Kälte, Schnee, Abschiede und Geschenke

Diese vier Worte beschreiben die vergangene Woche ganz gut. Es ist nach wie vor verschneit und kalt hier. Gestern hatten wir hier -25 Grad, die kälteste Temperatur, die ich bisher in meinem Leben erlebt habe. Aber ich muss sagen, meiner Erfahrung nach merkt man keine großen Unterschiede, wenn es einmal unter -10 gegangen ist. Es kommt natürlich auch immer auf die Luftfeuchtigkeit an, aber gestern habe ich es nicht unbedingt als kälter empfunden als vorher. Die bisher kälteste Temperatur des Jahres 2013 hier in Estland wurde übrigens gestern Morgen gegen 9 Uhr in Jõgeva (ca. 60 km nördlich von Tartu) gemessen: -28,7 Grad. In den nächsten Tagen soll es etwas wärmer werden, aber insgesamt werden die Temperaturen wohl zwischen -10 und -20 Grad bleiben, bis ich abreise.

Und damit sind wir auch schon beim nächsten Stichwort, Abschiede. Am Freitag hatte ich meinen letzten Tag im Archiv. Erst habe ich noch normal gearbeitet, dann gab es eine kleine Abschiedsfeier mit meinen Kollegen. Kalev, Anne und Kadri waren nicht dabei, da sie an dem Tag frei hatten, aber dafür kam Edith extra vorbei. Sie ist hochschwanger, der Geburtstermin für ihren Sohn ist für nächsten Mittwoch ausgerechnet, aber es ging ihr sehr gut, und alle haben sich gefreut, dass sie da war. Sie und ich hatten beide Kuchen mitgebracht, dazu gab es Tee, und ich bekam Abschiedsgeschenke.

Tüte

Diese Tüte enthielt viele tolle Sachen:

  • Ein T-Shirt vom Rahvusarhiiv (Nationalarchiv). Darauf stehen die ganzen Vorschläge für einen offiziellen Slogan, die vor einigen Jahren gesammelt wurden. Gewählt wurde schließlich „Iidne ja moodne“ (alt und modern), finde ich persönlich nicht so toll, aber zum Glück hat man sich ja dazu entschieden, auch die anderen Vorschläge auf das T-Shirt zu drucken.

T-Shirt

  • eine kleine Münztasche mit einem typischen Muster.

Tasche

  • eine CD von der Band Kasemahlake, in der Edith singt und ihr Mann Bass spielt. Die Musik geht so in Richtung Funk, würde ich mal sagen, die Band bezeichnet sich selbst auch als „Glamuurbänd“. Einige der Songs auf der CD sind bekannte estnische Lieder, aber auch estnischsprachige Versionen wie von „S. O. S.“ von Abba sind dabei. Wer mehr wissen will, kann sich ihre Facebook-Seite ansehen.

CD

  • eine Kette mit einem kleinen Vogel-Anhänger, der, wie Maive sagte, dafür stehen soll, dass mir alle Möglichkeiten offenstehen und ich „hinfliegen“ kann, wo ich will – zum Beispiel eines Tages zurück nach Estland.

Kette

  • einen von Liina selbstgemachten Schlüsselanhänger, der, wie sie mir erklärt hat, typisch ist für die Insel Kihnu und der als südamepael (Herzband) bezeichnet wird.

Schlüsselanhänger

  • von Liina selbstgestrickte warme Wollsocken.

Socken

  • eine Karte von Tartu und Umgebung, die Tiiu für mich im kaardikeskus in Tallinn gekauft hat.

Karte

Dann bekam ich noch von der Restaurarierungsabteilung eine riesige Schachtel Pralinen als Dankeschön für die Übersetzungsarbeit. Eigentlich soll ich mir diese mit meinem Vater teilen, da er mir schließlich bei den im Zusammenhang mit dem Text auftauchenden Chemiefragen geholfen hat, aber ich fürchte, ich werde die Schachtel aus Gewichtsgründen nicht mit nach Deutschland nehmen können, zumindest nicht voll. Ruth, die Chefin dieser Abteilung sagte, sie habe diese Pralinen ausgesucht, da die Frau auf der Packung sie an mich erinnert hätte.

