Überlebt

Der Schauplatz der nun folgenden Geschichte trägt den schönen Namen Ööbikuorg, zu Deutsch Nachtigallental. Er befindet sich etwa 17 Kilometer südlich der Stadt Võru, die ihrerseits etwa 70 Kilometer südlich von Tartu liegt. In dieses Tal begaben sich am vergangen Samstag Abend etwa 300 oder 400 Leute. Darunter war auch eine Deutsche namens Eva, die sich diesen netten Geschichtenanfang überlegt hat, nun aber leider nicht weiß, wie sie den Rest ihrer Erlebnisse dieser Nacht in diesem Stil erzählen soll, und deshalb einfach in ihrem üblichen Berichtston weitermacht:

Also, am Samstag trafen wir uns um 22 Uhr vor dem Studentenwohnheim, in dem Kadi und ihr Verlobter Raul wohnen. Mit von der Partie waren außer den beiden und Merit noch Kadis Kommilitonin Railika und Richard, der ungarische Erasmus-Student, von dem ich ja schon mal erzählt habe. Aufgeteilt auf zwei Autos fuhren wir los. Als wir am Ööbikuoru Puhkekeskus (Nachtigallental Besucherzentrum) ankamen, war alles schon ziemlich zugeparkt, so dass wir erst einmal einen Platz für die Autos finden mussten. Dann ging es in eine kleine Hütte, wo unser Team angemeldet wurde. Eigentlich hätten wir um 01:06 Uhr starten sollen, man ließ uns letztendlich aber schon um kurz nach 12 losgehen. Warum man uns erst eine so genaue Startzeit zugeteilt hatte und uns dann doch eine Stunde früher starten ließ, blieb ein Rätsel, aber wir waren froh drum. Jedenfalls waren wir das letzte der ca. 40-50 Teams, das an den Start ging. Wir bekamen eine kleine Landkarte und dann begann das Abenteuer.

Ich merkte schon auf den ersten Metern, dass ich richtig angezogen war. Meine Männergummistiefel in Größe 43 passten mit drei Paar normalen und einem Paar dicken Socken perfekt und hielten meine Füße auch im Schnee warm und trocken. Und im Matsch. Denn matschig war es, schließlich waren vor uns schon rund 400 Leute durch den Wald getrampelt. Gut rutschig war es auch an einigen Stellen, vor allem, wenn es bergab ging. Das führte bei mir dazu, dass sich in meinem Kopf ständig eine Textzeile aus dem Song „Harrowdown Hill“ von Thom Yorke wiederholte: „It was a slippery, slippery, slippery slope …“ Eigentlich war angekündigt worden, dass alle 500 Meter ein Licht zur Orientierung aufgestellt wäre, es stellte sich aber schon bald heraus, dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach. Vielleicht waren einige Lichter bei dem Wetter und nach so langer Zeit (das erste Team war ja schon gegen 18 Uhr gestartet) auch einfach ausgefallen. Es gab auch deutlich weniger Aufgaben, als wir erwartet hatten. Zwar musste man schon nach etwa zwei Kilometern ein Objekt im Fluss finden, aber danach kam lange Zeit nichts. An der Stelle mit dieser Aufgabe bekamen wir eine neue Karte, die einfach irgendwo im Wald auf dem Boden lag, und das bei dem Wetter. Man hatte dort wohl für jedes Team eine Karte hinterlegt. Das fand ich doch etwas seltsam, anscheinend ging man davon aus, dass alle teilnehmenden Teams absolut fair sein und nicht einfach die Karten für die anderen entwenden würden. Zum Glück war tatsächlich noch eine Karte da und so konnte es weitergehen. Ein großer Teil der Strecke führte über diese matschigen Waldwege, um uns herum waren Bäume, Felder und kleine Seen. Durch den anfangs noch sehr hell scheinenden Mond brauchte man fast nirgendwo eine Taschenlampe und es sah wirklich wunderschön aus in der Gegend dort. Da sollte man wirklich noch einmal über Tag im Schnee spazieren gehen.

