Bewahrheitet oder nicht?

Beim letzten Mal schrieb ich etwas von „Nachwirkungen“ meiner Zeit in Tartu. Im Zusammenhang damit kann man sich fragen: Was hat sich während der sechs Monate verändert – an mir und an meiner Beziehung zu Estland? Dieser Frage will ich in den nächsten Wochen nachgehen, und zwar anhand von Listen. Die erste Liste ist die Liste der „Vorurteile“.

Denn auch wenn man ein Land schon gut kennt, hat man immer noch bestimmte Bilder davon und von seinen Einwohnern vor Augen. Aufgrund von bereits gemachten Erfahrungen deckte sich das Bild, das ich vor meinem Praktikum von Estland hatte, natürlich nicht mit dem, das Leute haben, die noch nicht dort gewesen sind (gibt es unter Deutschen überhaupt das EINE Estland-Bild? Gibt es Klischees, wie man sie z. B. über die USA oder Italien immer wieder hört? Wäre mal interessant zu erfahren). Aber trotzdem hatte auch ich so meine Vorstellungen, von denen ich jetzt mal ein paar unter die Lupe nehmen und nach sechs Monaten Leben in diesem Land beurteilen will. Ich möchte vorausschicken, dass alles, was jetzt folgt, ausschließlich meine persönlichen Erfahrungen, Erlebnisse und Beobachtungen widerspiegelt. Ich bin mir im Klaren darüber, dass man solche Dinge keinesfalls verallgemeinern kann, und dass ich durch das Leben in der Stadt natürlich auch ein anderes Bild erhalten habe als jemand, der über einen längeren Zeitraum irgendwo auf dem Land in Estland lebt. Zudem sind fast alle Esten, mit denen ich mich unterhalten habe, Studenten oder bereits „fertige“ Akademiker, was sicherlich auch einen Einfluss auf meine Eindrücke hat.

– Esten sind schweigsam. Stimmt nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie unter sich sind. In meinem Büro z. B. wurde immer viel gequatscht, vor allem Anne ist sehr gesprächig. Und auch auf den Straßen und in Cafés und Restaurants hört man, dass dieses Klischee nicht der Wahrheit entspricht. Sind allerdings Leute dabei, die kein oder kaum Estnisch sprechen, sind die meisten Esten in der Tat eher ruhig.

– Esten können sehr gut Englisch. Stimmt, zumindest was die jüngere Generation angeht. Die meisten Esten haben zwar einen ziemlich starken Akzent, aber ihre Grammatik ist gut bis fehlerfrei – und man muss immer bedenken, dass es für einen Esten sehr viel schwieriger ist, Englisch zu lernen als für einen Deutschen, da die beiden Sprachen zwei verschiedenen Sprachfamilien angehören und sich daher sowohl in ihrer grammatikalischen Struktur als auch ihrem Vokabular stark unterschieden. In Estland ist es auch keine Seltenheit, dass z. B. eine einfache Verkäuferin im Supermarkt gut Englisch spricht. Trotzdem hat beinahe jeder Este, mit dem ich mich bisher auf Englisch unterhalten habe, während des Gesprächs mindestens einmal gesagt: „Sorry, my English is so bad!“ Manche Esten sprechen auch gar nicht schlecht Deutsch, hauptsächlich Ältere, aber auch in den Schulen wird wohl von vielen Deutsch als Fremdsprache gewählt. Russisch spielt unter den Jüngeren kaum noch eine Rolle, aber viele Ältere sprechen es noch fließend, so z. B. meine Bürokollegin Tiiu. Allerdings sprechen die meisten Russisch nur sehr ungerne und mögen es nicht, wenn auf estnisch-lettisch-litauischen Konferenzen Russich statt Englisch als Kommunikationssprache verwendet wird, wie es vor allem die Letten wohl oft bevorzugen.

