Vana-aasta-õhtu ja uusaasta Tartus – Silvester und Neujahr in Tartu

Seit vorgestern sind wir zurück in Deutschland und vermissen Estland schon wieder. Ich habe auch keine Ahnung, wann ich oder wir mal wieder dorthin kommen werde/werden. Aber ich will hier nicht mit der Rückreise beginnen, sondern von unseren Tagen in Tartu und Umgebung erzählen. Das werde ich in zwei Teilen tun, einmal heute und einmal im Laufe der restlichen Woche. Sonst gibt es einen einzigen Post, der so lang ist, dass keiner ihn lesen will. Also besser zwei Teile.

Vom 30. auf den 31. Dezember hatten wir ja in Pärnu übernachtet. Morgens gegen 04:30 Uhr ging im Hostel plötzlich der Feueralarm los. Gute fünf Minuten lang klingelte es durchgängig, sehr schrill und sehr laut. Entweder war außer uns kaum jemand im Hostel oder die anderen Gäste hatten das Gebimmel nicht gehört (oder sich nicht dafür interessiert), jedenfalls waren wir und eine alte Frau zwei Türen weiter die Einzigen, die auf den Flur gingen, um rauszufinden, was Sache war. Nach einer Weile erschien eine Hostel-Mitarbeiterin an der Rezeption und rief jemanden an. Aus dem Telefonat konnte ich immerhin genug verstehen, um zu verstehen: es handelte sich um einen Fehlalarm. Offenbar fragte die Frau denjenigen am anderen Ende der Leitung, wie sie die Glocke ausstellen könne. Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass dies nicht das erste Mal war, dass so etwas mitten in der Nacht passierte. Wir konnten uns also wieder ins Bett legen, allerdings bimmelte die Glocke danach noch ein paar Mal kurz, dazwischen piepste irgendwas, und die Mitarbeiterin telefonierte noch etwa eine Stunde lang mit Unterbrechungen weiter auf dem Flur, und um 8 Uhr dann noch einmal ausführlich. Unser Zimmer war sehr nah an der Rezeption, dazu hatte das Haus sehr hohe Decken – so konnten (oder besser: mussten) wir ihre Telefongespräche genauestens mithören, es wurde also erstmal nichts mehr mit dem Schlafen. Obwohl wir erst um 11:15 Uhr den Bus nach Tartu nehmen mussten und daher recht lange schlafen konnten, fühlten wir uns am nächsten Morgen ziemlich gerädert.

Der Bus von Pärnu nach Tartu war bis auf den letzten Platz besetzt, wir mussten noch darum zittern, überhaupt ein Ticket zu bekommen. Anscheinend wollten außer uns noch so einige Silvester in der zweitgrößten Stadt Estlands verbringen. In Tartu anzukommen war wirklich toll, ich konnte mir kaum vorstellen, dass mein Umzug von dort zurück nach Stuttgart schon fast ein ganzes Jahr her ist. Es fühlte sich so normal an, viel mehr wie nach Hause kommen als jede Rückkehr nach Stuttgart. Wir brachten dann zuerst unser Gepäck ins Hostel. Wir hatten ein Zimmer im Studentenwohnheim auf der Pepleri, ganz nah an der Innenstadt (das Vanemuine-Theater und die Unibibliothek liegen gleich um die Ecke) und auch nah an meiner früheren Wohnung. In dem Wohnheim kann man verschiedene Arten von Zimmern mieten, wir hatten eines mit eigenem Bad und einer kleinen Küchenzeile. Es kostete uns 20 Euro pro Person und Nacht, ein unschlagbarer Preis. Unser Zimmer war geräumig und bot jede Menge Stauraum in zwei Regalen und einem Kleiderschrank, dazu gab es einen Tisch, zwei Stühle, einen Fernseher und natürlich zwei Betten, zwischen denen allerdings der Tisch stand. Die Mini-Küche war sehr spartanisch ausgestattet, wir hatten genau zwei Teller, zwei Tassen, zwei Gläser und so weiter (und man hatte uns versehentlich drei Messer und eine Gabel statt je zwei Messern und Gabeln gegeben), und es gab nur einen Mini-Topf und eine Pfanne. Und keinen Backofen. Aber für die vier Tage war das vollkommen ausreichend, zumal wir wussten, dass wir sowieso nicht jede Mahlzeit im Hostel einnehmen würden. Ich kann das Hostel auf jeden Fall weiterempfehlen. Nach zwei Tagen wurde unser Zimmer gereinigt und die Handtücher ausgetauscht, wie in einem Hotel, und obwohl wir über Silvester dort waren, war es sehr ruhig, von Studentenpartys keine Spur. Wer in Tartu günstig und zentrumsnah übernachten und die Möglichkeit haben will, selbst zu kochen, ist dort bestens untergebracht.

