Grenzerfahrung

Nachdem wir einen ruhigen Neujahrstag in Tartu verbracht hatten, unternahmen wir am 2. Januar einen Ausflug: wir fuhren nach Valga. Klingt erstmal nicht wahnsinnig spannend, denn wie ich schon des Öfteren angedeutet habe, ist Valga nicht gerade die schönste Stadt Estlands und mit rund 13.500 Einwohnern auch nicht besonders groß. Trotzdem war Valga gerade zu diesem Zeitpunkt ein interessantes Ziel. Erstens, weil wir mit dem Zug hingefahren sind – und zwar mit einem der sehr chicen, neuen Züge. Am Tartuer Bahnhof war einiges los an diesem Morgen. Wir waren nicht die Einzigen, die die modernen, orange-schwarzen Gefährte ausprobieren wollten. Im Süden Estlands werden die neuen Züge, soweit ich weiß, gerade erst eingeführt, es dürfte also für viele Leute das erste Mal gewesen sein, dass sie mit einem von ihnen fuhren. Auf Gleis 1 stand auch schon einer, ich habe natürlich ein paar Bilder gemacht. Ich kam mir vor wie ein Trainspotter.

Schon was anderes als die alten blau-weißen Züge der Edelaraudtee
Schon was anderes als die alten blau-weißen Züge der Edelaraudtee
Wie ich, glaube ich, schonmal erwähnt hatte, fahren die neuen Dieselzüge momentan noch unter dem Namen Elektriraudtee. Ob und, wenn ja, wann man die Züge mit einer neuen Elron-Beschriftung versehen wird, weiß ich nicht.
Wie ich, glaube ich, schonmal erwähnt hatte, fahren die neuen Dieselzüge momentan noch unter dem Namen Elektriraudtee. Wann man die Züge mit einer neuen Elron-Beschriftung versehen wird, weiß ich nicht.
Wenn der Zug in diese Richtung fährt, kommt er bald zu dem Bahnübergang, über den ich während meines Praktikums immer laufen musste, um beim Selver einzukaufen
Wenn der Zug in diese Richtung fährt, kommt er bald zu dem Bahnübergang, über den ich während meines Praktikums immer laufen musste, um beim Selver einzukaufen.

Nach einiger Verwirrung bezüglich des Gleises, von dem der Zug nach Valga abfahren sollte (auf estnischen Zugfahrplänen steht das Gleis nie dabei, wahrscheinlich weil die wenigsten Bahnhöfe mehr als zwei Gleise haben), konnten wir dann einsteigen. Von innen erinnern die Züge an bestimmte Modelle, die in der Schweiz fahren, unter anderem dadurch, dass es auf einer Seite des Ganges Dreier-Sitzreihen gibt. Es roch noch ganz neu innen drin und es war deutlich komfortabel als in den alten Zügen: richtige Polstersitze statt lederbezogenen Sitzen, außerdem elektronische Anzeigen, auf denen man den nächsten Halt und auch die aktuelle Geschwindigkeit sehen kann. Dazu Ansagen per Computerstimme statt dem von oft schlecht gelaunt klingenden Zugführern dahergenuschelten „Järgmine peatus: …“ („nächster Halt: …“), das man früher in den Edelaraudtee-Fahrzeugen immer zu hören bekam.

So sitzt man in den neuen Zügen. (Die Anzeige am Fenster ist die des am gegenüberliegenden Gleis stehenden Zuges)
So sitzt man in den neuen Zügen. (Die Anzeige am Fenster ist die des am gegenüberliegenden Gleis stehenden Zuges)
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Tickets kaufen kann man nach wie vor bei der Schaffnerin, wenn man nicht vor der Fahrt im Bahnhof oder per Internet eins gekauft hat. Die Fahrt von Tartu nach Valga kostet, wenn man im Zug bezahlt, 4 Euro pro Person. Zwischen Tartu und Aardla fuhr der Zug mit einem Tempo von lediglich 40 km/h, was sich in einem so modernen Gefährt doch etwas seltsam anfühlte. Auf den etwas längeren Streckenabschnitten erreichte er dann eine Spitzengeschwindigkeit von etwa 120 km/h. Die alten Züge brauchten von Tartu nach Valga rund 1 1/2 Stunden, man spart also jetzt immerhin eine Viertelstunde. Unser Zug kam sogar noch etwas früher in Valga an als angekündigt. An einem Haltepunkt zwischen den beiden Städten stand ein alter Mann, der mit geöffnetem Mund einfach nur den Zug begucken wollte. Es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis sich die Leute an die neuen Züge gewöhnt haben.

