Erinnerungen, Shopping, leckeres Essen, Kultur, Gemütlichkeit und ein kleines bisschen Schnee

Heute also berichte ich euch von den letzten drei Tagen unserer Reise. Das hier dürfte ein ziemlich langer Post werden. Am 3. Januar fuhren wir morgens recht früh mit dem Bus nach Otepää, für 2,24 Euro pro Person. Auf dieser Fahrt passierte etwas, was ich in Estland vorher noch nie erlebt hatte: an ei­ner Haltestelle zwischen den beiden Städten, also ziemlich in der Pampa, stieg ein Ticketkon­trol­leur, ein ziemlich junger Typ, ein. Er begrüßte uns mit „Head reisijad!“ („Liebe Reisende“) und erklärte, dass er jetzt unsere Tickets kontrollieren würde. Ich muss dazu sa­gen, dass man auf dieser Fahrt die Tickets ausschließlich beim Fahrer kaufen konnte, so dass es eigentlich gar nicht möglich gewesen wäre, schwarzzufahren. Trotzdem kontrollierte der Typ dann mit Hilfe eines Scanners bei jedem der circa zehn Fahrgäste den Barcode auf dem Ticket. Alles in Ordnung, er wünschte uns noch eine gute Reise, und an der Haltestelle Pan­godi, kurz vor Otepää, stieg er wieder aus. Kurios.

Nachdem wir Otepää letztes Jahr ja in recht tiefem Schnee gesehen hatten, war klar, dass es jetzt, bei 0 Grad und grauem Himmel nicht ganz so schön werden würde, aber trotzdem war es na­türlich toll, wieder dorthin zu kommen. Zuerst besuchten wir, wie bei jedem Besuch, die Touristeninformation. Die ist für mich nach wie vor eine Art Geheimtipp für Mitbringsel, es gibt dort einige Sachen, die man in den Tartuer Souvenirshops nicht bekommt, und natür­lich einige Otepää-Sachen. Dort habe ich zum Beispiel mal eine Krawatte in Estland-Farben für Stephan gekauft. Dadurch, dass der Name der Stadt übersetzt „Bärenkopf“ bedeutet und das Stadtwappen einen solchen beinhaltet, gibt es viele bärenbezogene Souvenirs. Da die Stadt darüber hinaus als Winterhauptstadt des Landes gilt, bekommt man dort auch, im Ge­gensatz zu den meisten anderen Orten, jede Menge Postkarten, die Estland im Winter zei­gen.

Wir brachen dann auf zum obligatorischen Spaziergang vom Busbahnhof zum Pühajärv (Heiligensee), in dem ich schon gefühlte tausend Mal geschwommen bin. Auf den Straßen lag ein gaaaanz leichter weißer Film, in der Nacht zuvor waren ein paar ganz kleine Flocken gefallen, aber man konnte nicht wirklich von Schnee spre­chen. Die Strecke zum See kam mir viel kürzer vor als letztes Jahr, was daran lag, dass wir letz­tes Jahr immer wieder stehengeblieben waren, um Fotos zu machen, denn es lag ei­ne Menge Schnee und die Sonne schien. Jetzt war es trüb, so dass wir ohne Unter­bre­chun­gen bis zum See liefen. Am Ufer lagen ein paar winzige Eisstückchen. Schwer vorstellbar, dass wir vor we­niger als einem Jahr noch auf der dicken, schneebedeckten Eisfläche pro­blemlos bis zu der kleinen Insel in der Mitte des Sees laufen konnten. Die gelbe Rutsche, die letztes Jahr noch am Ufer gestanden hatte, war nicht mehr da, an der Sommerterrasse mit Kiosk hing ein neu­es Werbeplakat für Eis der Marke Väike Tom (Kleiner Tom), aber ansons­ten sah alles aus wie im­mer. Es war zu warm für Eis, also gefrorenes Seewasser, und zu kalt für Speiseeis, also hiel­ten wir uns nicht lange am See auf.

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Mini-Eisstückchen am Ufer
Mini-Eisstückchen am Ufer
Gaaaaanz dünner Eisfilm auf dem Steg
Gaaaaanz dünner Eisfilm auf dem Steg

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Jäätis! - Eis!
Jäätis! – Eis!