Wir drehten noch eine Runde durch die Innenstadt, um zu sehen, ob sich etwas verändert hatte. Auf dem Rathausplatz standen einige unterschiedlich große Gebilde aus mehreren fast runden Holzplatten, von denen keiner so recht zu wissen schien, was sie eigentlich sollen, die aber trotzdem irgendwie gut aussahen. Es stand nur dran, dass man nicht draufklettern soll und beim Vorbeilaufen hörte man ab und an leise Musik aus dem Inneren der größeren Gebilde. Inzwischen sind die Dinger wieder weg, wie man in der Webcam erkennen kann. Die Weihnachtsdeko hing auch in Tartu noch, genau die gleiche wie letztes Jahr, und der Weihnachtsbaum  stand noch auf dem Rathausplatz. Allerdings waren Weihnachtsmusik und -werbung dort weniger aufdringlich als in Pärnu und Tallinn. Auf der Rüütli (Ritterstraße), der Partymeile der Stadt, sind ein paar Clubs und Cafés gegen andere ausgetauscht worden. So gibt es zum Beispiel das „Teine Maailm“, in dem letztes Jahr die Abschiedsfeier für die Erasmus-Studenten stattgefunden hatte, anscheinend nicht mehr. Stattdessen ist dort jetzt das „Feel Good Music Café“, in dem im Dezember unter anderem die estnische Band Terminaator gespielt hatte, von der wir beim Einzug vor anderthalb Jahren eine CD in einer Schublade gefunden hatten (die Musik gefiel uns nicht besonders). Außerdem gibt es den Muusikapood (Musikladen) im Kaubamaja, einem der beiden großen Einkaufszentren in der Innenstadt, nicht mehr. Das finde ich sehr schade, denn letztes Jahr war das die beste Quelle für CDs und DVDs und der einzige Laden in ganz Tartu, in dem ich einen MP3-Player kaufen konnte, nachdem ich meinen beim Weihnachtsbesuch in Deutschland vergessen hatte. Wir hatten uns so einige Bands notiert, von denen wir gerne CDs kaufen wollten, und auch einige Filme, deshalb war es echt eine Enttäuschung, festzustellen, dass man den Muusikapood mittlerweile in die Spielwarenabteilung des Kaubamaja umgewandelt hat. Weitere Enttäuschung: die Mauern unterhalb des Dombergs, die vor weniger als einem Jahr noch mit jeder Menge Street-Art-Motiven verziert waren, wurden inzwischen neu angestrichen, und die Bilder sind weg. Aber trotzdem konnte ich im Laufe der Zeit noch einige neue Motive fotografieren, die ihr demnächst hier zu sehen bekommt. Und in diversen Buchhandlungen konnten wir auch noch einige CDs erstehen. Also alles nicht so schlimm. Übrigens wurde uns in den Tagen vor Neujahr von den Verkäufern in den Geschäften immer ein schönes Jahresende (Head vana aasta lõppu) gewünscht, das habe ich in Deutschland noch nie gehört. Anstatt „guten Rutsch“ zu sagen, wünscht man in Estland dem anderen erst einmal, dass er das alte Jahr gut zu Ende bringt. Finde ich gar nicht schlecht.

