Hier und bei den Nachbarn

Es wird mal wieder Zeit für einen Bericht inklusive Song der Woche. Diese Woche begann mit einem Montag, an dem ich noch ziemlich müde war von der durchwanderten Nacht. Man braucht nach einer solchen Aktion wohl erstmal eine Weile, bis man sich wieder auf den üblichen Rhythmus eingestellt hat. Aber ab Dienstag war eigentlich alles wie immer, die befürchtete Erkältung ist tatsächlich ausgeblieben, und auch der Rest meines Teams hat alles gut überstanden. Allerdings haben wir inzwischen erfahren, dass wir auf der kurzen Strecke das einzige Team waren, das abgebrochen hat. Hätten wir das nicht gemacht, wäre unser Ergebnis wohl gar nicht allzu schlecht gewesen. Schon irgendwie ärgerlich, aber ich glaube, wir sind uns nach wie vor alle einig, dass das angesichts des Verlaufs die beste Entscheidung war.

Der Schnee, der uns bei der Nachtwanderung noch umgeben hatte, ist inzwischen vollständig weg geschmolzen. Wie im Wetterbericht angekündigt, wurde es ab Donnerstag wieder deutlich wärmer. Momentan liegen die Temperaturen bei etwa +5 Grad, was auch noch mindestens für den Rest dieser Woche so bleiben soll. Ansonsten ist das Wetter eben novembrig, grau, neblig, oft regnerisch. Momentan gießt es ziemlich und das schon seit Stunden. Unsere Straße ist mal wieder zum See geworden. Aber in den letzten Tagen kam auch ab und an mal die Sonne raus.

Im Archiv habe ich letzte Woche eine neue Aufgabe bekommen. Da noch nicht klar ist, welchen Text ich als nächstes übersetzen soll, hat Edith erstmal eine ziemlich leichte, aber dennoch interessante Arbeit für mich organisiert. Es geht dabei um Testamente aus den Jahren 1989 bis 1993, die beim Pärnu Riiklik Notariaalkontor (staatliches Notarialkontor Pärnu – heißt das auf Deutsch überhaupt auch Notarialkontor?) registriert worden sind. Wie Edith mir erzählte, kommen sehr oft Anfragen von Archivbenutzern zu diesen Testamenten. Bisher existierten neben den eigentlichen Akten allerdings nur handschriftliche Listen der Erblasser, was die Suche nach der betreffenden Person erschwert. Deshalb sollen diese Listen nun per Computer erfasst werden. Und damit bin ich jetzt beschäftigt. Im Grunde muss ich einfach nur Daten abtippen, zumeist Vor-, Nach- und Vatersname der Person, das Datum, die Testamentsnummer und in manchen Fällen zusätzliche Bemerkungen. Interessant daran ist vor allem der Zeitraum, aus dem die Testamente stammen, denn Estland wurde ja im Jahre 1991 ein unabhängiger Staat. So kann man beobachten, dass in den vorgedruckten Formularen, die sich in den Akten finden, nach der Unabhängigkeit die Ortsangabe Eesti NSV, Pärnu mit Eesti Vabariik, Pärnu überschrieben wurde. NSV steht für Nõukogude Sotsialistlik Vabariik und heißt übersetzt „Sozialistische Sowjetrepublik“, während Vabariik einfach Republik bedeutet (Eesti Vabariik ist auch heute noch der offizielle Name Estlands). Zudem befinden sich in den Akten sowohl russisch als auch estnisch ausgefüllte Formulare, die Namen der Personen sind ebenfalls teilweise estnisch und teilweise russisch, es gibt aber auch „gemischte“ Namen, also sowas wie Jelisaveta Kuusik. Estnische Namen sind oft ziemlich kurz, Alliterationen wie Jaan Juht oder Helmi Harjakas sind keine Seltenheit und viele Nachnamen haben eine Bedeutung (da gibt es z. B. Kivimägi = Steinberg, Kuld = Gold, Kala = Fisch oder Järv = See). Die russischen Namen hingegen sind meist lang und kompliziert, vor allem, weil man sie auch nicht immer einheitlich transliteriert hat. Ich versuche gerade, mir das kyrillische Alphabet anzueignen, damit ich in den Akten nachschauen kann, wenn ich einen Namen in der handschriftlichen Liste nicht entziffern kann. Mit Hilfe der Tabelle, die mein Vater mal erstellt und mir geschickt hat, geht das auch ganz gut. Diese ganze Arbeit ist zwar nicht besonders aufregend, aber mal was Neues. Außerdem sind die entsprechenden Dokumente mal nur um die 20 statt 320 Jahre alt. Zudem komme ich dadurch auch dazu, wieder mal ein paar neue estnische Wörter zu lernen. Anne hat übrigens am Freitag versucht, sich mit mir auf Estnisch zu unterhalten. Ich habe auch ziemlich viel verstanden, nur mit dem Antworten haperte es, zumal sie mir Fragen stellte wie „was hast du gestern gemacht?“ und ich schon froh bin, wenn ich im Präsens einen Satz bilden kann. So endete es damit, dass sie mir Sätze vorsprach, die ich dann Stück für Stück wiederholen sollte. Ich kam mir vor wie damals in der Grundschule, als Laura und ich Stunden damit verbrachten, die „Learning English with Nessie, the Monster of Loch Ness“-Kassetten anzuhören, die wir geschenkt bekommen hatten, und die Übungssätze nachzusprechen, bis wir sie nach einem vierwöchigen Großbritannien-Urlaub schließlich auswendig konnten. Vielleicht sollte ich mir sowas mal für Estnisch zulegen. Nur leider gibt es meines Wissens kein estnisches Äquivalent zu Nessie. Aber ich habe mir jetzt vorgenommen, jeden Abend zumindest ein bisschen was in meinem Lehrbuch zu lesen und zu üben, das läuft auch ganz gut. Allerdings ist es auch erst zwei Tage her, dass ich diesen Vorsatz gefasst habe. Leider merke ich schon jetzt, dass sich meine Fähigkeit (und Motivation) zum Vokabellernen seit dem Lateinunterricht damals nicht wirklich verbessert hat …