Stattdessen liefen wir durch den Wald in Richtung des grünen Häuschens, in dem ich als Kind und Jugendliche so einige Sommer verbracht habe, und in dem meine Eltern auch dieses Jahr wieder einige Zeit verbringen werden. Estnische Wälder sind auch an grauen, milden Win­ter­tagen schön. Das grüne Häuschen (das eigentlich zu groß ist, um „HäusCHEN“ genannt zu werden) war anscheinend gerade vermietet, ein Auto stand auf dem Grundstück, so dass wir leider nicht besonders nah rangehen konnten, um Fotos zu machen.

Im Wald auf dem Weg zum grünen Häuschen
Im Wald auf dem Weg zum grünen Häuschen

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Das grüne Häuschen. Hier könnt ihr auch die tolle Estland-Mütze sehen, die meine Mutter für mich gestrickt hat.
Das grüne Häuschen. Hier könnt ihr auch die tolle Estland-Mütze sehen, die meine Mutter für mich gestrickt hat.

Zu einem Otepää-Besuch gehört natürlich ein Mittagessen in der Pizzeria Merano. Dort arbeitete immer noch die blonde Kellnerin, von der wir schon 2011 und 2012 bedient wor­den waren, die, die sich immer so freut, wenn man als Ausländer seine Pizza auf Estnisch be­stellt. Und wie immer lief ziemlich laut der meiner Meinung nach furchtbarste estnische Radiosender, Sky Plus FM (nur Hip Hop und anderer Chartskram), aber das gehört irgendwie da­zu. Die Pizza war so lecker wie eh und je. Letztes Jahr hat mal ein deutscher Erasmus-Stu­dent zu mir gesagt, in Estland könne man keine gute Pizza essen. Der war definitiv noch nie bei Merano.

Nach dem Essen drehten wir zum Abschluss noch eine Runde durch das kleine Stadtzentrum. Der Weihnachtsbaum stand noch auf dem Lipuväljak (Fahnenplatz), der früher einmal der Bus­bahnhof war. Allerdings saß dort nicht, wie letztes Jahr, ein großer, mit Pullover, Schal und Mütze bekleideter Teddy. Auch die Eisskulptur vor dem Maxima-Supermarkt fehlte, aber das lag natürlich am Wetter. Wegen des fehlenden Schnees musste auch beim alljährlichen Snowtubing, einer über mehrere Tage stattfindenden Veranstaltung, bei der Kinder auf gro­ßen Gummireifen einen Hügel runterrodeln, dieses Jahr mit Kunstschnee nachgeholfen wer­den. Wie auch am Tartuer Rathausplatz hat man vor einigen Monaten in Otepää einen gro­ßen gelben Rahmen aufgestellt, der so platziert ist, dass man eine Sehenswürdigkeit – wie das Tar­tuer Rathaus oder die Kirche von Otepää – eingerahmt fotografieren kann. Jetzt sah man durch den Rahmen nicht nur die Kirche, sondern konnte auch beobachten, wie das Snow­tubing-Gebiet ge­rade mit Kunstschnee bepustet wurde. Und es gab noch eine Neuerung: der „Oti Pubi“, ein Restaurant/Café/Pub am Lipuväljak hat zwei neue Schilder, die anzeigen, das es dort jetzt Pizza gibt. Also noch eine Pizzeria in Otepää. Ob das nötig ist? Hoffentlich be­deu­tet das nicht das Ende von Merano.

