Estnische Spuren in Berlin, Budapest und Mönchengladbach

Seit Sonntag Abend sind wir aus dem Urlaub zurück. Drei Städte haben wir besucht. Nein, nicht New York, Rio und Tokio, sondern die in der Überschrift dieses Posts genannten Städte. Zuerst ging es für Stephan und mich nach Berlin, wo wir anderthalb Tage verbrachten. Da wir sowieso von Berlin-Schönefeld aus zu unserem eigentlichen Reiseziel, Budapest, fliegen mussten, beschlossen wir, schon einen Tag vor dem Flug anzureisen und so neben der ungarischen auch die deutsche Hauptstadt noch ein bisschen anzugucken. Wir waren nicht zum ersten Mal in Berlin und es war interessant zu sehen, was sich seit dem letzten Aufenthalt dort (im Jahr 2009) verändert hatte. Aber wir besuchten natürlich auch die üblichen Verdächtigen – Brandenburger Tor, Regierungsgebäude, Ku’damm, Alexanderplatz und so weiter.

Tallinn auf der Weltzeituhr
Tallinn auf der Weltzeituhr

Einer der Hauptgründe für unsere Übernachtung in Berlin war der geplante Besuch im hier bereits mehrfach erwähnten estnischen Café „Jää-äär“. Leider hat dieses montags geschlossen. So war es uns aufgrund des recht engen Zeitplans nur noch möglich, am nächsten Morgen dort frühstücken zu gehen. Wir machten den Fehler, am Gesundbrunnen auszusteigen und von dort aus die Brunnenstraße, auf der sich das Café befindet, entlangzulaufen – keine besonders schöne Gegend, vor allem wenn der Himmel so trist ist wie an diesem Tag. Sollte jemand von euch das Café auch mal besuchen wollen, nehmt besser die U-Bahn und steigt an der Haltestelle Bernauer Straße aus – da ist man deutlich näher dran und denkt beim Aussteigen nicht: „Wo bin ich denn hier gelandet?“ Das Café befindet sich auf einem schöneren Abschnitt der Brunnenstraße, ganz nah beim Mauerpark.

Das Café "Jää-äär" von außen
Das Café „Jää-äär“ von außen

Leider war das Café an diesem Dienstag Morgen komplett leer und die Mitarbeiterin hinter der Theke, die einen estnischen Akzent hatte, wirkte etwas erstaunt, als wir so zielstrebig hereinkamen. Das Café ist sehr schön eingerichtet, mit gestreiften Kissen, wie man sie auch in Estland bekommt, und mit viel Holz. In einer Ecke lagen Ausgaben des „Eesti Ekspress“ und es gab natürlich kostenloses WLAN. Auf dem Regalbrett hinter der Theke entdeckte ich unter anderem eine Packung neljaviljahelbed, aus denen man leckeren Brei herstellen kann, und ein paar estnische Kochbücher. An den Wänden hingen bei unserem Besuch Bilder der estnischen Künstlerin Kristiana Pärn, auf denen sie comicartig gezeichnete Tiere mit Ausschnitten aus Landkarten kombiniert. Mir haben die Bilder sehr gut gefallen, vor allem diejenigen, die an Estland erinnern (Füchse, die, umgeben von Nadelbäumen, an einem Seeufer Lagerfeuer machen, und ähnliche Motive). Sie passten auch sehr gut in das Ambiente des Cafés. Bestellen muss man – typisch Estnisch – an der Theke. Leider gab es in dem kleinen Frühstücksangebot eigentlich nichts wirklich Estnisches (es sei denn, man möchte morgens schon Kaffee mit einem Schuss „Vana Tallinn“-Likör trinken). Mein Joghurt mit Knuspermüsli, Mandeln und Beeren war aber durchaus etwas, was auch in Estland serviert wird. Es war sehr lecker, ebenso wie Stephans Tomaten-Mozzarella-Brötchen (das allerdings ist nun wirklich nicht landestypisch) und der – likörfreie – Kaffee. Die Preise waren auch vollkommen in Ordnung. Leider blieben wir die einzigen Gäste, so dass irgendwie nicht wirklich Atmosphäre aufkam. Etwas schade fand ich auch, dass aus den Lautsprechern nicht etwa estnische Musik, sondern 08/15-Radiogedudel drang, das allerdings nicht halb so laut und nervig war wie es leider in vielen Restaurants und Cafés in Estland der Fall ist. Beim Rausgehen entdeckten wir noch eine Ecke, in der DVDs von estnischen Filmen zum Verkauf standen, und ein Regal mit estnischen Büchern.