Die nächste Aufgabe war es, an einer Art Vogelscheuche ein Papier mit einem Passwort zu finden. Hier war eins der Teams (oder der Wind?) allerdings nicht so fair gewesen, denn trotz langer Suche fanden wir nichts. Wieder kam danach lange Zeit keine Aufgabe. Irgendwann kamen wir auf eine Asphaltstraße, auf der auch zwei oder drei Mal Autos vorbeikamen. Inzwischen war es sehr neblig geworden, so dass man das Gefühl hatte, ins Nichts zu laufen. Aber wir begegneten sogar noch zwei anderen Teams, komischerweise waren sogar Leute hinter uns unterwegs, obwohl wir ja eigentlich die letzten waren. Irgendwann kamen wir an eine Stelle, an der man an zwei Leuten vorbei musste, die sowjetische Grenzwachen spielten. Die wollten das Passwort von uns haben, das wir nicht gefunden hatten. Es gab dann zwei Möglichkeiten, um trotzdem an ihnen vorbeizukommen: Entweder rennen, so schnell es geht, oder von einem Punkt in der Nähe zwei Flaschen Bier holen und sie damit bestechen (wie schon öfter erwähnt, die Esten sind nicht gut auf die Sowjetunion zu sprechen). Wir entschieden uns für letzteres und tatsächlich gab man uns den Weg frei.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt und waren schon mehr als vier Stunden gelaufen. Laut der Homepage der Veranstalter hat das Siegerteam des letzten Jahres die gesamten 25 Kilometer in etwa vier Stunden geschafft, wie das ohne Tricks möglich sein soll, kann ich mir nicht erklären. Weiter ging es auf der asphaltierten Straße, was nach dem Gerutsche im Wald gut tat, allerdings auch viel weniger Abenteuerfeeling vermittelte. Nach dem „Grenzübergang“ wurde es dann ziemlich komisch, denn wir sahen ewig lange kein Licht mehr, und die Landkarte stellte sich als totaler Schrott heraus, da man darauf kaum etwas erkennen konnte. Wir waren inzwischen alle der Meinung, dass die Organisation dieses gesamten Events ziemlich zu wünschen übrig ließ. Eigentlich hatten wir erwartet, dass an jedem Zwischenstopp jemand stehen würde, der guckt, ob noch alle Karten da sind und auch sonst alles stimmt. Dem war in den meisten Fällen nicht so. Außerdem gab es vieles von dem, was angekündigt wurde, gar nicht, zum Beispiel war die Rede von Leuten gewesen, die versuchen würden, uns die Karte abzunehmen. Kam nicht vor. Ich frage mich, ob zu so später Zeit das Organisationsteam einfach schon Feierabend gemacht hatte, oder ob es von Anfang so ablief.

Nachdem wir nochmal ein kleines Stück Waldstrecke zurückgelegt hatten, mussten wir ein Kreuzung finden. Auf dem Weg kam uns ein Team entgegen, was uns skeptisch machte, aber auf der Karte sah es so aus, als müssten wir geradeaus weiter. Wir waren auch richtig, irgendwann sahen wir wieder ein Licht, zu dem Raul hinlief. An dem Licht befanden sich tatsächlich Leute vom Organisationsteam, die Raul allerdings mitteilten, dass wir einen Punkt ausgelassen hätten, da wir von seiner Existenz nichts mitbekommen hatten. Irgendwas muss schief gelaufen sein. Jedenfalls hätten wir mit den Aufgaben nur weitermachen und die Nachtwanderung zu Ende bringen können, wenn wir zu diesem Punkt gegangen wären, die dortige Aufgabe gelöst und wieder zu der Stelle zurückgekehrt wären, an der wir gerade waren. Das hätte insgesamt etwa acht zusätzliche Kilometer bedeutet. Regulär hatten wir noch etwa fünf oder sechs vor uns. In Anbetracht der Tatsache, dass wir zu diesem Zeitpunkt bereits fast sechs Stunden gewandert waren, entschieden wir uns, aufzugeben. Leicht gefallen ist uns das nicht, denn eigentlich hat es schon Spaß gemacht, und irgendwie war man ja auch angetreten, um es durchzuziehen. Ich war eigentlich auch gar nicht müde, mir taten nur ein kleines bisschen die Beine weh, aber eigentlich hätte ich noch weiterlaufen können. Nur wollte keiner von uns noch mehrere Stunden unterwegs sein, und es hätte wahrscheinlich auch bedeutet, die schlechteste Zeit von allen Teams abzuliefern. Sogar Raul, der ja vom Militär stundenlange Wanderungen gewöhnt ist, war dafür, aufzugeben.

