne Musik, sondern auch ein aufwendiges, selbstgenähtes Artwork zu bieten hat. Svenja hatte mir eine singende Geburtstagskarte geschickt, die zwar musikalisch nicht mit misou mithalten kann, mich aber trotzdem gefreut hat. Laura und Christoph hatten mir ihr Geschenk bei ihrem Besuch hier gelassen und jetzt durfte ich es endlich auspacken, es enthielt eine Stiftemappe und eine kleine Kosmetiktasche mit Krokodilen drauf (wer es noch nicht weiß, ahnt es: ja, ich mag Krokodile!). Im nächsten Semester werden vielleicht einige meiner Kommilitonen meine Bananen-Stiftemappe vermissen, aber die Krokodile sind auch sehr sympathisch. ;) Im Archiv ging es dann gleich weiter mit Geburtstagsglückwünschen und -geschenken. Wie ich später herausfand, hatte Merit nämlich am Montag Abend Kalev angerufen und ihm gesteckt, dass mein Geburtstag anstand, da ich nicht auf der Geburtstagsliste stand, die immer im ersten Stock hängt. So bekam ich von den Kollegen aus meinem Stockwerk Blumen, Schokolade, Pralinen und sogar selbstgemachte Erdbeermarmelade und von der Mutter einer Kollegin gepflückte Preiselbeeren. Während ich arbeitete, machte sich auch Stephan nochmal ans Werk, so dass ich in der Mittagspause noch einen Kuchen bekam, den zweiten komplett alleine gebackenen Kuchen in Stephans Leben, mit 22 Kerzen drauf. Und ja, er hat Backtalent, der Kuchen war – genau wie das Krokodil – sehr lecker. Abends gab es dann noch von Stephan gekochtes Risotto, ebenfalls sehr gut. Das Geburtstagspaket, das mir meine Eltern und meine Oma geschickt hatten, musste ich selbst bei der Post abholen, es enthielt zum Großteil noch mehr Süßigkeiten (wer soll das alles essen?), unter anderem Lakritz, was ich hier vermisse, da es das in Estland irgendwie nur mit Schokolade und anderen gruseligen Kombinationen gibt. Die Geburtstagskarte meiner Eltern kam leider erst heute an, aber auch sie kann singen, so dass ich eine Woche verspätet nochmal in den „Genuss“ eines Ständchens kam. An dieser Stelle vielen Dank an alle, die an meinem Geburtstag an mich gedacht haben! Übrigens bekam ich auch pünktlich zum Geburtstag endlich mein erstes Geld von Erasmus. Und meine ID-Karte habe ich inzwischen ebenfalls abgeholt, darauf bin ich natürlich stolz wie Oskar. ;)

Tja, dann war der Geburtstag auch schon wieder vorbei. Das Gute an meinem Geburtstag ist ja eigentlich, dass der Tag der Deutschen Einheit und damit ein freier Tag darauf folgt – aber natürlich nur, wenn man in Deutschland ist. Hier hatte ich nichts vom Feiertag, aber dafür hatte ich ja am 20. August frei. Und ich nahm mir den Donnerstag und den Freitag frei, um Zeit für das schon erwähnte Hauptgeschenk von Stephan zu haben. Er hatte ein Auto gemietet und damit ging es am Freitag und Samstag auf große Fahrt durch den Westen Estlands. Am Freitag standen wir um 5 Uhr morgens auf und fuhren nach Rohuküla. Wer des Estnischen ein bisschen mächtig ist, weiß, dass „küla“ Dorf bedeutet. Warum steht man so früh auf, um in ein kleines Dorf zu fahren? Handelt es sich hier etwa um den irreführenden Namen einer Großstadt, vergleichbar mit Düsseldorf? Nein. Aber in Rohuküla befindet sich der Hafen, von dem aus die Fähren nach Hiiumaa, der zweitgrößten Insel Estlands, losfahren. Und diese Insel war unser eigentliches Ziel. Im Gegensatz zur größten Insel des Landes, Saaremaa, habe ich Hiiumaa noch nie zuvor besucht, so war es für uns beide etwas ganz Neues. Um die Fähre um 11 Uhr zu erwischen, mussten wir früh los, denn bis an die Westküste braucht man einige Stunden. Irgendwie ist Estland ja doch größer, als man denkt. Wir fuhren also im Dunkeln los und kaum wurde es hell, fing es an, wie aus Eimern zu schütten, dazu war es sehr windig. Unsere Angst vor einer wackligen Überfahrt war aber unberechtigt, die Schifffahrt verlief sehr ruhig.

