Gefangen in der Vorweihnachtszeit

Seid ihr schon in Weihnachtsstimmung? Ich noch fast gar nicht. Obwohl es in 29 Tagen schon soweit ist, verspüre ich momentan eigentlich nur eine Vorfreude darauf, über die Feiertage meine Lieben in Deutschland wiederzusehen. Die Esten sind aber auch einfach deutlich später dran mit Weihnachtsdeko, -musik und -geschenkangeboten. Gestern wurde der Weihnachtsmarkt in Tallinn eröffnet, und es wirkt fast so, als sei das für ganz Estland erst der Startschuss für die Weihnachtsvorbereitungen. Erst jetzt hört man in den Geschäften Weihnachtsmusik, erst jetzt sind die Supermarktregale voll mit sternenverzierten Schokoladenpackungen, erst jetzt sieht man überall Schilder mit der Aufschrift kingiidee (Geschenkidee). Aber Tartu scheint selbst keinen Weihnachtsmarkt zu haben, oder zumindest sieht man bisher keine Anzeichen davon, ich wüsste auch gar nicht, wo man den hier aufbauen könnte, groß könnte er jedenfalls nicht sein. Von meinen Beobachtungen per Webcam im letzten Jahr weiß ich, dass auf dem Rathausplatz immer ein geschmückter Weihnachtsbaum aufgestellt wird, aber bisher gilt auch in Sachen öffentlicher Weihnachtsdeko und -beleuchtung weitestgehend: Fehlanzeige (abgesehen von dekorierten Schaufenstern). Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass sich das in einer Woche, also am ersten Advent, ändern wird. Denn obwohl die Esten alles andere als religiös sind, spielt Weihnachten doch eine wichtige Rolle. Man tyrannisiert nur einfach nicht gerne die Leute schon ab September damit. Die allgemein zurückhaltende Art der Esten zeigt sich auch hier, und ich finde das sehr angenehm. Allerdings konnte auch ich mich selber aus diesem Grund noch nicht zu Weihnachtsvorbereitungen aufraffen, abgesehen davon, dass ich mir eine Liste mit Geschenkideen gemacht habe.

Aber in zwei Wochen wird es für mich das ultimative Weihnachtserlebnis geben: Ich fahre nach Lappland und besuche den Weihnachtsmann höchstpersönlich! Ich weiß, es gibt da einige Streitigkeiten bezüglich des wahren Wohnorts des Weihnachtsmannes, und ich selber finde auch die Version, dass er in Grönland sein zu Hause hat, nicht schlecht, aber das wäre von hier aus leider zu weit. Und so lebt für mich zumindest dieses Jahr der Weihnachtsmann in Rovaniemi in Finnland. Das ist zwar von Tartu aus gesehen auch nicht grad um die Ecke, aber machbar, zumal wir in der Nähe von Oulu übernachten, also nicht ganz so weit im Norden. Es ist nämlich so, dass Merit in genau zwei Wochen Geburtstag hat und wir schon länger überlegt hatten, an diesem Wochenende etwas Besonderes zu unternehmen. Am liebsten wollten wir dafür aus Estland raus, aber mal eben kurz nach Russland rüber kann man vergessen, da man dafür ein Visum braucht, und es nicht gerade günstig und einfach ist, so eins zu bekommen. Und besonders schnell geht das auch nicht. In Lettland ist es zwar schön, aber im Winter kann man nicht allzu viel machen, und Riga haben wir ja schon gesehen. Obwohl die Hauptstadt Lettlands die größte Stadt des Baltikums ist, liegen alle weiteren nennenswert großen Städte dieser drei Länder in Estland und Litauen. Erst dachten wir dann an einen einfachen Ausflug nach Helsinki, aber schließlich entdeckten wir ein Angebot für eine Lappland-Reise zusammen mit ein paar Erasmus-Studenten. Die viertägige Reise kostet mich zwar fast genauso viel wie ein ganzer Monat Miete plus Nebenkosten, aber wenn man bedenkt, was da alles inklusive ist, ist der Preis richtig gut. Wir fahren morgens gegen 4 Uhr hier in Tartu mit dem Bus los (oh ja, das wird ein Spaß), nehmen dann in Tallinn die Fähre nach Helsinki, von wo es mit dem Bus weitergeht. Neben der Busfahrt und der Überfahrt mit der Fähre sind im Preis auch zwei Nächte vor Ort in kleinen Holzhütten, sämtliche Mahlzeiten, eine Rentierschlittenfahrt, der Besuch beim Weihnachtsmann und die Möglichkeit zur Saunabenutzung vor Ort enthalten. Ziemlich unschlagbar, das Ganze. Ich freue mich schon seeehr darauf und verspreche euch, dass ich viele viele Fotos machen werde! Drückt mir die Daumen, dass ich vor der Abfahrt noch richtig gute, schneefeste Winterschuhe finde und dass auch wirklich Schnee liegt, wenn wir dort sind.

Das war jetzt ein kleiner Ausblick, es folgt ein Rückblick auf diese Woche. Seit Montag ist der fünfte Schreibtisch in unserem Büro besetzt. Eigentlich saß da wohl mal eine gewisse Kersti, die ich aber nie kennengelernt habe, und von der ich auch nicht weiß, wo sie jetzt ist. Nun sitzt dort Maive, das ist die Kollegin, die von uns zum ihrem 30. Geburtstag das „schöne“ Buch über Burgen in Europa bekam. Sie hat bis vor einiger Zeit fünf Jahre im Lesesaal gearbeitet und hat jetzt einen neuen Job. Dafür ist sie am Montag quasi bei uns eingezogen. Damit ist der Altersdurchschnitt in unserem Büro gesunken und ich habe jemanden da, der gut Englisch spricht. Apropos Englisch: Ab morgen soll ich wieder etwas übersetzen, und zwar einen Projektbericht der Restaurationsabteilung. Von dem gibt es eine estnische und eine englische Version und eine deutsche ist eben auch gewünscht. Ich hoffe, dass das nicht allzu kompliziert wird, ich habe von dem ganzen Chemiezeug, mit dem Restaurierung ja viel zu tun hat, nämlich keine Ahnung. Aber vielleicht kann Merit mir da weiterhelfen – und wozu gibt es schließlich das Internet?