Der immer noch weihnachtliche Tartuer Rathausplatz
Der immer noch weihnachtliche Tartuer Rathausplatz
Noch ist 2013
Noch ist 2013
Die Weihnachtsbeleuchtung am Hauptgebäude der Uni finde ich nach wie vor kitschig und übertrieben
Die Weihnachtsbeleuchtung am Hauptgebäude der Uni finde ich nach wie vor kitschig und übertrieben
Am frühen Abend auf der Rüütli
Am frühen Abend auf der Rüütli

Am Abend gingen wir los, um Merit abzuholen. Es war ein komisches Gefühl, in die „Fabrik“, also meine frühere WG, zurückzukehren. Auf der Straße fühlte ich mich, als wäre ich nie weg gewesen, obwohl die drei Mehrfamilienhäuser um die Ecke, die letztes Jahr gebaut wurden, inzwischen fertig sind. Die Häuser sehen echt gut und modern aus, einige Wohnungen scheinen auch noch frei zu sein. Stephan und ich haben schon gewitzelt, dass wir uns eines Tages eine davon kaufen könnten. Wobei wir eigentlich lieber in einem typisch estnischen Holzhaus leben würden. In der WG hatte sich auch einiges verändert. Merits Mitbewohnerin hat in meinem früheren Zimmer ziemlich umgeräumt und sich einen anderen Schreibtisch mitgebracht, ich hatte letztes Jahr ja diesen alten Nähtisch, der war ihr wohl zu klein. Sie hat das Bett um 180 Grad gedreht und natürlich umdekoriert. Sieht wirklich gut aus. Auch Merit hat ihren Schreibtisch inzwischen in einer anderen Zimmerecke stehen und ein paar neue Sachen aufgehängt, auch das sieht gut aus. In Wohnzimmer, Küche und Bad war aber eigentlich alles beim Alten.

Da die Supermärkte an Silvester schon früher zumachten, kauften wir siider (so schreiben die Esten Cidre) und Saku-Bier zum Anstoßen im Alkoholladen gegenüber vom Eesti Rahva Muuseum (dem estnischen Nationalmuseum). Ich bin vorher noch nie in so einem Alkoholladen gewesen, auch nicht im berühmt-berüchtigten „Super-Alko“ auf der Rüütli, der mit dem Spruch pidu algab siit (die Party beginnt hier) wirbt. In Estland ist das Einkaufen in diesen Läden auch nicht unbedingt nötig, man bekommt alkoholische Getränke auch in normalen Supermärkten. Allerdings dürfen Letztere zwischen 22 und 10 Uhr keinen Alkohol verkaufen, die speziellen Läden aber schon. In dem Laden, in dem wir waren, gibt es keine Selbstbedienung, was auch eine gewisse hemmende Wirkung zu haben scheint, denn die meisten kauften – wie wir – nur ein paar wenige Flaschen Niedrigprozentiges.  

Wir begaben uns dann in die Innenstadt, wo zu diesem Zeitpunkt – gegen 21:00 Uhr – kaum etwas los war. Also beschlossen wir, noch etwas trinken und eine Kleinigkeit essen zu gehen, und zwar im Püssirohukelder (Schießpulverkeller). Ich weiß gar nicht, ob ich hier im Blog schonmal von diesem Pub erzählt habe. Er befindet sich am Rande des Pirogov-Parks, also am Fuße des Dombergs, und es soll auf der ganzen Welt keinen Pub geben, der höhere Decken hat als dieser. Drinnen findet fast jeden Abend irgendeine Veranstaltung statt und die Plätze sind häufig schon am frühen Abend alle besetzt, jedenfalls im Winter. Wir erwischten am Silvesterabend den einzigen Tisch, der nicht reserviert war, im oberen Teil des Pubs. Gegenüber liefen auf einer Leinwand Musikvideos von 80er-Jahre-Songs, darunter mehrere Lieder von Modern Talking. So saßen wir noch etwa zwei Stunden lang mit Suppe (für Merit und mich) beziehungsweise Elchgulasch (für Stephan) und Getränken dort und unterhielten uns, während immer wieder Close-Ups von Dieter Bohlens Gesicht auf der Leinwand erschienen. Schon gegen 22:00 Uhr waren die meisten um uns herum ziemlich betrunken. Die jungen Frauen trugen fast ausnahmslos seeeeehr kurze Röcke oder Kleider, dazu lediglich dünne, transparente Strumpfhosen und hochhackige Schuhe – bei etwa 0 Grad Außentemperatur und Kopfsteinpflaster in großen Teilen der Tartuer Altstadt eher ungünstig, aber ich habe letztes Jahr auch bei nochmal gut 20 Grad weniger viele Mädels in solchen Outfits rumlaufen sehen, scheint in Estland der übliche Ausgeh-Look zu sein.