Etwa 90 Minuten braucht die Fähre von Rohuküla bis zum Hafen Heltermaa auf Hiiumaa. Von dort fuhren wir erstmal nach Kärdla. Kärdla hat etwa 3700 Einwohner und ist damit der größte Ort der Insel. Überhaupt ist Hiiumaa sehr dünn besiedelt, und Kärdla als Stadt zu bezeichnen, kommt einem selbst für estnische Verhältnisse übertrieben vor. Aber man fährt ja auch schließlich nicht für eine Stadt- oder gar Shoppingtour nach Hiiumaa, sondern für die Natur, in der Kärdla nicht viel mehr als eine winzige Unterbrechung bedeutet. Und kaum hatten wir diese hinter uns gelassen, wurde das Wetter deutlich besser. Schon kurz hinter Kärdla findet man eine der Hauptsehenswürdigkeiten von Hiiumaa, eine Ansammlung großer Findlinge im Wald.

Die Findlingsansammlung ist nach einem Mann benannt, dessen Familie mir im Archiv fast täglich begegnet: Gregor von Helmersen, ein Baltendeutscher, der die Steine untersucht hat. Allerdings lebte er etwa 200 Jahre später als die Mitglieder seiner Familie, mit denen ich zu tun habe.

Hiiumaa ist fast vollständig von solchen schönen Wäldern bedeckt, die während der Autofahrt meistens den Blick aufs Meer versperren. Aber zum Glück herrscht so gut wie gar kein Verkehr, so dass man eigentlich überall einfach anhalten und zum Meer gehen kann.

Direkt am Meer hatten sogar die Möwen mit dem starken Wind zu kämpfen

Da das mit unserem Mietvertrag möglich war, bin ich sogar auch mal gefahren. Wie die meisten von euch wissen, fahre ich nicht gerade gerne Auto, aber auf Hiiumaa war das echt entspannt. Zwar musste ich mich an den ausgeleierten Automatik-Volvo erst gewöhnen, aber man kann dort einfach schön bei 70 bis 90 km/h dahinrollen, und hat jede Menge Platz, da nur extrem selten jemand entgegen kommt. Wir fuhren dann auf die ganz im Westen Hiiumaas gelegene Halbinsel Kõpu, auf der es zwei schöne Leuchttürme zu sehen gibt, auf die man jetzt in der Nebensaison aber leider nicht drauf konnte.

Der älteste Leuchtturm des Ostseeraumes steht auf dem höchsten Punkt der Insel (ganze 68 Meter)
Noch weiter westlich, am äußersten Zipfel von Kõpu, steht dieser Leuchtturm

Auf dem Weg zurück von der Halbinsel kamen wir zu einem wunderschönen Strand, der auch bei Surfern beliebt ist:

Kleiner Beweis dafür, dass an diesem Tag, der so grau anfing, noch die Sonne rauskam

Und hier ein Beweis dafür, dass ich immer fleißig für den Blog geknipst habe ;)

An einer anderen Stelle stießen wir auf eine sehr schöne Ferienanlage an einem kleinen Hafen, wo es unter anderem dieses Schiff zu sehen gab:

Beim Rumfahren waren wir zufällig auf das Hinweisschild zu unserem Hostel gestoßen. Anscheinend war in dem Hostel kein Zimmer mehr frei, so dass man uns schon im Vorhinein ein kleines Häuschen angeboten hatte. Und das zum Preis von 35 Euro für zwei Personen, da sagten wir nicht nein. Und das Häuschen war super. Sollte jemand von euch mal nach Hiiumaa fahren, Sireli Hostel kann ich nur empfehlen. Wir waren richtig traurig, dass wir nur für eine Nacht dort bleiben konnten.

So sieht das Häuschen von außen aus
Ein Teil des Häuschens von innen
Blick aus dem Fenster im Wohn-/Schlafzimmer

Obwohl ich auch damit einverstanden gewesen wäre, den Rest des Tages einfach in diesem kleinen, gemütlichen Holzreich zu verbringen, lockte uns das gute Wetter nach draußen. Die Sonne schien, die Temperatur stieg auf 13 Grad – ein wunderschöner Herbsttag.

Weiter ging es auf den Straßen Hiiumaas
Okay, ich gebe zu, ein bisschen regnete es zwischendurch auch noch.
Das Museum des Ortes Sõru unter geradezu dramatischem Himmel
Sõru Rock City! (Schon das Wort „city“ ist alles andere als passend, von Rock’n’Roll war allerdings mal so gar nichts zu spüren – aber wer weiß, was hier im Sommer los ist?)

