Musik, Filme, Museen, Sprachen und mehr

Es ist mal wieder Sonntag, und wie jeden Sonntag frage ich mich, wo eigentlich das Wochenende schon wieder hin ist. Wochenenden vergehen viel zu schnell, vor allem, wenn man nichts Besonderes unternimmt.

Eigentlich hatten Merit und ich geplant, uns an diesem Samstag mal dazu aufzuraffen, früh aufzustehen und den Bus nach Riga zu nehmen. Der fährt um 06:20 Uhr am Tartuer Busbahnhof ab und ist zur Zeit wohl die einzige Möglichkeit, in die Hauptstadt Lettlands und gleichzeitig die größte Stadt des gesamten Baltikums zu kommen. Abgesehen von der Zugverbindung über die Grenzstadt Valga, mit der man aber erst am Nachmittag in Riga ankommt. Da man für die Fahrt zurück auch noch einmal etwa vier Stunden einplanen muss, würde es sich damit gar nicht lohnen, überhaupt loszufahren. Wir hatten uns schon mit dem Gedanken angefreundet, gegen 04:30 Uhr aufzustehen und abends erst gegen 23 Uhr wieder in Tartu anzukommen, aber als wir dann am Freitag unsere Bustickets kaufen wollten, mussten wir erfahren, dass der Bus schon ausgebucht war. Die Frau am Ticketschalter bot uns zwar noch Plätze in dem Bus an, der um 03:20 Uhr fährt, aber das war uns dann doch zu früh. Diese Busse werden wohl hauptsächtlich von Leuten genutzt, die zum Rigaer Flughafen müssen, und die müssen oft eben schon früh dort sein, um ihren Flug zu erreichen.

Tja, aus unserem Plan wurde also nichts. Ich war zwar früher fast jedes Jahr mal für einen Tagesausflug in Riga, aber diese Stadt ist immer wieder einen Besuch wert, und Merit war noch gar nicht dort. Wir haben diesen Ausflug jetzt für den Samstag in zwei Wochen eingeplant, weil wir nächste Woche Samstag keine Zeit haben und auch nicht sonntags fahren wollen, da es blöd wäre, vor einem Arbeitstag so spät nach Hause zu kommen. So verging der Samstag ohne irgendetwas Erzählenswertes.

Das gilt allerdings nicht für diese gesamte Woche. Am Mittwoch Abend fand im „Genialistide Klubi“ ein Erasmus-Event statt, und zwar ein als „Jam Session“ betiteltes Konzert von einigen Bands, die zum Großteil aus Erasmus-Studenten bestanden. Ich wollte schon immer mal in diesen Club, da ich viel Gutes darüber gelesen hatte, und so gingen wir hin. Dieser Club befindet sich hinter dem Uus Teater (Neues Theater), gegenüber vom Eingang in den botanischen Garten. Es gibt dort nicht nur die zum Konzertraum umfunktionierte Sporthalle, in der das Ganze stattfand, sondern auch noch eine Bar und anscheinend ein komplettes Kulturzentrum, das laut dem alle wichtigen Infos über die Stadt enthaltenden Heft „Tartu in your pocket“ unter anderem über eine „open library“ verfügen soll, was auch immer das genau bedeuten soll. Am Mittwoch Abend bekamen wir allerdings nur den Konzertraum, die Bar und das Treppenhaus zu Gesicht. Es war ziemlich voll, anscheinend hatten sich so gut wie alle Erasmus-Studenten dazu entschieden, dorthin zu gehen. Man hat den Bands angemerkt, dass sie erst seit Kurzem zusammen spielen, da die Mitglieder sich ja alle erst hier, also vor etwa zwei Monaten, kennengelernt haben, aber die meisten von ihnen waren trotzdem nicht schlecht. Merit traf noch zufällig die Tochter der Familie, bei der sie gewohnt hat, als sie vor etwa drei Jahren in der Nähe von Tallinn zur Schule gegangen ist. Als wir gehen wollten, mussten wir erst noch ziemlich lange nach Merits Jacke suchen, denn eine Garderobe gibt es im „Gen“ nicht, man hängt seine Jacke einfach irgendwohin. Wenn man dann eine graue, schwarze oder braune Jacke dabei hat, kann es ziemlich schwer werden, sie wiederzufinden. Irgendwann tauchte Merits Jacke dann aber doch noch auf, allerdings nicht da, wo sie sie aufgehängt hatte. Auf dem Weg nach Hause gingen wir auch über die Rüütli (Ritterstraße), die Bar- und Clubmeile der Stadt, auf der in dieser Nacht mehrere größere Gruppen von Esten rumstanden, man hörte niemanden Englisch sprechen, anscheinend befanden sich wirklich alle internationalen Studenten bei diesem Konzert.

