Mittsommermusik

Heute ist Jaanipäev, also Johannistag oder auch Mittsommer. Zu den Feierlichkeiten gehört in Estland neben dem traditionellen Feuer auch Tanz und Musik. Deshalb dachte ich mir, dass dieser Tag doch ganz gut zu dem versprochenen musikbezogenen Post passt. Allerdings wird es hier nicht um die Musik gehen, die estnischen Familien traditionell am Jaanipäev hören und/oder spielen, sondern eher um moderne Musik.

Die Tallinn Music Week ist zwar das international bekannteste, aber nicht das einzige Musikfestival in Estland. Wie ich ja während meines Praktikums feststellen konnte, entspricht das Vorurteil „Esten hören nur schlechte Musik“, das ich jahrelang im Kopf hatte, nicht der Wahrheit (hier nachzulesen). Das zeigt sich auch in der Festivalszene. Hier mal ein kleiner Überblick über die Festivals, die – abgesehen von der Tallinn Music Week – entweder in den letzten Monaten in Estland stattgefunden haben oder aber demnächst stattfinden werden. Es handelt sich dabei um eine stark von meinem persönlichen Musikgeschmack geprägte Auswahl, bei jedem der Festivals spielt mindestens eine Band, die ich mag. In Sachen Lineup nenne ich  nur estnische Bands, und zwar die, die die ich mir angesehen hätte (oder ansehen würde), wenn ich das jeweilige Festival besucht hätte (oder besuchen würde). Jede dieser Bands habe ich mit einem Song verlinkt, eine sogar mit einem etwas längeren Video von einem Liveauftritt.

Ende Mai fand in Tartu das Indiefest statt. Ein einwöchiges Festival, das meiner Meinung nach sehr gut in diese Stadt passt. Neben elf estnischen Bands und Künstlern traten in diversen Locations, unter anderem im von mir schon mehrfach erwähnten Genialistide Klubi, auch Musiker aus Lettland, Litauen (auch diese beiden Länder haben übrigens viele sehr gute Bands zu bieten), Großbritannien, Dänemark, Luxemburg/Frankreich, den Niederlanden und Island auf. Unter den estnischen Künstlern wären für mich die beiden Bands mit dem Elefanten im Namen, also Elephants from Neptune und Galvanic Elephants (das neue Album ist großartig!), die Highlights gewesen. Doch auch August Hunt, Forest Kämp  und Frankie Animal hätte ich mir angesehen. Beim Indiefest ging es aber nicht rein um Musik, sondern es wurden auch Filme gezeigt und Diskussionen geführt.

Zwei Wochen später konnte man in Kohila im Landkreis Raplamaa (etwa auf der Hälfte der Strecke von Rapla nach Tallinn) beim Kaparock unter anderem noch einmal die Elephants from Neptune live sehen. Außerdem spielte dort meine neueste Lieblings-Entdeckung aus der estnischen Musikszene, nämlich die Band Slippery Slope (nicht zu verwechseln mit der US-amerikanischen Gruppe The Slippery Slope). Das ist übrigens die Band, über die ich auf den Online-Hemdenshop Swärk gestoßen bin, über den ich im letzten Post schrieb. Slippery Slope haben auch bei der Tallinn Music Week gespielt. Zu ihrem Auftritt dort gibt es einen herrlichen Video-Teaser, in dem die drei Bandmitglieder sich selbst in drei verschiedenen Sprachen ankündigen – besonders gut dabei finde ich den finnischen Teil ganz am Schluss, der bringt mich jedes Mal zum Lachen.

Kommen wir zu den Festivals, die demnächst stattfinden. Da wäre zunächst Anfang Juli das Schilling-Festival in Kilingi-Nõmme im Landkreis Pärnumaa. Das ist Anfang Juli. Im Gegensatz zum Kaparock, bei dem fast ausschließlich estnische Künstler auftraten, kann man beim Schilling auch einige internationale Künstler sehen. Aus Estland sind unter anderem Argo Vals Band, Id Rev, Jan Helsing und die Galvanic Elephants dabei. Das Lineup bietet, was die estnischen Musiker angeht, eine ziemlich bunte Mischung aus Indie(-Elektro)-Rock, Metal und HipHop.

Nicht so recht in diese Auflistung passt ein Festival, das ich schon aus meiner Kindheit kenne: Das Leigo Järvemuusika (Leigo Seemusik). Es findet eine Woche nach dem Schilling-Festival in der Gemeinde Palupera, unweit von Otepää, an einem sehr schönen See statt. Ich weiß nicht, wie es inzwischen ist, aber früher saß man bei diesem Festival auf ausrangierten Bus- und Bahnsitzen auf der Wiese um den See herum und die Bühne befand sich auf einer Insel im See. Ich erinnere mich daran, dass um den See herum mehrere Lagerfeuer brannten und mit Hilfe von Booten schwimmende Lichter auf dem See verteilt wurden. Das alles in Kombination mit der Musik sorgte für eine ganz tolle Atmosphäre. Von der Musik her ist dieses Festival ziemlich anders als die sonst hier genannten, es geht mehr in Richtung klassische Musik, Jazz und Volksmusik (wobei man sich darunter jetzt nicht Hansi Hinterseer vorstellen darf, sondern einfach traditionelle, zum Beispiel estnische Musik). Aber aufgrund der besonderen Stimmung ist es bei diesem Festival schon fast egal, wer spielt.