– Esten sind stolz auf ihr Land, ihre Sprache und ihre Kultur. Absolut wahr und im Alltag nahezu überall spürbar. Tradtitionelle Trachtenmuster sieht man oft an der Kleidung, auch durchaus bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In vielen öffentlichen Gebäuden liegen kleine Faltkalender aus, in denen die Tage markiert sind, an denen man eine estnische Fahne raushängen soll (die meisten Häuser haben für diesen Zweck extra einen Fahnenhalter an der Fassade). Neue estnische Filme oder Bücher sind Dauerthema im Radio. In vielen Zeitungen sind die Schlagzeilen zu kleineren landesinternen Themen größer als zu sehr wichtigen internationalen Ereignissen. Irgendwo las ich einmal, dass ein Journalist die in Estland sehr beliebten Sängerfeste als „feasts of positive national pride“ bezeichnete – sehr passend, wie ich finde. Esten sind außerdem sehr interessiert daran, zu erfahren, was Ausländer über Estland denken.

– Esten sind weltoffen. Ebenfalls wahr. Trotz alledem, was ich über den Stolz schrieb, sind die Esten nach keine überhebliche Nation, dazu sind sie sich der geringen Größe und internationalen Bedeutsamkeit ihres Landes viel zu bewusst. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, aber meiner Erfahrung nach wird man jedenfalls als Deutscher überall freundlich aufgenommen. Viele Esten interessieren sich auch sehr für Deutschland und die deutsche Sprache. So musste ich z. B. mehrere Male jemandem auf der Karte zeigen, wo ich genau herkomme, ich wurde auch nach dem Klima gefragt, und Kalev interessierte sich sogar für den Dialekt, den man bei uns am Niederrhein spricht. Zudem zeigt ja auch die schon erwähnte Tatsache, dass gute Englischkenntisse sehr verbreitet sind, dass man sich der Notwendigkeit des Erlernens von Fremdsprachen bewusst ist.

– Esten sind technikbegeisert. Stimmt absolut. Mit Hilfe des Chips in einem estnischen Personalausweis (und wohl auch mit dem in einer ID-Karte für Ausländer, wie ich eine habe) kann man Bus- und Bahntickets kaufen,

Bücher in der Bibliothek ausleihen und noch viel viel mehr. Nahezu überallg ibt es kostenlos WiFi-Netzwerke, sogar bei der Nachtwanderung Ende Oktober sah ich mitten im Wald an mehreren Stellen ein WiFi-Hinweisschild. Es stimmt auch noch immer, was der Schwabe sagte, dem wir vor Jahren mal bei einem Urlaub begegneten: „Die Eschten hän koi Feschtnetz“ – Handys sind dagegen allgegenwärtig, in meinem Alter hat so gut wie jeder ein Smartphone. QR-Codes sieht man überall, politische Wahlen finden online statt. Im Kontrast dazu steht das Traditionsbewusstsein der Esten – aber diese beiden Eigenschaften treten auch in Kombination auf. So sah ich mehrfach junge Frauen ihr Smartphone nach dem Telefonat in einer mit typisch estnischen Mustern bestickten Tasche verstauen und entdeckte die Facebook-Seite „Laulupidu“, auf der man alle Informationen zum jährlichen Sängerfest in Tallinn findet.