Insgesamt war der Besuch ein klein wenig enttäuschend, was aber nicht an dem Café an sich lag, sondern einfach daran, dass wir zur falschen Zeit dort waren. An einem Samstag Abend beispielsweise stelle ich es mir sehr schön vor, dort zu sitzen, etwas Warmes zu essen, was wirklich typisch Estnisch ist, und vielleicht ein paar estnische Stimmen zu hören. Ich habe nicht so ganz verstanden, ob sich das Café hauptsächlich an die in Berlin lebenden Esten oder ausdrücklich auch an andere Berliner und Touristen richten will. Aber wie auch immer, ich werde es nochmal ausprobieren. Vielleicht ja am 15. November, wenn im Kino am Bundesplatz einige estnische Kurzfilme gezeigt werden (das Gleiche findet übrigens am 11. November in Bremen, am 12. in Kiel und am 13. in Hamburg statt, vielleicht schreibe ich dazu nochmal ausführlicher). Ich habe ein paar Bilder im Café gemacht, das war mir aber etwas unangenehm, weil wir eben die einzigen Gäste waren, außerdem ist meine Kamera für Innenaufnahmen nicht besonders gut geeignet, daher sind die Bilder eher bescheiden. Aber auf der Facebook-Seite des Cafés findet man sowieso sehr viele Bilder, nicht nur von der Einrichtung, sondern auch von den Köstlichkeiten. Daher hier nur zwei Fotos.

Ein Teil der Inneneinrichtung
Ein Teil der Inneneinrichtung
Regalbrett im Thekenbereich mit "Vana Tallinn"-Flaschen, estnischem Kochbuch und Holzbrettchen, die man auch in estnischen Souvenirshops bekommt
Regalbrett im Thekenbereich mit „Vana Tallinn“-Flaschen, estnischen Kochbüchern und Holzbrettchen, die man auch in estnischen Souvenirshops bekommt

Ein paar Stunden nach unserem Besuch im „Jää-äär“ ging es nach Budapest. Auf dem Parkplatz des Flughafens suchte gerade ein Ehepaar in einem Auto mit estnischem Kennzeichen einen Parkplatz. Laut Google Maps sind es mit dem Auto von Tallinn nach Budapest rund 1850 Kilometer. Ansonsten entdeckten wir in Budapest keine direkten estnischen Spuren. Allerdings gibt es im Supermarkt einige Produkte, die man so oder so ähnlich auch aus Estland kennt, zum Beispiel Túró Rudi, mit Schokolade überzogene Quarkriegel aus dem Kühlregal – quasi das Gleiche wie die estnischen kohuke. Allerdings ist die Schokolade bei den ungarischen Riegeln dicker und der Klassiker ist hier nicht, wie in Estland üblich, mit Frucht gefüllt (diese Version gibt es aber auch). Außerdem sind die Riegel rund statt eher eckig und es gibt sie auch als geradezu riesige Exemplare. Nach diesem Urlaub habe ich mir nun noch fester vorgenommen, einmal das kohuke-Rezept zu testen, das sich in einem meiner estnischen Kochbücher befindet. Über das Ergebnis werde ich hier berichten.

