Estnische Spuren in Norddeutschland

Da ist er leider auch schon rum, der erste Urlaub in diesem Jahr. Zwei Wochen lang waren Stephan und ich im Norden – vor allem im Nordosten – Deutschlands unterwegs. Und wie wir schon geahnt hatten, gab es dort einiges zu entdecken – unter anderem auch Dinge, die direkt oder indirekt mit Estland zu tun haben. Davon möchte ich jetzt sowohl mit Worten als auch mit Bildern berichten.

Zunächst einmal ging es in die kleine Stadt Diepholz in Niedersachsen. Was macht man in Diepholz? Das ist ja nun nicht gerade eine Weltstadt. Aber dort findet einmal im Jahr das Appletree Garden Festival statt. Es standen uns also dreieinhalb Tage Zelten, Dosenfutter, Dixiklos und die Gesellschaft von etwa 4000 anderen Leuten bevor. Und natürlich Musik, gute Musik. Ich fasse die drei Tage mal kurz zusammen, denn für diesen Post ist eigentlich nur eine Stunde vom Ganzen wichtig: Es war heiß, es gab zwei kräftige Gewitter, ohne Ohropax hätte ich in den drei Nächten kein Auge zugetan, wir haben viele neue Bands entdeckt und bereits bekannte live erlebt, viele der anderen Menschen waren irgendwie verrückt und noch mehr Outfits waren furchtbar – insgesamt waren es drei anstrengende, aber auch sehr schöne Tage auf einem sehr grünen Festivalgelände, das an Atmosphäre einiges zu bieten hatte. Und die Atmosphäre wurde am zweiten Festivaltag dann auch für kurze Zeit estnisch, denn Ewert and the Two Dragons spielten. Während die drei Männer hinter uns noch überlegten, wie groß Estland eigentlich ist, und ob die Texte der Band wohl in der Landessprache verfasst sind (und wie nennt man die eigentlich? Estisch oder Estländisch?), kämpfte man hinter der Bühne mit technischen Problemen, bevor es losgehen konnte. Zwei Stunden zuvor hatte es gewittert und dabei war anscheinend nicht alles unbeschadet davongekommen. Während der Vorbereitungen hörte man den Soundmanager der Band immer wieder Ansagen auf Estnisch machen. Wenn man sich dann noch auf dem Gelände umsah, das von vielen Bäumen umgeben war, konnte man sich schon fast wie in Estland fühlen. Mit nur kurzer Verspätung kamen dann Ewert Sundja, Erki Pärnoja, Kristjan Kallas und Ivo Etti auf die Bühne. Wir standen natürlich ganz vorne. Und es war wunderbar. Nicht nur wir, sondern auch einige andere im Publikum konnten mitsingen und so hatte das Ganze zeitweise etwas von einem estnischen Sängerfest, auch wenn es sich um englische Texte handelte. Ewert erzählte auch von der wichtigen estnischen Tradition des gemeinsamen Singens. Um uns Deutsche allerdings dazu zu bringen, aus voller Kehle zu singen, musste er auf einen kleinen Trick zurückgreifen und uns dazu auffordern, so zu singen wie in einem Fußballstadion – und das klappte. Wie schön es doch ist, wenn mehrere hundert Leute auf einer Wiese zwischen Bäumen gemeinsam singen: „In the end, there’s only love“! Und meinen persönlichen Estland-Sehnsuchts-Song, „Pastorale„, spielten sie auch. Ich glaube, bei den Festivalbesuchern, die sie vorher nicht kannten, hat die Band einen tollen Eindruck hinterlassen. Ich kann Ewert and the Two Dragons auch als Liveband nur wärmstens empfehlen. Übrigens kamen sie zum Festival in einem Kleinbus mit estnischem Kennzeichen, der mit Bäumen bedruckt war, und auf dem hinten zu lesen ist: „Follow the Dragons“. Aus dem winkten sie uns einige Stunden nach ihrem Konzert noch einmal zu, als sie wegfuhren. Leider konnte ich davon kein Foto mehr machen, aber hier sind einige vom Konzert selbst:

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Von Diepholz aus ging es zwei Tage später nach Schwerin, wo wir eine Ferienwohnung gemietet hatten. Schwerin ist eine Partnerstadt von Tallinn, wie man auf diesem leider schon ziemlich verblassten Schild sehen kann:

Partnerstädte Schwerin

Leider hat man der estnischen Partnerstadt in Schwerin nur eine wenig interessante Straße in einer Plattenbaugegend am Stadtrand gewidmet, die habe ich nicht fotografiert. Insgesamt ist Schwerin eine wunderschöne Stadt, aus der wir am Ende gar nicht mehr weg wollten. Und auch wenn ich in der Stadt keine direkten Hinweise auf Estland entdeckt habe, fühlte ich mich an einigen Ecken doch irgendwie an das Land erinnert, allein schon wegen des Schweriner Sees, in dem wir natürlich auch mehrfach gebadet haben.

Strand im Stadtteil Zippendorf, ganz nah bei unserer Ferienwohnung
Strand im Stadtteil Zippendorf, ganz nah bei unserer Ferienwohnung
Badestelle bei Pinnow
Badestelle bei Pinnow
Badestelle in Flessenow
Badestelle in Flessenow

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Blick vom Fernsehturm
Blick vom Fernsehturm

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Und hier noch zwei Bilder, die ich vom Turm des Schweriner Doms aus gemacht habe. Der altstädtische Markt hat auch irgendwie ein gewisses Estland-Flair, finde ich.

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Von Schwerin aus haben wir einige Ausflüge unternommen. In Wismar und Stralsund gibt es einige Straßen und kleine Gassen, die genau so auch in der Tallinner Altstadt sein könnten. Die Stadt Greifswald haben wir unter uns „das Tartu Deutschlands“ getauft, denn dort fühlt man sich wirklich an vielen Stellen wie in der zweitgrößten Stadt Estlands. Genau wie Tartu ist Greifswald stark von ihrer Eigenschaft als Universitätsstadt geprägt, und die beiden Städte unterhalten auch eine sogenannte „Städtefreundschaft“. Greifswald ist mit etwa 53000 Einwohnern zwar kleiner als Tartu und in Deutschland wesentlich weniger bedeutend als Tartu in Estland, aber trotzdem passen die beiden Städte wunderbar zusammen. Hier ein paar Bilder von Ecken, die ich als „irgendwie estnisch“ empfunden habe:

In diesem Park fühlt man sich an den Park auf dem Tartuer Toomemägi (Domberg) erinnert
In diesem Park fühlt man sich an den Park auf dem Tartuer toomemägi (Domberg) erinnert

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Das Hauptgebäude der Greifswalder Uni ist dem in Tartu nicht unähnlich
Das Hauptgebäude der Greifswalder Uni ist dem in Tartu nicht unähnlich

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Und dann ist da noch die Klosterruine im Stadtteil Eldena, die uns an die Tartuer toomkirik (Domkirche) erinnerte.

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In Kiel, einer weiteren Partnerstadt von Tallinn, trafen wir uns mit Jasmin, die ich bei der Finnland-Reise im Dezember kennengelernt hatte. Ein paar Tage nach unserem Treffen flog sie nach Estland, um Merit für einige Zeit zu besuchen (Neid!). Es war sehr schön, sie wiederzusehen. Auf der Rückfahrt nach Schwerin kamen wir durch Bad Segeberg, Partnerstadt von Võru.

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In Lübeck fanden wir einiges, was mit Estland zu tun hat. Denn noch bis zum 25. August findet das Schleswig-Holstein Musik-Festival statt, das dieses Jahr unter dem Motto „bewegend baltisch“ steht. Nicht nur in Lübeck, sondern auch an vielen anderen Orten konnte und kann man Musiker aus Estland, Lettland und Litauen erleben. Infos findet ihr hier. Passend zum Festival wurden bei Niederegger, dem berühmten Lübecker Marzipanproduzenten, kleine Marzipantorten mit den Fahnen der drei Länder verkauft (leider ist mir das Foto nicht besonders gut gelungen):

