Im Westen, Teil 2 (plus Neues aus dem Süden)

Wie versprochen kommt hier Teil 2 des Berichts über den Ausflug nach West-Estland sowie über ein paar hier im Süden erlebte Dinge. Nachdem wir am Samstag Hiiumaa wieder verlassen hatten, fuhren wir in das vom Hafen Rohuküla nur wenige Kilometer entfernte Haapsalu. Die dreizehntgrößte Stadt des Landes (Stand 2006) wird oftmals als „Venedig Estlands“ bezeichnet, da sie auf einer Landzunge liegt und ihre Altstadt sich mitten im Meer zu befinden scheint. Auch wenn der Vergleich mit Venedig ziemlich übertrieben wirkt, ganz absurd ist es nicht, denn trotz ihrer Lage im Nordwesten ist in der Stadt an vielen Ecken südliches Flair zu spüren, so jedenfalls habe ich es empfunden. Auf dem Weg dorthin unterhielten wir uns an der Tankstelle kurz mit einem Ehepaar aus Heidelberg, wobei sich herausstellte, dass der Mann gebürtig aus Zuffenhausen stammt, also aus genau dem Stuttgarter Stadtteil, in dem ich vor dem Praktikum 1 1/2 Jahre gewohnt habe. Carmen, du hast Recht, die Schwaben sind überall! Vor ein paar Tagen sah ich auf einer Straße ganz in der Nähe unserer Wohnung übrigens ein Auto aus Stuttgart.

Aber zurück vom Süden Deutschlands zum Westen Estlands. Hauptattraktion in Haapsalu ist die riesige und ziemlich gut erhaltene Bischofsburganlage:

Dort gibt es auch einen tollen Spielplatz

Bei der Burgbesichtigung trafen wir auf eine Gruppe finnischer Männer im Bikerdress, die uns ansprachen und erzählten, sie seien am Abend zuvor in einem Pub von Einheimischen als „Wodka Tourists“ betitelt worden, was sie etwas zu verärgern schien, unserer Meinung nach aber nicht ganz abwegig war, wirkten sie doch alle nicht hundertprozentig nüchtern. Von daher schien es etwas unpassend, als sie erzählten, dass sie zu Ostern eine Reise nach Berlin planen und von uns wissen wollten, ob die dortige Museumsinsel über die Feiertage geöffnet habe. Den VfB Stuttgart schienen sie auch zu kennen, jedenfalls brüllten sie uns irgendetwas diesbezügliches hinterher.

Auch die kleine Altstadt von Haapsalu ist sehenswert, es gibt viele schöne, bunte Häuser und kleine Gassen. In einer von ihnen kamen wir auch an der Kinderabteilung der Zentralbibliothek des Landkreises Läänemaa vorbei. Kurz dahinter ist man schon am Meer. Die Sonne schien und der Wind hielt sich in Grenzen, so dass wir eine Weile den Blick genossen.

Dort in einem solchen Haus mit Meerblick zu leben, muss ziemlich traumhaft sein

Geht man von dort wieder in Richtung Altstadt zurück und noch ein bisschen weiter, ist man ganz schnell wieder am Wasser.

Sogar einen Eisbären gibt es dort. Hier hat er gerade Besuch von einer Möwe
Scheint ein echter Vogelschwarm zu sein, der Eisbär

Auf dem Weg zurück zum Auto liefen wir zufällig Kalev über den Weg, der aus der Nähe von Haapsalu stammt und fast jedes Wochenende dorthin fährt. Das raudteemuuseum (Eisenbahnmuseum) von Haapsalu schauten wir uns nicht mehr an, da wir ja noch die Fahrt nach Tartu vor uns hatten und noch einmal nach Pärnu fahren wollten, um dort in einen Laden zu gehen, der irgendwie immer zu hatte, wenn wir sonst dort waren. Das ist so ein kleiner Deko-Krimskrams-Laden, der von außen irgendwie echt toll aussah. Von innen war er dann allerdings eher enttäuschend, so dass wir West-Estland ohne Krimskram, dafür aber mit vielen neuen Eindrücken und einem Haufen Fotos verließen.

