Grüße aus der Hauptstadt

Dank kostenlosem Internet im Hostel kann ich schon jetzt einen ersten Reisebericht schreiben. Gestern kamen Stephan und ich nach zwei Bahnfahrten (Mönchengladbach – Köln und Köln – Frankfurt) und einem Flug (Frankfurt – Tallinn) in Estland an. Alles verlief nach Plan, der Flug war zwar etwas wackliger, als mir lieb war, aber das kann man in Kauf nehmen. Bei der Landung war es neblig in Tallinn und man sah, dass es zuvor geregnet hatte, dazu circa 5 Grad. Man konnte sich kaum vorstellen, dass wirklich Ende Dezember ist, schließlich war vor einem Jahr um diese Zeit ganz Estland schneebedeckt.

Tallinn wirkte dann wie immer erstmal unübersichtlich und verwirrend. Jedes Mal, wenn ich hier ankomme, habe ich das Gefühl, in einer viel größeren Stadt zu sein. Das liegt hauptsächlich daran, dass hier nach wie vor Busse, O-Busse und Straßenbahnen verkehren und die Autofahrer ziemlich rücksichtslos unterwegs sind. Was die öffentlichen Verkehrsmittel betrifft, kommt noch hinzu, dass die Fahrpläne immer an irgendwelchen Laternenpfählen festgemacht sind und man sie oft sehr lange suchen muss. Dann weiß man auch nicht immer sofort, um welches der drei Verkehrsmittel es sich bei der Linie, für die der Plan gilt, eigentlich handelt. Im Dunkeln und mit Koffern ist das ziemlich nervig. Aber unser Hostel liegt zum Glück sehr zentral, ganz nah bei dem Turm Paks Margareeta (Dicke Margarete), und es heißt auch genauso. Es sieht von außen nicht besonders toll aus, ist von innen aber sehr gemütlich. Wir haben ein sehr geräumiges Doppelzimmer mit eigenem Bad, zwei Sesseln und zwei kleinen Tischen, das Ganze für 20 Euro pro Person und Nacht. In der letzten Nacht haben wir gut geschlafen, wenn man davon absieht, dass gegen Mitternacht und dann nochmal um 6 Uhr morgens eine Gruppe deutscher Männer nebenan nicht in der Lage war, ihre Zimmertür ohne Knallen zu schließen. Das bestätigt mal wieder den negativen Eindruck vom deutschen Durchschnittstouristen. Aber bisher haben wir nicht den Eindruck, dass es sich hier um eines der berüchtigten Tallinner Altstadt-Hostels handelt, in denen man anscheinend wegen der vielen betrunkenen Party-Touristen kein Auge zumachen kann. Es gibt auch einen großen Aufenthaltsbereich mit Küche, das ganze Hostel wirkt, als sei hier mal eine Schule drin gewesen.

Gestern war es schon etwa 18 Uhr, als wir unser Zimmer bezogen haben, so dass wir nicht mehr viel unternehmen konnten und wollten. Wir haben dann nur noch einen Spaziergang durch die Altstadt gemacht, dabei war es ziemlich windig. Aber ich habe zu Weihnachten eine ganz tolle Mütze in Estland-Farben bekommen, die meine Mutter selbst gestrickt hat. Ein Bild folgt demnächst. So bin ich gewappnet. Aber richtig warm anziehen muss man sich auch hier nicht, denn selbst am Abend wird es nicht kälter als 3 Grad. In der Altstadt war wenig los, anscheinend kommen die Silvestertouristen erst später an. Man hörte zwar ziemlich viel Russisch, aber das können natürlich auch Einwohner der Stadt sein. Gegessen haben wir dann im Lido, dem lettischen Selbstbedienungs-Restaurant, über das ich hier im Blog schon mehrfach geschrieben habe (zum Beispiel hier). Der Weihnachtsmarkt auf dem Rathausplatz steht immer bis Januar, ich fand ihn allerdings immer noch nicht so besonders toll, wobei er mir jetzt im Dunkeln schon besser gefiel als letztes Jahr bei grauem Wetter und mit dreckigen Schneeresten auf Boden und Dächern, vor allem weil man dieses Mal nicht mit kitschigen amerikanischen Weihnachtsliedern beschallt wird. Die vom Weihnachtsmann gesteuerte Altstadt-Bimmelbahn fährt auch noch und in den Geschäften wird Weihnachtsmusik gespielt. Während man hier in Estland zwar im Vorhinein nach meiner Erfahrung weniger stark mit Weihnachten „terrorisiert“ wird als in Deutschland, geht es jetzt nach den Feiertagen einfach so weiter, als würde das eigentliche Fest erst noch bevorstehen. Aber das Ganze geschieht auf nordisch-zurückhaltende Art und Weise, so dass es kaum stört.