Am Spordikeskus
Am Spordikeskus (Sportzentrum)
Eingerahmt
Eingerahmt
Vorbereitungen fürs Snowtubing mit Kunstschnee
Vorbereitungen fürs Snowtubing mit Kunstschnee

Am frühen Nachmittag verließen wir Otepää wieder, dieses Mal stieg allerdings kein Ticketkontrolleur in unseren Bus ein. In Tartu fuhren wir noch mit dem kostenlosen Shuttlebus zum Lõuna Keskus (Südzen­trum), dem großen Einkaufszentrum am Stadtrand. Dort kauften wir weitere Mitbringsel und Ge­schenke. Auf der großen Eisbahn, die sich mitten in dem Zentrum befindet, war leider nichts los, häufig kann man dort das Eiskunstlauf-Training einiger Kindergruppen beob­ach­ten. Die übliche Weihnachtsdeko, eine „Band“, bestehend aus mehreren Eisbärfiguren, die sich aufgrund ihres Alters sehr wackelig bewegen, war noch da – auch hier ging die Weih­nachtszeit Anfang Januar also einfach weiter. Den Abend verbrachten wir mit Kochen und Packen in unserem Hostel, schließlich stand am nächsten Morgen schon das Aus­checken an. Wir hatten es uns in unserem Zimmer inzwischen so häuslich eingerichtet, dass es uns schwerfiel, es wieder zu verlassen.

Aber es musste ja sein. Und so brachten wir am 4. Januar morgens erst einmal unser Gepäck zu Merit, die gerade über ihren Klausurvorbereitungen saß. Deshalb ließen wir sie in Ruhe ler­nen und begaben uns wieder in die Innenstadt. Dort besorgten wir schon einmal Stephans Bus­­ticket nach Tallinn für den Abend. Da wir ja zu unterschiedlichen Zeitpunkten unsere Flü­ge gebucht hatten, hatte er nur noch ein Ticket für einen Flug am frühen Morgen bekommen und musste daher um 21 Uhr mit dem letzten Bus des Tages nach Tallinn fahren und dort noch ein paar Stunden totschlagen. Mittags aßen wir Pfannkuchen im Café „Crepp“ auf der Rüütli. Dort hatte ich letztes Jahr schon einmal mit Merit, Jasmin und zwei anderen Aus­tausch­studentinnen einen Pfannkuchen gegessen. Wenn man die Speisekarte in die Hand be­kommt, kann man sich erstmal gar nicht entscheiden. Meine Wahl fiel auf den Pfann­ku­chen mit Pflaumen und Mandeln – sehr lecker. Das „Crepp“ kann ich nur weiterempfehlen, es gibt dort neben süßen Pfannkuchen auch herzhaft gefüllte Crêpes, Salate und andere Klei­nigkeiten, und das Personal ist sehr nett. Seit meinem letzten Besuch wurden im Café neue Bil­der aufgehängt, die mir sehr gut gefielen, auch die Atmosphäre ist wirklich schön dort. Es soll auch, wie mir letztes Jahr von einer Estin erzählt wurde, viel besser sein als das „Pann­koogikohvik“ (Pfannkuchencafé) einige Häuser weiter. Da die Esten sehr gerne und häufig Pfannkuchen essen, kann man sich auf dieses Urteil wahrscheinlich verlassen.

Nachdem wir uns gestärkt hatten, besuchten wir zwei Museen, die sich nur wenige Meter vom „Crepp“ entfernt befinden: das Spordi- und das Postimuuseum. Im Postmuseum war ich das letzte Mal 2007 mit meinen Eltern gewesen, das Sportmuseum kannte ich noch gar nicht (oder kann mich zumindest nicht mehr an einen Besuch dort erinnern). An diesem Tag gab es freien Eintritt ins Sportmuseum, so dass wir für beide Museen jeder nur 1,20 Euro bezah­len mussten. Im Sportmuseum gibt es zur Zeit eine Sonderausstellung zur Geschichte des Ten­nis in Estland. Ich habe keine Ahnung von Tennis, daher war das für mich nicht so span­nend, aber die Ausstellung war gut gemacht, es gab viele Pokale sowie Tennisbekleidung und –schläger aus den verschiedensten Zeiten zu sehen. Seit die Estin Kaia Kanepi in der deutschen Tennis-Bundesliga spielt und letztes Jahr in Wimbledon gegen die Deutsche Sabine Lisicki angetreten ist, ist zumindest ein Name aus dem estnischen Ten­nissport auch in Deutschland bekannt. Auch von ihr gab es ein paar Dinge zu sehen.

