Pläne und Pfannkuchen

Mein Onkel schrieb mir vor ein paar Tagen eine Mail, die mit den Worten endete: „Das warme aber regnerische Eicken grüßt das kalte aber sonnige (hoffentlich) Estland!“ (für die, die es nicht wissen – Eicken ist ein Stadtteil von Mönchengladbach), woraufhin ich ihm schrieb, dass ich hier die Sonne schon laaaange nicht mehr gesehen hätte. Die Sonne muss diese Beschwerde irgendwie mitbekommen haben, denn am Samstag schien sie den ganzen Tag – oder besser die ganzen 6 1/2 Stunden, während denen es hier zur Zeit täglich hell ist. Beweise? Hier ein Blick durch das Dachfenster in meinem Zimmer am Samstag Morgen:

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Nun denkt ihr wahrscheinlich, dass ich an diesem Tag draußen war, um Fotos zu machen. Nein, das war ich nicht. Denn erstens war das der erste Tag seit meiner Rückkehr nach Estland, an dem ich die Chance hatte, meine Erkältung mal ein bisschen auszukurieren und zweitens habe ich noch einiges mit den Abschlussunterlagen für Erasmus zu tun (wovon ich dann aber am Wochenende trotzdem nur einen kleinen Teil geschafft habe, Rumgammeln ist ja so schön …). Aber es hat auch schon Spaß gemacht, aus dem Fenster zu gucken. Seit gestern ist der Himmel allerdings wieder wie gehabt grau und wolkig. Aber es geht mir auch wirklich besser nach den beiden ruhigen Wochenendtagen.

Die ganze Woche war an sich ziemlich ruhig. Nachdem Sonja wieder weg war, ging es für mich normal mit Arbeiten weiter. Am Dienstag Abend kam unser Vermieter vorbei, und die Nachfolgerin für mein Zimmer. Merit hat sie über Facebook gefunden. Sie ist Estin, hat aber vier Jahre in Frankreich gelebt und spricht fließend Französisch und auch sehr gut Englisch. Ich finde sie sehr sympathisch, brauche mir also keine Sorgen um mein liebgewonnenes kleines Zimmer zu machen. Unser Vermieter meinte dann noch, dass es doch viel spannender wäre, in Estland zu leben als in Deutschland, und warum ich denn wieder zurückgehen würde. Tja, ich habe keine andere Wahl, und ich bezweifle auch, dass er selbst mal in Deutschland gelebt hat. Am Mittwoch haben Merit und ich uns dann noch mit Maeva getroffen, der Französin, mit der wir in Finnland in einer Hütte gewohnt haben. Wir waren erst etwas trinken und dann noch in ihrer schönen kleinen Wohnung in der Nähe des botanischen Garten. Sie fliegt Ende des Monats für eine Woche nach Frankreich und hat jemanden gesucht, der in der Zeit ab und zu nach ihrem Kater schaut, wozu Merit und ich uns bereit erklärt haben. Der kleine Koivu ist auch sehr süß, muss sich aber wohl erst noch an uns gewöhnen. Er war ziemlich scheu. Maeva hat jedenfalls gesagt, dass wir ihm ein bisschen Deutsch beibringen sollen, während sie weg ist. Sie studiert Skandinavistik und lernt auch ein bisschen Estnisch, so hat sie schon in vielen Sprachen mit ihm gesprochen, auf Deutsch allerdings noch nicht (abgesehen davon, dass er ab und an das Wort „scheiße“ gehört hat, das benutzen anscheinend auch Nicht-Deutsche gern).