Heute Morgen waren wir dann als erstes am Kalaturg, dem kleinen Fischmarkt, der vom Hostel nur wenige Meter zu Fuß entfernt liegt. Es waren einige Angler dort, aber Fisch kaufen konnte man nicht. Gegenüber vom Fischmarkt befindet sich das Café „Klaus“, das wir heute am Abend noch austesten wollen. Und ganz in der Nähe liegt die ehemalige Linnahall, also Stadthalle, ein riesiger, hässlicher Betonklotz aus der Sowjetzeit, der langsam verfällt und schon von so manchem Graffitikünstler als Leinwand genutzt wurde. Es wird wohl darüber diskutiert, die Stadthalle in ein Konferenzzentrum umzuwandeln, aber momentan steht sie einfach nur hässlich am Meer (in der Sowjetunion haben ihre Architekten allerdings einige Preise gewonnen). Aber trotzdem lohnt es sich, dorthin zu gehen, denn vom Dach aus hat man eine gute Aussicht auf die Stadt, den Hafen und das Meer. Als uns der Wind dort zu stark wurde, fuhren wir mit der Straßenbahn in den Bezirk Kadriorg. Dabei stellten wir fest, dass es inzwischen anscheinend nicht mehr möglich ist, Tickets für die städtischen Verkehrsmittel im Voraus am Kiosk zu kaufen und damit Geld zu sparen. Seit die Einwohner von Tallinn alle ihre „Smartcards“ haben, die als Tickets dienen, gibt es, wenn ich das richtig verstanden habe, nur noch Tickets beim Fahrer (1,60 Euro für eine Fahrt durch ganz Tallinn). Tages- und Wochentickets kann man aber wohl bei der Post und enigen anderen Läden kaufen.

In Kadriorg befinden sich der Amtssitz des estnischen Staatspräsidenten, einige Museen, viele schöne Häuser, das Stadion des Fußballvereins Levadia Tallinn und das Schloss Kadriorg. Wir haben dort einen kleinen Spaziergang und ein paar Fotos gemacht, hatten dann aber Hunger, so dass wir wieder in die Innenstadt zurückfuhren. Da es dort lecker und günstig ist, gingen wir wieder ins Lido. Direkt neben dem Einkaufscenter, in dem das Lido ist, befindet sich das Eesti Panga Muuseum, das estnische Bankmuseum. Das ist absolut empfehlenswert! Es kostet keinen Eintritt, bietet aber eine ganze Menge. Man erfährt etwas über die Geschichte des Geldes in Estland, über die Eurozone und allgemein über die Welt des Geldes. Es gibt eine ganze Menge interaktiver Elemente, zum Beispiel Spiele, die dabei helfen, die internationale Wirtschaft zu verstehen und ein paar Filme, alles wahlweise auf Estnisch, Englisch oder Russisch, manches sogar auf Deutsch. Man kann sich auch einige Partien des estnischen Schachspielers Paul Keres ansehen, das funktioniert über ein großes Schachbrett, auf dem die Figuren automatisch gesteuert werden. Keres ist bis heute der einzige Schachspieler, der je auf einem Geldschein abgebildet war, nämlich auf dem früheren estnischen 5-Kronen-Schein. Er war außerdem einer der Tartuer Studenten aus den 30er Jahren, deren Akten ich während meines Praktikums im Archiv mal in der Hand hatte (hier nachzulesen). Momentan gibt es in dem Museum auch eine kleine Sonderausstellung über die Einführung des Euros in Lettland zum 1. Januar 2014. Wir haben am Ende noch ein Computerspiel gespielt, mit dessen Hilfe Jugendliche lernen können, wie man sparen und ein Bankkonto nutzen kann. Die Fragen gab es nur auf Estnisch, aber ich habe ziemlich viel verstanden, so dass wir mit vereinten Kräften (der virtuelle Würfel funktionierte irgendwie nur, wenn Stephan aufs Touchscreen drückte) einige Punkte holen konnte. Überhaupt habe ich nicht das Gefühl, dass ich etwas verlernt habe seit Januar.