Am Mittwoch war ich nicht im Büro, sondern … im Gefängnis. Und zwar gleich zwei Mal. Mit Merit und einigen anderen Kollegen (hauptsächlich denen aus der Restaurationsabteilung) ging es nach Tallinn, dieses Mal mit einem etwas größeren Bus, der bei einem Busunternehmen gebucht worden war. Auf dem Plan stand ein ganzer Tag zum Thema Digitalisierung von Fotos und Filmen. Wir besuchten zuerst das Filmiarhiiv (Filmarchiv) und das befindet sich in einem ehemaligen Gefängnis aus der Sowjetzeit, in denen politische Gefangene für kurze Zeit festgehalten wurden. Es gibt sogar noch Zellen dort, und die Frau, die uns rumführte, erzählte, dass manchmal Leute, die das Archiv besuchen, die Zellen erkennen, in denen sie mal saßen. Uns wurden verschiedene Geräte gezeigt, die zur Digitalisierung verwendet werden, außerdem bekamen wir die Aufbewahrungsräume und auch einige Ausschnitte aus alten estnischen Filmen zu sehen. Als ich mich vor etwa einem Jahr beim Eesti Rahvusarhiiv (Esnisches Nationalarchiv, sozusagen die Dachorganisation aller Archive des Landes) bewarb, hatte ich die Wahl zwischen dem Filmiarhiiv und dem Ajalooarhiiv als Praktikumsplatz, deshalb war es interessant für mich, zu sehen, wie dort die Arbeit abläuft. Ich fand es spannend dort, aber ich habe mich doch gefragt, was dort meine Aufgabe hätte sein können, das ist wohl eher etwas für jemanden, der etwas in Richtung Film studiert.

Als nächstes ging es für Merit und mich in eins der drei Gebäude des Riigiarhiiv (Staatsarchiv), allerdings nicht in dasselbe, in dem letzte Woche ein Teil der Kartografie-Schulung stattgefunden hatte. Dort wurden uns noch mehr Digitalisierungsgeräte und der Lesesaal gezeigt. Im Riigiarhiiv werden deutlich neuere Dokumente aufbewahrt als bei uns, und der Lesesaal wird wohl auch viel mehr genutzt. Er ist auch größer als unserer und moderner, aber auch nicht so gemütlich. Danach besuchten wir, wieder zusammen mit den anderen, das Fotomuseum in der Altstadt. Es befindet sich auf der Rückseite des Rathauses, ebenfalls in einem ehemaligen Gefängnis. Man bekommt dort eine Menge historischer Fotos und alter Kameramodelle zu sehen, dazu gibt es auch eine kleine Bibliothek und eine Kulisse, vor der die Gäste einander fotografieren können (ich selbst hatte leider meine Kamera nicht dabei). Das Museum ist sehr schön gemacht, kann ich nur empfehlen. Unsere letzte Station war die Bibliothek der Uni Tallinn. Leider bekamen wir nichts von der Bibliothek an sich zu sehen, sondern nur die Räume, in denen Dokumente digitalisiert werden. Mir schwirrte irgendwann der Kopf vor lauter estnischer Fachbegriffe rund um Digitalisierung, so dass ich ganz froh war, als es gegen 17 Uhr wieder nach Tartu ging. Aber insgesamt war es ein sehr interessanter Tag und ich finde es wirklich toll, an wie vielen verschiedenen Stellen ich während meines Praktikums schon hinter die Kulissen gucken konnte.

Tja, der Rest der Woche verging mit meiner üblichen Arbeit – abgesehen davon, dass ich einen Rückwärtsschritt in der Zeit machte, indem ich mir Akten aus den Jahren 1636 bis 1647 vornahm. Obwohl die ja gar nicht so viel älter sind als die, mit denen ich bisher zu tun hatte, merkt man schon einen Unterschied, die Handschriften waren ein wenig anders und irgendwie noch unordentlicher, und das Ganze ist unübersichtlicher als etwa 50 Jahre später. Zudem kenne ich die Personen, die immer wieder vorkommen, noch nicht, viele sind allerdings Vorfahren von denen, die ich schon kenne. Aber so wie es aussieht, habe ich ab morgen ja sowieso – zumindest vorübergehend – nichts mehr mit Akten zu tun. Ansonsten gibt es von hier momentan nichts zu berichten.

Kommen wir zum Schluss noch zum Song der Woche. Yoav mit „Easy Chair“, bitteschön:

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8 Gedanken zu “Gefangen in der Vorweihnachtszeit

  1. Naja, bei Deinen Überlegungen, was große Städte im Baltikum sind, hast Du durchaus eine in LETTLAND vergessen: nämlich Daugavpils (dt.: Dünaburg). Nur denke ich, dass dort wohl – trotz der Größe – verschärft der Hund ausgestorben, äh begraben ist.

  2. . . . und vergiss bei der Finnland-Sause die „richtig fetten Socken“ nicht, die Du in diesem Blog schon zwo Mal erwähnt hast!

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