Flagge zeigen

Der heutige Emadepäev (Muttertag) ist einer der vielen Tage, an denen in Estland die Fahnen rausgehängt werden. In meinem Kalender mit traditionellen estnischen Mustern sind diese alle markiert. Insgesamt schmückt ein traditionsbewusster und nationalstolzer Este 14 Mal im Jahr sein Haus mit der blau-schwarz-weißen Flagge, vier Mal davon im Juni. Da gibt es so bekannte Tage wie den 24. Februar (Iseseisvuspäev/Unabhängigkeitstag) oder den 20. August (Taasiseseisvumispäev/Tag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit), aber auch Feiertage, von denen ich gar nichts wusste, bevor ich für das halbe Jahr nach Tartu ging. Besonders schön finde ich unter diesen den Emakeelepäev, den Tag der Muttersprache, der am 14. März begangen wird.

Für alle, die, wie ich selbst, eine estnische Fahne zu Hause haben, und die Feiertage mitfeiern oder zumindest im Hinterkopf behalten wollen, hier nun eine Liste der Flaggentage. Ich habe sie aus meinem Kalender für 2013 übernommen, die meisten werden jedes Jahr am gleichen Datum gefeiert. Zu fast allen Feiertagen habe ich auf YouTube kurze Videos gefunden, in denen der bekannte estnische Zeichentrickhase Jänku Juss und seine Familie und Freunde für Kinder erklären, was an dem Tag gefeiert wird. Die Videos sind zwar auf Estnisch, aber es wird darin so langsam und deutlich gesprochen, dass jemand, der zumindest so viel Estnisch kann wie ich, ziemlich viel verstehen kann (alle anderen können in den Videos zumindest hören, wie man die Namen der Feiertage ausspricht). Klickt einfach auf ein Datum, um zu dem passenden Video zu kommen.

3. JanuarVabadussõjas võidelnute mälestuspäev  Gedenktag für den Sieg Estlands im Freiheitskrieg (1918-1920)

2. FebruarTartu rahulepingu aastapäev – Jahrestag des Friedensvertrags von Tartu (1920 erkannte Sowjetrussland in diesem Vertrag die Unabhängigkeit Estlands und Finnlands an)

24. FebruarIseseisvuspäev/Eesti vabariigi aastapäev – Unabhängigkeitstag/Jahrestag der estnischen Republik

14. MärzEmakeelepäev – Tag der Muttersprache

1. Mai: Kevadpüha/Volbripäev – Frühlingsfeiertag/Walpurgisnacht

9. MaiEuroopa Päev – Europatag

12. MaiEmadepäev – Muttertag (genau wie in Deutschland auch, also immer am zweiten Sonntag im Mai)

4. JuniEesti lipu päev – Tag der estnischen Fahne (ja, den gibt es trotz all der anderen Fahnentage auch noch)

14. Juni: Leinapäev – Trauertag

23. Juni: Võidupüha – Siegesfeiertag (zur Erinnerung an den Sieg estnischer Truppen über die deutschen Besatzer im Jahre 1919)

24. JuniJaanipäev – Mittsommertag

20. August: Taasiseseisvumispäev – Tag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit

1. SeptemberTeadmistepäev/Rahupäev – Wissenstag (Beginn des Schuljahrs und des Wintersemesters)/Friedenstag

10. NovemberIsadepäev – Vatertag (der wird in Estland, im Gegensatz zum Muttertag, nicht am gleichen Tag gefeiert wie in Deutschland, sondern immer am zweiten Sonntag im November)