Im 1. Stock (oder, nach estnischer Zählung, im 2. Stock) befindet sich die Hauptausstellung, die mir sehr gut gefallen hat. Es gibt ei­nen Raum, in dem man einige Sportgeräte selber ausprobieren kann. Man kann zum Beispiel ge­gen virtuelle estnische Bauern im Tauziehen antreten und sich danach einen Aufkleber aus­drucken, auf dem steht, wie stark man gezogen hat. Ich verrate mein Ergebnis hier nicht, denn ich war nicht besonders gut (zumindest im Vergleich zu Stephan). Nebenan gibt es eine Art virtuelle Tour durch die Geschichte der Olympischen Spiele. Man kann sich auf Estnisch oder Englisch kur­ze Dokumentationen zu allen vergangenen Spielen ansehen, zudem gibt es eine Vitrine mit Medaillen, die estnische Sportler bei den Spielen gewonnen haben. Die erfolgreichsten est­nischen Olympioniken sind außerdem auf beleuchteten Säulen in der Mitte des Raumes zu sehen, der bekannteste unter ihnen ist wohl der Gewichtheber Gerd Kanter. Ein weiterer Raum widmet sich hauptsächlich der in Estland sehr beliebten Sportart Ringen. Der Rest der Aus­stellung zeigt hauptsächlich Pokale und andere Trophäen aus unterschiedlichen Epochen und Sportarten und berichtet – auch auf Englisch – von der Entwicklung des estnischen Sports vor, während und nach der Sowjetzeit. Man darf auch alte Sportzeitschriften durch­blättern und bekommt historische Bilder zu sehen. Wirklich ein gut gemachtes und empfeh­lenswertes Museum, das sicherlich auch für Leute, die keine ausgemachten Sportfans sind, interessant ist. Vor allem weil man, wie in vielen estnischen Museen, so vieles anfassen und ausprobieren darf. Eine Mitarbeiterin forderte am Eingang auch alle Besucher dazu auf, die Geräte zu benutzen und erklärte uns auf Englisch noch einiges zum Ringkampf.

Das Postmuseum befindet sich im gleichen Gebäude, ist jedoch deutlich kleiner als das Sport­museum. Allerdings darf man auch dort Dinge ausprobieren. So kann man zum Beispiel ler­nen, seinen Namen zu morsen, und darf mit Feder und Tinte Papier beschreiben. Letz­te­res hat allerdings den Nachteil, dass es in dem größeren der beiden Räume stark nach Tinte stinkt. Seit meinem letzten Besuch dort wurde ein bisschen umgeräumt, aber noch immer gibt es eine Menge alter und neuer estnischer Briefmarken zu sehen. Eine kleine Son­der­aus­stellung widmete sich verbotenen Paketinhalten wie Drogen oder Waffen. Außerdem kann man die verschiedensten Briefkastenmodelle sehen, die es in Estland bisher gab, und in einer Ecke wurde ein kleiner historischer Postschalter aufgebaut. In dem kleineren Raum stehen ei­nige Vitrinen, in denen Briefe aus den unterschiedlichsten Jahren zu sehen sind. In dem klei­nen Museumsshop kann man Sonderbriefmarken kaufen, ich entdeckte auch ein Set, das mei­ne Eltern mir mal geschenkt haben, als ich in meiner Kindheit selber Briefmarken sam­melte.

Das schiefe Haus von Tartu
Das schiefe Haus von Tartu
Noch so ein Rahmen
Noch so ein Rahmen
Stille Seitenstraße
Stille Seitenstraße
Diese Schaukel hat jemand an einem Baum auf dem Domberg aufgehängt
Diese Schaukel hat jemand an einem Baum auf dem Domberg aufgehängt
Ruinen der Domkirche
Ruinen der Domkirche
Blick vom Domberg auf die Innenstadt. Ohne Blätter an den Bäumen kann man deutlich mehr sehen als im Sommer
Blick vom Domberg auf die Innenstadt. Ohne Blätter an den Bäumen kann man deutlich mehr sehen als im Sommer
Irgendwie mag ich dieses Haus am Fuße des Dombergs
Irgendwie mag ich dieses Haus am Fuße des Dombergs
Verzierungen an der Jaani Kirik
Verzierungen an der Jaani Kirik (Johanniskirche)

Leider hatten viele andere Museen in der Stadt schon geschlossen, als wir das Postmuseum verließen, und in den Geschäften waren wir nun schon mehrfach gewesen. Also besuchten wir noch kurz die Markthalle, in die ich es in meinem halben Jahr in Tartu tatsächlich nie geschafft habe. Sie ist aber ziemlich unspektakulär und nicht besonders groß. Zu kaufen gibt es hauptsächlich – fast ausschließlich – Fleisch.