Dafür hat sich aber schon wieder total dieses tolle Estland-Gefühl eingestellt. Das ist schwer zu beschreiben, aber es hat damit zu tun, dass ich wieder einen Reflektor an meinem Wintermantel trage, den ich nach jedem Besuch in einem Geschäft, Restaurant oder Museum aus der Manteltasche hervorhole, so dass er vorschriftsgemäß auf Kniehöhe baumeln kann. Und es hat damit zu tun, dass ich wieder instinktiv meine Kapuze oder Mütze aufziehe, wenn ich nach draußen trete. Und mit einem Abendessen aus must vormileib (dem fast schwarzen Roggenbrot), Eesti juust (estnischem Käse) und piim (Milch). Vor allem aber damit, dass ich wieder überall Estnisch höre und lese und das einfach gut finde.

Ein zweites Museum haben wir dann auch noch besucht, nämlich das Fotomuseum am Rathausplatz, in dem ich letztes Jahr schon mit einigen Kollegen aus dem Archiv war. Inzwischen gibt es dort einen Raum, der komplett einem in Estland recht bekannten Amateurfotografen gewidmet ist. Seine Schwarz-Weiß-Bilder von Anfang des 20. Jahrhunderts sehen teilweise aus wie Aquarelle, sehr sehenswert. Die neue Sonderausstellung zum Thema Aktfotografie im Keller des Museums fand ich hingegen nicht so toll. Aber auch dieses Museum kann ich nur empfehlen. Das neue Meremuuseum (Meeresmuseum) hätten wir auch gern noch angeschaut, aber der Eintritt ist relativ teuer und irgendwann taten uns die Füße weh. So waren wir nur noch in einigen Geschäften (ein Teil der Mitbringsel für meine Familie sind bereits gekauft) und sind dann ins Hostel zurückgekehrt, wo wir gerade Käsebrote und Joghurt gegessen und mit Saku (für Stephan) und siider (für mich) darauf angestoßen haben, dass wir wieder in Estland sind.

Fotografiert haben wir heute hauptsächlich Street Art, für alles andere war das Wetter zu grau, außerdem haben wir ja schon mehrere Male Bilder in Tallinn gemacht. Beim nächsten Mal zeige ich euch aber auf jeden Fall ein paar Fotos von Kadriorg und einigen anderen Dingen, die Street-Art-Fotos gibt es gesondert. Da sammel ich erst noch mehr in den anderen Städten. Morgen früh geht es mit dem Bus nach Haapsalu, wo wir dann ja auch übernachten werden. Mal sehen, ob ich den nächsten Eintrag auch in einem Hostelzimmer oder erst wieder in Stuttgart schreiben werde. Jetzt jedenfalls gehen wir noch im „Klaus“ was trinken und dann folgt eine hoffentlich ruhige zweite Nacht hier in Tallinn (wir haben uns inzwischen damit abgefunden, dass wir nicht zum Konzert von Ewert and the Two Dragons gehen können). Ich freue mich schon darauf, jetzt in einige kleinere Städte zu kommen, in denen man problemlos alles zu Fuß erreichen kann.

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