Eesti helid – Estnische Töne

Zunächst einmal: Es tut mir leid, dass ich hier so lange nichts mehr gepostet habe (und dass auch mein anderer Blog einige Wochen lang so ziemlich brachlag), aber ich hatte ja schon angedeutet, dass die letzten Wochen des gerade vergangenen Semesters extrem stressig waren und kaum Zeit und Ruhe für Dinge ließen, die weder Hausarbeit noch Projektbericht hießen (ein Reim!). Dann kam Ostern und damit die einzigen paar Tage, die ich in diesem Frühjahr als „Semesterferien“ bezeichnen konnte, denn gestern ging es direkt mit meinem dritten Mastersemester weiter. Dieses wird aber voraussichtlich deutlich entspannter als das zweite, so dass mir – hoffentlich – in Zukunft wieder genug Zeit zur Blogpflege zur Verfügung stehen wird.

Ich hatte ja im letzten Post schon angekündigt, dass ich mich bald einmal kreuz und quer durch den estnischen Anteil des Lineups der diesjährigen Tallinn Music Week hören würde. Das habe ich inzwischen getan und möchte euch nun einige Bands und Künstler vorstellen, zu denen ich jeweils einen Song (wenn möglich mit Video) verlinken werde. Bevor wir zu den estnischen Musikern kommen, die mir besonders aufgefallen sind, möchte ich noch kurz erwähnen, dass es sich bei dem einzigen deutschen Vertreter in diesem Jahr, The Micronaut, um einen Künstler handelt, der zwar aus Rostock kommt, aber in Leipzig lebt und das von mir verlinkte Video auch hier gedreht hat. Außerdem gab es im Rahmen des Festivals einen Auftritt eines weiteren Künstlers, der eine Verbindung zu meiner Wahlheimat hat: Tim McMillan. Der Australier lebt seit einer Weile in Leipzig (oder lebte zumindest im November 2014 noch hier, ich konnte nicht so richtig rausfinden, was da gerade aktuell ist) und hat sogar ein Album nach einem Leipziger Stadtteil benannt: „Wolves of Stünz“.

Aber natürlich sind für mich die estnischen Bands besonders interessant. Bei der Tallinn Music Week, die dieses Jahr übrigens vom 25. bis zum 29. März stattfand, traten insgesamt 204 Acts auf, davon 117 aus Estland. Damit stellte das Land – wie in jedem Jahr – die mit Abstand größte Fraktion. Darunter befanden sich einige Bands und Künstler, die ich hier im Blog schon mindestens einmal erwähnt habe: Badass Yuki, Elephants from Neptune, Frankie AnimalGalvanic Elephants, Marten Kuningas, Metsakutsu, Micucu, Odd Hugo, Tallinn Daggers, Trad. Attack! und Viljandi Guitar Trio. Aber es waren auch eine ganze Menge Musiker dabei, die ich zwar vom Namen her schon länger kenne, deren Musik ich mir aber nie richtig angehört habe, und auch solche, die mir gar nichts sagten. Daher war es sehr spannend, überall mal reinzuhören und Neues zu entdecken. Meine Favoriten aus diesem „Hörmarathon“ möchte ich nun hier vorstellen.

Ich fange an mit den Namen, die mir schon geläufig waren. Darunter befinden sich einige Bands und Künstler, die in Estland einen gewissen Kultstatus haben und/oder die sogar schon über die Grenzen des Landes hinweg bekannt sind, ohne dass mir das vorher so richtig bewusst war. Da wären zunächst einmal Svjata Vatra, eine estnisch-ukrainische Folk-Rock-Band. Ihre Konzerte sind legendär und es ist schwierig, ihnen vollständig zu entgehen, wenn man in Estland lebt. In meiner Zeit in Tartu bin ich der Band und ihrer Musik häufig begegnet, las ihren Namen auf Plakaten, sah ihre CDs in Geschäften und traf auf Leute, die ihre T-Shirts trugen. Aber es ist nicht so leicht, einen Zugang zu der Musik zu finden (jedenfalls ging es mir so), denn sie ist ziemlich speziell. Im Zusammenhang mit diesem Post habe ich ihnen aber noch einmal eine Chance gegeben und muss sagen, dass dieser verrückte Sound – irgendwo zwischen ukrainischer und estnischer Folklore, Rock und Punk – irgendwas für sich hat, auch wenn ich mir das nicht stundenlang anhören könnte. Der Musik von Svjata Vatra wird auf der Homepage der Tallinn Music Week eine „fiery, non-Nordic and extremely masculine energy“ attestiert. Das kann man nun finden, wie man will, eins lässt sich spätestens nach ein paar Live-Videos der Band nicht mehr leugnen, nämlich, dass sie das Publikum extrem begeistert und mitreißt.

Ähnlich verhält es sich mit Gorõ Lana, die allerdings vollkommen andere Musik machen: Hip Hop. Und zwar mit russischen Texten. Sie sind die erfolgreichste russischsprachige Gruppe in der estnischen Hip-Hop-Szene und gelten als „the missing link between the Estonian and Russian speaking audience“. Obwohl ich bei ihren Songs noch viel weniger verstehe als beispielsweise bei Metsakutsu und zur russischen Sprache eigentlich überhaupt keinen Bezug habe (und ein solcher Bezug ist mir gerade bei Hip Hop sonst immer sehr wichtig, damit ich mit den Songs überhaupt etwas anfangen kann), finde ich ihre Musik ziemlich eingängig. Außerdem ist es schön zu sehen, dass es bei all den Problemen, die in Estland zwischen Esten und Russen bestehen mögen, auch Bereiche gibt – wie eben die Musik – , in denen kulturelle Unterschiede keine Rolle spielen: „It doesn’t matter if you don’t understand the lyrics, it’s the energy that brings people together“ (Zitat von der TMW-Homepage).

