Igatsus – Sehnsucht

Inzwischen habe ich, wie ihr vielleicht gesehen habt, alle bisherigen Posts auf diesem Blog verschlagwortet. Dazu habe ich sie noch einmal durchgelesen, wobei mich an vielen Stellen die Sehnsucht nach Estland packte. Nicht nur mir geht es so, auch Stephan spricht in letzter Zeit immer öfter davon, dass er Estland vermisst. Sowohl zeitlich als auch finanziell wird es weder uns beiden noch mir allein möglich sein, diesen Sommer dorthin zu fliegen. Ich habe keine Ahnung, wann ich das nächste Mal dort sein werde, und das ist ein blödes Gefühl.

Vorgestern habe ich Merit wiedergesehen. Sie ist zur Zeit für eine Woche in Deutschland, da sie zur Aufnahmeprüfung für eine Hochschule in Hildesheim muss. Da sie bei Verwandten und Freunden in NRW übernachtet, und Stephan und ich unser Wochenende in der Heimat verbrachten,trafen wir uns mit ihr in Düsseldorf. In Estland herrscht gerade Sommer, Merit erzählte von warmen Temperaturen, Abenden im Park und der immer später untergehenden Sonne. Sie hat sich nicht nur in Deutschland, sondern auch an der Uni Tartu für einen Studienplatz beworben, bis Ende August macht sie noch das Praktikum im Archiv, und dann bleibt sie entweder in Tartu oder kommt zurück nach Deutschland. Ich glaube, das ist eine ganz schön schwierige Entscheidung. Ich wüsste nicht, was ich an ihrer Stelle machen würde. Aber sie hat ja zum Glück noch ein bisschen Zeit. Nach einem Spaziergang durch die verregnete Düsseldorfer Altstadt und einem Essen in einem Café verabschiedeten wir uns wieder. Es war schön, sie wiederzusehen und zu erfahren, was im Archiv, in Tartu und in ganz Estland gerade so passiert. Und sollte sie sich dazu entscheiden, in Tartu zu bleiben, ist es auch nicht schlimm, wenn ich es im Sommer nicht dorthin schaffe, dann kann ich sie ja später noch besuchen.

Auch im Haus meiner Eltern war Estland Thema, das ist es eigentlich immer, wenn ich dort bin, so viele Erinnerungen verbinden wir alle mit diesem Land. Beim Durchstöbern alter Kindersachen fand ich unter anderem einen estnischen Mumins-Comic, den ich inzwischen auch wirklich lesen kann. Außerdem grub meine Vater eine alte Kassette mit estnischen Kinderliedern aus, die wir in einem unserer ersten Estland-Urlaube im Mietwagen fanden. Damals konnten Laura und ich einige der Lieder mitsingen, obwohl wir keine Ahnung hatten, wovon da eigentlich die Rede war. Jetzt konnte ich große Teile der Texte verstehen (in den meisten Liedern geht es um den Frühling), und es war witzig, diese Lieder nach vielen Jahren mal wieder anzuhören. Es sind Momente wie diese, in denen ich merke, wie sehr ich Estland vermisse. Da es sich dabei um ein eher unbestimmtes Gefühl handelt, habe ich mal aufgelistet, was genau mir fehlt (die Liste ist keine Rangfolge):

– die Natur. Vielleicht liegt es daran, dass ich in Stuttgart inzwischen fast direkt in der Innenstadt wohne und man in unserer Wohnung permanent den Verkehr hört. Wir haben zwar zwei schöne Parks direkt um die Ecke, aber das ist schon was anderes als ein estnischer Wald mit einem See. In meiner Zeit in Tartu gehörte die Natur einfach zum Alltag, hier habe ich das Gefühl, dass ich gezielt losgehen oder -fahren muss, um ihr zu begegnen.

– die Sprache. Obwohl ich bisher zum Glück nicht das Gefühl habe, schon etwas verlernt zu haben, fehlt mir einfach der tägliche Umgang mit der estnischen Sprache. Seit ich wieder hier bin, habe ich nur ganz selten nochmal in mein Estnisch-Buch geguckt, dazu habe ich zu wenig Zeit und natürlich ist es auch nicht mehr so notwendig. Ich vermisse es nicht nur, selbst jeden Tag ein bisschen dazu zu lernen, sondern auch, Estnisch überall hören und lesen zu können. Hier muss ich mich gezielt dazu entscheiden, mich mit der Sprache auseinanderzusetzen, in Tartu passierte das ganz automatisch.

– das Wetter. Bis auf den Frühling, der in diesem Jahr in Estland anscheinend einfach übersprungen wurde, habe ich alle Jahreszeiten schon selbst dort erlebt. Im Sommer ist es sowohl in Stuttgart als auch am Niederrhein meist einfach nur schwül und es fehlt die Möglichkeit, sich so gut wie überall in einem See abzukühlen. Auch den Herbst fand ich in Estland total schön, vor allem während unseres Ausflugs nach Hiiumaa. Und den Winter mochte ich sehr, es ist eben einfach ein „richtiger“ Winter mit viel Schnee und eisiger Kälte. Im Februar und März habe ich hier in Deutschland viel mehr gefroren als in Estland, es ist eben einfach eine andere Kälte. Und im Sommer ist es eine andere Wärme. Beides finde ich in Estland viel leichter zu ertragen.