Schauplatz des Patarei Kultuuritolm ist das Gelände der Patarei merekindlus (Patarei Meeresfestung) in Tallinn. Zwischen ehemaligen Gefängnismauern findet dort Mitte Juli an zwei Tagen das statt, was im Namen des Festivals als „Kulturstaub“ bezeichnet wird. Es handelt sich um ein Kunst- und Musikfestival, bei dem, bezogen auf die Musik, vor allem elektronische Klänge im Vordergrund stehen. Die Bands und Künstler, die auftreten, kommen zum Großteil aus dem Baltikum, aber auch internationale Musiker sind dabei. Die Idee, dort ein solches Festival stattfinden zu lassen, bringt sehr gut zum Ausdruck, was dieses Gelände laut der Homepage heutzutage sein soll: „This unique 19th century example of Tallinn’s top architecture has now in the 21st century changed from a longtime symbol of repressions to a favorite place for residents of the nation’s capital and visitors, a multifunctional place to spend free time.“ Ansehen würde ich mir dabei neben Id Rev noch Badass Yuki, Firejosé und Timmu Tõke – allerdings denke ich, dass auch bei diesem Festival die Atmosphäre viel ausmacht und es daher sicherlich auch für Leute, die nicht auf elektronische Musik stehen, interessant sein kann.

Beim Intsikurmu, das am ersten August-Wochenende bei Põlva stattfinden wird, besteht fast das gesamte Lineup nur aus estnischen Bands und Künstlern. Besonders interessant wären dabei für mich Sibyl Vane, Odd HugoI Wear* ExperimentMicucu,  Neon Noir und Frankie Animal.

Das wäre es jetzt in Sachen Musikfestivals. Zwei estnische Bands, die ich vor einiger Zeit entdeckt habe, spielen leider auf keinem der Festivals, aber kurz erwähnen möchte ich sie hier trotzdem: Ocean Districts und Junk Riot. Beide ebenfalls sehr empfehlenswert! Ihr seht, die estnische Musikszene ist ziemlich spannend. Ich hoffe, niemand vermisst hier gewisse Genres wie zum Beispiel Hip Hop – das ist einfach nicht so mein Fall (wobei estnischer Hip Hop, rein sprachlich gesehen, schon irgendwie was hat). Nun noch etwas, was nur noch zum Teil mit Musik zu tun hat, und wofür man nicht extra nach Estland reisen muss. Vor ein paar Monaten schrieb ich in einem Post über den „Fellbacher Kultursommer“, also das alljährliche Kulturfestival in Fellbach bei Stuttgart, bei dem dieses Jahr Finnland und Estland die Gastländer sind. Ich freue mich sehr darüber, jetzt in Leipzig wohnen zu dürfen, aber wenn ich mir das allmählich Gestalt annehmende Programm des Fellbacher Kultursommers so anschaue, wäre ich doch glatt gerne nochmal in Stuttgart, um zu einigen Veranstaltungen hingehen zu können. Eigentlich sollte Mitte Juni schon das endgültige Programm erscheinen, bisher gibt es aber nur einen „Vorab-Flyer“ zum Download (auf der verlinkten Seite rechts zu finden). Während meine Mutter sich sicher über das Tangofest freuen würde, bin ich selbst besonders neidisch auf die Leute, die das Ballett „Casanova“ des Tartuer Vanemuine-Theaters zu sehen bekommen. Das wurde in Tartu aufgeführt, als ich dort gewohnt habe, und es soll richtig gut gewesen sein, aber leider habe ich es nicht geschafft, hinzugehen. Aber ich könnte ja für Ende September einen Besuch bei Freunden in Stuttgart einplanen … Weitere Events, die mit Estland zu tun haben, aber in anderen Ländern stattfinden, kann man übrigens über den World Event Calendar von culture.ee finden, den ich vor Kurzem entdeckt habe. Über die Filtereinstellungen links kann man das Land auswählen, für das man recherchieren möchte. Bei Einschränkung auf Deutschland findet man unter anderem Konzerte am Theater Krefeld-Mönchengladbach, da dort der Este Mihkel Kütson Generalmusikdirektor ist, und auch Veranstaltungen mit Kristjan Järvi (den ich ja bereits erwähnte) hier in Leipzig.

Zum Thema „nicht geschafft“ fällt mir noch etwas ein. Als ich vor ein paar Tagen anfing, unsere neue Wohnung mit den Street-Art-Bildern zu dekorieren, die schon in Stuttgart bei uns hingen, fiel mir auf, dass ich beim letzten Estland-Besuch nicht nur in Tartu, sondern auch in Tallinn, Pärnu und Valga Straßenkunst fotografiert, die Bilder aber nie hier hochgeladen habe, obwohl ich das, glaube ich, sogar versprochen hatte. So geht das ja nun nicht! Die Bilder werden auf jeden Fall nachgeliefert (vor allem in Pärnu haben wir tolle Sachen fotografiert), allerdings wohl noch nicht so bald. Ich habe gerade wirklich viel zu tun im Studium und die Bearbeitung der Bilder ist immer recht zeitaufwendig. Aber spätestens, wenn ich Ferien habe (ab August), komme ich bestimmt dazu und dann gibt es hier einiges zu gucken.

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