Aber es wurde nicht nur gearbeitet und gelernt in der vergangenen Woche. Am Donnerstag Abend war ich mit Merit auf einem Konzert im schon erwähnten Genialistide Klubi. Dort spielte die estnische Band Sibyl Vane ein Album-Release-Konzert. Wir kannten die Band vorher nicht, aber das, was man sich im Internet anhören konnte, fanden wir nicht schlecht. Das Konzert fand im gleichen Raum statt wie die „Jam Session“ der Erasmus-Studenten vor ein paar Wochen, also in dieser umfunktionierten Sporthalle. Das Ganze hat so eine Jugendhaus-Atmosphäre, die einen an die Teenager-Zeit erinnert. Als Vorband war die lettische Band Momend dabei, die mit ihrer ruhigen Gitarrenmusik eigentlich nicht wirklich zu den rockigen Sibyl Vane passt, mir aber sehr gut gefiel (Lisa, ich glaube, das wäre auch was für dich). Lustig war, dass die Letten das estnische Wort aitäh (danke) nicht ganz richtig aussprachen und stattdessen „aita“ sagten, was, wie sie erzählten, auf lettisch Schaf bedeutet („feels a bit strange when people applaud and you say ’sheep‘ afterwards“). Ich habe dann auch eins ihrer Alben gekauft, das mir auch noch von der ganzen Band signiert wurde. Der Sänger fragte nach meinem Namen, um ihn in die CD zu schreiben. Nun habe ich immer das Problem, dass man in vielen Ländern nicht viel mit dem Namen Eva anfangen kann, wenn man ihn so ausspricht, wie man es in Deutschland tut. Deshalb sollte ich buchstabieren, auf Englisch, was allerdings dazu führte, dass er als ersten Buchstaben ein „I“ schrieb und es dann zu einem „E“ verbessern musste. Das sieht jetzt ziemlich seltsam aus, aber wer weiß, vielleicht werden Momend ja mal richtig berühmt und dann habe ich ein signiertes Album. ;)