Im Püssirohukelder
Im Püssirohukelder

Um circa 23:30 Uhr, als im Erdgeschoss des Pubs einige Paare zu tanzen angefangen hatten, begaben wir uns auf den Rathausplatz, der sich dann langsam füllte, hauptsächlich mit Leuten im gleichen Zustand und ähnlichen Outfits wie im Püssirohukelder. Aber auch ein paar Familien mit Kindern waren da. Im Pirogov-Park hatten zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Leute angefangen, Silvesterknaller zu zünden, und wir waren uns nicht ganz sicher, wo das eigentliche Feuerwerk stattfinden würde. Wie sich herausstellte, war das am Ufer des Emajõgi, aber um Mitternacht war es dort so voll, dass wir keine Chance hatten, näher ranzukommen. Also begnügten wir uns damit, das Feuerwerk aus der Ferne zu beobachten (wobei allerdings einige Häuser im Weg waren) und vor dem Rathaus anzustoßen. An der Fassade des Rathauses erlosch um Punkt 12 die „2013“-Leuchtschrift und die mit „2014“ ging an, aber einen Countdown gab es nicht, dabei hatte ich Stephan vorher extra noch beigebracht, wie man auf Estnisch ab Zehn rückwärts zählt: kümme, üheksa, kaheksa, seitse, kuus, viis, neli, kolm, kaks, üks, null. Ich habe immer ein bisschen Angst vor den Silvesterknallern, deshalb wurde es etwas ungemütlich, als jemand mitten auf dem Platz anfing, ein paar Böller zu zünden und jemand anderes irgendwas Brennendes fallen ließ, aber das hatte sich zum Glück schnell erledigt. Es waren auch einige Mitarbeiter der städtischen politsei anwesend. Die meisten Feierer gingen anschließend noch auf irgendwelche Partys, manche riefen uns im Vorbeitorkeln ein besoffenes „Head uut aastat!“, also „frohes neues Jahr!“ zu. Wir selbst waren allerdings ziemlich müde und fühlten uns angesichts der leicht bekleideten Damen um uns herum auch etwas zu „underdressed“, um noch in einen der Clubs zu gehen. Also brachten Stephan und ich Merit nach Hause und gingen dann in unser Hostel, wo zum Glück nicht, wie wir befürchtet hatten, gefeiert wurde.

Kurz vor Mitternacht auf dem Rathausplatz
Kurz vor Mitternacht auf dem Rathausplatz
Tere, 2014!
Tere, 2014!
Leider unscharf, aber: Feuerwerk!
Leider unscharf, aber: Feuerwerk!
Langsam löst sich die Menge auf
Langsam löst sich die Menge auf

Am 01.01. waren die meisten Geschäfte geschlossen und irgendwie hatten wir auch keine Lust, richtig was zu unternehmen. So machten wir nur einen ausgedehnten Spaziergang durch die Stadt und fotografierten neue Street-Art-Motive. Den Rest des Tages verbrachten wir mit der Planung der kommenden Tage und kochten uns im Hostel Bratkartoffeln (natürlich mit dem tollen estnischen Kartoffelgewürz) und viinerid (Wiener Würstchen). Abends schauten wir auf dem Laptop noch den Film „Seenelkäik“, den wir inzwischen auf DVD gekauft hatten. Ich hatte den Film ja letztes Jahr schon mit Merit im Kino gesehen (hier nachzulesen), aber auch beim zweiten Mal gefiel er mir gut. Inzwischen habe ich auch erfahren, dass er, abgesehen von den Szenen in Tallinn, im Landkreis Lääne-Virumaa gedreht wurde. So verging der Neujahrstag in Tartu. Was wir in den Tagen danach noch unternommen haben, erzähle ich euch beim nächsten Mal in Wort und Bild.

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