Wir beendeten den Tag mit einem Ausflug auf die kleine Insel Kassari, die über zwei befahrbare Dämme mit Hiiumaa verbunden ist. Die Bucht, die zwischen den beiden Inseln liegt, ist ein Vogelschutzgebiet, und so begegnete uns erstmal eine Menge Federvieh:

Auf Kassari kann man einen Spaziergang an die äußerste Spitze der Insel (Sääretirp) unternehmen, dort läuft man sozusagen in das offene Meer hinein, was im Licht des frühen Abends besonders toll war.

Sogar ein umgedrehtes Herz war am Himmel zu sehen
Als ich dieses Bild machte, war nur wenige Schritte hinter mir Schluss mit Land, wir waren an der äußersten Spitze von Kassari angekommen
Geschafft!
Ebenfalls geschafft! (Es war sehr windig und ich hatte etwas Angst um meine Kamera)

Wir hatten Glück, dass es während der kleinen Wanderung nicht regnete. Eigentlich hatten wir zum Abschluss des Tages noch ein Essen in dem Restaurant „Rannapaargu“ bei Kärdla eingeplant, das meine Eltern empfohlen hatten, aber dann fanden wir es doch gemütlicher, uns in unserem Häuschen selbst was zu kochen.

Am nächsten Morgen hieß es wieder früh aufstehen, denn wir wollten die Fähre zum Festland um 08:30 Uhr erwischen, um uns noch die Stadt Haapsalu auf dem Festland anzuschauen, wovon ich dann in Teil 2 berichten werde. Auf der Überfahrt hatten wir dieses Mal wunderschönes Wetter, so dass wir die meiste Zeit an Deck verbrachten und Fotos machten.

Nicht ganz geglückt, aber fällt ja kaum auf bei dem ganzen Wasser

Und dann waren wir wieder auf dem Festland von Estland, und zwar in Westland (so die Übersetzung des Namens des dortigen Landkreises Läänemaa).

Und wie lautet jetzt mein Hiiumaa-Fazit? Wunderschön und definitiv eine Reise wert!  Wenig Menschen (jedenfalls jetzt im Herbst), viel Natur und noch viel mehr Meer. Hiiumaa bietet zwar wie ganz Estland hauptsächlich scheinbar endlose Wälder, aber es ist trotzdem irgendwie etwas anderes. Ich muss sagen, dass ich mich teilweise sogar ein bisschen an Island erinnert gefühlt habe, obwohl man dort von Wäldern oder auch nur einzelnen Bäumen natürlich nur träumen kann. Vielleicht lag es an dem Schaf, das uns an einer Stelle fast vors Auto gelaufen wäre. Oder an dem kaum als solchen zu bezeichnenden Verkehr, an der nahezu vollständigen Abwesenheit von Menschen in vielen Gegenden, an den teilweise auf raue Weise schönen Küstenabschnitten, an den Leuchttürmen und den kleinen Häfen mit Anglern und hübschen Schiffen. Oder ganz einfach an dem Wetter, das wir bei unserem Ausflug erlebten, das fast genauso unberechenbar war wie der isländische Sommer. Bei der Rückfahrt mit der Fähre musste ich an die Überfahrt von Stykkishólmur nach Brjánslækur in den isländischen Westfjorden denken, bei der wir damals auch tolles Wetter hatten und an kleinen Inseln vorbeischipperten (Papa, du erinnerst dich bestimmt). Aber auch unabhängig von diesen Erinnerungen hat Hiiumaa mich wirklich beeindruckt und es gehört jetzt zu einem der vielen Orte, über den Stephan und ich sagen: „Da fahren wir irgendwann nochmal im Sommer hin!“ Versprochen. Allerdings ist Estland im Herbst auch ziemlich reizvoll, wie ich finde.

Und das war Teil 1 des bebilderten Berichts über unsere West-Tour, an dessen Schluss ich jetzt noch den Song der letzten Woche setze. Es gab für mich keinen Zweifel, welchen Song ich nehmen würde, es konnte nur „Ceremony“ von New Order werden, weil … weil er einfach passt zu dieser tollen, tollen Woche, und weil ich auf diese Weise mal wieder einen Eintrag mit einer Textzeile beenden kann: „World will travel oh so quickly, travel first and lean towards this time.“


3 Gedanken zu “Im Westen, Teil 1

  1. Du warst doch schon mal auf Hiiumaa! 1999 hatten wir nämlich in der letzten Woche unseres Estland-Aufenthaltes ein Haus bei Haapsalu gemietet. Leider endete unser Tagesausflug nach Hiiumaa damals in einem Gewitter.

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