Buntes Laub und weiße Dächer

Jetzt bin ich noch gar nicht dazu gekommen, die Herbstbilder hochzuladen, von denen ich letztes Mal schrieb, und schon steht die nächste Jahreszeit vor der Tür: der Winter! Während ich am sehr nebligen Sonntag Abend bei meinem Dämmerungsspaziergang in dünnem Pulli und Regenjacke noch ins Schwitzen kam, wurde es am nächsten Tag schlagartig deutlich kälter. Und heute fiel dann der erste Schnee. Erst war es nur Schneeregen, dann wurden richtige kleine Flocken draus. Viel ist davon zwar nicht liegengeblieben, aber immerhin sind die Dächer der Häuser puderzuckerweiß und durch mein Dachfenster kann man nicht mehr durchgucken.

Eigentlich finde ich das ja schön, aber es kommt doch ein bisschen zu früh. Das sage ich nicht, weil ich als Niederrheinerin einfach nicht an Oktoberschnee gewöhnt bin, sondern weil am Samstag etwas Besonderes ansteht: „Öörännak“. Das ist eine Art Nachtwanderung, bei der man in Teams von mindestens drei Personen durch einen Wald im Landkreis Võrumaa läuft und Rätsel und andere Aufgaben lösen muss. Merit hatte schon vor Wochen ein Werbeplakat dafür entdeckt und da die Internetseite spannend aussah, stellten wir mit Hilfe von Facebook ein Team zusammen und meldeten uns an. Da wussten wir natürlich nicht, dass es ausgerechnet an diesem Wochenende zum ersten Mal kalt werden und schneien würde. Dann hatten wir auch noch besonderes Pech und erwischten eine Startzeit gegen 1 Uhr nachts. Die Teams starten alle mit einem gewissen zeitlichen Abstand, das erste Team gegen 17:30 Uhr. Eigentlich ist 1 uns allen zu spät, aber da jeder von uns 25 Euro Teilnahmegebühr bezahlt hat, beißen wir wohl in den sauren Apfel und machen mit. Das bedeutet, dass ich mir morgen schon eine Winterjacke kaufen muss, was ich eigentlich noch hinauszögern wollte. Ich ärgere mich sehr, dass ich meine Winterjacke, die eigentlich wirklich gut und warm ist und dazu auch nicht schlecht aussieht, in Deutschland gelassen habe, aber aufgrund der Beschränkung auf 20 Kilo beim Fluggepäck musste alles, was schwer war, zu Hause bleiben. So wie ich mich kenne, finde ich nicht auf Anhieb was, es kann also noch stressig werden. Außerdem müssen ein Rucksack, eine Taschenlampe, Gummistiefel und richtig fette Socken her. Wir haben uns zwar schon für die kürzeste der drei angebotenen Strecken entschieden, aber das sind immer noch 25 Kilometer, so dass wir wirklich lange draußen in der Kälte unterwegs sein werden. Meine Mutter würde sagen: „So e Wahnsinn!“, und vielleicht hat sie das beim letzten Skype-Gespräch auch wirklich getan, ich erinnere mich nur nicht mehr. Zum Glück hat eine unserer Teamkameradinnen ein Auto, so dass wir wenigstens nicht noch dort übernachten müssen, das hätte pro Person zusätzliche 50 Euro gekostet. Ich bin mir zwar ziemlich sicher, dass ich schon beim Start hundemüde und durchgefroren sein werde, aber ich hoffe jetzt einfach mal, dass es sich lohnen wird. Wird jedenfalls ein gutes Training für zukünftige Nachtcaches mit meinen Stuttgarter Freunden. Wenn ich es nach dieser Aktion irgendwann wieder aus meinem Bett schaffe, werde ich berichten.