An dieser Stelle noch ein Muttertags-Gruß an meine Mutter, die auch ein großer Estland-Fan ist. Und sie dient mir jetzt quasi als Überleitung zum nächsten Thema, denn sie ist nicht nur gern in Estland unterwegs, sondern auch in Frankreich. Nach meinem letzten Post kann man es erahnen – ich habe inzwischen „Eine Dame in Paris“ gesehen. Am Donnerstag war ich mit Stephan in einem der kleineren Kinos hier in Stuttgart, in denen man nicht (nur) das gezeigt bekommt, was gerade in den deutschen Kino-Charts ganz oben ist. In den deutschen Medien war im Zusammenhang mit dem Film meistens fast ausschließlich die Rede von Jeanne Moreau, die die Rolle der alten, seit langer Zeit in Frankreich lebenden Estin Frida spielt. Ich selbst war am meisten darauf gespannt, wie viel man in dem Film von Estland zu sehen bekommt. Die Antwort ist: nicht besonders viel, aber mehr, als ich erwartet hatte. Positiv überrascht hat mich, dass die Szenen, in denen Estnisch gesprochen wird, im deutschen Kino im Original mit Untertiteln gezeigt werden. Es war komisch, aber sehr schön, auf der Leinwand eine Menge Schnee zu sehen und zumindest für ein paar Minuten mal wieder Estnisch zu hören. Der Eindruck, den man als Zuschauer in diesem Film von Estland erhält, ist allerdings kein besonders guter: Anne, Fridas spätere Haushaltshilfe, wird von ihrem betrunkenen Schwager belästigt, sie lebt mit ihrer Mutter in einem sehr altmodisch eingerichteten Haus, und ihre Schwester erreicht sie mit Hilfe eines Wählscheiben-Telefons. Ich würde nicht sagen, dass der Regisseur Ilmar Raag, der ja selbst Este ist, ein unrealistisches Bild von Estland zeichnet (gerade in kleinen Orten auf dem Land sind Handys auch in einem technikbegeisterten Land wie Estland nicht allgegenwärtig, erst recht nicht unter älteren Leuten), aber er zeigt Estland so, dass man verstehen kann, wieso Anne sich nach dem Tod ihrer Mutter spontan entschließt, nach Paris zu gehen. Ich weiß nicht, wie ich die in Estland spielenden Szenen eingeschätzt hätte, wenn ich noch nie dort gewesen wäre, aber sagen wir es mal so: das in diesem Film gezeigte Estland wirkt wenig einladend.

In den ersten Szenen, die in Paris spielen, fand ich es besonders interessant zu sehen, wie die estnischen Gepflogenheiten, die für Anne ganz normal sind, in Frankreich auf Unverständnis stoßen. Bei Frida angekommen, zieht sie direkt ihre Schuhe aus, was Stéphane, Fridas Ex-Liebhaber, nur belächelt. Auch Frida selbst findet Annes mit traditionellen estnischen Mustern bestickte Hausschuhe nicht chic genug. Die von Anne im Supermarkt gekauften Croissants bezeichnet die feine Dame als „Plastik“ (in Estland hingegen ist es vollkommen normal, Gebäck im Supermarkt zu kaufen). Als sich Anne Frida mit den Worten „mina olen Anne“ („ich bin Anne“) vorstellt, reagiert die alte Dame sehr empfindlich. Sie hat mit Estland, der estnischen Sprache und den anderen in Frankreich lebenden Esten abgeschlossen, und genau wie alle anderen Franzosen spricht sie Annes Namen französisch aus (also ohne das E hinten). Die beiden Frauen sind total verschieden, aber nach einigen Schwierigkeiten freunden sie sich dennoch an. Dabei kann man beobachten, wie sie sich ein wenig aneinander anpassen: Anne beginnt, sich chicer zu kleiden, und Frida erwähnt ab und an Dinge, die mit Estland zu tun haben.

Anne ist fasziniert von Paris, das sie auf langen abendlichen Spaziergängen erkundet, wie ein kleines Mädchen steht sie staunend vor den Schaufenstern der Boutiquen, doch sie wirkt auch ein wenig überfordert von der Großstadt mit den vielen Menschen und dem hohen Verkehrsaufkommen. Dadurch, dass sie gut Französisch spricht, hat sie kaum Schwierigkeiten im Alltag, doch trotzdem wird sie nicht zur Französin, sie vergisst ihre Wurzeln nicht. Sie kocht estnisches Essen, singt estnische Lieder und sucht den Kontakt zu dem estnischen Chor, in dem Frida früher gesungen hat. Ein von Anne für Frida arrangiertes Treffen mit den Chormitgliedern, die übrigens auch von estnischen Schauspielern gespielt werden, gerät zum Desaster, da ein alter Streit wieder aufkommt. Was danach passiert, verrate ich nicht, vielleicht will ja noch jemand den Film sehen.

