Eesti muusika

An diesem Wochenende fand/findet im lettischen Salacgrīva das Positivus-Festival statt. Dieses Festival gibt es seit 2007, und inzwischen ist es mit etwa 25000 Besuchern pro Jahr das größte und meistbesuchte Musik- und Kunstfestival im Baltikum. Unter anderem haben dort schon Bands wie Sigur Rós, Editors oder Røyksopp gespielt. Aber das Positivus hat auch immer viele international kaum bekannte baltische Bands im Lineup. Da ich ja, wie hier zu lesen ist, während meiner Zeit in Tartu festgestellt habe, dass mehr Esten meinen Musikgeschmack teilen als erwartet, habe ich mir mal die estnischen Bands und Künstler aus dem diesjährigen Lineup näher angeschaut (und natürlich angehört) – was soll man bei 30 Grad in diesem schwülen Kessel namens Stuttgart auch anderes tun als Musik hören und von einer angenehmen Brise an einem der zahlreichen Strände Estlands träumen? Meine musikalischen Entdeckungen, also diejenigen Bands und Künstler, die mir gefallen, würde ich gerne mit euch teilen. Durch Anklicken der Bandnamen kommt ihr zu je einem Beispielsong. Viel Spaß mit diesen acht neuen Gründen für einen weiteren Besuch im Tartuer Muusikapood.

Zunächst einmal wäre da die Band Sibyl Vane, die ich in Tartu selbst live gesehen habe (die Vorband bei diesem Konzert, Momend aus Lettland, war dieses Jahr übrigens auch beim Positivus dabei). Sibyl Vane sind mit ihrer bluesig-rockigen Musik im Baltikum ziemlich erfolgreich. Besonders beeindruckend ist, dass man Sängerin Helena Randlaht aufgrund ihrer geringen Körpergröße eigentlich gar keine so kräftige Stimme zutrauen würde. Mich hat sie äußerlich ein bisschen an die Schauspielerin Yasmin Paige erinnert, die in „Submarine“ die alternativ-freche Jordana spielt, und ich glaube, Jordana fände die Musik von Sibyl Vane ziemlich gut. Wer auf Konzerten gerne enthusiastische Schlagzeuger beobachtet, wird sich durch Mark Kostrov sicherlich auch nicht gelangweilt fühlen.

Odd Hugo sind während meiner Zeit in Tartu mindestens zwei Mal in der Stadt aufgetreten, aber leider habe ich es nicht geschafft, sie zu sehen. Sowohl von der Stimme als auch von der Musik her erinnern sie mich an die von mir sehr geschätzten und hier schon mehrfach erwähnten Ewert and the Two Dragons. Obwohl der Bandname wohl eher an eine verrückte Punkband denken lässt, sind die meisten Songs von Odd Hugo eher ruhig, sehr schön und größtenteils mit klassischen Instrumenten eingespielt. Außerdem sind viele ihrer Songs deutlich länger als die üblichen drei bis vier Minuten und ihre Texte sehr gut geschrieben. Wirklich schade, dass ich die Möglichkeit verpasst habe, diese Band live zu sehen. Aber es ist doch immer wieder schön, noch einen Grund mehr zu haben, mal wieder nach Estland zu reisen (als hätte ich nicht schon genug)!

Auch die Galvanic Elephants hätte ich in Tartu sehen können (sie stammen auch von dort), aber auch sie habe ich verpasst. Ihre Musik kann man vielleicht als Indie mit Elektro-Einflüssen beschreiben, allerdings lassen sich die Songs, die ich von ihnen kenne, auf keinen Fall alle in die gleiche Schublade stecken. Die Stimme des Sängers Taavi-Peeter Liiv (wie toll, drei Doppelvokale in einem Namen!) klingt in jedem Song ein wenig anders, mal wird sie elektronisch verzerrt, mal singt er sehr hoch, mal erinnert er an die Sänger erfolgreicher britischer Indie-Bands. Ich kann mir diese Band wirklich gut mit einer Lichtshow auf einer Festival-Bühne vorstellen, wenn es schon dunkel ist. Und bei dem einen oder anderen Song, den ich mir angehört habe, dachte ich: „Hab ich den nicht schonmal auf FluxFM gehört?“ Habe ich sicher nicht, aber die Musik von Galvanic Elephants würde sehr gut in das Abendprogramm meines Lieblingsradiosenders passen.