Ungarisch und Estnisch gehören ja beide zur Familie der finnougrischen Sprachen, sind aber, oberflächlich betrachtet, total verschieden. Es gibt allerdings ein paar vereinzelte Wörter, die sich ähneln. Das ungarische Wort für Blut zum Beispiel ist vér, das estnische ist veri. Das Leben heißt auf Estnisch elu und auf Ungarisch élet. Außerdem entdeckte ich an einer Budapester Straßenbahnhaltestelle ein Werbeplakat für eine Handtasche – kézitáska – und erkannte die Ähnlichkeit zum estnischen Wort käsi für die Hand. Die Liste der ähnlichen Wörter ließe sich sicherlich noch um so einiges erweitern, das waren jetzt einfach nur ein paar der Begriffe, bei denen mir im Urlaub eine Verwandtschaft aufgefallen ist. Estnischkenntnisse helfen einem in Ungarn trotz dieser Ähnlichkeiten nicht weiter, das wusste ich allerdings von Anfang an. Bilder und einen Text zu unserem Urlaub in Budapest gibt es bald in meinem anderen Blog.

Wenn man in meiner Heimatstadt Mönchengladbach, die wir im Anschluss an die Woche in Budapest noch besuchten, nach estnischen Spuren sucht, ist das Haus meiner Eltern wahrscheinlich die beste Anlaufstelle. An beinahe jeder Ecke kann man erkennen, dass dort zwei (früher vier) Menschen leben, die das kleine Land im Nordosten Europas lieben. Da meine Eltern vor Kurzem mal wieder in Estland im Urlaub waren, gab es neue Fotos zu sehen, außerdem bekam ich ein paar Mitbringsel. Der Großteil davon stammte aus Finnland, wo meine Eltern im Anschluss an den Estland-Aufenthalt noch eine Woche verbracht hatten. Aber ich bekam auch eine DVD des estnischen Films „Üks mu sõber“ („Ein Freund von mir“), von dem ich schon einiges gehört hatte. Der Film spielt in Tartu und die Hauptfigur, der alte Mati, ist Bibliothekar – der perfekte Film für mich also! Das Urteil meiner Eltern lautete: „komischer Film“, ich selbst bin noch nicht dazu gekommen, den Film zu schauen, bin aber schon sehr gespannt. Übrigens spielt in einer Nebenrolle auch Ursula Ratasepp, die Hauptdarstellerin aus „Kertu“, mit. Hier der Trailer (Estnisch mit englischen Untertiteln):

Somit hat sich auch die Anzahl der estnischen Spuren in unserer Wohnung wieder einmal erhöht. Und ich habe ein neues Wort auf Estnisch gelernt. Oder besser: die interessante Schreibweise eines Fremdwortes im Estnischen. Den Begriff „Genre“ schreiben die Esten folgendermaßen: žanr. Was ich sonst in der letzten Zeit noch so in Bezug auf Estland – vor allem im Internet – entdeckt habe, erfahrt ihr bald in einem neuen Post.

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2 Gedanken zu “Estnische Spuren in Berlin, Budapest und Mönchengladbach

  1. Wie immer: Sehr interessant zu lesen! Danke!

    Allerdings: Blut heißt auf Estnisch „veri“, nicht „vere“.

    Bei der estnischen Schreibweise von „žanr“ (Genre) muss ein slawischer Buchstabe verwendet werden, da die estnische Sprache keinerlei Zischlaute besitzt. Ich könnte mir vorstellen, dass die Esten eher zur „neuestnischen“ Schreibweise „zhanr“ neigen. Das „zh“ ist inzwischen ein gängiger Ersatz geworden. Sie schreiben ja auch „zhurnalist“ und „rezhissöör“ u.a.

    1. Oh, da hab ich mich vertippt, danke für den Hinweis! Bisher habe ich immer nur „žanr“ gelesen, sowohl auf der DVD-Hülle des besagten Films als auch auf diversen Internetseiten. Es gibt aber sicherlich auch die „zh“-Version.

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