Gestern war ich mit ein paar Kollegen im Tallinner Stadtarchiv (Tallinna Linnaarhiiv). Dort wurden eine Ausstellung eröffnet und ein Buch präsentiert. Im Ajalooarhiiv-Minibus ging es gemeinsam mit Merit, Kalev, Tiiu, Anne und zwei anderen mittags los. Das Stadtarchiv befindet sich in einem schönen, alten Gebäude auf der Tolli tänav (Zollstraße) am Rande der Tallinner Altstadt. Innen hängen an den Wänden alte Bilder von der Stadt, dem Hafen und den ersten Straßenbahnen. Die Ausstellung war ziemlich klein, aber gut gemacht, es gab zu jeder wichtigen Epoche der estnischen Geschichte einen Schaukasten mit Erklärungen, von denen man die meisten auch auf Englisch lesen konnte. Dazu gab es in jedem Kasten jeweils eine Zeittafel mit wichtigen Ereignissen für ganz Estland und gesondert für Tallinn. Der letzte Schaukasten zeigte die Geschichte des Archivs. Es quetschten sich ziemlich viele Leute in dem kleinen Raum. Danach ging es in einen deutlich größeren Raum, in dem das Buch vorgestellt wurde, doch auch hier quetschten sich die Leute, da keiner den anderen die Sicht versperren wollte. Ich presste mich gegen einen Schrank und hatte das Gefühl, total im Weg zu stehen, aber bei meiner Größe wäre es auch keine gute Idee gewesen, wenn ausgerechnet ich mich weiter nach vorne begeben hätte. Bei dem Buch handelte es sich jedenfalls um eine Aufsatz- und Vortragssammlung über estnische Archive im europäischen Kontext, geschrieben auf Englisch und Deutsch. Einige Exemplare wurden dann an die Leute verteilt, die an der Entstehung mitgeholfen hatten, unter anderem an einen Finnen, der mit großer Mühe ein lustig klingendes Estnisch sprach. Man konnte das Buch auch für 10 Euro kaufen, aber da es in unserem Archiv auch ein Exemplar gibt, kann ich es mir ja dort kostenlos anschauen. Es gab dann auch noch Wein und ein bisschen was zu Essen, Merit und ich hielten uns aber extra von Kalev fern, da er ja dafür bekannt ist, einem große Weingläser in die Hand zu drücken. Wir blieben verschont, stattdessen organisierte er noch eine kleine Führung durch das Archiv, das sehr verwinkelt ist, ich glaube, alleine hätte ich mich hoffnungslos verlaufen. Das Stadtarchiv ist allgemein moderner als das Historische, es gibt überall die Rollregale, die in unserem Gebäude fast nirgendwo eingebaut werden dürfen. Der Archivar, der uns rumführte, erzählte allerdings, dass in einer Fernseh-Dokumentation einmal nur die Außenansicht des Stadtarchivs gezeigt wurde und man für Innenaufnahmen lieber auf den großen Aufbewahrungsraum des Ajalooarhiiv zurückgriff, in den ich gehe, um, wie Kalev es ausdrückt, „ein Gymnastik“ zu machen (also etwas zu recherchieren oder mir neues Arbeitsmaterial zu holen). In der Restaurationswerkstatt gab es eine große Deutschlandkarte, auf der sogar Rheydt eingezeichnet war (für alle Nicht-Gladbacher: Rheydt ist ein Mönchengladbacher Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin, und der bis 1975 eine eigene Stadt war). Der Archivar nahm uns auch mit aufs Dach, von dem aus man auf die Oleviste Kirik (Olaikirche) sehen kann, deren Turm von 1549 bis 1625 der höchste der Welt war.

Gegen Abend ging es dann wieder zurück. Während der Fahrt erzählte Kalev herrliche Geschichten, er hat immer so eine feierliche Art zu reden und ruft wichtige Dinge gerne laut aus. Er hat vor einer Weile herausgefunden, dass Merits Mutter aus der gleichen Gegend stammt wie seine Familie, so dass er jetzt für sie ein bisschen nachforscht. In dem Zusammenhang brachte er dann einige Geschichten über seine Vorfahren zum Besten. Schade, dass mein eigener Nachname aus Litauen und nicht aus Estland stammt, sonst hätte Kalev bestimmt auch gerne nach meinen Vorfahren geforscht. Vielleicht sollte ich eines Tages mal ein Praktikum in einem Archiv in Litauen machen … Als Merit den anderen erzählte, dass ich schon ein bisschen was verstehen kann, wenn die Leute um mich rum Estnisch sprechen, und dass ich auch ein Lehrbuch zu Hause habe, meinten Kalev und Anne, dass sie ab jetzt versuchen wollen, mit mir Estnisch zu reden, und dass ich ihnen das Lehrbuch mal zeigen soll. Eigentlich eine gute Sache, aber allzu viel kann ich wirklich nicht und vor allem das Sprechen fällt mir schwer. In einer Sprache, die man nie irgendwie geregelt in einem Kurs oder der Schule gelernt hat, ist das nochmal schwieriger. Auf der anderen Seite sprechen meine Kollegen ja auch nicht gerade fließend Deutsch. Heute war ich allerdings nicht arbeiten, da mir irgendwie schlecht war und ich Kreislaufprobleme hatte (ist aber wieder besser), so dass ich erst morgen rausfinden werde, ob die beiden ihre „Drohung“ wahr machen. Vielleicht lerne ich so ja doch noch ein bisschen Estnisch, irgendwie wäre es echt doof, nach einem halben Jahr von hier zurück nach Deutschland zu kommen und nicht besonders viel zu können. Ich kann zwar schon deutlich mehr als noch vor drei Monaten, aber es könnte definitiv noch mehr werden.

Das war auch erstmal alles, was es zu erzählen gibt. Jetzt folgen noch ein paar Herbstfotos, und zwar von meinem Spaziergang letzten Sonntag, also mal wieder hauptsächlich aus dem Tähtvere-Park und dem dahinter liegenden Sportpark mit Langlaufstrecke. Wie gesagt, es war seeeehr neblig, und ich fand es irgendwie ganz gut, in diesem Wetter auch ein paar Schwarz-Weiß-Bilder zu machen.

So sieht die euch schon bekannte Taara Puiestee im Herbst aus.
Der Tähtvere-Park im herbstlichen Gewand.

Die Sängerbühne im Nebel.

Den kann man wohl nicht mehr essen (falls er je essbar war, was ich bezweifle).
Wann die Flutlichter im Spordipark (Sportpark) eingeschaltet werden, wüsste ich auch gerne mal, am Sonntag Abend waren sie jedenfalls auch im Dunkeln aus.

An so schönen Dingen kann man im Sportpark vorbeigehen, -laufen oder -fahren.

Teil der Langlaufstrecke.
Herbstliche Perspektive.
Das ist nicht die Abendsonne, sondern eine Straßenlaterne.
Abendstimmung auf der Näituse.

Und zum Schluss noch ein Beweis für den ersten Schnee:

Noch ein paar mehr herbstliche und leicht winterliche Bilder lade ich jetzt direkt unter „Fotos aus Tartu“ hoch, damit ich das nicht wieder verschiebe und am Ende ganz vergesse.

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4 Gedanken zu “Buntes Laub und weiße Dächer

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