Der Elefant (estnisch elevant) scheint ein beliebtes Tier unter jungen, musikbegeisterten Esten zu sein. Jedenfalls gibt es noch eine Band, die graue Riesen im Namen trägt: Elephants From Neptune. Ihre Musik klingt, als käme die Band nicht aus Võsu im Landkreis Lääne-Virumaa (Nordestland) und auch nicht – wie sie selbst auf ihrer Soundcloud-Seite schreiben – „from the sandy beaches of neptune“, sondern aus den USA. Ich selbst war bisher zwar nur in Võsu und noch nie in den USA, geschweige denn auf dem Neptun, aber ich kann mir richtig vorstellen, wie gut die Musik der Elephants From Neptune zu einer Autofahrt über einen Highway passen würde, genau wie der Look der Bandmitglieder. Um Musik dieser Art zu beschreiben, benutzen Musikjournalisten häufig Worte wie „rotzig“ und „Garagenrock“, und ja, ich finde, bei dieser Band passt das sehr gut. Es ist ein bisschen wie bei den Steaming Satellites, bei denen jeder ungläubig guckt, wenn er erfährt, dass diese Band aus Österreich kommt – bei den Elephants From Neptune würde sicherlich auch niemand erraten, dass sie ausgerechnet aus Estland stammen. Das verlinkte Video wurde (zumindest teilweise) , trotz Amerika-Sound, auch in Estland gedreht, allerdings kann ich nicht erkennen, wo genau. Die alte, verlassene Tankstelle kann ich mir aber am besten irgendwo im Nordosten vorstellen.

Die Sängerin Iiris, die am vergangenen Dienstag gerade 21 Jahre alt geworden ist, habe ich hauptsächlich deshalb in diese Liste aufgenommen, weil sie so exzentrisch ist. Irgendwo wurde sie als die „estnische Björk“ betitelt. Ihre Musik trifft meinen Geschmack eigentlich eher weniger, und ich hatte schon beschlossen, sie hier gar nicht zu erwähnen, als ich plötzlich das verlinkte Video entdeckte. Ich finde, sie sieht toll aus da am Flügel mit ihren dunklen Haaren und dem weißen Kleid, und ihre Fähigkeit, ihre sehr besondere Stimme ständig anders klingen zu lassen, ist wirklich beeindruckend. Sie ist definitiv keine dieser 08/15-Sängerinnen, die einem in den deutschen (und auch estnischen) Charts immer wieder begegnen. Ich würde mir wohl eher keine CD von ihr kaufen, aber wäre ich beim Positivus gewesen, hätte ich mir ihren Auftritt sicher mal angesehen. Ob ich ihr bis zum Ende zugesehen und -gehört hätte, wäre dann davon abhängig gewesen, ob sie am Flügel gesungen oder, wie in einigen anderen Videos, in einem schrägen Outfit verrückt getanzt hätte – Letzteres kann ich nämlich nicht so gut leiden.

I Wear* Experiment sind schwer zu beschreiben. Als ich mir einige ihrer Songs angehört habe, fühlte ich mich zuerst an Ewert and the Two Dragons erinnert (wegen der Xylophontöne), dann kurzzeitig an God Is An Astronaut (wegen schlagzeuglastiger, leicht sphärisch klingender Postrock-Sounds), und dann wieder an verschiedene leicht ausgeflippte Elektro-Bands (wegen schräger Computerklänge). Sie selbst beschreiben ihren Sound als „avant-garde blast of experimental electronica“, und das finde ich gar nicht unpassend. Nicht in allen ihren Songs ist die Stimme der irgendwie feenhaft aussehenden Sängerin Johanna Eenma zu hören, einiges ist auch einfach rein instrumental. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Musik dieser Band nicht nach gewisser Zeit auf die Nerven gehen würde, aber ich glaube, bei ihnen muss man sich einfach die Songs herauspicken, die am ehesten in die Richtung gehen, die einem gefällt. Ich habe hier mal das Video verlinkt, bei dem ich an God Is An Astronaut denken musste – dieser Sound gefällt mir bei I Wear* Experiment nämlich am besten.

