Finnische Winterfreuden

Ich weiß, ich weiß, es ist schon Dienstag – höchste Zeit also, von meinem Ausflug nach Finnland zu erzählen. Natürlich mit Bildern, wobei ich gleich vorweg sagen muss, dass die meiste Zeit nicht gerade ideale Lichtverhältnisse herrschten – in Nordfinnland wird es momentan gegen 9 hell und gegen 3 wieder dunkel, und dazu war es die meiste Zeit bewölkt.
Am Donnerstag ging es um 4 Uhr morgens los. Merit und ich hatten Glück, denn Alina, unsere Reiseleiterin, wohnt gleich bei uns um die Ecke und wurde mit unserem Bus von dort abgeholt, so dass wir nicht erst durch die ganze Stadt zu dem Wohnheim laufen mussten, in dem die meisten anderen Reiseteilnehmer wohnen. Insgesamt waren wir 32 Leute aus Estland, Deutschland, Lettland, Russland, Italien, Frankreich, den USA, Kanada, der Türkei, der Ukraine, den Niederlanden und Tschechien (wenn ich jetzt nichts vergessen habe). Die erste Etappe war dann die Strecke von Tartu nach Tallinn, die ich inzwischen wirklich auswendig kenne, und die die meisten erstmal zum Schlafen genutzt haben. Danach ging es mit der Fähre rüber nach Helsinki. Die Überfahrt dauert etwa 2 1/2 Stunden, währenddessen wurde es draußen langsam hell. In Helsinki sah es wettermäßig ungefähr genauso aus wie hier in Tartu, es lag Schnee, war aber nicht allzu kalt. Als nächstes stand die laaaange Busfahrt von Helsinki nach Oulu auf dem Plan. Ich war schon lange nicht mehr in Finnland und im Winter noch gar nicht, also habe ich hauptsächlich aus dem Fenster auf die wunderschönen verschneiten Landschaften geschaut. Der Schnee war allerdings nirgendwo wirklich nennenswert höher als momentan in Tartu.
Hier zwei Bilder von einem Stopp unterwegs – wer da wohl sein Fahrrad vergessen hat?
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Abends gegen 8, also nach gut 16 Stunden Reise, kamen wir an unserem Campingplatz am Stadtrand von Oulu an. Dort lag die Temperatur bei -23 Grad, was allerdings schon das kälteste war, was wir während der ganzen Reise erleben sollten. Wir kamen in typischen Holzhütten unter, jeweils zu zweit, zu dritt oder zu viert, und jede Hütte bekam eine Kiste mit Lebensmitteln zur Selbstversorgung.
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Merit und ich verbrachten den Abend in der Hütte von Marcel und Roberto, zwei Erasmus-Studenten aus Leipzig beziehungsweise Bologna, die sich dann direkt mal von uns haben bekochen lassen (unsere Nudeln mit Gemüse schmeckten sogar dem Italiener, ich glaube, darauf kann man stolz sein). Am nächsten Morgen durften wir uns ganz luxuriös am Frühstücksbuffet des 4-Sterne-Hotels bedienen, zu dem die Campinghütten gehörten. Das war auch wirklich sehr gut, abgesehen von dem Kaffee, der in Finnland irgendwie immer sauer schmeckt. Danach ging es wieder in den Bus und wir begaben uns auf die dreistündige Fahrt nach Rovaniemi, das noch weiter nördlich liegt. Unterwegs mussten wir einmal anhalten, weil eine Herde von Rentieren die Straße überquerte. Das war schon ein besonderes Erlebnis, ich hatte bisher nur mit isländischen Schafen zu tun, die die Straße blockieren. Irgendwann ging es dann aber weiter und wir erreichten das „Joulutalo“ (Weihnachtsdorf). Ich fand es ziemlich kitschig, muss ich sagen, aber eigentlich hatte ich auch nichts anderes erwartet. Aber ein bisschen größer hätte ich es mir schon vorgestellt. Es bestand eigentlich nur aus dem Weihnachtsmannhaus, einem Postamt und ein paar völlig überteuerten Souvenir-Shops. Wir hatten dann einen Termin beim Weihnachtsmann. Ja, da muss man einen Termin machen, zumindest wenn man mit einer größeren Gruppe kommt. Bevor man schließlich das eigentliche Büro des Weihnachtsmanns betreten konnte, musste man erst noch eine halbe Stunde Schlange stehen. Ich fand diesen Raum, in dem man wartete, eigentlich ganz nett, an den Wänden hingen Fotos vom Weihnachtsmann mit irgendwelchen Besuchern, die zum Teil prominent waren (erinnert sich noch jemand an Lordi?), und es war alles dekoriert. Aber wirklich kindgerecht fand ich es nicht, außerdem war es viel zu warm, um dort in Winterklamotten zu stehen. Letztendlich gingen wir dann alleine oder in kleineren Gruppen in das Weihnachtsmannbüro, jeweils für 1-2 Minuten, das Ganze hatte was von einem Drive-In, man wurde mehr oder weniger einfach abgefertigt. Der Weihnachtsmann war … na, sagen wir, anders, als wir gedacht hatten. Er sah unter seinem künstlichen Bart ziemlich jung aus und war für meine Begriffe auch nicht dick genug für einen Weihnachtsmann. Er hat uns auf Englisch gefragt, wo wir herkommen, um dann ein paar Wörter auf Deutsch zu sagen. Dann wurden wir mit ihm fotografiert. Selber fotografieren ist in Vorraum und Büro verboten. Man kann sein Foto mit dem Weihnachtsmann zwar kaufen, doch schon die billigste, einfachste Variante kostete 19 Euro. Zwar wurde das Foto von Merit, Marcel und mir gar nicht schlecht, aber keiner von uns hatte Lust, so viel Geld dafür auszugeben. Aber die obligatorischen Postkarten aus dem Weihnachtsmann-Postamt haben natürlich auch wir verschickt (das Porto ist in Finnland sogar billiger als in Estland, dafür kostete allerdings jede Karte schon mindestens einen Euro). Als wir da saßen und Karten schrieben, hatte ich noch ein kurioses Erlebnis: Ein Mann, der mit seiner Familie bei uns am Tisch saß, bekam mit, dass ich Postkarten nach Mönchengladbach verschickte, woraufhin er mich auf Deutsch ansprach und fragte, was ich denn mit der Stadt zu tun hätte. Als ich ihm erzählte, dass ich dort aufgewachsen bin, stellte sich heraus, dass das auch für ihn gilt, und dass er sogar an der gleichen Schule Abi gemacht hat wie ich. Verrückt. Eigentlich kein Wunder, dass einer der ersten Sätze, die man in meinen Estnischbuch lernt, der folgende ist: „kui väike maailm on!“ – „wie klein die Welt ist!“ Den Rest unserer Zeit im Weihnachtsmanndorf verbrachten wir damit, den Polarkreis zu überschreiten (ebenfalls weniger spektakulär als erwartet), in den Läden zu stöbern und Rentierschlittenfahrten anzugucken.
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Das nächste Ziel war das „Arktikum“, das Polarkreis-Museum in Rovaniemi.Der Eintritt kostete für Studenten 8 Euro und war nicht in unserem Reisepreis inbegriffen. Da das Museum wohl recht klein ist, habe ich mir das Geld gespart. Es gibt dort übrigens auch eine kleine Museumsbibliothek, in die ich mal kurz reingeschaut habe.
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Nach dem Museumsbesuch fuhren wir nach Oulu zurück, wo Merit und ich den Abend wieder mit Marcel und Roberto verbrachten. Unser Campingplatz lag direkt an der Ostsee, die auch gut zugefroren war. So konnte man auf der zugeschneiten Eisschicht herumlaufen. Das war schon ein besonderes Gefühl, auch wenn man im Dunkeln nicht viel erkennen konnte.