Da wir das Auto noch bis Sonntag Abend gemietet hatten, unternahmen wir an diesem Tag noch einen kleinen Ausflug in der näheren Umgebung. Und zwar fuhren wir in den Karula-Nationalpark, den kleinsten Nationalpark Estlands, der aber, wenn man dort ist, trotzdem ziemlich groß wirkt.

Dort gibt es einen See, in dem ich schon als Kind gerne geschwommen bin
Und man kann lernen, wie die Eier verschiedener Vogelarten aussehen
Eine kleine Tanzfläche mitten im Wald

Sieht doch glatt noch sommerlich aus

In dem Nationalpark gibt es auch zwei Aussichtstürme, von denen wir einen erklommen. Auf der Fahrt dorthin lief uns sogar ein Fuchs über den Weg, von dem ich aber fast nur noch die Ohren vor die Linse bekam:

Von dem Turm hat man eine gute Aussicht über das hauptsächlich bewaldete Gebiet des Nationalparks.

Eigentlich wollten wir noch auf den anderen Turm, aber der Weg dorthin war total matschig, und so entschlossen wir uns, wieder nach Hause zu fahren, was sich auch als gute Idee herausstellte, da es kurze Zeit später ziemlich stark zu hageln begann. Das Wetter ist also auch im Süden unberechenbar.

Tja, und dann waren sie auch schon rum, die zehn Tage mit Stephan. Am Montag Morgen brach er nach Tallinn auf, um von dort aus wieder zurück nach Stuttgart zu fliegen. Jetzt sehen wir uns bis Weihnachten nicht mehr, aber dann fliege ich für 9 Tage nach Deutschland. Darauf freue ich mich trotz der Schönheit meiner vorübergehenden Wahlheimat schon sehr.

Heute Morgen fiel mir noch ein, dass ich bisher gar nichts von unserem Wanderausflug mit unserem Chef und einigen Kollegen vom Archiv erzählt habe. Deshalb wird das jetzt nachgeholt. Heute vor zwei Wochen brachen wir morgens zur gewöhnlichen Arbeitsanfangszeit auf. Wir waren zu neunt, neben Indrek, dem Archivdirektor, waren auch Kalev, Edith, drei Kollegen aus Merits Abteilung und Tõnis (einer von meinen vielen Chefs, der, den ich in meiner zweiten oder dritten Praktikumswoche in kurzer Hose und Badelatschen kennenlernte) mit von der Partie. Mit dem Archiv-Minibus ging es raus aus Tartu, in das etwa 30 Autominuten entfernte Alam-Pedja-Naturschutzgebiet.

Indrek hatte vorher eine Rundmail verschickt, in der stand, wir sollten auf jeden Fall Gummistiefel tragen, da andere Schuhe nasse Füße garantieren würden. Edith hatte mir netterweise ein Paar ausgeliehen, die sich dann leider jedoch als nicht wirklich wasserdicht herausstellten, aber das tat meiner guten Stimmung bei der Wanderung keinen Abbruch. Etwa zwei Stunden lang wanderten wir mitten durch den Wald, nicht auf befestigten Wegen, sondern über sehr feuchten Boden. Jeder Schritt bedeutete ein kleines Abenteuer, denn man konnte nie wissen, wie tief man im nächsten Moment einsinken würde. Ein paar Mal stand ich bis zu den Waden im Wasser und verlor beim Weitergehen fast meine Stiefel. Fast überall wuchsen Preisel- und Heidelbeeren. Und Pilze. Kalev hatte extra einen großen Rucksack, Tüten und ein Taschenmesser mitgenommen, um unterwegs Pilze sammeln zu können. Jaan, Merits Chef, nannte ihn den „mushroom hunter in action“. Es war wirklich witzig, wie Kalev, der knallgelbe Gummistiefel trug, alle paar Meter stehen blieb, um einen Pilz zu pflücken, und bald schallten „Kalev!“-Rufe von den anderen durch den Wald, wenn jemand einen besonders schönen Pilz entdeckt hatte. Auch Indrek blieb zwischendurch immer wieder stehen, um etwas zu erklären, meistens sogar extra für mich auf Englisch. Man hat gemerkt, dass er sich in dem Gebiet sehr gut auskennt, er wusste sogar, an welchen Stellen früher mal ein Haus gestanden hatte. Die Gegend dort ist quasi sein zweites Zuhause, mitten im Wald standen wir plötzlich vor einem kleinen Holzhaus, das er gerade ausbaut, natürlich mit Sauna. Edith hatte also nicht übertrieben, als sie Indrek mir gegenüber als „nature guy“ bezeichnete.

