Erste estnische Spuren in Leipzig und Umgebung

Seit einem Monat wohne ich jetzt in Leipzig. Und es ist wunderbar hier (wer mich kennt und/oder meine Blogs verfolgt, weiß, dass ich das über Stuttgart nicht gesagt habe). Wie im letzten Post schon angedeutet, achte ich natürlich auch hier auf estnische Spuren. Abgesehen von der Tatsache, dass man hier eine Menge Street Art finden kann, die auch nach Tartu passen würde, fällt in dieser Hinsicht vor allem das große Banner auf, das am Gewandhaus hängt. Es trägt die Aufschrift „Kristjan kommt!“ – viel mehr erfährt man an dieser Stelle erstmal nicht.

Daher habe ich mich mit Hilfe des Internets erkundigt. „Kristjan“ ist Kristjan Järvi, der Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters. Er ist zwar schon seit 2012 hier in Leipzig, aber das Banner hängt trotzdem noch. Der Name deutet es schon an: Kristjan Järvi ist Este. Laut Wikipedia zog er allerdings bereits im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie in die USA. Er hat eine Initiative gegründet, die Kindern in estnischen Waisenhäusern Musikunterricht ermöglicht. Seine ganze Familie hat mit Musik zu tun: Sein Vater, Neeme Järvi, ist ebenfalls Dirigent, war zwei Mal Chefdirigent des Eesti Riiklik Sümfooniaorkester (Staatliches Symphonieorchester Estlands) und hat auch viel international gearbeitet. Sein Bruder, Paavo Järvi, dürfte einigen Deutschen ebenfalls bekannt sein, denn er hat schon in der Kammerphilharmonie Bremen und beim hr-Sinfonieorchester in Frankfurt gewirkt. Und die Schwester, Maarika Järvi, ist Flötistin.

Vielleicht hat der eine oder andere es schon gemerkt – meine Ahnung von klassischer Musik ist begrenzt. Aber ich glaube, behaupten zu können, dass das in Sachen moderner Musik etwas anders aussieht. Und hier in Leipzig ist auch wirklich eine Menge los in dieser Hinsicht. Ganz bei mir in der Nähe befindet sich zum Beispiel das „Noch Besser Leben“, eine Bar, in der häufig Konzerte stattfinden. Und genau dort spielte Anfang des Monats die estnische Band Odd Hugo, über die ich hier schon einmal schrieb, im Rahmen ihrer kleinen Tour durch Deutschland und die Niederlande. Nach Ewert and the Two Dragons schickt sich nun also die nächste estnische Band an, hier bei uns bekannt zu werden. Da ich zu dem Leipziger Konzert leider nicht gehen konnte, weil meine Begleitung krankheitsbedingt ausfiel (und ich mir alleine blöd vorgekommen wäre), fuhren Stephan und ich am nächsten Tag kurzerhand nach Jena, um Odd Hugo dort live zu erleben.

Konzertplakat in Jena
Konzertplakat in Jena

Beim Rundgang durch Jena (schöner, als ich erwartet hatte) entdeckten wir an der Galerie Kunsthof gleich den Minibus der Band, mit estnischem Kennzeichen, und konnten die Jungs auch schon Estnisch sprechen hören. Obwohl ich nicht alles verstehen kann, weckt das immer geradezu heimatliche Gefühle. Ein paar Stunden später dann ging es los. Odd Hugo war die Hauptband an diesem Abend, vor ihnen spielten noch Kragt aus den Niederlanden und Likk aus Bremen. Kragt gefiel mir sehr gut. Er hat passenderweise auch bei der Tallinn Music Week gespielt, dazu gibt es ein Video, das ich euch hier gerne zeigen würde, da er bei diesem Auftritt auch Teile des Songs „Sailor Man“ von Ewert and the Two Dragons gecovert hat.

Likk fand ich nicht besonders toll, da will ich jetzt aber nicht näher drauf eingehen. Als Odd Hugo auf die Bühne kamen, war klar, dass kaum jemand in dem kleinen Raum ihre Musik schon kannte. Als erstes spielten sie den Song „I Have a Story“, bei dem einer der Jungs mit einer altmodischen Schreibmaschine Töne erzeugt. Leider gingen diese etwas unter und ich glaube, die meisten Leute im Publikum fanden das einfach nur seltsam. Vielleicht hätten sie diesen Song erst zu einem späteren Zeitpunkt spielen sollen, wenn sie das Publikum schon längst für sich begeistert hätten. Denn das schafften sie eindeutig. Ihre Songs sind live großartig, vor allem, weil sie immer wieder überraschen. Schon auf ihrem ersten selbstbetitelten Album fällt auf, dass jeder Song irgendwann eine unvorhergesehene Richtung einschlägt, dass die Melodie sich plötzlich verändert oder neue Elemente auftauchen. Dafür sorgen vor allem auch die Blasinstrumente, die live sehr beeindruckend von zwei der Jungs gespielt werden. Die Stimmen der beiden Sänger passen perfekt zusammen und auch die Kombination von Akkustik-Gitarre und Ukulele gefiel mir sehr gut. Zwischen den Songs sprach einer der Sänger manchmal Deutsch und versuchte, die Songtitel ins Deutsche zu übersetzen, was für einige Lacher sorgte. Es ist schwer, die Musik zu beschreiben, meistens wird sie als „Folk-Pop“ bezeichnet, aber dieses Genre geht mir inzwischen ziemlich auf die Nerven und ich finde auch nicht, dass es in diesem Fall sehr passend ist. Irgendwo las ich, dass Odd Hugo als die „estnischen Beirut“ bezeichnet werden, aber auch der Vergleich mit dieser Band ist meiner Meinung nach nicht besonders gelungen. Odd Hugo lassen sich eben in keine Schublade einordnen und das ist ein Grund, warum sie vor allem live einfach toll sind.