Ich war schon lange nicht mehr in Valga gewesen, bin nur ein paar Mal auf dem Weg nach Lettland durchgefahren. Valga ist nämlich Grenzstadt, eine geteilte Stadt. Der lettische Teil heißt Valka, ist mit circa 6000 Einwohnern allerdings ein ziemliches Kaff. Man kann zu Fuß über die Grenze gehen, die man kaum als solche wahrnimmt, es gibt nur ein paar Schilder, Grenzpfähle und einen winzigen Bach. Ziemlich unspektakulär, aber trotzdem bedeutete der Grenzübertritt an diesem 2. Januar etwas Besonderes, befand man sich dann doch schließlich im neuesten Mitgliedsstaat der Eurozone – und das ist der zweite Grund, warum Valga ein interessantes Ziel war. Ich gebe es zu, wir waren an dem Tag schon so etwas wie Sensationstouristen, erst die Fahrt mit dem neuen Zug, dann der Ausflug über die Grenze, um ein paar lettische Euromünzen zu ergattern. Das war im kleinen Valka aber gar nicht so einfach, es gibt nicht viel mehr als einen kleinen Supermarkt, eine Post und eine Bank. Vor letzterer war eine seeehr lange Schlange von Leuten, die Lats in Euro umtauschen wollten. Also kauften wir nur im – ebenfalls sehr vollen – Supermarkt etwas zu Essen und zu Trinken ein und gaben uns mit den 62 Cent Rückgeld zufrieden, alles nagelneue lettische Euromünzen.

Da sieht man den unscheinbaren Grenzposten
Da hinten sieht man den unscheinbaren Grenzposten
Kurz vor Lettland
Kurz vor Lettland

Fahnen

lettische 10-Cent-Münze
lettische 10-Cent-Münze
lettische Katze
lettische Katze
Wir verlassen Lettland wieder
Wir verlassen Lettland wieder
Dieses "wunderschöne" Gebäude ist das erste, was man von Estland sieht, wenn man von Valka aus über die Grenze läuft oder fährt
Dieses „wunderschöne“ Gebäude ist das Erste, was man von Estland sieht, wenn man von Valka aus über die Grenze läuft oder fährt

Aber wir waren natürlich nicht nur nach Valga gefahren, um die Grenze zu überqueren, sondern auch, um uns die Stadt anzusehen. Ich hatte schon das Gefühl, dass Valga inzwischen etwas verschönert worden ist im Vergleich zu meinen Kindheitserinnerungen, aber besonders gut gefiel mir die Stadt auch dieses Jahr nicht. Allerdings ist das Erholungsgebiet mit den Seen, Spielplätzen und Spazierwegen nett gemacht, im Sommer kann man sich dort sicherlich gut eine Weile aufhalten. Die Jaanikirik (Johanniskirche) ist eigentlich auch ganz schön, man müsste aber mal was an der Fassade tun. In der Touristeninformation lief uns das circa zweijährige Kind einer Mitarbeiterin mit einer Raffaello-Packung hinterher und rief „kommid, kommid!“ („Süßigkeiten, Süßigkeiten!“). Wir durften uns bedienen und die Mitarbeiterin wünschte uns ein frohes neues Jahr, sehr sympathisch. Überhaupt hörte man in diesen Tagen auf den Straßen dauernd „head uut aastat“-Rufe, da soll noch mal einer sagen, die Esten seien kühl und wenig herzlich. Da man in Valga schnell alles gesehen hat und es auch so gut wie gar keine Shopping-Möglichkeiten gibt, saßen wir am Ende noch fast eine Stunde in der schönen Wartehalle des Bahnhofs, vor dem auch die Busse abfahren. Zurück mussten wir nämlich mit dem Bus, da der Zug erst abends fuhr. Die Busfahrt kostet 5 Euro, und da wir einen Bus erwischt hatten, der zwischen den beiden Städten mehrfach hielt, brauchten wir fast eine halbe Stunde länger als mit dem Zug. Inzwischen ist der Zug also auf einigen Strecken komfortabler als der Bus – und nach wie vor billiger.

Der Bahnhof von Valga
Der Bahnhof von Valga
Ein Schild am Bahnhof macht auf die besondere Lage der Stadt aufmerksam
Ein Schild am Bahnhof macht auf die besondere Lage der Stadt aufmerksam
die steht in der Nähe des Bahnhofs
die steht in der Nähe des Bahnhofs
Im Hintergrund sieht man das keskstaadion, Heimat des Fußballvereins FC Valga Warrior (momentan, glaube ich, Drittligist)
Im Hintergrund sieht man das keskstaadion, Heimat des Fußballvereins FC Valga Warrior (momentan meines Wissens Drittligist)
Auch in Valga gibt es natürlich kostenloses WiFi-Netz
Auch in Valga gibt es natürlich kostenloses WiFi-Netz

DSCF1198

"Neue Ware"
„Neue Ware“
Die Jaanikirik
Die Jaanikirik
besonders "nette" Ecke in  der Stadt
besonders „nette“ Ecke in der Stadt
leider nicht ganz gelungenes Panoramabild vom Erholungsgebiet
leider nicht ganz gelungenes Panoramabild vom Erholungsgebiet
Statue der Figur Toomas Nipernaadi aus dem gleichnamigen Roman des estnischen Schriftstellers August Gailit
Statue der Figur Toomas Nipernaadi aus dem gleichnamigen Roman des estnischen Schriftstellers August Gailit