Nach einer lettischen Band erlebte ich in dieser Woche auch noch Lettland selbst. Und zwar machten Merit und ich endlich unseren schon lange geplanten Ausflug nach Riga (auf lettisch Rīga geschrieben, auf Estnisch Riia). Nachdem wir ja vor zwei Wochen nicht hinfahren konnten, weil der Bus ausgebucht war, erwischten wir dieses Mal die letzten beiden Plätze. Als die Frau am Ticketschalter uns mitteilte, dass der Bus jetzt nach der Zeitumstellung statt um 06:20 Uhr schon um 05:20 Uhr morgens abfährt, waren wir zwar erstmal unsicher, aber dann dachten wir uns, dass man halt mal in den sauren Apfel beißen muss, wenn man etwas sehen will. Als wir dann am Samstag Morgen im Dunkeln zum Busbahnhof liefen, begegneten wir einer Menge Leute in unserem Alter, die gerade ihre Partynacht allmählich ausklingen ließen. Schon komisch irgendwie. Der Bus, in den wir einstiegen, war bereits am Abend zuvor gegen 23:30 Uhr in St. Petersburg losgefahren und hatte unterwegs unter anderem in Tallinn gehalten. Riga ist die Endstation auf dieser Strecke. Der Bus war sehr komfortabel – sogar bei meiner Größe bot er noch Beinfreiheit, außerdem gab es für jeden eine Flasche Wasser und Heißgetränke umsonst. Und das für 14,40 Euro pro Strecke (Studententarif) – da kann man nicht meckern. Ziemlich genau vier Stunden waren wir unterwegs, es gab noch einen längeren Zwischenstopp in der Grenzstadt Valga. In Lettland lag an einigen Stellen noch eine ganz ordentliche Schneedecke. Wenn man mit dem Bus nach Riga reinfährt, hat man erstmal keinen besonders guten Eindruck von der größten Stadt des Baltikums, man fährt durch ziemlich fies aussehende Plattenbauviertel. Aber man kommt auch am Lido vorbei, das ich im allerersten Eintrag ja schon erwähnt hatte.

Der Busbahnhof von Riga befindet sich an einem sehr guten Ausgangspunkt für eine Besichtigung der Altstadt. Man braucht nur ein paar Meter zu laufen und schon ist man da, zwischen tollen Jugendstilhäusern, internationalen Botschaftsgebäuden und kleinen Souvenirläden, in denen man hauptsächlich Bernsteinschmuck und Stoffe mit typisch lettischen Mustern kaufen kann. Während es die halbe Fahrt über geregnet hatte, hatten wir nach der Ankunft echt Glück mit dem Wetter. Es war zwar neblig, aber nach und nach wurde es heller, zwischendurch kam sogar ein wenig die Sonne hervor, und es blieb den ganzen Tag trocken. Obwohl ich schon öfter in Riga war, entdeckte ich Dinge, die mir noch nie aufgefallen waren. Alleine an den tollen Fassaden der alten Gebäude fällt einem immer wieder ein Detail auf, das man zuvor nicht wahrgenommen hatte. Es waren auch noch einige Touristen unterwegs, der Rathausplatz wurde fast vollständig von einer Gruppe Japaner eingenommen, die dann aber irgendwann geschlossen in der Touristeninformation neben dem wahrscheinlich meistfotografierten Gebäude Lettlands, dem Schwarzhäupterhaus (s. u.) verschwand. Wir selbst liefen durch die Gassen der Altstadt und am Ufer der Daugava entlang, machten einen Haufen Fotos, schauten uns in den schönen kleinen Läden um und schnappten hier und da ein paar lettische Wörter auf. Lettisch ist neben Litauisch die einzige Sprache, die zur baltischen Sprachfamilie gehört, und es ist vollkommen anders als Estnisch, das ja eine finnougrische Sprache ist. Merit und ich kannten zwar beide das Wort saldējums (Eis), aber das alleine hilft einem natürlich nicht viel weiter. Zum Glück kamen wir aber mit Englisch gut zurecht, was im restlichen Lettland oft nicht so gut funktioniert wie hier in Estland. Besonders kurios an der lettischen Sprache ist, wie ich finde, die Tatsache, dass alle männlichen Wörter auf -s enden und männliche Namen aus anderen Sprachen auch mit einem -s versehen werden. Das geht, wie wir feststellten, sogar so weit, dass der estnische Präsident Toomas Hendrik Ilves auf Lettisch „Toomass Hendriks Ilvess“ geschrieben wird.