Die Kannel ist ein traditionelles estnisches Musikinstrument
Die Kannel ist ein traditionelles estnisches Musikinstrument

Wir haben lange zusammen gestanden und uns unterhalten, auf Englisch, Estnisch und Deutsch, bis so nach und nach alle wieder an die Arbeit gegangen sind. Ich habe dann meinen Schreibtisch aufgeräumt, mich noch eine Weile mit Maive unterhalten, und bin dann gegen Mittag nach Hause gegangen. Es war ein komisches Gefühl, zum letzten Mal meinen Arbeits-PC herunterzufahren, die Tür des Büros zuzumachen und die Treppen herunterzugehen. Und noch komischer war es, meine Türöffner-Karte am Empfang abzugeben, das hatte so etwas Endgültiges, es bedeutet, dass ich jetzt nicht mehr ohne weiteres überall einfach reingehen kann im Archiv. Obwohl ich, wie gesagt, froh bin, dass ich nun fertig bin mit dem Praktikum und damit mit meinem vierten Semester (abgesehen von Praktikumsbericht und solchen Sachen), war es schon irgendwie traurig. Vor allem von Maive fiel mir der Abschied schwer, wir haben uns wirklich gut verstanden, aber ich bin ja sicherlich nicht zum letzten Mal in Estland und in Tartu, und meine Kollegen haben alle gesagt, dass ich jederzeit für einen Besuch willkommen bin.

Der nächste Abschied folgte dann gestern Nachmittag. Merit und ich waren noch einmal mit Maeva verabredet. Wir gingen Kaffee trinken im „Dedi“, dem Selbstbedienungsbistro im obersten Stockwerk des kaubamaja (Kaufhaus). Wenn man sich dort direkt ans Fenster setzt, kann man rüber aufs Vanemuine-Theater sehen. Die Sonne schien und so saßen wir eine ganze Weile dort, wärmten uns auf und redeten über alles Mögliche. Maeva fliegt am Donnerstag für eine Woche nach Frankreich, kommt also erst hierher zurück, wenn ich schon in Deutschland bin. So musste ich mich auch von ihr schon verabschieden. Ja, wie gesagt, die Zeit der letzten Male hat angefangen, in 11 Tagen geht es zurück nach Deutschland. Irgendwie kann ich mir das noch gar nicht richtig vorstellen. Aber ich freue mich jetzt erstmal auf die freie Zeit, die ich hier noch habe, und ab Donnerstag ist dann ja auch Stephan hier, mit dem ich noch viel unternehmen und anschauen werde.

Heute Nachmittag habe ich mich dick eingepackt und einen Schneespaziergang gemacht. Wie immer, wenn ich hier spazierengehe, machte ich mich auf den Weg zum Tähtvere-Park, in dem ich im Sommer und Herbst auch gejoggt bin. Ich mag diesen Rundgang einfach sehr, es ist für mich immer wie ein kleiner Ausflug in die Natur inmitten der Stadt. Und ich mag auch die Straßen, durch die man geht, es sind einfach ganz normale Wohnstraßen, aber gerade das gefällt mir, man braucht nicht immer tolle Sehenswürdigkeiten um sich herum zu haben, um es irgendwo schön zu finden. Es sieht im Park alles so wunderschön aus im Schnee, aber ich finde es immer schwierig, das auf Fotos so richtig festzuhalten. Schneebedeckte Bäume und Felder sehen in Wirklichkeit schöner aus als auf Bildern, zumindest als auf meinen Bildern, die ja nicht gerade professionell sind. Trotzdem hatte ich meine Kamera dabei. Ich habe sogar noch ein bisschen Street Art entdeckt, vielleicht gibt es also doch noch einen vierten Teil von „Tartu Street Art“, oder vielleicht entdecke ich in Pärnu noch mehr oder an anderen Orten, die ich noch besuchen werde. Mal sehen. Hier jedenfalls erstmal die Bilder von meinem Rundgang  im Schnee:

Ein Güterzug fährt vorbei
Ein Güterzug fährt vorbei
Dieses schöne Gebäude ist ein Altenheim
Dieses schöne Gebäude ist ein Altenheim

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Meine Lieblingsallee, die Taara Puiestee
Meine Lieblingsallee, die Taara Puiestee

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Es gibt tatsächlich viele Leute, die auch bei diesem Wetter joggen gehen
Es gibt tatsächlich viele Leute, die auch bei diesem Wetter joggen gehen

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Mein Lieblingsbaum in diesem Park, irgendwie stelle ich mir immer Giraffen vor, die an ihm knabbern
Mein Lieblingsbaum in diesem Park, irgendwie stelle ich mir immer Giraffen vor, die an ihm knabbern

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Vor der Sängerbühne gibt es jetzt eine kleine Eisbahn
Vor der Sängerbühne gibt es jetzt eine kleine Eisbahn

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"Mit der Partnerkarte für die Reise". Dieses Plakat hängt hier schon seit Monaten und passt nicht recht in den Schnee
„Mit der Partnerkarte für die Reise“. Dieses Plakat hängt hier schon seit Monaten und passt nicht recht in den Schnee

Eigentlich wollte ich auch noch Bilder von dem unterhalb des Tähtvere-Parks befindlichen Sportpark machen, aber nach fast einer Stunde war meiner Kamera und mir dann doch zu kalt. Aber ich habe ja in den nächsten Tagen viel Zeit, um das nachzuholen. In der Zwischenzeit könnt ihr die Schneebilder von heute ja noch einmal mit denen von Sommer und Herbst vergleichen.

Apropos Bilder: Es gibt da eine ganz tolle Internetseite, die ich euch gerne zeigen würde: estonia360. Dort kann man sich faszinierende Panoramabilder anschauen, die mit Hilfe eines Helikopters an verschiedenen Orten in Estland gemacht wurden, einige im Sommer, einige im Winter. Das Ganze ist sozusagen interaktiv, man kann rein- und rauszoomen und die Bilder hin und her schwenken, fast ein bisschen so, als säße man selbst im Helikopter. Geht auf der Seite am besten auf  nimekiri (Liste), dort findet man alle Orte, von denen es Aufnahmen gibt, alphabetisch geordnet. Besonders empfehlen kann ich, sozusagen aus aktuellem Anlass, das Panoramabild von der Haapsalu – Noarootsi Jäätee (Haapsalu – Noarootsi Eisstraße). Aber auch viele andere Bilder sind toll, man kann sich Tartu angucken, und Otepää (sowohl im Sommer als auch im Winter), Pärnu, Tallinn, den Jägala-Wasserfall, den Soomaa-Nationalpark und noch viel mehr. Man kann mit dieser Seite wirklich Stunden verbringen.

Dieses Mal gibt es einen Song der Woche mit unaussprechlichem Titel: „Jynweythek Ylow“ von Aphex Twin. Meiner Meinung nach passt dieser Song wunderbar zu der klirrenden Kälte, zu Eis und Schnee, und außerdem auch zu der „historischen“ Stimmung, in die das Archivgebäude mit seinen alten Holzregalen und noch älteren Papierdokumenten mich immer versetzt hat. Er drückt das Gefühl aus, das man bekommt, wenn man durch das verschneite Tartu läuft, und auch jetzt, wo ich auf meinem Bett sitze, und durch mein Fenster in die kalte, frostige Dunkelheit sehe, bringt dieser Song mich zum lächeln.

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4 Gedanken zu “Kälte, Schnee, Abschiede und Geschenke

  1. Danke für den Report. Habe mir natü. gleich die Helikopterbilder angesehen (recht viele sogar). Besonders gut finde ich auch das Panorama „Jäätee Vormsile“ (also Eisstraße zur Insel Vormsi). Da sieht man jemanden, der neben seinem Auto – mitten auf der gefrorenen Ostsee! – eine Pause macht. Und wenige hundert Meter daneben zieht die Fähre „Reet“ eine Fahrrinne durch das Eis. Auweia!

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