Kaunis keel – Schöne Sprache

Am vergangenen Freitag, den 14. März, wurde in Estland der emakeelepäev, Tag der Muttersprache gefeiert. Auch an diesem Tag werden die blau-schwarz-weißen Flaggen rausgehängt. Es ist allerdings ein sehr junger Feiertag, der erst seit 1996 gefeiert wird und 1999 zum offiziellen Feiertag erklärt wurde. Der 14. März wurde dafür ausgesucht, weil an diesem Tag im Jahre 1801 der estnische Dichter Kristian Jaak Peterson geboren wurde. Er gilt als einer der Begründer der nationalen Literatur und der modernen Poesie in estnischer Sprache.

Statue des Dichters Kristian Jaak Peterson in Tartu. Die Inschrift lautet: "Kas siis selle maa keel/Laulutuules ei või/Taevani tõustes üles/Igavikku omale otsida?" Das bedeutet übersetzt etwa: "Kann nicht die Sprache dieses Landes im Winde des Gesangs, zum Himmel aufsteigend, für sich selbst die Ewigkeit suchen?"
Statue des Dichters Kristian Jaak Peterson in Tartu. Die Inschrift lautet: „Kas siis selle maa keel/Laulutuules ei või/Taevani tõustes üles/Igavikku omale otsida?“ Das bedeutet übersetzt etwa: „Kann nicht die Sprache dieses Landes im Winde des Gesangs, zum Himmel aufsteigend, für sich selbst die Ewigkeit suchen?“

Ich nehme mir diesen Tag zum Anlass, um mal etwas über das Estnischlernen zu schreiben, denn ich habe es endlich auf die Reihe bekommen, mal wieder etwas für mein Estnisch zu tun, nachdem ich über Monate nicht dazu gekommen war. Schon als Kind habe ich während unserer Estland-Urlaube jede Menge Wörter aufgeschnappt. Die meisten stammten aus dem Bereich Lebensmittel, da wir meistens selbst kochten. Und auch im Restaurant muss man natürlich wissen, was man bestellt, denn englischsprachige Speisekarten gibt es nur in wenigen Touri-Restaurants. Deshalb war alles, was damit zu tun hatte, gar kein Problem für mich, als ich 2012 mein Praktikum in Tartu anfing. Auch so eine Art Grundverständnis für die Grammatik hatte ich schon.

Ich habe ein Lehrbuch auf Deutsch, „Lehrbuch der estnischen Sprache“ von Inna Nurk und Katja Ziegelmann, und eins auf Englisch, „Colloquial Estonian – Complete Course for Beginners“ von Christopher Mosley. Das Deutsche ist sehr ausführlich und erklärt alles sehr genau, das Englische ist eher kurzgefasst. Wenn ich also etwas genau wissen will, schaue ich in das Deutsche, wohingegen das Englische gut ist, wenn man schnell vorankommen will. Bei einigen Themen braucht man auch gar keine allzu ausführliche Erklärung. Meistens gucke ich für ein Thema in beide Bücher, allein schon, weil es interessant ist, zu sehen, wie unterschiedlich die Grammatik für deutsche und englische Muttersprachler erklärt wird. Bei beiden Büchern ist auch eine Lern-CD dabei, die ich bisher allerdings nur äußerst selten mal benutzt habe – die korrekte Aussprache konnte ich schließlich in Tartu täglich von Muttersprachlern hören. Tatsächlich war das mit der Aussprache für mich zu Beginn meines Praktikums nicht so einfach wie gedacht. Estnisch ist wirklich nicht schwer auszusprechen, da alles genau so geschrieben wird, wie man es spricht (das denken wir Deutschen auch gern über unsere Sprache, aber da liegen wir ziemlich falsch). Aber trotzdem hatte ich mir über die Jahre eine etwas falsche Aussprache angewöhnt, denn für einen Deutschen ist es erst einmal komisch, alles auf der ersten Silbe zu betonen. Das „R“ rollen konnte ich zum Glück schon, allerdings tun die Esten dies stärker als beispielsweise die Italiener, ganz so bekomme ich das bis heute nicht hin. Außerdem muss man im Estnischen einen Einzelvokal wirklich kurz sprechen, was vor allem im Falle von „e“ und „i“ für Deutsche gar nicht so leicht ist. Und ich habe irgendwann aufgegeben, zu versuchen, das „õ“ richtig auszusprechen, der Laut liegt irgendwo zwischen „ö“ und „e“, man soll sich dabei vorstellen, dass man einen Schlag in die Magengegend bekommt und deshalb unwillkürlich einen Laut ausstößt. Doppelkonsonanten werden wirklich doppelt ausgesprochen, mit einer kurzen Pause dazwischen, auch dabei kommt man sich anfangs komisch vor. Aber wenn man eine Weile in Estland ist und darauf achtet, wie die Esten sprechen, dann kriegt man das mit der Aussprache ziemlich schnell und leicht hin. Ich konnte schon nach ein paar Tagen feststellen, dass ich die Wörter, die ich las, deutlich korrekter aussprechen konnte als zuvor. Und wie ich schon einmal schrieb: wenn man Estnisch korrekt ausspricht, klingt es auch nicht mehr lustig, sondern einfach schön.