Ansonsten gibt es nicht viel zu erzählen von dieser Woche. Ich habe am Wochenende überlegt, was ich noch so machen werde in meinen letzten Tagen hier. Erst einmal muss ich natürlich noch vier Tage arbeiten. Ich freue mich sehr auf die freie Zeit danach. Das wäre wahrscheinlich anders, wenn ich gerade etwas Spannendes zu tun hätte. Die Akten von 1654 sind zwar nicht uninteressant, aber ich habe einfach schon zu viele Dokumente aus der Zeit gesehen. Letztendlich ging es dem deutschen und schwedischen Adel in Livland doch immer nur um Geld, deshalb schrieben sie ihre vielen Briefe an den Generalgouverneur. Oder wegen ihrer Gutshöfe, was ich allerdings deutlich interessanter finde als die Frage, wer wem was warum und wofür schuldete. Manchmal komme ich hier an Ortsschildern vorbei oder lese irgendwelche Namen auf der Landkarte und denke mir: Aha, da war also der Gutshof, um den sich der Leutnant/Oberst/Ratsherr X damals mit dem Fähnrich/Kapitän/Landrichter Y stritt. Und ich glaube, einige von den historischen deutschen Namen für Orte auf dem Gebiet des damaligen Livland werde ich nie vergessen, so oft habe ich sie in den letzten sechs Monaten gelesen. Gleiches gilt für die großen Adelsgeschlechter. Wie könnte man auch einen Namen wie Üxküll vergessen? Aber trotz allem hat man dann nach einiger Zeit auch keine Lust mehr darauf, zum gefühlt zehntausendsten Mal in die Datenbank zu schreiben: „Akte in Sachen des … contra … wegen einer Schuldforderung/Grenzstreitigkeiten betreffend das Gut … /falscher Beschuldigungen oder was auch immer“. Ich bin froh, dass meine Kollegin Maive ab und an zu mir kommt und sich mit mir unterhält, immer eingeleitet von „So, how is it going?“ ,wobei das „going“ durch ihren estnischen Akzent zu „goink“ wird. Sie selbst schreibt gerade einen Bericht über das „E-Archive“-Projekt, eins der vielen Kooperationsprojekte zwischen Estland, Lettland und Russland zur Förderung der gegenseitigen Beziehungen. Bei diesem Projekt konkret geht es um die Erstellung eines sozialen Netzwerkes für Historiker, Archivare, Bibliothekare und anderer interessierter Personen, um Digitalisierung von Dokumenten und ganz allgemein um die Erhaltung des kulturellen Erbes der drei Länder. Wer mehr darüber wissen will, kann die Projektbeschreibung lesen. Auf der Seite findet man auch Beschreibungen der anderen „EstLatRus“-Projekte, Events, und mehr zu diesem groß angelegten Programm unter dem Motto „united by borders“.

Was habe ich sonst vor außer Arbeiten und Katzenbetreuung? Ich möchte unheimlich gerne noch Otepää im Schnee sehen. Und Pärnu. Und Elva. Und eigentlich das ganze Land im Schnee. Nach Otepää werde ich auf jeden Fall noch mit Stephan fahren, wenn er in 10 Tagen hier ist, nach Pärnu auch, dorthin sogar über Nacht. Ich hoffe, es ist dann noch so kalt und zugeschneit wie jetzt, dann könnten wir auf der zugefrorenen Ostsee herumlaufen, so wie wir das in Oulu gemacht haben. Elva ist ja auch nicht weit von hier, dahin kann ich oder können wir also auch noch fahren. Dann gibt es noch so einige andere Orte, die ich in meiner Zeit hier eigentlich besuchen wollte. In Narva, der drittgrößten Stadt Estlands, die ganz im Nordosten und damit direkt an der Grenze zu Russland liegt, war ich zum Beispiel schon lange nicht mehr. Unheimlich gerne würde ich den Jägala-Wasserfall östlich von Tallinn mal im zugefrorenen Zustand sehen. Die Fotos, die mein Vater davon im Februar 2012 gemacht hat, sind einfach beeindruckend. Aber ich habe keine Ahnung, wie man da mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommen soll. Schön stelle ich es mir auch im Nelijärve-Seengebiet vor, das an der Zugstrecke von Tartu nach Tallinn liegt, und von dem dieses Video (in dem es allerdings nur um das dortige Ferienzentrum geht) einen Eindruck bietet. Haapsalu ist im Schnee bestimmt auch sehr sehenswert. Bis dahin ist man aber mit dem Bus um die 4 Stunden unterwegs. Wie schonmal gesagt, Estland ist klein, aber sobald man irgendwohin fahren will, kommt es einem doch plötzlich sehr groß vor, besonders, wenn man kein Geld hat, um ständig irgendwo zu übernachten. Aber alle oben genannten Orte noch anzuschauen, das schaffe ich in der kurzen Zeit sowieso nicht, zumal ich auch hier in Tartu gern noch ein paar Museen besuchen würde. Aber ich werde versuchen, wenigstens einen Großteil der Ideen noch umzusetzen, und das mit Otepää und Pärnu ist ja auch schon fest geplant.