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Einige von uns hatten sich Hoffnungen auf Nordlichter gemacht, aber dafür war es die ganze Zeit über zu bewölkt, und der Dezember ist wohl sowieso nicht der beste Monat dafür. Später haben wir Roberto dann noch Mau Mau beigebracht (eigentlich nur, weil ich kein anderes Kartenspiel kann) und so den Rest des Abends gespielt. Ich habe zwar ständig verloren, aber trotzdem hat sich herausgestellt, dass dieses Spiel nicht zwangsläufig langweilig sein muss.
Nach einem weiteren Hotelfrühstück mussten wir am Samstag Morgen schon auschecken. Wir fuhren dann nach Ranua, das etwa zweieinhalb Stunden entfernt auf der Strecke nach Rovaniemi liegt. Dort gibt es den nördlichsten Zoo der Welt, wo wir unter anderem Eisbären, Rentiere und Elche zu sehen bekamen, die alle sehr schöne, ausgedehnte Gehege hatten. Im Schnee war es total schön dort, nur leider halten einige Tiere ja zur Zeit Winterschlaf, so dass man z. B. die Braunbären nicht zu Gesicht bekam.
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Von Ranua aus ging es zurück nach Oulu, wo wir in einem Gemeinschaftsraum noch etwas kochten. Ein Teil der Gruppe besuchte danach den hoteleigenen Wasser- und Saunapark, ich allerdings fuhr mit einigen anderen in die Innenstadt von Oulu (unsere Busfahrer waren so nett, uns dort hinzubringen). Oulu ist nicht gerade die aufregendste Stadt der Welt, sah aber im Dunkeln mit Schnee und Weihnachtsbeleuchtung trotzdem schön aus.
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Die Bibliothek dort befindet sich zwar in einem ziemlich hässlichen Gebäude, hat aber die absolute Traumlage: Direkt am Meer, gegenüber vom Theater und keine fünf Minuten von den Hauptgeschäftsstraßen entfernt. Muss ein toller Arbeitsplatz sein.
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Wir liefen ein bisschen durch die Stadt und auf eine kleine Insel, irgendwann war uns aber so kalt, dass wir bei McDonald’s einen Kaffee trinken gingen – alles andere wäre kaum bezahlbar gewesen.
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Schließlich wurden wir von unserem Bus wieder abgeholt. Und dann traten wir auch schon die Heimreise nach Tartu an. Die Zeit war wirklich wie im Fluge vergangen, und da wir das meiste nur im Dunkeln zu Gesicht bekommen hatten, hatte man fast das Gefühl, die letzten Tage so gut wie ausschließlich im Bus verbracht zu haben.
Eigentlich sollten wir gegen 21:30 Uhr starten, da sich Alina jedoch im Wasserpark am Fuß verletzt hatte und im örtlichen Krankenhaus ewig lang darauf warten musste, dass ihre Wunde genäht wurde, wurde es schließlich doch 23 Uhr. Die Nacht mussten wir uns im Bus um die Ohren schlagen – nicht gerade die schönste Art, um in Merits Geburtstag reinzufeiern, aber das Feiern kann man ja nachholen. Besonders viel und gut habe ich nicht geschlafen, ich hatte kaum Beinfreiheit und saß direkt an der hinteren Tür, dort zog es wie Hechtsuppe. Irgendwie habe ich es dann zwar immerhin geschafft, mal für drei oder vier Stunden die Augen zuzumachen, aber danach tat mir so gut wie alles weh. Morgens um 7 kamen wir in Helsinki an (wie es die Busfahrer geschafft haben, trotz der Verzögerung noch den Zeitplan einzuhalten, kann ich mir nicht erklären), wo wir noch drei Stunden Zeit für einen Stadtrundgang hatten. Bei 0 Grad war es in den Klamotten, die wir am Morgen zuvor für den Zoobesuch angezogen hatten, viel zu warm, und ich war total müde, aber Helsinki verschneit im Morgengrauen, hat das wieder wettgemacht. Da es Sonntag und früh am Morgen war, war kaum etwas los in der Stadt.
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Nach einem bisschen Sightseeing ging es dann auf die Fähre nach Tallinn. Auf der Überfahrt wurde wieder Mau Mau gespielt, dieses Mal noch mit einem Amerikaner und einer Französin. So haben wir dieses Spiel jetzt international gemacht, es war sogar schon die Rede von einem Mau-Mau-Abend im Erasmus-Wohnheim, den man mal planen könnte. Dieses Mal habe ich sogar gar nicht so oft verloren.
Und dann stand nur noch die Fahrt nach Tartu an, während der es schon wieder dunkel wurde. In Tartu waren es -8 Grad, man konnte sich nach dem milden Wetter in Helsinki also fragen, ob man wirklich weiter in den Süden gefahren war. Merit und ich wurden wieder fast bis nach Hause gefahren und waren trotz aller Traurigkeit über das Ende der Reise froh, wieder zu Hause zu sein, die lange Busfahrt war echt anstrengend. Aber insgesamt war es eine sehr schöne Reise mit vielen netten Menschen, tollen Erlebnissen und einer riesigen Menge Schnee. Und eine noch riesigere Menge Erinnerungen habe ich mitgenommen.
Zum Schluss gibt es jetzt noch den Song der vergangenen Woche, der wunderbar dazu geeignet ist, gehört zu werden, während man im Dunkeln aus dem Fenster eines fahrenden Busses auf verschneite Wälder und Felder schaut – „Rano Pano“ von Mogwai.