– estnische Geschäfte. Ich bin in Tartu immer sehr gerne einkaufen gegangen. Fast jedes Mal habe ich dabei Produkte entdeckt, die ich noch nicht kannte, und die es so in Deutschland nicht gibt. Hier in Deutschland fallen mir beim Lebensmitteleinkauf immer mal wieder Dinge ein, die ich gerne mal wieder essen würde. Zum Beispiel kohuke, was man vielleicht als Quärkchen übersetzen könnte. Das sind kleine Schokoriegel aus dem Kühlregal, gefüllt mit Quark und Marmelade. Oder estnischen Frühstücksbrei aus Vierkorn-Flocken, Schokolade von der Marke Kalev, must vormileib (das ganz dunkle Roggenbrot), pett (Buttermilch, die aber dicker ist als in Deutschland) mit Müsli und Früchten, kodujuust (Hüttenkäse) mit Beeren oder saib, eine Mischung aus sai (Weißbrot) und leib (dunklem Brot). Und ich vermisse auch den tollen Sockenladen und einige andere Geschäfte in Tartu. Und natürlich estnische Buchhandlungen.

– die Farben. Estland ist nicht nur blau (der Himmel, das Meer, die Seen, die Kornblumen als Nationalblumen), schwarz (die Dunkelheit im Winter) und weiß (die Wolken, der Schnee, die gefühlt ewige Helligkeit im Sommer), sondern auch grün (die Wälder), braun (das viele Holz) und gelb (Raps- und Getreidefelder). Es ist insgesamt irgendwie bunter als Deutschland, zumindest auf dem Land und in den Teilen der Städte, in denen nicht sowjetischer Plattenbau vorherrscht.

– die Traditionen. Mir gefallen die typischen Muster, die Lieder, die Sängerfeste, die Trachten … und ganz allgemein die Tatsache, dass viele Traditionen nach wie vor sehr lebendig sind und auch im Alltag beobachtet werden können.

– das Wasser. Man ist in Estland einfach immer nah am Wasser. Entweder hat man einen See direkt vor der Tür oder es sind nur wenige Kilometer bis zur Ostseeküste oder es fließt ein Fluss in der Nähe.

– in Estland unterwegs sein. Ob mit dem Bus, dem Zug oder mit dem Auto – es ist einfach angenehm, in Estland zu reisen. Die Straßen sind schön leer, man sieht schöne Landschaften an sich vorbeiziehen, man fährt durch viele kleine Orte, in denen kaum ein Mensch zu sehen ist, und oft kann man problemlos unterwegs anhalten, um ein Foto zu machen. Jedes Mal, wenn Stephan und ich auf deutschen Autobahnen im Stau stehen, wünschen wir uns auf eine estnische Landstraße.

Das war sicher noch nicht alles und wahrscheinlich fällt mir im Laufe der Zeit noch eine ganze Menge mehr ein, was mir fehlt. Aber das sind so die Hauptaspekte. Ich fühle mich in Estland einfach immer sehr wohl. Das tue ich hier in Deutschland zwar auch, aber irgendwie auf andere Art und Weise. Und die Art und Weise, wie ich mich in Estland wohlfühle, fehlt mir eben manchmal. Oder eher oft. Und dann reicht eine Kleinigkeit, um mich zum Seufzen zu bringen. Zum Beispiel dieser Song von der estnischen Band Ewert and the Two Dragons.

Zum Schluss noch eine Neuigkeit aus Estland, etwas, was mir sehr gut gefällt. Und zwar gibt es seit Kurzem am Tallinner Flughafen eine kleine Bibliothek. Sie befindet sich in einem der Wartegates und trägt, wie ich finde, auf jeden Fall dazu bei, dass der Tallinner Flughafen seinem Ruf als „world’s cosiest airport“ in Zukunft noch mehr gerecht wird. So etwas sollte es in jedem Flughafen geben. Mehr Infos zur Flughafenbibliothek findet ihr hier (auf Estnisch), hier und hier (auf Englisch).

Advertisements

13 Gedanken zu “Igatsus – Sehnsucht

  1. Na, wenn das keine Liebeserklärung an ein Land ist … Man möchte sofort losfahren und es erkunden!

    Wahrscheinlich kennst Du schon folgenden Link. Es handelt sich um einen virtuellen Rundgang an der Uni Tartu, der mir ausgesprochen gut gefallen hat und vielleicht auch den ein oder anderen Estland-Begeisterten interessieren könnte:

    http://www4.ut.ee/virtuaaltuur/ylikool_eng.html

    PS: Auch bei uns im südlichen Nordschweden hat sich der Winter in den letzten zwei Wochen nahezu übergangslos in den Sommer gestürzt. Herrlich!

