Die Hauptstadt im Bann der Musik

Es kommt häufig vor, dass ich mich nach Estland wünsche. Allerdings kommt es selten vor, dass ich mich dann ausgerechnet nach Tallinn wünsche. Vielmehr denke ich in erster Linie an Natur – Wälder, Seen, die Ostsee – oder an kleinere Städte wie (natürlich) Tartu oder Pärnu. Ende März allerdings hätte ich mir tatsächlich Tallinn ausgesucht, wenn man mir eine Reise an einen Ort meiner Wahl bezahlt hätte.

Denn in der letzten Märzwoche fand die Tallinn Music Week statt. Dieses Indoor-Festival, das seit 2009 jedes Jahr für ein paar Tage  das Leben in der Stadt (und nebenbei auch gefühlt 50 % meines Facebook-Newsfeeds) bestimmt, ist nicht nur eine große Konferenz für die Musikindustrie, sondern bietet auch einer Menge Bands die Möglichkeit, in verschiedenen Tallinner Locations zu spielen. Dieses Jahr besuchten mehr als 22.000 Menschen das Festival, um 227 Künstler aus Estland und dem Ausland zu sehen, die die unterschiedlichsten Genres vertraten. Auch einige der Bands, die ich in meinem Post zum Positivus-Festival 2013 vorgestellt habe, waren darunter. Es geht bei dem Festival nicht nur darum, die Bekanntheit estnischer und baltischer Künstler international zu steigern, sondern auch darum, Bands aus dem Ausland in den baltischen Staaten bekannter zu machen. So war zum Beispiel die sehr empfehlenswerte belgische Band BRNS dabei, die zuvor in Estland weitgehend unbekannt gewesen sein dürfte. Auf der Homepage der TMW findet man eine Liste aller Künstler, die aufgetreten sind.

In einem Voting konnten die Besucher des Festivals darüber abstimmen, wessen Auftritt ihnen am besten gefallen hat. Der Gewinner ist Metsakutsu, der eigentlich Rainer Olbri heißt, und Hip Hop mit elektronischen Einflüssen macht. Nicht wirklich nach meinem Geschmack, allerdings rappt er auf Estnisch, was das Ganze wieder interessant macht. Zudem sind seine Texte, soweit ich das beurteilen kann, auch deutlich intelligenter, als man es von vielen Rappern kennt. Er verbindet internationalen Großstadtsound mit typisch estnischen Dingen. Das beschränkt sich nicht auf die Tatsache, dass er seine Texte in seiner Muttersprache verfasst, sondern zeigt sich auch in seinem Künstlernamen, der übersetzt so viel wie „Waldruf“ bedeutet – der Wald gehört eben zu seiner Heimat. Während einige US-Rapper ihre Songs gerne mit „New York City“-Rufen einleiten, heißt es bei Metsakutsu: „Pelgulinn!“ – das ist der Tallinner Stadtteil, aus dem er stammt. Auch der Stadtteil Mustamäe und einige Straßen in der Hauptstadt kommen vor, ebenso wie die in Estland weit verbreitete Supermarktkette Rimi: „Rimimüüja on mu psühholoog“ – „Der Verkäufer bei Rimi ist mein Psychologe“, heißt es in „Mustad Südamed“ („Schwarze Herzen“). Man könnte also sagen, Metsakutsu schafft es, international zu klingen, gleichzeitig aber nicht seine Wurzeln zu vergessen – und das muss man anerkennen, egal, wie man zu dieser Art von Musik steht. Als Beispiel für seinen Sound – und als kleines Kontrastprogramm zu der Lyrikvertonung vom letzten Post – hier sein Song „Reaalsuse Kontroll“, was man neudeutsch mit „Reality Check“ übersetzen könnte.

Die Vorträge und Seminare bei der diesjährigen Tallinn Music Week befassten sich mit Themen wie der Zukunft des Radios, der Frage, ob ein gesamtbaltischer Musikmarkt möglich ist, oder der Musik als Ausdruck des Protests gegen totalitäre Regime (in diesem Rahmen wurden Mitglieder von Pussy Riot interviewt). Es wurde also durchaus auch politisch. Das konnte man gleich in der Eröffnungsrede des estnischen Staatspräsidenten, Toomas Hendrik Ilves, hören. Er sprach unter anderem über die „Singende Revolution“, Arvo Pärt, die Beatles, Salman Rushdie, Freiheit und darüber, wie Rockmusik auf die Gesellschaft einwirken kann. Wie das alles zusammenpasst, könnt ihr im folgenden Video sehen. Die Rede ist sehr hörenswert und wird zu keinem Zeitpunkt langweilig. Wenn ich mir vorstelle, dass Angela Merkel ein solches Event mit einer Rede eröffnen sollte – ich glaube, das würde deutlich peinlicher werden, und das nicht nur, weil Ilves tausend Mal besser Englisch spricht als unsere Bundeskanzlerin (wozu man fairerweise anmerken muss, dass er in den USA aufgewachsen ist).

Auch Ilves‘ Eröffnungsreden von 2012 und 2013 findet man auf Youtube, ebenfalls zu empfehlen.

Ich selbst halte natürlich auch in meiner neuen Wahlheimat Leipzig und Umgebung die Augen auf, um estnische Spuren zu entdecken. Da habe ich auch in der Tat schon etwas gesammelt, und das hat ebenfalls mit Musik zu tun. Dazu demnächst mehr.

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