Estland, mal bibliothekarisch betrachtet

Für die FH arbeite ich zur Zeit an einem Projekt, bei dem es darum geht, Interessierten einen kompakten Überblick über das Bibliothekswesen verschiedener Länder zu geben (übrigens nur eins von mehreren studiumsbezogenen Dingen, die mich momentan leider ziemlich vom Bloggen abhalten). Natürlich ist das langfristige Ziel, jedes Land der Welt, das überhaupt über so etwas wie ein organisiertes Bibliotheks- und Informationswesen verfügt, zu beschreiben. Bisher sind allerdings nur 38 (größtenteils europäische) Länder in dieser Weise erfasst. Aber allein die Bearbeitung dieser 38 Texte, die seit 2011 oder noch früher nicht mehr aktualisiert wurden, macht genug Arbeit für unsere Projektgruppe von drei Leuten. Wir haben uns die Länder nach persönlichen Vorlieben, Sprachkenntnissen und ähnlichen Gesichtspunkten aufgeteilt. Wenig erstaunlich also, dass ich mich unter anderem auch um Estland kümmere.

Dass Estland in vielerlei Hinsicht ein tolles und interessantes Land ist, ist jedem, der schon einmal da war – oder auch nur diesen Blog ein wenig verfolgt – natürlich längst bekannt. Nachdem ich gestern den ganzen Tag in der FH-Bibliothek gesessen und unter anderem den Text über Estland fertiggestellt habe, kann ich nun sagen, dass das Land auch in Sachen Bibliothekswesen einige interessante Dinge zu bieten hat. Vollkommen neu war das für mich nach meinen Praxissemester im Archiv in Tartu natürlich nicht, allerdings hatte ich damals mit Bibliotheken nur sehr wenig am Hut. Abgesehen von einem Ausflug in das Digitalisierungszentrum der Universitätsbibliothek Tallinn mit einigen Kollegen und einer kurzen Führung durch die Bibliothek des Archivs bin ich im eigentlichen Praktikum nicht weiter mit den estnischen Bibliotheken in Berührung gekommen. Privat war ich allerdings immerhin in der Stadtbibliothek Tartu und auch einmal kurz in der Unibibliothek, habe mir das chice und noch ziemlich neue Gebäude der Stadtbibliothek Pärnu angeschaut (das mit dem „Monument für Jedermann„), die Nationalbibliothek von außen gesehen und das historische Museum der Uni Tartu besucht, in dessen Gebäude bis Anfang der 80er Jahre die Unibibliothek untergebracht war und in dem man noch immer einen kleinen Einblick erhält, wie diese Bibliothek einmal ausgesehen hat.

Daher habe ich jetzt beim Lesen und Recherchieren eine ganze Menge Neues gelernt. Zum Beispiel, dass in Estland gleich fünf Bibliotheken je ein oder zwei Pflichtexemplare jeder in Estland veröffentlichten Publikation erhalten. Klar, in Deutschland haben noch mehr Bibliotheken ein Pflichtexemplarrecht (die Deutsche Nationalbibliothek und pro Bundesland noch mindestens eine Landesbibliothek), aber gemessen an der geringen Größe und Einwohnerzahl Estlands ist das doch ziemlich viel. Ursprünglich waren sogar 20 Bibliotheken vorgesehen, das wurde aber aufgrund von Verlegerprotesten letztendlich nicht umgesetzt. Zu Sowjetzeiten musste nur an die Unibibliothek Tartu ein Pflichtexemplar abgegeben werden und diese Regelung bezog sich lediglich auf russischsprachige Publikationen. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit hat man vermutlich das Bedürfnis verspürt, das Pflichtexemplarrecht in einer Weise neu zu organisieren, die das nationale, insbesondere das estnischsprachige Schrifttum deutlich stärker würdigt und zu seiner Bewahrung beiträgt.

Übrigens wird für die üblichen Dienstleistungen und Angebote der meisten estnischen Bibliotheken keinerlei Gebühr fällig und wenn es doch eine gibt, dann ist diese sehr gering. Die estnische Nationalbibliothek (Eesti Rahvusraamatukogu) in Tallinn bietet ihren Benutzern etwas ganz Besonderes, nämlich den sogenannten klaveriruum. Das ist ein Raum, in dem ein Klavier steht, auf dem man üben kann. Für 1,70 Euro die Stunde kann man den Raum buchen. Meine Mutter hat bisher keinen Estland-Urlaub ohne ihre Gitarre angetreten, ihr Klavier konnte sie aber natürlich nicht mitnehmen. Ich erinnere mich an mindestens einen Abend in „unserem“ grünen Häuschen in Otepää, an dem wir überlegt haben, wie man diesen Missstand beheben könnte – etwa mit einem aufblas- oder klappbaren Klavier, das aber leider anscheinend noch niemand erfunden hat. Jetzt aber weiß meine Mutter, wohin sie sich in Estland wenden kann, wenn sie mal Lust auf Klavierspielen hat. Sie schrieb mir dazu: „Dann kann ich ja schon im Flughafen Frankfurt anfangen, da steht nämlich auch eins, und spiele dann in Tallinn den zweiten Satz der Sonate.“ Beim Stichwort Klavier im Frankfurter Flughafen möchte ich nochmal auf dieses Video der estnischen Band Tenfold Rabbit verweisen, das ich vor ein paar Monaten schonmal hier im Blog verlinkt habe. Nachdem sich meine Mutter vor einigen Jahren bei einem Konzert schonmal mit dem Sänger von Jäääär unterhalten hat, hat sie nun also schon bald die Gelegenheit, auch noch auf einem Klavierhocker zu sitzen, auf dem schon Andres Kõpper gesessen hat. Wahnsinn!