    1. Ja, den Link kenne ich schon, den findet man auch im Blog unter „Links“. ;)
      Hier in Deutschland scheint allerdings der Winter zurückzukehren, in den höheren Lagen hat es sogar nochmal geschneit. Noch ein Grund mehr, sich weiter in den Norden zu wünschen …

      1. Ui, da habe ich gepennt. Dass Du den Link kennst, hätte ich mir eigentlich denken müssen, so wie Du hier auf Zack bist! :o)

  2. Hallo Evi, wre das nicht ein tolles Thema fr eine Bachelorabeit: Aufbau Pflege und Akezptanz einer Bibliothek in ffentlichen internationalen Rumen. Dann knntest ‚Du zu Forschungszwecken noch mal nach Estland reisen. Liebe Gre aus dem kalten und nassen MG Mami

  3. Ja, das stimmt eigentlich alles. Es ist schon geruhsamer dort, im Urlaub sowieso. Naja, ich denke, dass Du in absehbarer Zeit wieder hinkommst.

    1. Das denke ich auch. Und bis dahin kriege ich ja bestimmt wieder viele tolle Fotos von dir und Laura aus euren Urlauben zu sehen. Und die Islandreise steht ja auch noch an, darauf freue ich mich sehr!

  4. Kannst Du eigentlich ein Lehrbuch oder einen Sprachkurs für Estnisch empfehlen? Beim Stöbern und „Probelesen“ hat mir „Lehrbuch der estnischen Sprache“ (Nurk/Ziegelmann, Buske, 9783875485448) auf den ersten Blick gefallen. Vielleicht hast Du ja noch einen besseren Tipp. :o)

    1. Genau das Gleiche habe ich auch! Das ist wirklich ein sehr gutes Lehrbuch, war mir allerdings vor Ort irgendwann zu ausführlich. Ich wollte schnell weiterkommen und hab dann ein englischsprachiges Lehrbuch benutzt: Moseley, „Colloquial Estonian – The Complete Course for Beginners“. Das ist sehr leicht verständlich und eher in Alltagssprache geschrieben, handelt die einzelnen Grammatikkapitel kurz und bündig ab und enthält viele Dialoge und Texte. Eine Kombinationen aus diesem und dem von dir genannten Buch hat sich für mich als praktisch erwiesen, ich hab im englischen Buch nachgelesen und im Zweifelsfall oder wenn ich mehr wissen wollte, das entsprechende Kapitel im deutschen Buch aufgeschlagen. Ansonsten kenne ich aus persönlicher Erfahrung keine Lehrbücher, habe aber schon viel Gutes über „E nagu Eesti“ („E wie Estland“) gehört. Das hatte ich in Tartu mal in der Hand, sieht auch ziemlich gut aus, aber da ich schon zwei Bücher hatte, habe ich es nicht gekauft. Willst du jetzt Estnisch lernen? =)

      1. Herzlichen Dank für Deine Einschätzung!

        Tja, ob ich Estnisch lernen will? Weiß ich – ehrlich gesagt – nicht so ganz genau. Habe mich auf irgendeine seltsame Art und Weise in den Klang der Sprache verliebt, und das schon lange bevor ich „meine bessere Hälfte“ mit estnischen Wurzeln traf (und von diesen Wurzeln haben wir überhaupt erst vor kurzem erfahren). Ich sag’s mal so: Ein paar Wörter werde ich mit Sicherheit lernen und mir ganz grob die Grammatik angucken, um einen Eindruck zu bekommen, wie die Sprache „funktioniert“. Ob es mehr wird, hängt davon ab, wie gut oder zäh sich das Lernen gestalten und ob mir mein Beruf etwas mehr Freizeit lassen wird (letzterer Punkt sieht aber vielversprechend aus). :o)

      2. Okay. =) Estnisch ist wirklich eine tolle Sprache, finde ich. Und wenn man einmal angefangen hat, sie ein bisschen zu lernen, ist sie auch gar nicht so kompliziert, wie sie anfangs wirkt. Die Grammatik ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig für jemanden, der, so wie ich, bisher nur germanische und romanische Sprachen gelernt hat, aber sie ist sehr logisch und nach einem Einstieg leicht nachvollziehbar. Mein größtes Problem sind halt die Vokabeln, ich habe einen ziemlich begrenzten Wortschatz, und kann nicht besonders viel selbst formulieren. Aber es ging und geht mir auch mehr ums Verstehen, vor allem, als ich vor Ort war. Auf jeden Fall macht es Spaß, sich mit der Sprache zu beschäftigen, man freut sich immer, wenn man Ähnlichkeiten zum Deutschen feststellt (die sind zwar selten, aber es gibt sie). =)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s