Man gab uns dann lauwarmen, ekelhaft süßen Tee in Pappbechern und sagte uns, wir würden mit einem Bus abgeholt und zum Startpunkt und damit zu unseren Autos gebracht werden. Klang ja alles schön und gut, aber wir mussten dann noch eine geschlagene Stunde in der Kälte stehen und warten. Beim Laufen war mir in meiner Schneehose und Fleecejacke plus Wintermantel schön warm gewesen, aber beim Rumstehen fing ich dann doch an zu frieren, auch durch meine Gummistiefel und Socken kam die Kälte. Als wir da so standen, kam bei allen die Unzufriedenheit über die Organisation durch. Vor allem haben wir uns gefragt, was passiert wäre, wenn einer von uns sich im Wald verletzt hätte. Einen Notarzt oder Sanitäter hatten wir nirgendwo gesehen, auch am Startpunkt nicht, und im Wald hätte man uns ja auch erst einmal finden müssen. Unsere Handys hatten zwar überall Empfang, und irgendwo mitten auf der Strecke sah ich sogar ein WiFi-Hinweisschild, aber trotzdem möchte ich mir nicht vorstellen, wie lange es gedauert hätte, bis jemand zur Stelle gewesen wäre, wenn wir schon auf den extra für uns gerufenen Bus so lange warten mussten. Außerdem fand ich es komisch, dass es keine Altersuntergrenze für die Teilnahme gab, es war lediglich vorgeschrieben, dass pro Team mindestens ein Teilnehmer mindesten 18 Jahre alt sein musste, und dass jedes Team mindestens aus drei Personen bestehen musste. Theoretisch hätte man also ein Team aus einem Achtzehnjährigen und zwei Kindern bilden können. Und nicht zu vergessen: wir hatten jeder für die Teilnahme 25 Euro gezahlt, bei den Teams, die die längeren Strecken gingen (35 oder 45 km), war es noch mehr – und wofür? Besonders viel wurde uns nicht geboten, für eine Übernachtung in einem der Häuschen beim Puhkekekus hätte man pro Person noch 50 Euro obendrauf legen müssen, was für estnische Verhältnisse wirklich eine Menge ist, auch die Versorgung mit Proviant hätte man extra zahlen müssen. Die Veranstalter haben also mehrere tausend Euro eingenommen und außer ein paar LED-Lichtern und Markierungen im Wald, einigen Flaschen Bier zur Russenbestechung, kaum hilfreichen Landkarten, einem bisschen Tee, und insgesamt vielleicht dreißig irgendwie am Ablauf beteiligten Personen nichts dafür geboten. Natürlich war uns von Anfang an klar, dass es auch hier in erster Linie darum gehen würde, dass die Veranstalter Geld machen, aber ein bisschen mehr hatten wir uns schon erhofft.