Das Publikum wollte Odd Hugo am Ende ihres Sets gar nicht mehr gehen lassen, so dass sie noch ein wenig improvisieren mussten. Auf den Vorschlag einer estnischen Konzertbesucherin (die Band erzählte, sie hätten auf fast jedem Konzert mindestens einen Esten im Publikum gehabt), noch einen Song auf Estnisch zu spielen, gingen sie zwar nicht ein, kündigten jedoch ihren letzten Song mit „Järgmine laul on …“ („der nächste Song ist …“) an, was den Großteil des Publikums verwirrte. Dieser letzte Song war dann „Three Bullets“, einer meiner Lieblinge vom Album. Dazu setzten sich die beiden Sänger gemeinsam ans Klavier, das war ein wirklich schöner, krönender Abschluss, der die meisten noch einmal überrascht haben dürfte, da die meisten anderen Songs davor doch ein wenig rockiger dahergekommen waren. Ich bin mir sicher, dass am Ende des Abends niemand enttäuscht nach Hause gegangen oder gefahren ist. Auch Odd Hugo selbst traten von Jena aus die Heimreise an, mit dem Bus nach Tartu (laut Google Maps rund 1700 Kilometer). Übrigens meinten sie, Jena würde sie an Tartu erinnern. Das kann ich in Teilen nachvollziehen, denn die Einwohnerzahlen liegen in der gleichen Größenordnung, beide Städte sind studentisch geprägt, liegen an einem Fluss und bieten viel Grünfläche. Aber Tartu finde ich dann doch schöner.

Hier sind noch ein paar Bilder vom Konzert, die leider wegen der schlechten Lichtverhältnisse nicht allzu toll geworden sind, aber hoffentlich trotzdem einen Eindruck bieten. Sollten Odd Hugo in Zukunft noch einmal durch Deutschland touren (was nicht unwahrscheinlich ist), rate ich euch unbedingt, zu einem der Konzerte hinzugehen. Bei dieser Tour spielten sie in sehr kleinen Locations, zum Teil sogar umsonst, und zumindest beim Konzert im Jena kam man sehr nah ran und alles fühlte sich geradezu familiär an.

Die kleine Bühne mit den Instrumenten der Jungs und Kundtwerken an der Wand
Die kleine Bühne mit den Instrumenten der Jungs und Kunstwerken an der Wand
Das Schlagzeug im Detail
Das Schlagzeug im Detail
Bläser + Schlagzeuger
Bläser + Schlagzeuger
Die beiden Sänger bei "Three Bullets"
Die beiden Sänger bei „Three Bullets“

Das waren die bisher einzigen estnischen Spuren, die ich hier entdecken konnte. Für einen einzigen Monat finde ich das gar nicht schlecht. Übrigens habe ich mein estnisches Glücksschweinchen Ülvi (vielleicht erinnert ihr euch?) in meine Übergangsunterkunft hier in Leipzig mitgenommen. Wenn Stephan und ich im Juni unsere neue Wohnung beziehen, werden natürlich auch all die anderen estnischen Dinge, die wir so angesammelt haben, einen Platz bekommen.

Zum Schluss noch ein weiterer Hinweis zum Thema estnische Musik: auf Soundcloud kann man sich jetzt „Mosaic“, das Album der Galvanic Elephants, komplett anhören. Klickt dazu einfach hier.

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2 Gedanken zu “Erste estnische Spuren in Leipzig und Umgebung

  1. Jaavo Pärvi ist auch einer der bekanntesten estnischen Komponisten. Wir haben sogar eine CD von ihm….
    Was verbindet Leipzig mit deiner Heimatstadt? Beide haben einen estnischen Chefdirigenten (Mihkel Kütson, der ein bisschen aussieht wie „Kloppo“ von Borussia Dortmund und in der nächsten Saison direkt ein Stück von Arvo Pärt zur Aufführung bringt)

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