Mir hat der Film insgesamt gut gefallen. Er ist sehr ruhig, es gibt wenig Filmmusik, und es wird auch eher wenig gesprochen – typisch für den nordischen Film. Weder die Esten noch die Franzosen werden total klischeehaft dargestellt. Anne ist äußerlich anfangs total estnisch, später ziemlich französisch, und am Ende ist sie eine Kombination aus beidem, trägt ihren estnischen Mantel zu einem paar französischer Pumps. Ein wenig gestört hat mich, dass Annes estnischer Akzent in der deutschen Fassung an einen französischen Akzent erinnert, wohingegen eine der Estinnen aus dem Pariser Chor einen meines Erachtens sehr realistischen Akzent hat. Aber das ist ja nur ein kleines Detail. Ich habe mich hauptsächlich auf alles konzentriert, was mit Estland zu tun hat. Stéphanes kompliziertes Verhältnis zu Frida, das man vielleicht als eine Mischung aus Genervtheit, Verantwortungsbewusstsein und Zuneigung beschreiben kann, war für mich eher nebensächlich. Interessanter fand ich es, zu beobachten, wie sich die Beziehung zwischen Frida und Anne entwickelt. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass man nicht immer nur Jeanne Moreau, sondern auch Laine Mägi, die die Anne spielt, hervorheben sollte, denn auch sie spielt ihre Rolle sehr überzeugend. Ich werde mir auf jeden Fall nochmal die Originalfassung des Films ansehen, da ich sehr gerne hören würde, wie Laine Mägi klingt, wenn sie Französisch spricht.

Zum Schluss möchte ich noch eine Veränderung an diesem Blog ankündigen. Und zwar waren die Einträge bisher in Kategorien (z. B. „Erlebnisse“) eingeordnet. Das hat während meiner Zeit in Tartu gut funktioniert, seit ich wieder hier bin, ist fast jeder Eintrag allerdings unter „Sonstiges“ gelandet. Daher habe ich beschlossen, nicht mehr mit Kategorien, sondern mit Tags zu arbeiten, wie ich es auch auf Handlungsfrei mache. Ich werde also in den nächsten Tagen alle bisherigen Einträge mit Tags versehen, so dass man in Zukunft mit einem Klick alle Einträge zu einem bestimmten Thema aufgelistet finden wird. Dabei werde ich allerdings nur wenige grobe Schlagwörter vergeben (zum Beispiel fällt alles, was mit estnischen Gewohnheiten zu tun hat, unter „Gesellschaft“). Außerdem werde ich bei einigen Tags, die eigentlich auf fast jeden Eintrag passen würden, etwas „strengere“ Kriterien anwenden. Beispielsweise bei dem Tag „Archivwesen“. Natürlich war ich hauptsächlich wegen des Praktikums im Archiv in Tartu, aber diesen Tag vergebe ich nur, wenn ich wirklich etwas über Archivwesen als solches geschrieben habe. Und das Schlagwort „Tartu“ erhalten nur solche Einträge, in denen es ein wenig ausführlicher um die Stadt an sich geht.

Und nun wünsche ich noch einen schönen restlichen Emadepäev und hisse hiermit eine virtuelle estnische Flagge.

Estnische Flagge

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6 Gedanken zu “Flagge zeigen

  1. Wirklich prima, wie Du das immer so alles beobachtest und in Worte fasst. Ist stets ein Vergnügen, es zu lesen. Und oft frage ich mich: Hast Du (also ich) das schon mal von dieser (oder jener) Seite aus betrachtet? Nur weiter so!

  2. Aus historischen Gründen feiert Estland, wie Du ja auch schreibst, zwei Unabhängigkeitstage: den 24. Februar (Unabhängigkeit 1918) und den 20. August (Wiedererlangung 1991).

    Mich würde interessieren, wie die Esten diese Tage gestalten. Okay, es wird die Flagge gehisst, aber: Was geschieht noch? Welchem der Tage wird offiziell und welchem der Tage privat mehr Bedeutung zugemessen und warum? Wie begehen die Esten den/die Tag/-e privat (Familienfest, besonderes Festessen, Gebräuche)?

    Falls Du hierzu Informationen und/oder persönliche Erfahrungen hast und auch mitteilen möchtest, wäre es toll, etwas darüber zu lesen. :o)

    1. Danke wieder einmal für die Anregung! Persönlich miterlebt habe ich bisher nur den 20. August, aber ich denke, dieses Thema wäre einen Post wert.
      Da fällt mir ein, dass ich ganz vergessen habe, auf den Kommentar zum Thema Regilaul zu antworten. Ich kenne diese Art von Liedern natürlich, hatte während meines Praktikums in Tartu aber nichts damit zu tun. Trotzdem könnte man mal was darüber schreiben. Ich behalte es im Hinterkopf …

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