– Esten lehnen alles ab, was mit Russland zu tun hat. Stimmt teilweise. Natürlich ist man nach der langen Unterdrückung nicht gerade gut auf Russland zu sprechen. Aber nach inzwischen mehr als 20 Jahren Unabhängigkeit haben die meisten wohl durchaus eingesehen, dass man das heutige Russland nicht mit der Sowjetunion gleichsetzen kann. Auch wenn viele der in Estland lebenden Russen kein oder kaum Estnisch sprechen und sich oft auch nicht wirklich in die estnische Gesellschaft integrieren, was viele Esten stört, habe ich schon das Gefühl, dass heutzutage ein gewisses Interesse an Russland besteht. Das Archiv beteiligt sich zum Beispiel an einem Projekt zur Verbesserung der internationalen Beziehungen im estnisch-lettisch-russischen Grenzraum, da gibt es eine ganze Reihevon Aktivitäten, nicht nur die Geschichte betreffend, sondern auch beispielsweise in Sachen Sport, Sprachen und Tourismus. Für die Erasmus-Studenten in Tartu werden auch Ausflüge nach St. Petersburg und Moskau organisiert, an der Uni können Russischkurse belegt werden. Trotzdem ist es nicht empfehlenswert, einen Esten in russischer Sprache anzusprechen oder gar pauschal vorauszusetzen, dass jeder Russisch versteht, und auf gar keinen Fall sollte man Estland, das sich schon immer stark an Skandinavien und vor allem Finnland orientiert hat, mit Russland in einen Topf werfen. Das passt auch tatsächlich überhaupt nicht zusammen, die Kulturen sind unterschiedlich, die Sprachen haben überhaupt nichts miteinander zu tun, und Estland hat sich seit der Unabhängigkeit sehr schnell und sehr stark entwickelt. Trotzdem kann man nicht verleugnen, dass – vor allem in den Grenzgegenden – die Russen einfach ein fester Bestandteil Estlands sind und die Zugehörigkeit zur Sowjetunion das Land geprägt hat. Die meisten Esten versuchen wohl, das im Alltag weitestgehend zu ignorieren, was in Tartu, einer Stadt mit einer vergleichsweise geringen Anzahl an russischen Einwohnern, auch gut möglich ist. Zusammenfassend kann man vielleicht sagen, dass Estland sich stark von Russland abzugrenzen versucht und die Esten auch ein anderer Menschenschlag sind als die Russen, dass aber trotzdem nicht einfach blindlings auf Russland geschimpft wird. Natürlich gibt es auch Leute, die das tun, aber offen gezeigten „Russenhass“ habe ich so gut wie nie erlebt (wobei solche Dinge einem Ausländer gegenüber wahrscheinlich sowieso nicht oder nicht zu deutlich geäußert werden).

– Esten machen viel und gerne Sport. Stimmt. In Tartu sieht man ständig, bei jedem Wetter (auch im knöchelhohen Schnee) und zu beinahe jeder Zeit, Leute joggen. Schwimmen ist ebenfalls sehr beliebt, genau wie Wintersport, vor allem Langlauf. Geschaut wird neben Wintersport wohl am liebsten Basketball und Eishockey.

– Estnisch ist eine lustige Sprache. Das mag auf den ersten Blick so wirken, aber ich kann jetzt eindeutig sagen: stimmt nicht. Estnisch klingt eigentlich nur lustig, wenn man es falsch ausspricht. Als Deutscher ist man geneigt, falsch zu betonen, das R nicht zu rollen und auch Einzelvokale lang zu sprechen, was die Sprache dann tatsächlich witzig klingen lässt. Hört man aber jemanden korrekt Estnisch sprechen, verschwindet dieser Eindruck schnell. Und wenn man selbst anfängt, die Sprache zu lernen, hat man bald sowieso nicht mehr viel zu lachen, schließlich ist Estnisch ziemlich komplex und total anders als alle anderen Fremdsprachen, die ich bisher gelernt habe. Aber ich finde Estnisch sehr schön, es ist auch eine logische Sprache, und es gibt sehr viele Lehnwörter aus dem Deutschen, auch wenn sich das Vokabular ansonsten sehr stark unterscheidet.

– Tartu ist eine ruhige, kleine Stadt. Stimmt nicht. Ich kannte Tartu vor meinem Praktikum zwar schon ziemlich gut, da Otepää, unser üblicher Ferienort, ja nicht weit entfernt liegt. Aber ich hatte die Stadt eben nur im Sommer kennengelernt. Dann sind Semesterferien und das Leben geht wirklich ziemlich ruhig vor sich. Es sind dann zwar eine Menge Touristen dort, aber kaum Studenten, mit deren Rückkehr sich Tartu ab September in eine quirlige Stadt voller Jugendkultur verwandelt. Und in eine Partystadt, zumindest donnerstags abends. Man merkt, wenn man dort lebt, auch gar nicht, dass Tartu nur etwa 100.000 Einwohner hat, was für einen Deutschen ja nicht gerade viel ist. Aber Tartu ist eben die zweitgrößte Stadt Estlands und das merkt man. Trotzdem empfinde ich Tartu als deutlich weniger voll und stressig als Tallinn (ca. 400.000 Einwohner), wo ich nicht so gerne für ein halbes Jahr gelebt hätte wie in Tartu.