Ansonsten ist natürlich auch das Bibliothekswesen ziemlich stark von der großen Technikbegeisterung der Esten geprägt. Benutzerausweise gibt es fast gar nicht mehr, alles läuft über den Personalausweis. Die Nationalbibliothek und ein paar andere Bibliotheken bieten ihren Benutzern die Möglichkeit, Dokumente nicht nur in der Bibliothek, sondern über den Cloud-Printing-Dienst pilveprint.ee (pilve ist das estnische Wort für Wolke) auch einfach zu Hause auszudrucken. Eine moderne technische Ausstattung ist zumindest in den größeren Bibliotheken absoluter Standard und nach meinen Eindrücken in der Tallinner Unibibliothek ist man auch in Sachen Digitalisierung schon recht weit fortgeschritten. Das gilt auch für das Archivwesen, eine Kollegin erzählte mir während meines Praktikums einmal, dass zu dieser Zeit (also im Herbst 2012) etwa ein Prozent des Bestandes des Eesti Ajalooarhiiv bereits digitalisiert und im Internet verfügbar sei. Das klingt zunächst einmal wenig, aber angesichts der Tatsache, dass Digitalisierung ein sehr kosten- und zeitaufwendiges Unterfangen ist und Bibliotheken und Archive eigentlich immer zu wenig Geld und damit auch zu wenig Personal für alles haben, ist das in Wirklichkeit ziemlich viel. Auch in Deutschland gibt es nur sehr wenige Einrichtungen, die schon deutlich mehr als ein Prozent geschafft haben. Ein anderes tolles Projekt ist die Datenbank ERBA, in der man bibliografische Steckbriefen von – hauptsächlich ehemaligen – Bibliothekaren aus ganz Estland findet. Aktuell sind fast 2200 Personen erfasst. Eine gute Idee, die man ruhig auch mal in Deutschland umsetzen könnte. Aber auch Traditionen werden in estnischen Bibliotheken gepflegt: die Nationalbibliothek hat einen eigenen Frauenchor, der aus Mitarbeiterinnen und Benutzerinnen besteht, und verfügt über eine spezielle Notensammlung zu den großen Sängerfesten.

Im Zusammenhang mit dem Text für das Projekt habe ich auch wieder ein paar schöne neue estnische Vokabeln gelernt. So zum Beispiel das Wort eetikakoodeks, bei dem ziemlich offensichtlich ist, was es bedeutet. Es gehört eher in die Kategorie der Wörter, bei denen ich aufgrund ihrer Schreibweise grinsen muss, auch wenn es natürlich wenig erstaunlich ist, dass dieses Wort nach der estnischen Rechtschreibung genau so geschrieben wird. Es taucht übrigens auf der Homepage des estnischen Bibliothekarsverbands (Eesti Raamatukoguhoidjate Ühing, kurz ERÜ) auf, der auch die Datenbank ERBA betreibt. Denn dieser Verband hat, wie viele andere bibliothekarische Berufsverbände in anderen Ländern auch, einen Ethikkodex für seine Mitglieder festgelegt (es gibt ganze wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Berufsethik in Bibliotheken). Das estnische Wort für Bibliothek, raamatukogu, bedeutet wörtlich übersetzt übrigens Büchersammlung. Und der raamatukoguhoidja, der Bibliothekar, ist der Büchersammlungsbewahrer. Einen WLAN-Hostpot nennen die Esten tulipunkt, was wörtlich übersetzt „Feuerpunkt“ bedeutet. Bisher hatte ich immer nur die Erfahrung gemacht, dass die Esten englische Begriffe aus dem Technikbereich einfach estnisch aussprechen, nicht aber übersetzen. Meine Kollegen im Archiv sprachen zum Beispiel das Wort Server nicht wie „sörver“ aus, sondern so, wie man es schreibt und natürlich mit stark gerolltem „r“. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um überhaupt zu erkennen, dass das kein estnisches Wort ist. Der Begriff tulipunkt wird allerdings anscheinend nicht ausschließlich für einen Hotspot verwendet, sondern bedeutet auch so etwas wie Schwerpunkt, offensichtlich aber nicht Brennpunkt, wie ich zuerst dachte. Es gab auch mal eine Radiosendung mit diesem Titel.