Aber es war trotz allem ein tolles Gefühl, immerhin etwa 20 Kilometer nachts bei Minusgraden durch den Wald gelaufen zu sein. Unser Team hat auch gut zusammen funktioniert. Wir hatten zudem echt Glück, denn es lag zwar Schnee, aber es kam in dieser Nacht kein neuer Schnee herunter. Außerdem hatte sich die Investition in Jacke, Schneehose und Gummistiefel gelohnt, denn hätten wir am Ende nicht so lange auf den Bus warten müssen, hätte ich wirklich keine Sekunde gefroren. Müde wurde ich auch erst auf der Autofahrt nach Tartu. Wir waren dann gegen 8 Uhr morgens wieder in unserer Wohnung, ich habe bis gegen 15 Uhr geschlafen, und danach war ich wieder einigermaßen fit. Noch einmal erkältet habe ich mich also nicht. Ich hatte noch Angst gehabt, dass ich heute die Treppen im Archiv nicht hochkommen würde, aber das war wider Erwarten gar kein Problem.

Tja, das war also „Öörännak“. Ich wurde ein paar Mal gefragt, ob ich wieder daran teilnehmen würde. Meine Antwort lautet: Ganz abgeneigt wäre ich nicht, aber entweder müsste man für den Preis mehr bieten, oder aber die Teilnahmegebühr deutlich senken, bzw. gar nicht erst vorher so viel ankündigen, was dann doch nicht passiert.

Bevor ich nun noch einige Schneefotos hochladen und diesen Eintrag beenden were, möchte ich noch kurz damit angeben, dass der Weißrusse, der im Moment beinahe täglich bei Tiiu anruft, da er gerade über seine Vorfahren (Mitglieder einer baltendeutschen Adelsfamilie, die einige Güter in Livland besaß) forscht, ihr heute Morgen gesagt hat, ich würde sehr gut arbeiten. Er benutzt für seine Forschung unter anderem auch die Datenbank, in die ich hauptsächlich Informationen eingebe, und anscheinend habe ich ihm damit schon weitergeholfen. So begann mein Montag mit einem Lob aus Weißrussland. Und er endete damit, dass meine Freundin Sonja die Flüge für ihren Besuch bei mir im Januar gebucht hat, worüber ich mich sehr freue. Für einen Montag war das heute also richtig gut!

Und jetzt: Bilder. Die habe ich alle am Samstag Vormittag gemacht, die meisten davon in dem Park auf dem toomemägi (Domberg), ein paar allerdings auch auf dem Weg dorthin bzw. in der Altstadt.

Das Deutsche Kulturinstitut

Die Eiszapfen an den Dächern können echt bedrohlich aussehen

Der Physiologe Alexander Schmidt (oder, wie Merit und ich sagen, da wir beinahe täglich an ihm vorbeilaufen: unser Freund, der Alex) scheint vom Schnee nicht begeistert zu sein
Kleiner Hügel zum Rodeln

Die Natur schwankt noch zwischen Herbst und Winter

Der Embryologe Karl Ernst von Baer unter einer Schneedecke. Sieht irgendwie gemütlich aus.

Die Ruinen der Domkirche (toomkirik)
Der „Knutschbrunnen“ leicht vereist
Die arme Frau in ihrem kurzen Rock …

Inzwischen ist ein Teil des Schnees wieder weggeschmolzen. Wie sieht’s bei euch gerade aus?


3 Gedanken zu “Überlebt

  1. Ja, die arme Frau in ihrem kurzen Rock!
    Wunderschöne Bilder! :)

    Klingt total aufregend, diese Wanderung! Aber es ist natürlich ärgerlich, wenn man für sein Geld nicht das Versprochene bekommt. Aber scheint sich trotzdem gelohnt zu haben! =)

    Freue mich sehr auf den Besuch!

  2. Ich meine auch: Teuer! Fast für nix.
    Das ist fies.
    Andererseits: Wenn’s ja doch ein wenig Spaß gemacht hat.
    Nur eben schlechte Organisation ist immer ärgerlich.
    Und wer dahinter steckt(e), das weiß man bei solchen Aktionen aus dem Internet oft auch nicht.

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