Den Rest des 2. Januar verbrachten wir damit, in Tartu noch ein paar Mitbringsel für unsere Familien und auch für uns selbst zu kaufen. Demnächst zeige ich euch mal alles, was wir so erstanden haben – bis auf die Geschenke natürlich, soll ja eine Überraschung sein. Abends waren wir noch im „Pahad Poisid“, einem ziemlich neuen Café/Restaurant/Pub/wie auch immer in der Innenstadt, etwas essen. Salat und Nudeln waren lecker und günstig, die Atmosphäre ist auch nicht schlecht. „Pahad Posid“ bedeutet „Böse Jungs“, und passend dazu sind die Wände mit Porträts von Prominenten geschmückt, denen ein gewisser Bad-Boy-Ruf vorauseilt, zum Beispiel Zlatan Ibrahimovic oder auch Silvio Berlusconi. Im Hintergrund läuft Rockmusik, die allerdings etwas sanfter und einmal sogar durch ein Weihnachtslied von Dido unterbrochen wurde, als eine Gruppe älterer Herren und Damen hereinkam. Zwei Tage später fand im „Pahad Poisid“ übrigens ein Skatturnier statt, es war brechend voll und man konnte bis in den Abend hinein von der Straße aus sehen, wie eine große Anzahl ausschließlich männlicher Besucher Karten spielte.

Nach diesem Essen gingen wir zusammen mit Merit ins Kino. Nachdem wir letztes Jahr schon den 1. Teil vom „Kääbik“ („Hobbit“) in dem Kino gesehen hatten, das sich im Einkaufszentrum „Tasku“ am Tartuer Busbahnhof befindet, wollten wir nun den 2. Teil sehen. In Estland laufen ja fast alle Filme im Original mit Untertiteln und ich wollte den Film gern wieder auf Englisch sehen. Beim 1. Teil waren Stephan und ich in einer Nachmittagsvorstellung, da wir den Film lieber in 2D statt 3D sehen wollten, und waren sehr genervt von den Kindern, die dauernd aus dem Saal rannten und sich null für den Film zu interessieren schienen. Und das Mindestalter von 12 Jahren, das für den Film vorgesehen ist, hatten sie bestimmt auch noch nicht erreicht. Dieses Mal aber gingen wir abends ins Kino, da auch dann noch eine 2D-Vorstellung lief, und das Publikum war erwachsen. Die Kinokarte kostete, wenn ich mich recht erinnere, 6 Euro – und das für einen Film mit Überlänge. Dazu gab es salziges Popcorn – in Estland Standard. Es gab wieder estnische und russische Untertitel, an manchen Stellen dazu noch englische, das nahm ziemlich viel Platz auf der Leinwand ein. Ich fand das aber gar nicht so störend. Ich habe gern die estnischen Untertitel mitgelesen und die russischen konnte ich gut ignorieren, da ich halt kein Russisch kann. Ich habe in der Schweiz mal einen der „Harry Potter“-Filme im englischen Original gesehen, dazu gab es deutsche und französische Untertitel – das fand ich viel störender, da ich alle drei Sprachen verstehen und mich nicht davon abhalten konnte, Vergleiche zwischen den einzelnen Fassungen anzustellen. Beim „Kääbik“ brachten mich die estnischen Untertitel manchmal zum Grinsen, „päkapikkude vägi“ klingt eben nicht ganz so bedrohlich wie „an army of dwarfs“ (das estnische Wort päkapikk für Zwerg bedeutet wörtlich übersetzt Daumenlang) … Zum Film will ich nicht viel sagen, da viele ihn wahrscheinlich entweder schon kennen oder noch sehen wollen (oder eben auch nicht), außerdem ist es ja kein estnischer Film. Nur so viel: den ersten Teil fand ich besser.

Da das Ganze hier jetzt schon wieder ziemlich lang geworden ist, habe ich beschlossen, vom Rest der Reise in einem neuen Post zu erzählen, inklusive der versprochenen Mitbringsel-Fotos. Ich glaube, das ist besser als ein überlanger Post. Spätestens am Montag könnt ihr über die letzten Tage unserer Reise lesen und im Laufe des Monats kommen dann auch noch die Street-Art-Bilder, wahrscheinlich ebenfalls in mindestens zwei Teilen.

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2 Gedanken zu “Grenzerfahrung

  1. Das von Dir erwähnte „wunderschöne Gebäude“ auf der estnischen Seite der Grenze war mir auch immer negativ aufgefallen. Aber es tut sich was: Inzwischen ist es ohne Dach und offensichtlich leerstehend, also nur noch eine Ruine. Ob es jedoch demnächst ganz verschwindet . . . wer weiß? In Estland gibt es so viel freien Platz, da hat es keine Eile, bauliche Hinterlassenschaften der Sowjetzeit zügig zu beseitigen. Immerhin: Es kann nur besser werden!

    1. Man darf gespannt sein! Es ist ja durchaus wünschenswert, dass man demächst mal was schöneres zu sehen bekommt, wenn man die Grenze von lettischer Seite aus überquert.

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