Auch wenn der Text für das Projekt eher kurz und oberflächlich gehalten ist, weil er eben nur einen groben Überblick ermöglichen soll, konnte ich es doch nicht lassen, mich ein bisschen tiefer in das Thema einzulesen. Es ist wirklich spannend, wie sich das estnische Bibliothekswesen mit der Zeit entwickelt hat. Die vielen politischen Machtwechsel und allen voran die Sowjetzeit, während der die Bibliotheksbestände natürlich der Ideologie angepasst wurden und von einem freien Zugang zu Informationen keine Rede sein konnte, hatten in der Vergangenheit großen Einfluss. Das Bibliothekswesen ist nur einer von vielen Bereichen, in denen Estland seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahre 1991 eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht hat. Und das Ganze ist ein Thema, über das man gut und gerne eine Masterarbeit schreiben könnte. Masterarbeit? Da war doch was … das Thema kommt auf meine Ideenliste.

Also, wenn ihr (das nächste oder zum ersten Mal) nach Estland reist, guckt euch ruhig auch mal eine Bibliothek – oder ein Archiv – an. Einen ersten Einblick bietet dieses Werbevideo für die estnische Nationalbibliothek, das unter dem Motto „Kultuur elab siin!“ („Die Kultur lebt hier!“) Musiker, eine Balletttänzerin und einen Skater in den Räumlichkeiten der Bibliothek zeigt.

Zum Schluss möchte ich euch noch alle auf meine neue Gastpost-Aktion in meinem anderen Blog aufmerksam machen, die vor Kurzem gestartet ist. Infos findet ihr hier. Ich freue mich jetzt schon auf jeden einzelnen Text!

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5 Gedanken zu “Estland, mal bibliothekarisch betrachtet

  1. Du wirst lachen: Wir HABEN ein Klavier im estnischen Ferienhaus! – allerdings nicht in dem grünen, sondern nebenan in dem weißen, das wir ‚013 und ‚014 bewohnten . . .

    Die Wortbildung „tulipunkt“ erinnert mich sehr an isländische Gepflogenheiten (eigene Wortschöpfungen statt Übernahme von englischen Ausdrücken).

    1. Stimmt, daran hab ich gar nicht gedacht! Aber man ist ja nicht immer im weißen Ferienhaus.
      An diese isländische Gewohnheit musste ich auch denken. Aber das Wort ist mir in Estland noch nie begegnet oder jedenfalls hab ich es nie bewusst wahrgenommen. Man sieht ja immer nur überall die berühmten Wifi-Schilder.

  2. Mich würde mal interessieren, ob die Einrichtung des Bibliothekswesens und die Statuten dafür nach der Unabhängigkeit auf „eigenem estnischen Mist“ gewachsen sind oder ob das Finnland oder Schweden die Vorbilder waren.

    1. Hm, also ich denke mal schon, dass auch hier ein gewisser skandinavischer Einfluss vorhanden war. Die skandinavischen Länder gehören insgesamt im internationalen Bibliothekswesen, wie bei so vielen anderen Dingen auch, zu den Vorreitern. Das liegt aber zu einem nicht unerheblichen Teil daran, dass es in diesen Ländern sehr gute Bibliotheksgesetze gibt und die Einrichtungen mehr Geld zur Verfügung haben als beispielsweise in Deutschland (das gar kein Bibliotheksgesetz hat) und auch Estland. Außerdem haben Bibliotheken und auch Bibliothekare z. B. in der schwedischen Gesellschaft einen deutlich höheren Stellenwert als in Deutschland, daher ist es für Estland auf jeden Fall wünschenswert, dass sie sich auch in dieser Hinsicht nach Norden orientieren. Ich weiß nicht, wie die Pflichtexemplarregelung in Finnland aussieht, in Lettland ist sie aber jedenfalls nicht so ausdifferenziert wie in Estland (Litauen hab ich noch nicht recherchiert, das kommt noch). Was die technischen Aspekte angeht, kann man, denke ich, schon davon ausgehen, dass das zu großen Teilen auf „eigenem estnischen Mist“ gewachsen ist, man kennt das ja aus vielen anderen Bereichen des täglichen Lebens, das ist wohl einfach eine Mentalitätsfrage. Grundsätzlich kann ich mir jedenfalls gut vorstellen, dass auch das Bibliothekswesen nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit von der klaren Abwendung von Russland und der Orientierung an Skandinavien profitiert hat.

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