6 Gedanken zu “Finnische Winterfreuden

  1. The pictures are great. Is it a stone on the pic between the picture with the lynx and the elk? And i know how the busdriver could be in time … they’re sing „Vores buschauffør ka‘ godt køre bus“ :D So – jetzt vergeig ich sonst Englisch: Ich denke, die haben so oder so immer ein bissel mehr Zeit als sie eigentlich brauchen. Hpts. wenn mal was passiert. Kann ja n Reifen platzen oder der Motor kann streiken. Und wie du ja selber sagst: Du hast geschlafen – vllt sind die schneller gefahren als geplant. Und du hast hinten gesessen und nicht gesehen, wie schnell die gefahren sind und wie schnell die eigentlich hätten fahren dürfen.
    Jetzt hab ich Nephew – Denmark Man Dark im Kopf. Danke, Busfahrer.

    1. Yeah, that’s a stone. It was part of some geology exhibition or something.
      Ja, die sind echt ziemlich gerast, bin zwischendurch davon wach geworden. Denke aber auch, dass von vorneherein viel Zeit eingeplant wurde.
      Und ich hab’s nun auch im Kopf. :D Aber ist doch ein guter Ohrwurm!

  2. Mir war gar nicht wirklich bewusst, dass ich u.a. diesen Eintrag noch gar nicht gelesen habe. :( Klingt aber total toll. Ach, ich beneide dich!

    Und die Eisbären.. wie toll!

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