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Außerdem gab es in Lübeck einen Schaufensterwettbewerb zum Festivalmotto, so dass wir unter anderem dieses Schaufenster sahen:

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Wie die Ladeninhaber auf "Estniskt" kommen, weiß ich auch nicht. Auf den beiden anderen Bildern im Schaufenster stand "Latvija" bzw. "Lietuva"
Wie die Ladeninhaber auf „Estniskt“ kommen, weiß ich auch nicht. Auf den beiden anderen Bildern im Schaufenster stand „Latvija“ bzw. „Lietuva“

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Auch auf der Halbinselkette Fischland-Darß-Zingst fühlten wir uns an Estland erinnert. Teile der Kette gehören zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, dem mit etwa 80500 ha drittgrößten Nationalpark in Deutschland (zum Vergleich: der Lahemaa Rahvuspark, Estlands größter Nationalpark, ist etwa 72500 ha groß). Dort findet man, obwohl man sehr vielen Touristen begegnet, nahezu unberührte Natur. Außerdem gibt es kleine hölzerne Ferienhäuser zwischen Bäumen, wie man sie auch in Estland finden kann, und man ist von überall ganz schnell an der Ostsee. Wirklich schade, dass wir dort nur einen Tag verbringen konnten, denn in dieser kurzen Zeit schafft man es gar nicht, alles zu sehen, was die Natur dort zu bieten hat. Aber wir haben uns schon vorgenommen, irgendwann einmal in der Nebensaison für eine Woche ein solches Häuschen zu mieten und Fahrräder mitzunehmen. Hier ein paar Eindrücke von der Natur auf Fischland-Darß-Zingst, oder besser von den Stellen, die wir als estlandähnlich empfanden:

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Beim Spaziergang durch den Darßer Urwald musste ich an die Waldwanderung denken, die ich letzten Herbst mit einigen Kollegen aus dem Archiv gemacht habe
Beim Spaziergang durch den Darßer Urwald musste ich an die Waldwanderung denken, die ich letzten Herbst mit einigen Kollegen aus dem Archiv gemacht habe

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Wir waren auch im Nationalparkcenter „Darßer Arche“, wo es eine kleine Ausstellung gibt. Dort findet sich unter anderem ein Modell der Ostsee und der Länder an ihren Küsten, davon habe ich mal den Abschnitt mit Estland fotografiert:

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Leider leider haben wir es nicht an die Mecklenburgische Seenplatte geschafft, da hätten wir sicherlich noch viel mehr Estland-Feeling erlebt, aber die Gegend dort ist wahrscheinlich sowieso einen eigenen Urlaub wert, den wir auch noch machen wollen. Insgesamt war es ein toller Urlaub, in dem wir durch einen kleinen Ausflug nach Dänemark auch immerhin ein bisschen ins Ausland kamen, und der sich viiiiel zu kurz angefühlt hat (wie eigentlich jeder Urlaub). Estland ist und bleibt zwar absolut einzigartig, aber immerhin hat der Urlaub unsere Estland-Sehnsucht ein klitzekleines bisschen lindern können. Wären nicht überall so viele Menschen gewesen, hätte man sich von der Natur an einigen Stellen wirklich täuschen lassen können. Hätte ich den Schweriner See, die Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern und einige Greifswalder Straßen hier direkt vor der Tür, müsste ich bei akuten Fernweh-Anfällen nur kurz rausgehen … das wäre schön.  Jetzt bin ich erstmal gespannt darauf, ob ich auch in Island, wo ich am 20. hinfliege, ein paar estnische Spuren entdecken werde. Sollte dies der Fall sein, werde ich natürlich hier davon berichten.


4 Gedanken zu “Estnische Spuren in Norddeutschland

  1. Ich schließe mich dem ersten Kommentar an: tolle Mischung aus Reisebericht und lebendigem Informationsangebot! Und wenn ich auf einem der Fotos „Växjö“ lese, geht mir außerdem das Herz auf; ich habe dort in der Nähe drei Jahre gewohnt. :o)

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