Indreks Waldhaus

Neben dem Haus ist eine kleine Feuerstelle, an der wir dann ein Picknick machten. In der Mail hatte gestanden, dass jeder sich etwas zu essen mitnehmen sollte, weshalb Merit und ich uns morgens noch ein paar Brote geschmiert hatten – was sich als vollkommen unnötig erwies, denn die anderen hatten genug für ein Festmahl dabei. Es gab jede Menge Brot, Wurst, Kuchen, Obst, selbstgemachte Marmelade und einiges mehr, eine Kollegin von Merit hatte sogar selbstgemachten Apfelwein dabei. Indrek kochte Kaffee über dem offenen Feuer und so saßen wir eine ganze Weile gemütlich zusammen.

Echter estnischer Waldkaffee oder „Estonian Espresso“, wie Indrek ihn nannte

Schließlich nahmen wir einen etwas kürzeren, aber nicht weniger abenteuerlichen Weg zurück zum Bus.

So „zivilisierte“ Wege wie diesen nahmen wir nicht
Blick von einem kleinen Aussichtsturm

Mit dem Bus ging es wieder zum Archiv, doch obwohl es dann erst 15 Uhr war, durften Merit und ich schon nach Hause gehen.

Am Tag danach war im Archiv übrigens Feueralarmübung. Das bedeutete aber nicht, dass es bimmelt und alle so schnell wie möglich rausmüssen, nein, die Esten sind da gründlicher. Zuerst gab es einen fast zweistündigen Vortrag von einem Feuerwehrmann über die Gefahren eines Brandes und die verschiedenen Feuerlöschertypen. Ich verstand natürlich nicht allzu viel von dem, was gesagt wurde, aber auf den Power-Point-Folien doch immerhin ein bisschen, und Merit übersetzte auch einiges für mich. Allerdings hatte der Feuerwehrmann eine etwas komische Aussprache im Estnischen, die es auch für Esten schwermachte, alles zu verstehen, wie Indrek mir in einer Pause sagte. Jedenfalls habe ich wieder ein tolles estnisches Wort gelernt: süsihappegaaskustuti – Kohlendioxidlöscher. Nach dem Vortrag gab es dann noch die obligatorische Evakuierungsübung, die ziemlich chaotisch verlief, vor allem mein Stockwerk tat sich nicht gerade hervor. Letzter Programmpunkt war eine praktische Feuerlöschübung im Hinterhof des Archivs, ich nahm selbst allerdings keinen Löscher in die Hand.

Das war alles, was ich zu erzählen hatte über die letzten Tage und Wochen. Mehr Fotos gibt es bald, ich hoffe, dass ich es noch diese Woche schaffe, welche hochzuladen.


3 Gedanken zu “Im Westen, Teil 2 (plus Neues aus dem Süden)

  1. Bis zu deinen fantastischen Berichten und den herrlichen Fotos aus dem Westen Estlands habe ich eigentlich nie bedauert, schon so alt zu sein. Jetzt aber wünschte ich mir jung zu sein, um dir in dieses Traumland nachzureisen. Ama

    1. Ich denke hier auch ganz oft an dich, weil es viele Orte gibt, die dir sicher sehr gefallen würden, am Meer bist du ja sowieso immer gerne. Ich werde weiterhin so viele Fotos machen, damit du alles sehen und in Gedanken dabei sein kannst!

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