Margus Voolpriit war mal Schlagzeuger zweier Bands, jetzt ist er Kopf (und Namensinspiration?) des Projekts Wolfredt. Auch hier findet man wieder Xylophonklänge (unter estnischen Bands anscheinend noch beliebter als Namen, die mit Elefanten zu tun haben), elektronische Elemente und rein instrumentale Songs. Und auch hier ist es nicht abwegig, wenn man sich an God Is An Astronaut erinnert fühlt, allerdings nur an ihre eher optimistisch klingenden Songs (von denen es ja nicht allzu viele gibt). Als ich Live-Videos von Wolfredt sah, dachte ich an einen viel zitierten Ausspruch des Gitarrenlehrers meiner Mutter: „Wenn du Gitarre spielst, muss das so aussehen, als würdest du dir ein Ei pellen“ – genau so lässig und routiniert (aber keinesfalls gelangweilt) stehen die drei auf der Bühne, obwohl sie in ihren karierten Hemden, Jeans und Turnschuhen eher aussehen wie Informatik-Studenten. Ich könnte mir durchaus vorstellen, den einen oder anderen Wolfredt-Song in den Soundtrack für den Island-Urlaub im August aufzunehmen, das könnte gut passen. Außerdem ist Wolfredt ein weiterer Grund dafür, dass ich rein instrumentale Musik immer mehr zu schätzen lerne.

Der Name Outloudz klingt nach einer ganz anderen Art von Musik, als diese Band sie spielt. Hier wird nichts „out loud“ geschrieen, es handelt sich viel mehr um schöne, ruhige Songs mit viel Klavier und Akkustikgitarre, die man sich gut in einer hellen estnischen Sommernacht an einem Seeufer vorstellen kann. Sänger Stig Rasta klingt wie viele andere Popband-Sänger auch. Es würde mich nicht wundern, wenn diese Band eines Tages international Hallen voller Teenie-Mädchen begeistern würde – was ich jetzt gar nicht negativ meine. Es ist Musik, die für viele funktioniert, einfach Musik zum Glücklichsein, für Strandspaziergänge oder als Begleiter für das Rascheln von Laub im Herbst. Aber ich würde auch nicht ausschließen, dass ich zu den Klängen dieser Band melancholisch werden könnte, wenn ich sie beim Abschied von Estland hören würde.

Das war natürlich nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus der estnischen Musikszene, die ich selbst auch nur in geringem Umfang überblicke. Und nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus dem gesamten Lineup des Positivus, das neben estnischen und internationalen auch eine Menge lettischer und litauischer Bands und Künstler zu bieten hat, von denen mir ebenfalls einige richtig gut gefallen. Das Lineup bietet einen Einblick in das momentane „Musikangebot“ des Baltikums (zumindest was Rock, Indie, Elektro und ähnliche Genres angeht). Wer Lust hat, sich da noch ein wenig selbst umzuschauen – Musik ist schließlich Geschmackssache – kann einfach hier klicken. Ich würde an dieser Stelle gerne noch auf einen estnischen Künstler hinweisen, dessen Musik ich sehr mag, der aber nicht beim Festival dabei war, und zwar Argo Vals. Er ist Mitglied des Viljandi Guitar Trio (nochmal drei „Eipeller“) und macht seit einer Weile auch alleine Musik, die elektronisch inspiriert ist und ohne Gesang auskommt. Ein YouTube-User schrieb als Kommentar zum Song „Tsihcier“: „One of those moments in music where everything is as it is supposed to be without effort“, und vielmehr kann man über die Musik von Argo Vals wohl auch nicht sagen. Ich habe unter seinem Namen kein Video verlinkt, sondern eine Seite, auf der man sich zwei Songs anhören und kostenlos runterladen kann, unter anderem „Hallitussilmad“, was „Schimmelaugen“ bedeutet, aber viel sympathischer und schöner klingt, als dieser Titel vermuten lässt.

Übrigens habe ich Ewert and the Two Dragons doch noch nicht live gesehen, da wir unsere Pläne geändert haben. Wir waren nicht beim Phono Pop, sondern fahren nächste Woche zu einem anderen Festival, auf dem sie auch spielen. Deshalb kommt mein Bericht dazu erst noch. Ich hoffe, dass man einige der oben genannten Bands in Zukunft auch einmal auf einem deutschen Festival zu sehen bekommen wird.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s