Vor der Markthalle steht dieses Schwein, an dem man die einzelnen Teile erkennen kann
Vor der Markthalle steht dieses Schwein, an dem man die einzelnen Teile erkennen kann

Schließlich spazierten wir langsam in Richtung Vabriku, kauften beim Selver noch estnische Schokolade und ein paar andere Sachen für uns selbst und unsere Familien, und gingen dann wieder zu Merit. Mit ihr saßen wir noch eine Weile im Wohnzimmer, bis Stephan zum Busbahnhof auf­bre­chen musste. Pünktlich zum Abschied hatte es angefangen, leicht zu schneien. Nachdem Ste­phan nach Tallinn abgefahren war, kehrte ich zurück zu Merit, denn ich durfte ja bei ihr über­nachten. Wir redeten noch ein paar Stunden über alles Mögliche, schließlich hatten wir uns lan­ge nicht gesehen, und da sie seit September studiert, hatte sie viel zu erzählen. Ich packte auch die Sachen ein, die ich nach meinem Praktikum bei ihr gelassen hatte (zwei Ho­sen, ein paar Schreibwaren und etwas Kleinkram), damit war mein Koffer dann endgültig randvoll, so dass ich die Bilderrahmen, die ich noch dorthatte, Merit überließ. Ich schlief auf ei­ner Matratze im Wohnzimmer, es fühlte sich an, als würde ich in meiner eige­nen Woh­nung im Gästebett übernachten, ganz seltsam. Aber ich schlief gut.

Als Merit und ich am nächsten Morgen aufstanden, war Stephan schon mit dem ICE unter­wegs vom Frankfurter Flughafen nach Stuttgart. Mein Flug ging zum Glück erst am späten Nach­mittag, so dass ich bis gegen 13:00 Uhr bei Merit bleiben konnte. Zum Frühstück bekam ich von ihr selbstgebackenen Hefezopf, Kaffee und die gute Marmelade von ihrer estnischen Oma. Sehr lecker. Es war komisch, am Mittag die Wohnung, das Haus, die Straße, die Stadt zu verlassen. Im Bus nach Tallinn konnte ich gar nicht richtig begreifen, dass ich in wenigen Stun­den in Deutschland sein würde, und dass jetzt viel Zeit vergehen könnte, bis ich wieder nach Estland komme. Ich war wirklich traurig. Am Flughafen stellte sich heraus, dass mein Koffer im Gepäckraum des Busses ganz nach hinten geschoben worden war, da viele andere Leu­te auch Koffer dabeihatten. Der Fahrer, ein älterer Mann mit typischer Busfahrerwampe, war sehr nett und rief fröhlich: „Let’s go other side, let’s go other side!“ Von der „other side“ aus konnte er meinen Koffer herausholen, wünschte mir noch einen schönen Tag und stieg dann pfeifend wieder in den Bus ein, um die verbliebenen Fahrgäste zum Tallinner Au­tobus­sijaam (Busbahnhof) zu bringen. Nette Menschen wie dieser Busfahrer machen einem den Ab­schied von Estland natürlich nicht gerade leichter.