Am nächsten Tag, dem Donnerstag, gingen Merit und ich nach der Arbeit in das Kino, das sich im obersten Stockwerk des neben dem Busbahnhof gelegenen Einkaufszentrums „tasku“ (Tasche) befindet, um die letzte Gelegenheit zu nutzen, den estnischen Film „Seenelkäik“, der momentan in aller Munde ist, mit englischen Untertiteln zu sehen. „Seenelkäik“ könnte man mit „Pilzgang“ übersetzen, auf Englisch hatte man dem Film den Titel „Mushrooming“ gegeben. Es geht darin um den Politiker Aadu, der mit seiner Frau Viivi – typisch estnisch – einen Ausflug in den Wald unternimmt, um Pilze zu sammeln. Während der Autofahrt gabeln sie dabei den Rockmusiker Zäk auf, der eigentlich nur eine Mitfahrgelegenheit nach Tallinn sucht, aber im Auto warten will, während Aadu und Viivi nach Pilzen suchen. Aadu ist davon zwar wenig begeistert, aber schließlich geht er mit Viivi los. Es stellt sich heraus, dass Aadu eine Urlaubsreise nach Peru auf seine Reisekostenabrechnung gesetzt hat, was ein Journalist vom „Eesti Päevaleht“ (Estnisches Tagblatt) herausgefunden hat, so dass nun ein Skandal bevorsteht. Als Aadu und Viivi sich im Wald verlaufen, ohne einen einzigen Pilz gefunden zu haben, und der Akku ihres Handys den Geist aufgibt, werden sie irgendwann von Zäk gefunden, der seinerseits von einem seltsamen Dicken verfolgt wird, der ihm aber eigentlich gar nichts tun, sondern nur möglichst viel darüber herausfinden will, wie es beim Fernsehen so zugeht. Die Medien machen natürlich eine Riesensache aus der Geschichte des verschwundenen Politikers, Aadus Parteigenossen verzweifeln, keiner weiß, wo er ist, da er, bevor der Akku leer war, nur mitgeteilt hatte, „irgendwo im Wald“zu sein, was in Estland natürlich eine Ortsangabe ist, wie sie unpräziser nicht sein könnte. Was danach passiert, verrate ich mal nicht, vielleicht will ja irgendjemand den Film noch sehen. Ich würde ihn auch gerne für den Filmrausch (unser Hochschulkino) vorschlagen, aber ich hab keine Ahnung, ob man ihn später auch in einer Version mit Untertiteln bekommen kann. Er hat mir jedenfalls gut gefallen, er ist skurril und ironisch, ein bisschen wie ein Kaurismäki-Film, mit herrlichen Persönlichkeiten. Und dazu bietet er schöne Bilder vom estnischen Wald und von Tallinn. Der Trailer vermittelt leider nur einen kleinen Eindruck, aber immerhin. Es würde mich nicht wundern, wenn du, Papa, erkennen könntest, wo sich die Tankstelle befindet, die kurz zu sehen ist. ;-)

Im Moment läuft noch ein anderer estnischer Film, über den viel gesprochen wird und den ich gerne sehen würde, „Eestlanna Pariisis“ („Eine Estin in Paris“). Darin wird zum Teil Estnisch und zum Teil Französisch gesprochen, für die französischen Szenen gibt es estnische Untertitel. Leider verstehe ich bei gesprochenem Französisch in Filmen meist nur die Hälfte und auf Estnisch noch viel weniger, und diesen Film scheint man nicht mit englischen Untertiteln zu zeigen, so dass ich ihn mir wahrscheinlich nicht werde angucken können. Ich müsste einfach noch so viel Estnisch lernen, dass ich zumindest den Großteil verstehen könnte. Gestern habe ich nach langer Zeit auch mal wieder mein Estnisch-Lehrbuch aufgeschlagen, ich wünschte, ich könnte die Disziplin aufbringen, zumindest jedes Wochenende ein paar Seiten darin durchzuarbeiten …

Aus dem Archiv gibt es auch mal wieder etwas zu erzählen. Am Mittwoch habe ich mit der schon angesprochenen Übersetzungsarbeit angefangen. Mein erster „Auftrag“ war ein Text über die wichtigsten Regeln für die Archivbenutzung, es ging um das Bestellen von Dokumenten in den Lesesaal und solche Dinge. Dabei ist mir mal wieder aufgefallen, wie schwierig es sein kann, etwas in seiner eigenen Muttersprache so auszudrücken, dass es nicht falsch verstanden werden kann. Zum Beispiel war in der englischen Version des Textes die Rede davon, dass man den Lesesaal nicht mit „outdoor clothes“ betreten darf. Dafür gibt es aber im Deutschen keine passende Übersetzung (oder jedenfalls habe ich keine gefunden). Spricht man von „Außenbekleidung“, könnte der Eindruck entstehen, dass man sich bis auf die Unterwäsche ausziehen muss, bevor man im Lesesaal forschen darf. Nur von „Jacke“ zu sprechen, ist aber auch nicht richtig, da man auch keine Mütze oder Handschuhe tragen sollte. Ich habe mich letztendlich für „Jacken und/oder andere Außenbekleidung“ entschieden, ganz zufrieden bin ich damit nicht, aber ich denke, es wird klar, was gemeint ist. Auch kann man in einem deutschen Text schlecht davon sprechen, dass der Benutzer irgendetwas „muss“, das klingt auf Deutsch irgendwie zu streng. Und ich musste aufpassen, dass ich nicht zu viele bibliothekarische/archivarische Fachbegriffe verwende (kann mir jemand ein für Laien verständliches Wort für „Stellvertreter“ im bibliothekarischen Sinne nennen?). Gar nicht so einfach, das Ganze. Merit hat sich dann für mich auch die estnische Version des Textes angeschaut, und so habe ich, glaube ich, eine ganz gute Übersetzung hinbekommen, die demnächst auf der Internetseite des Archivs zu finden sein wird. Allzu viele Deutsche kommen wahrscheinlich sowieso nicht ins Archiv, und wenn doch, sind sie hoffentlich so schlau, nachzufragen, wenn etwas unverständlich ist – falls sie sich den Text überhaupt durchlesen.