– Esten hören nur schlechte Musik. Stimmt nicht wirklich. An meinem Eindruck, dass die meisten estnischen Radiosender ein ziemlich schreckliches Musikprogramm haben, hat sich zwar nichts geändert, aber es wird doch deutlich mehr Musik nach meinem Geschmack gehört, als ich dachte. Auf Kalevs Lieblingssender„Viker Raadio“ ist die Musikauswahl ziemlich gemischt, es läuft das Neueste aus den Charts (abgesehen vielleicht von Sachen, die zu vulgäre Texte haben), aber auch Kinderlieder, 80er-Jahre-Zeug, Country und Klassik. Die Sender, die eine jüngere Zielgruppe ansprechen wollen, spielen hauptsächlich R’n’B, Hip Hop und House, sind also überhaupt nicht mein Fall. Aber wenn man ein bisschen die Augen offen hält, entdeckt man – vor allem in Tartu und Tallinn – immer wieder Konzerte von guten Bands, zum Beispiel im Genialistide Klubi, wobei es sich in den allermeisten Fällen um einheimische Bands handelt. Aber immerhin haben in dem halben Jahr, in dem ich dort war, auch die Red Hot Chili Peppers und Muse in Tallinn gespielt. Letztere mag ich zwar nicht besonders, aber es geht schonmal in die richtige Richtung. Mit Ewert And The Two Dragons ist ja nun auch eine (wie ich finde) sehr gute estnische Band international bekannt geworden, so international, dass sie in den letzten sechs Monaten quasi überall gespielt haben – nur nicht in ihrer Heimat (aber ich werde sie im Juli beim Phonopop Festival in Rüsselsheim sehen). Aber auch so war ich auf einigen guten Konzerten und habe neue Bands kennengelernt. Etwas blöd ist die Tatsache, dass man für die meisten Konzerte von etwas bekannteren Bands nach Tallinn fahren muss, von wo aus man nachts nicht mehr nach Tartu zurückkommt, so dass ein Konzertbesuch meist mit zusätzlichen Kosten für eine Übernachtung verbunden ist. Und es ist natürlich längst nicht so viel los wie in Deutschland, was Konzerte angeht, da habe ich also einiges verpasst. Was sich auf jeden Fall bestätigt hat, ist der Eindruck, dass Musik mit estnischen Texten und auch estnische Volksmusik eine sehr große Rolle spielen, und dass fremdsprachige Liedtexte gerne übersetzt werden. Es gibt zum Beispiel estnische Versionen von „Love Is In The Air“ und „99 Luftballons“ wobei nicht immer wörtlich übersetzt, sondern manchmal einfach nur die Melodie übernommen wird.

Das war sie also, meine Liste der „Vorurteile“. Schon während meiner Zeit in Tartu habe ich noch andere Listen angefangen oder zumindest Ideen für weitere Listen gesammelt. Nicht alle davon werden so ausführlich sein wie diese hier, aber jedenfalls kommt noch mehr. Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass mein zweiter Blog inzwischen online ist, wer mag, kann ja mal vorbeischauen.

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3 Gedanken zu “Bewahrheitet oder nicht?

  1. Guuut! Vieles hast Du prima beobachtet und auf den Punkt gebracht. Nur was die gern unterstellte Schweigsamkeit der Esten betrifft, meine ich, dass zumindest die Männer durchaus nicht die gesprächigsten sind. Bei (jüngeren) Frauen mag das ja (heute) anders sein. Oder?

    1. Och, ich hatte im Archiv auch einige männliche Kollegen, die durchaus viel gequatscht haben. Im Kreise der Freunde und/oder Kollegen mag das aber natürlich durchaus anders sein als sonst so, unter Fremden.

  2. Ich habe seit etwa 23Jahren einen sehr engen Kontakt zu Esten, und habe vor 6Jahren Bauland in Treimani an der Ostsee gekauft und ein Haus dort gebaut,habe auch schon enge Kontakte zu Einheimischen,meistens englisch,aber mein Estnisch wird schon besser,wegen Wohnsitz in Italien seit mehreren Jahrzehnten sprechen wir sehr gut italienisch und wissen jetzt,wie schwer estnisch ist.Mein bester Freund hat das Hotell Lille in Ötepää.Er spricht ziemlich gut deutsch.Besuchen Sie ihn,er wird sich freuen

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