Kaks filmid – zwei Filme

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere daran, dass ich im November berichtet hatte, dass der estnische Film „Kertu“ 2013 bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck den Publikumspreis gewonnen hat. Inzwischen habe ich den Film selbst gesehen. Mein Vater hatte sich gewünscht, dass ich ihm die DVD aus Estland mitbringe, und das habe ich auch getan, allerdings nicht, ohne den Film vorher selbst anzuschauen. Und ich kann ihn wärmstens weiterempfehlen. Wenn ich das nächste Mal in Estland bin, werde ich mir den Film auch selbst noch auf DVD (Estnisch mit englischen Untertiteln) zulegen.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst, wenn man nicht zu viel verraten möchte, ein bisschen „spoilern“ muss ich aber schon, sonst kann ich kaum etwas über den Film schreiben. Er spielt in einem Dorf auf Saaremaa, der größten Insel Estlands. Es geht um Kertu, eine junge Frau mit einer geistigen Behinderung. Man erfährt nicht genau, was sie hat, sie wird von ihrer Familie nur immer als haige, also krank, bezeichnet. Jedenfalls ist sie sehr scheu und reagiert manchmal wie ein kleines Kind, aber es ist offensichtlich, dass sie nicht dumm ist, im Gegenteil, sie schreibt ihre eigenen Gedichte. Sie arbeitet als Postbotin auf der Insel und schwärmt für den alkoholsüchtigen Frauenhelden Villu, den sie eigentlich gar nicht kennt. Beim Mittsommernachtsfest kommen die beiden ins Gespräch und plötzlich ist Kertu verschwunden. Am nächsten Morgen wird sie gefunden, mit Villu im Gartenhäuschen seiner Mutter. Die Dorfbewohner, allen voran Kertus Vater, verdächtigen Villu daraufhin, Kertu vergewaltigt zu haben. Keiner von ihnen kann sich auch nur ansatzweise vorstellen, dass Kertu und Villu sich in Wirklichkeit ernsthaft ineinander verliebt haben. Kertu wird daraufhin von ihrer Familie bedrängt, die angebliche Wahrheit zu erzählen. Villu darf nicht mehr im Dorfladen einkaufen, wird beleidigt und verprügelt.

„Kertu“ ist, auch wenn die Beschreibung der Handlung vielleicht nicht danach klingt, ein ruhiger Film, der aber zum Schluss sehr spannend und ein bisschen dramatisch wird. Erst nach und nach erfährt man mehr über die Charaktere, ihre Gefühle und die Motive hinter ihren Handlungen. Es ist ein Liebesfilm, aber es geht auch um Vorurteile, Dorfleben, familiäre Beziehungen und den Wunsch nach Freiheit. Besonders beeindruckt hat mich die schauspielerische Leistung von Ursula Ratasepp und Mait Malmsten, die Kertu und Villu einfach wahnsinnig gut spielen. Zudem gibt es viele tolle Bilder vom Sommer auf Saaremaa, begleitet von wunderschöner Musik. Viele der Lieder in dem Film kommen von der estnischen Sängerin Mari Pokinen, von der ich mir gleich auch eine CD zugelegt habe. Besonders toll und passend zum Film ist „Kord Saan“, das ihr euch hier anhören könnt. Stellt euch dazu vor, dass ihr bei Sonnenschein, circa 25 Grad und leichtem Wind eine Landstraße entlang geht, vorbei an Feldern und Bäumen.

Außerdem habe ich noch einen anderen estnischen Film gesehen, den hatte ich als Mitbringsel für meine Mutter auf DVD gekauft, und zwar „Aeg on siin“ („Die Zeit ist hier“). Es handelt sich um einen Dokumentarfilm aus dem Jahre 2010 über vier estnische Kinder, zwei Jungs und zwei Mädchen, in ihrem ersten Schuljahr. Sie leben an vier verschiedenen Orten in Estland: Tallinn, Võru (im Süden), Vana-Vigala (Landkreis Raplamaa, im Westen) und Tudulinna (Landkreis Ida-Virumaa, im Osten, nördlich des Peipsi järv, des Grenzsees zwischen Estland und Russland). Neben der Hauptstadt sind also auch eine – für estnische Verhältnisse – mittelgroße Stadt und zwei Dörfer vertreten.

DVD-Cover
DVD-Cover

Der Film zeigt die Kinder zuerst kurz vor ihrem ersten Schultag. Sie erzählen, was sie von der Schule erwarten, worauf sie sich freuen und wovor sie Angst haben. Dann bekommt man einen Einblick in den Ablauf ihres allerersten Schultages und kann im Anschluss verfolgen, wie sich ihr Alltag durch die Schule verändert, aber auch, wie sie trotzdem fröhliche Kinder bleiben, die im Sommer draußen spielen und sich im Winter auf Weihnachten freuen. Was ich toll finde, ist, dass wohl jeder, unabhängig vom Ort, sich selbst total in den Kindern wiedererkennen kann (wer hat nicht während seiner Schulzeit mindestens einmal wegen der blöden Hausaufgaben geweint?). Andererseits kommt in dem Film sehr viel typisch Estnisches vor. So ist zum Beispiel einer der Jungs ganz enttäuscht, weil er am Ende seines ersten Schuljahrs nur eine 4 im Singen bekommt (in Estland gibt es Noten von 1 bis 5, wobei 5 die beste Note ist). Es gibt eine Szene bei einem Kinder-Gesangswettbewerb im Pärimusmuusika Keskus (Volksmusikzentrum) in Viljandi. Im Winter haben sogar die Tallinner Schüler Langlaufunterricht, und die Weihnachtsbäume schlagen die Familien selbst im Wald.

In dem Film wird nichts kommentiert, es gibt auch keine Erzählstimme, es geht einfach nur um das Leben und die Aussagen der Kinder. Dazu gibt es immer wieder wunderschöne Naturbilder. Das Einzige, was mich bei der DVD-Fassung ein bisschen gestört hat, war, dass die englischen Untertitel immer etwas zu früh eingeblendet werden. Aber ich konnte viel aus dem Estnischen verstehen, so dass das nicht so schlimm war. Wer den französischen Film „Etre et Avoir“ („Sein und Haben“) mag, in dem es um französische Grundschulkinder geht, wird auch „Aeg on siin“ mögen (was auch einer der Gründe ist, warum ich die DVD für meine Mutter gekauft habe).

Hier seht ihr zwei Trailer zu dem Film. Sie sind beide nur auf Estnisch, aber auch, wenn man kein Wort versteht, erhält man Einblicke in das Leben von Grundschulkindern in Estland. Und Estnisch klingt von Kindern gesprochen immer besonders toll, finde ich.

Im zweiten Trailer wird nicht gesprochen. Die eingeblendeten Texte lauten übersetzt: „Erinnerst du dich an deinen ersten Schultag? Wie schwierig die Hausaufgaben waren – Wie lästig es war, krank zu sein – Wie schneereich die Winter waren – Wie lang die Wartezeiten waren – Wie kleine Dinge große Freude bereiteten“.

Ich hoffe, dass ich euch mit diesem Post ebenfalls ein bisschen Freude bereiten konnte.

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