Wie die Aussprache ist auch die Grammatik des Estnischen ziemlich logisch. Aber leicht ist sie nicht, auch wenn ich sagen muss, dass ich es mir schwieriger vorgestellt habe. Man muss sich als Deutscher auf jeden Fall stark umstellen, denn man muss Kasusendungen lernen, die in den meisten Fällen die im Deutschen üblichen Präpositionen ersetzen. Will man also zum Beispiel den Satz „Ich lebe in Tartu“ bilden, braucht man keine Vokabel für „in“, sondern die korrekte Kasusendung für den Inessiv, damit man richtig sagen kann: „Mina elan Tartus“. Es gibt insgesamt 14 Kasus, allerdings ist das nicht so schlimm, wie es klingt, denn es gibt keine grammatischen Geschlechter, so dass die Endungen immer die gleichen sind. Ich wusste zum Beispiel schon aus meiner Kindheit, dass ein angehängtes „-ga“ „mit“ bedeutet und ein angehängtes „-le“ das Wort „für“ ausdrückt, so dass mir gar nicht wirklich bewusst war, dass es sich auch dabei um Kasusendungen handelt. Und wer schon Latein gelernt hat, für den sind Endungen nichts wirklich Neues.

Ich hatte ja in Tartu aus verschiedenen Gründen keinen Estnischkurs belegt, und hier in Deutschland ist es – außer im Norden – ziemlich unmöglich, einen zu finden. Also betrieb und betreibe ich Selbststudium. Während meiner Zeit in Tartu hat das erstaunlich gut geklappt, auch wenn ich weniger diszipliniert war, als ich es gern gewesen wäre (was daran lag, dass ich für meine alltägliche Arbeit im Praktikum nur Deutsch, Englisch und ein bisschen Latein und Schwedisch können musste, und in der Freizeit fast immer mit Merit unterwegs war). Allerdings würde ich nicht von mir behaupten, dass ich Estnisch wirklich „spreche“, meine Kenntnisse sind eher passiv, ich kann ziemlich viel verstehen (zum Beispiel konnte ich im Bus von Tartu nach Tallinn den Kinderfilm „Rio“ ohne Untertitel auf Estnisch gucken, allerdings kannte ich den schon auf Deutsch). Vor allem in Sachen Grammatik bin ich in dem halben Jahr recht weit gekommen, ich kenne die wichtigsten Phänomene und auch ein paar komplexere Sachen. Aber mein Wortschatz ist recht gering, ohne Wörterbuch komme ich also immer noch nicht sonderlich weit, sobald es um etwas ausgefallenere Themen geht. Die Vokabeln vergesse ich auch eher mal als grammatische Regeln, wenn sie nicht immer wieder auftauchen. Zum Glück gibt es im Estnischen viele Lehnwörter aus dem Deutschen, das hilft im Alltag gut weiter. In dem halben Jahr in Tartu habe ich richtig gemerkt, wie ich jeden Tag dazulerne, und ich finde es wirklich schade, dass ich jetzt nicht mehr täglich Estnisch hören und so viel schlechter weiterlernen kann. Nach wie vor habe ich jedenfalls das Ziel, irgendwann genug Estnisch zu können, um Bücher im Original lesen zu können – aber davon bin ich noch ein ganzes Stück entfernt. Immerhin habe ich jetzt endlich wieder die Motivation gefunden, was daran zu tun. Mal gucken, wie lange das anhält.

Ich möchte diesen Post schließen mit einer Vertonung zweier Gedichte des oben erwähnten Kristian Jaak Peterson. Aus dem zweiten, das den Titel „Kuu“ („Mond“ oder auch „Monat“) trägt, stammen die Zeilen unter seiner Statue auf dem Tartuer Domberg. In der Vertonung durch einen professionellen Rezitator kann man toll hören, wie Estnisch klingt, wobei im Alltag natürlich nicht ganz so betont gesprochen wird.

 

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4 Gedanken zu “Kaunis keel – Schöne Sprache

  1. Das hast Du (wieder mal) schön geschrieben. Tja, die estnische Sprache . . . was könnte man darüber nicht alles schreiben? Dass sie wunder(bar/sam?) klingt, dass sie eine so konsequente Orthographie hat, dass sie nur von gut 1 Million Menschen verwendet wird, dass sie in Europa zu den wenigen Exoten gehört, dass man sich eigenartigerweise aber recht schnell allerlei Alltagswörter einprägt und diese obendrein leicht aussprechen kann (m.E. beides ein Riesenunterschied zum Lettischen), . . .

    1. Ja, da hast du Recht, es gibt noch eine ganze Menge zu sagen über diese Sprache. Vielleicht kann ich ja ab jetzt immer zum emakeelepäev etwas darüber schreiben.

    1. Doch doch, ich hab nur nicht mehr so viel Zeit. Habe aber schon einen Post so gut wie fertig, über die Tallinn Music Week, die Ende März stattfand, aber da warte ich noch auf die Verkündigung des Gewinners des Publikumspreises für das beste Konzert. Der sollte eigentlich vergangenen Montag bekanntgegeben werden, das ist aber bis jetzt nicht passiert.

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