Talvine Tartu – Winterliches Tartu

Heute ist der letzte Tag der vorletzten Woche vor meinem Heimatbesuch. Irgendwie hat man hier momentan das Gefühl, dass alle wie auf der Zielgeraden leben. Das große Ziel heißt Weihnachten, die letzten Tage davor wollen noch irgendwie abgehakt werden. Genau wie ich stehen auch viele andere ausländische Studenten kurz vor einem Besuch bei Familie und Freunden, einige von ihnen fahren oder fliegen in den nächsten Tagen sogar schon endgültig zurück in ihre Heimatländer. Und auch unter den Esten selbst scheint so eine Art ungeduldiges Abwarten zu herrschen, im Archiv wollen alle eigentlich nur noch die letzten Tage vor den Feiertagen abhaken. Ich auch.

Ich übersetze bei der Arbeit gerade einen Text, in dem es um verschiedene Arten von Schäden an Archivdokumenten geht. Ziemlich viel Chemiezeug, von dem ich wenig Ahnung habe. Aber interessant ist das Ganze schon. Es handelt sich um eine Publikation, die in Zusammenarbeit der Nationalarchive Estlands und Lettlands herausgegeben wird, den „Atlas der häufigsten Beschädigungen an Archivmaterialien“. Mit diesem soll eine gemeinsame Terminologie zum Thema Dokumentenschäden erreicht werden, damit Archivare in estnischen und lettischen Archiven sich alle das Gleiche unter einem bestimmten Schaden vorstellen und die Dringlichkeit der Ergreifung von Restaurierungsmaßnahmen gleich einschätzen. Dazu wurde ein englischer Text verfasst, der dann auf Estnisch und Lettisch übersetzt wurde. Das Ganze erscheint (dreisprachig) in gedruckter Form irgendwann im Jahr 2013, die deutsche Version wird es online zu lesen geben. Der Text an sich ist nicht schwer zu übersetzen, aber die Erklärungen zu den einzelnen Beschädigungstypen und ihre Bezeichnungen bereiten schon manchmal Probleme. Beispielsweise gibt es einmal „abrasion“ und einmal „grazing“, beides kann man mit „Abschürfung“ übersetzen, aber aus den Erklärungen geht hervor, dass es sich um zwei verschiedene Schäden handelt. Als Alternativübersetzung fiel mir nur „Abreibung“ ein, aber das klingt irgendwie komisch, so nach „jemandem eine Abreibung verpassen“. Mit Hilfe von ein paar Mails an meinen Vater, der deutlich mehr Ahnung von Chemie hat als ich, und Merits Estnischkenntnissen bin ich aber immerhin schon fertig mit einer ersten Version des Textes. Eigentlich habe ich noch bis zum Ende meines Praktikums Zeit dafür, aber, wie mir von den Kollegen schon mehrfach gesagt wurde, ich arbeite zu schnell und zu viel. Aber so kann ich mir wenigstens noch eine Menge Zeit zum Korrigieren und Umformulieren nehmen, ich bin auch immer so furchtbar perfektionistisch, was solche Sachen angeht (gar nicht gut bei Hausarbeiten).

Am Dienstag fand im „Genialistide Klubi“ noch einmal eine „Jam Session“ der Erasmus-Studenten statt. Merit und ich waren eine Weile da und haben ein paar Leute vom Finnland-Trip wiedergetroffen, aber von der Musik her war die erste „Jam Session“ besser als diese. Freitag dann gab es eine Abschiedsparty für diejenigen, die Tartu jetzt schon verlassen, und wir nutzten das als Gelegenheit, Merits Geburtstag nachzufeiern. Vorher waren wir noch mit einigen Leuten in Robertos WG in dem Wohnheim, in dem die meisten Erasmus-Studenten leben, haben selbstgekochte Pasta Bolognese gegessen (er kann anscheinend doch kochen) und Mau Mau gespielt, bis wir losgezogen sind in den Club „Teine Maailm“ (zweite/andere Welt), der sich, wie so viele andere Clubs und Bars auch, auf der Rüütli (Ritterstraße) in der Altstadt befindet. Die Party war nicht besonders toll, es war viel zu eng, laut, warm und langweilig, so dass ich nicht allzu lange in dem Club blieb. Stattdessen diskutierte ich bei -10 Grad draußen auf der Straße mit Marcel und einem uns unbekannten Polen über deutsche und polnische Geschichte  (der Pole hatte zwar viel Alkohol intus, aber wenig Ahnung, und statt Argumenten kamen von seiner Seite irgendwann nur noch Schimpfworte), während sich neben uns zwei dicke und mindestens vierzigjährige Esten eine wohl nicht ganz ernstgemeinte Prügelei im Schnee lieferten, und schließlich spielte ich mit Merit, Marcel und Jasmin (die auch in Finnland dabei war) in einer Bar Kicker gegen ein paar estnische Studenten. Insgesamt eigentlich ein guter, lustiger Abend. Gegen 5 Uhr morgens waren wir dann wieder zu Hause. Der Rest des Wochenendes verging mit Ausschlafen, einem bisschen Shopping und dem Austauschen von Finnland-Fotos mit ein paar anderen Reiseteilnehmern.

Tja, und irgendwie war das auch schon alles, was ich im Moment zu erzählen habe. Hier noch ein Sommer-/Winter-Vergleichsbild von der Inglisild (Engelsbrücke), fotografiert Anfang August und heute. Kaum vorstellbar, dass ich vor gar nicht allzu langer Zeit noch im T-Shirt unter der Brücke hindurch in die Altstadt gelaufen bin …

DSCF2090

Zu guter Letzt der Song der Woche: „Spacelab“ von Steaming Satellites (die meiner Meinung nach übrigens die beste Band beim Phonopop-Festival im Juli waren, obwohl kaum jemand sie vorher kannte). Leider habe ich nur eine soundmäßig nicht ganz perfekte Liveversion mit wackligem Video gefunden, aber das stört, wie ich finde, nicht sehr.

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2 Gedanken zu “Talvine Tartu – Winterliches Tartu

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