Da der Bus zurück erst um 18:45 Uhr abfuhr, hatten wir jede Menge Zeit. Eigentlich wollten wir noch in ein Museum gehen. Da gibt es jede Menge Interessantes in Riga, zum Beispiel das lettische Okkupationsmuseum, das sich zwar in einem hässlichen schwarzen Betonklotz befindet, aber sehr empfehlenswert ist. Allerdings taten uns vom Rumlaufen nch einige Zeit ziemlich die Füße weh, so dass wir erstmal eine Pause einlegten. Danach machten wir uns daran, die Lats auszugeben, die wir abgehoben hatten. 1 Lat entspricht etwa 1,50 Euro. Obwohl Estland erst seit Anfang 2011 den Euro hat, habe ich mich ganz schnell daran gewöhnt, dort nicht mehr umrechnen zu müssen, so dass ich erstmal das „wow, das ist ja billig“-Gefühl angesichts der lettischen Preise abstreifen musste. Nächstes Jahr soll geprüft werden, ob Lettland die Voraussetzungen für die Einführung des Euros im Jahr 2014 erfüllt, also fällt auch dort vielleicht bald das Umrechnen weg. Allerdings wird die Währung in Lettland „Eiro“ geschrieben, da „eu“ in der lettischen Sprache nicht existiert.

Zum Schluss besichtigten wir noch die großen Markthallen am Busbahnhof und saßen dann eine ganze Weile in der Wartehalle, da wir nicht mehr rumlaufen wollten und es schon dunkel wurde. Seit der Zeitumstellung beginnt es ab etwa 16:30 Uhr, dunkel zu werden. An Arbeitstagen komme ich also inzwischen schon im Dunkeln nach Hause, bald werden die Helligkeitsphasen noch kürzer. Die Rückfahrt mit dem Bus verlief bis auf ein paar wagemutige Überholungsmanöver des Fahrers ruhig, die meisten Leute schliefen irgendwann ein. Gegen 23 Uhr waren wir wieder in Tartu, von wo aus ich euch jetzt ein paar Bilder aus der lettischen Hauptstadt präsentiere. Wie schon gesagt, es herrschte leider kein optimales Fotowetter, aber, wie mein Vater immer sagt: Man muss auch Wahrheiten abbilden.

Riga ist eine der Partnerstädte von Bremen und deshalb stehen dort auch die Bremer Stadtmusikanten

Deutscher Glühwein ist auch in Lettland beliebt
Das Gildenhaus vor geradezu blauem Himmel
Diese Katze ist ein Wahrzeichen von Riga. Der Vogel war allerdings nur vorübergehend zu Besuch

Das wäre doch auch ein guter Fassadenschmuck für ein Bibliotheksgebäude, oder?

Zufällig entdeckt
Der Dom
Mein Lieblingsgebäude in Riga, die Börse
Sowas hätte ich auch gerne.
Die Daugava

Das berühmte Schwarzhäupterhaus

Das Rathaus
Kontrast: Das Schwarzhäupterhaus und das Okkupationsmuseum
Das Opernhaus
Das Freiheitsdenkmal, Aufschrift: „Tevzemei un Brivibai“ – „Für Heimat und Freiheit“
Am Hauptbahnhof

Blick auf die Altstadt vom anderen Flussufer aus

Die lettische Nationalbibliothek in der Abenddämmerung. Von einem dieser vielen Fenster hat man sicher einen tollen Blick über die Daugava und auf die Altstadt

Das waren also ein paar Eindrücke vom Samstag aus Riga.

Am gestrigen Sonntag machten Merit und ich uns chic und gingen ins Teater Vanemuine in der Tartuer Altstadt, um uns eine Aufführung des Balletts „Uinuv Kaunitar“ (Schlafende Schönheit/Dornröschen) anzusehen. Da kam dann schon fast weihnachtliche Stimmung auf, es gab beeindruckende Choreographien und tolle Kostüme zu sehen und ein großartiges Orchester zu hören. Ich fand es wunderschön, auch wenn die Geschichte ziemlich frei umgesetzt wurde und deshalb teilweise die entscheidenden Momente fehlten, die man erwartet hatte. Dieses Video bietet einen Einblick (allerdings wurde es schon 2008 bei einer Aufführung in Jõhvi, im Nordosten Estlands, gedreht und der Tänzer ist ein anderer als der, den wir gestern sahen).

Und nun von der klassischen Musik zur modernen, zum Song der Woche. Dieses Mal habe ich mir „After Glow“ von Foals ausgesucht, bitteschön:

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