Vor ein paar Tagen hatten wir im Büro Babybesuch. Anne hatte ihren Enkel – zumindest glaube ich, dass es ihr Enkel ist – Matthias Hugo mitgebracht, also das Kind, von dem sie schon seit Wochen redet, und dessen zweiter Vorname von einem deutschen Vorfahren kommt, der irgendwo aus der Nähe von Stuttgart stammte. Der Kleine ist ein halbes Jahr alt und hat die ganze Zeit gestrahlt. Anne drückte ihn mir irgendwann einfach auf den Arm und meinte, dass ich ihm ein bisschen Deutsch beibringen soll. Das Wort „Hallo“ schien er jedenfalls schonmal zu mögen. Auch Kalev drehte ein paar Runden durchs Büro mit dem Baby auf dem Arm, immer darauf bedacht, dass es den Dokumenten nicht zu nahe kam. Außerdem hatte diese Woche mal wieder jemand Geburtstag, und zwar Liina, die auch auf meinem Stockwerk arbeitet. Sie hat sich große Mühe gegeben, mit mir Deutsch zu sprechen, und obwohl sie sagte, ihr Deutsch sei „ein bisschen eingeschlafen“, klappte das auch ziemlich gut. Kalev drückte mir bei der kleinen Feier einen fast bis zum Rand mit Rotwein gefüllten Plastikbecher in die Hand, und ich war zu höflich, um zu sagen, dass ich keinen Wein mag. Auf der Geburtstagsfeier von Birgit vor ein paar Wochen hatte ich noch den Eindruck, dass estnische Archivare im Dienst nicht trinken, da sie extra alkoholfreien Wein besorgt hatte, aber das stimmt wohl nicht ganz. Eigentlich dachte ich auch immer, dass Esten gar nicht gerne Wein trinken, aber auch das scheint nicht wirklich zuzutreffen.

Diese Woche gab es zudem eine kleine Exkursion in das nur wenige Meter vom Archiv entfernt liegende historische Museum der Uni Tartu. Die Archivmitarbeiter waren wohl von dem Museum eingeladen worden und wir bekamen neben freiem Eintritt sogar jeder eine Portion Fisch-Gemüse-Suppe mit Brötchen. In dem Museum befindet sich unter anderem ein Teil der früheren Unibibliothek, das sieht wirklich toll aus. Ich hatte leider meine Kamera nicht dabei, aber ich gehe bestimmt noch einmal dorthin. Der Bibliotheksteil soll bald auch vergrößert werden. Außerdem gibt es die „varakamber“ (Schatzkammer), in der sich unter anderem die älteste Uhr Estlands und auch einige Kopien von Dokumenten aus dem Archiv befinden. Zudem erfährt man viel über die verschiedenen Tartuer Studentenverbindungen und momentan gibt es eine Sonderausstellung zum Thema Fotografie. Es ist eins der vielen Museen, die ich mir auf jeden Fall noch genauer ansehen will, während ich hier bin, ich denke, die kalten und dunklen Wintertage werden dazu noch viel Gelegenheit bieten. Im Moment ist es draußen noch einigermaßen warm, allerdings kann man hier nicht von einer Rückkehr des Sommers sprechen, wie Deutschland sie anscheinend gerade erlebt. Aber die Heizung anmachen muss man auch hier noch nicht. Das ganze Wochenende war zwar ziemlich grau und nass, aber insgesamt gefällt der estnische Herbst mir bisher sehr gut, man kann sich echt nicht beklagen, die Sonne kommt sehr oft raus, und man sieht noch immer häufig Regenbögen.

Zum Schluss noch ein Foto vom morgendlichen Himmel, aufgenommen am Freitag gegen 8 Uhr.

Heute habe ich bei einem Spaziergang auch noch mehr herbstliche Bilder gemacht, von denen ich einige demnächst mal unter „Fotos aus Tartu“ hochladen werde.

Als Song der Woche habe ich mir dieses Mal einen Song ausgesucht, den ich zum ersten Mal gehört habe, als ich vierzehn oder fünfzehn war. Das ist also mindestens sieben Jahre her, aber ich mag den Song noch immer. Leider ist diese Band, die aus Ingolstadt kommt, nach wie vor sehr unbekannt. Sie heißt Lockjaw (nicht zu verwechseln mit einer gleichnamigen Metalband) und der Song trägt den Titel „When Red Light’s Calling“. 

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