Beim Self-Check-In, das in Tallinn inzwischen bei allen Fluggesellschaften Standard ist, stellte ich fest, dass ich einen Mittelplatz bekommen hatte, und dass auch nur noch Mittelplätze frei waren. Doof, aber zum Glück fliegt man ja nicht allzu lange von Estland nach Deutschland. Mein Koffer, der beim Hin­flug nur 15 Kilo gewogen hatte, wog jetzt 23,6 Kilo – ich hatte während des Urlaubs anschei­nend noch mehr neue (und alte) Sachen angesammelt als vermutet. Zum Glück musste ich aber kein Übergepäck bezahlen. Im Gatebereich des Tallinner Flughafens hat man in den letz­ten Monaten einige weitere Schritte in Richtung des erklärten Ziels, der gemütlichste Flug­hafen der Welt zu werden, gemacht. In Gate 6 (von dem ich abfliegen musste) gibt es keine einfachen Stuhlreihen mehr, sondern verschiedene Sitzmöbel und kleine Tische, an­ge­ordnet wie in einem Café. Manche der Sessel erlauben es dem darin Sitzenden, ungestört Han­dy und/oder Laptop zu benutzen. In Gate 5 wurden die Sitze mit traditionell gemus­ter­ten Polstern bezogen. Es gibt einen neuen Kinderbereich in Anlehnung an den bekannten est­nischen Zeichentrickhund Lotte. Gegenüber des Souvenir- und Buchgeschäfts befindet sich ein neuer kleiner Laden, in dem man „Nordic Design“-Produkte erwerben kann. Und die klei­ne Flughafen-Bibliothek, von der ich hier im Blog ja schon einmal erzählt habe, ist ein sehr ge­schmackvoll eingerichteter Bereich, in dem man in roten Polstersesseln lesen kann. Mo­men­tan gibt es daneben eine kleine Ausstellung zum estnischen Sport, wegen der bevor­ste­henden Winterspiele. Außerdem kann man in einem Gate kostenlos das PC-Spiel „Angry Birds“ spielen. Nachteil der ganzen Gemütlichkeit: in einigen Gates gibt es weniger Sitzplätze als vorher (und irgendwie hat man auch mehr Hemmungen, sich neben einen Fremden zu sitzen, wenn der gerade in einem Sessel lümmelt und seinen Kaffee auf einem Tischchen abgestellt hat), und Anfang Januar war der gesamte Gatebereich gnadenlos überheizt. Trotzdem: von die­sem Flughafen könnten sich so einige andere mal ein, zwei Scheiben abschneiden.

Im Flugzeug saß ich zwischen einem jungen Deutschen, der die ganze Zeit über auf seinem Tablet Spiele spielte, und einem estnischen Metalfan, der seine Musik aber zum Glück leise gestellt hatte. Ich selbst vertrieb mir die Zeit mit der FAZ, konnte aber aufgrund der Enge immer nur die Vorder- und Rückseiten der einzelnen Teile lesen. In der Reihe vor mir saß ein estnisches Pärchen. Die Frau war anschei­nend schonmal am Frankfurter Flughafen gewesen. Sie erzählte ihrem Freund kurz vor der Landung, dass es dort  rohkem kui kuuskümmend väravad (mehr als sechzig Gates) gäbe, was er kaum glauben konnte – in Tallinn gibt es nur ungefähr zehn Gates. Auch die Kinder der estnischen Fa­milie hinter mir waren erstmal baff, als sie den riesigen Flughafen betraten, und ihre El­tern mussten ganz schön aufpassen, dass sie sie nicht verloren, während wir auf unsere Kof­fer warteten. Die beiden Jungs zählten die Koffer, die an ihnen vorüberzogen, ihre lauten „üks, kaks, kolm, …“-Rufe waren die letzten estnischen Worte, die ich hörte, bevor ich mich auf die lange Wanderung vom Gepäckband zum Fernbahnhof begab und schließlich nach Stuttgart fuhr. Stuttgart war mir nach diesem Urlaub einmal mehr viel zu groß und zu laut und die Umstellung von estnischen auf schwäbische Stimmen um mich herum fiel mir auch nicht gerade leicht. Aber so ist das eben. Estland, ich komme auf jeden Fall wieder, auch wenn es ein paar Jahre dauern könnte, bis es soweit ist. Im Juli schicke ich schonmal meine El­tern als Vertretung vorbei.

Die Mitbringsel zeige ich euch nächstes Mal, denn wer tatsächlich bis hier gelesen hat, hat wahrscheinlich keine Lust mehr auf Runterscrollen …


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