Falls nach all dem Text jetzt jemand Hunger bekommen haben sollte – kein Problem! Ich habe gestern Mittag pannkoogid gemacht, estnische Pfannkuchen, und das Rezept möchte ich euch nicht vorenthalten. Estland gehört nämlich zu den vielen Ländern, in denen Pfannkuchen typisch sind, hier isst man sie traditionell moosiga, mit Marmelade, und dazu wird – wie eigentlich zu allem – piim (Milch) getrunken. Ich habe kleine Pfannkuchen gemacht, die mag ich besonders gern, und sie haben den praktischen Vorteil, dass sie sich leichter wenden lassen als große. Also, hier ist nun das retsept, der Teig reicht für 15 bis 20 kleine Küchlein:

Kleine estnische Pfannkuchen

Pfannkuchenturm

Zutaten:

  • 2 Eier
  • 2 EL Zucker
  • 500 ml Kefir oder Sauermilch (wer das nicht hat, kann Buttermilch nehmen)
  • 1/2 TL Salz
  • 3 dl (das sind etwa 175 g) Weizenmehl
  • 1/2 TL Soda (oder Natron oder notfalls Backpulver, aber ich finde, damit schmeckt es anders)
  • etwas Butter

Zubereitung:

  • Eier, Zucker und Kefir mit dem Schneebesen gut verquirlen.
  • Salz, Mehl und Soda mischen und portionsweise mit dem Schneebesen unterrühren.
  • Den Teig, der ruhig noch etwas klumpig sein kann, für 15-30 Minuten in den Kühlschrank stellen.
  • Butter in einer Pfanne heiß werden lassen, dann die Hitze reduzieren.
  • Pro Pfannkuchen einen bis drei EL Teig in die Pfanne geben.
  • Pfannkuchen bei schwacher bis mittlerer Hitze braten. Wenn man sie zu heiß brät, werden sie von außen zwar schön braun, bleiben innen aber halb roh.
  • Mit Marmelade (am besten aus Beeren) und einem Glas Milch servieren.
  • Reste schmecken auch gut kalt zum Frühstück am nächsten Morgen.
Echt estnisch: Pfannkuchen mit Brombeermarmelade und Milch
Echt estnisch: Pfannkuchen mit Brombeermarmelade und Milch
Head isu! - Guten Appetit!
Head isu! – Guten Appetit!

Musik gibt es auch noch dazu, den Song der Woche, „The Hellcat Spangled Shalalala“ von den Arctic Monkeys, passt musikalisch irgendwie gut zu meiner Stimmung im Moment, zur Freude über das andauernde Winterwetter, zur leichten Traurigkeit, weil ich bald hier weg muss, aber auch zur Vorfreude auf alles, was in der Zukunft kommen mag.

(Ach ja, kann mir jemand diesen Songtitel erklären?)

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2 Gedanken zu “Pläne und Pfannkuchen

  1. Hallo Eva!
    Ich lese Deinen Blog schon eine Weile „leise“ mit – und das, stell Dir vor, obwohl ich (die meisten) Blogs, die mir über den Weg gelaufen sind, nicht ausstehen kann, weil sie allzu oft herzzerreißend langweilig (um nicht zu sagen: gänzlich belanglos) sind. Dein Blog ist allerdings sehr anders: persönlich, informativ, durchdacht. Man erfährt Interessantes ganz unterschiedlicher Art (Kunst, Sprache, Musik, Bücher, sogar ein Pfannkuchenrezept ist dabei) und hat zu jeder Zeit genug Spielraum, sich gewissermaßen auch seinen eigenen Gedanken zum Thema zu überlassen. Wirklich toll, deshalb möchte ich Dich bitten, noch ein Praxissemester anzuhängen. ;o) Vielen Dank an dieser Stelle für ein echtes Lesevergnügen und viele Grüße aus Schweden!
    S.

    1. Hallo S.!
      Vielen Dank für den tollen Kommentar, ich freu mich sehr darüber! =)
      Leider kann ich kein weiteres Praxissemester dranhängen, aber ich überlege schon seit einigen Tagen, wie ich diesen Blog hier weiterführen könnte, wenn ich wieder in Deutschland bin, denn das würde ich wirklich gerne tun. Ich lass mir was einfallen. ;)

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