Großer Beliebtheit erfreut sich auch Sander Mölder, dessen Musik allerdings wiederum in eine völlig andere Richtung geht. Er dürfte einer der bekanntesten DJs und Produzenten elektronischer Musik in Estland sein und ist bei Fans dieses Genres – ähnlich wie der in diesem Blog an anderer Stelle schon erwähnte Firejosé – auch außerhalb seiner Heimat beliebt. Interessant ist, dass Sander Mölder eigentlich eine klassische Musikausbildung absolviert hat, er spielt Cello und hat an der estnischen Musik- und Theaterakademie in Tallinn Komposition studiert. Ebenfalls außerhalb Estlands bekannt ist Bisweed, von dem ich allerdings zuvor noch nie gehört hatte. Bisweed ist der Künstlername von Maksim Adel, der im Alter von nur 13 Jahren anfing, Musik zu produzieren und damit ziemlich schnell erfolgreich wurde. Er hat bereits auf einigen bekannten Labels veröffentlicht und ist unter anderem auch schon in Deutschland aufgetreten. Man muss auf jeden Fall ein gewisses Grundinteresse an elektronischer Musik mitbringen, um mit den Tracks von Bisweed und auch Sander Mölder etwas anfangen zu können. Ich selbst jedenfalls kann mir gut vorstellen, damit meine Soundcloud-Playlist für lange Tage in der FH-Bibliothek ein bisschen zu erweitern. Dies gilt auch für Tronden, ein Duo, deren Musik auf „the combining of the murky with the bright, the acoustic with the electronic and the avant-garde with the pop“ beruht.

Eine weitere Band, deren Name mir schon bekannt war, ist die Super Hot Cosmos Blues Band. Sie existiert jedoch erst seit 2013 und kann daher wohl noch nicht zu den Acts mit Kultstatus gezählt werden. Allerdings hat sich ihr Debütalbum „Countdown to Jesus“, das 2014 erschien, sehr schnell sehr gut verkauft. Auf der Homepage der Tallinn Music Week ist über diese Band Folgendes zu lesen: „there’s always a sense of good old rock’n’roll danger in the air with SHCBB on stage“ – und ich finde, das beschreibt ihren Sound, auch wenn man ihn auf Platte hört, ziemlich gut. Auch Innersound kenne ich schon länger. Leider haben sie erst einen einzigen Song veröffentlicht, aber der ist ziemlich vielversprechend. Die Sängerin der Band, Elina Hokkanen, reiht sich ein in die Riege großartiger weiblicher Stimmen in der estnischen Musikszene, zu der – jedenfalls aus meiner Sicht – unter anderem Mari Jürjens, Iiris, Helena Randlaht von Sibyl Vane und Johanna Eenma von I Wear* Experiment gehören. Und es gibt noch zwei weitere Sängerinnen, deren Stimmen mir sehr gut gefallen (und das will einiges heißen, denn aus irgendwelchen Gründen tue ich mich meist schwer mit weiblichen Singstimmen). Da wäre erstens die von Anett Kulbin, der Leadsängerin der Band Wilhelm, die mir ebenfalls schon seit längerer Zeit ein Begriff ist. Diese Band konnte in Estland innerhalb von nur einem Jahr einige Erfolge feiern, unter anderem stand sie 2013 im Finale des „Noortebänd“-Wettbewerbs, bei dem seit 2001 jedes Jahr die beste estnische Nachwuchsband gekürt wird und über den schon eine ganze Reihe von Bands auch im Ausland bekannt geworden sind. Die zweite weibliche Stimme, die ich hier erwähnen möchte, gehört Mari Kalkun. Diese Musikerin ist allerdings kaum mit den anderen hier genannten Damen zu vergleichen, denn sie hat sich einer ganz besonderen Tradition verschrieben: sie spielt Kannel, die estnische Variante der Zither. Dieses Zupfinstrument, das es in verschiedenen Größen mit unterschiedlich vielen Saiten gibt, spielt eine wichtige Rolle in der estnischen Volksmusik. Die Lieder von Mari Kalkun sind aber auch noch aus einem anderen Grund besonders. Die Sängerin stammt aus dem Landkreis Võrumaa, ganz im Süden Estlands, und singt in dem dort verbreiteten Dialekt, Võro. Trotzdem ist sie schon des Öfteren im Ausland aufgetreten und ihre CDs wurden sogar in Japan veröffentlicht. Neben ein paar eigenen Songs spielt Mari Kalkun bei ihren Konzerten immer auch traditionelle Lieder und pflegt die Tradition des sogenannten Regilaul (wer über diese Gesangstradition mehr erfahren möchte, dem empfehle ich den gleichnamigen Dokumentarfilm). Für jemanden, der sich noch nie mit estnischer Volksmusik beschäftigt hat, sind die Lieder von Mari Kalkun sicher ein guter Einstieg, da sie allein schon durch ihre Stimme begeistert und den Zugang erleichtert. Einen etwas unkonventionelleren Umgang mit der traditionellen Musik ihrer Heimat pflegen Cätlin Mägi und Tiit Kiikas alias Aparaat. Ihr Mix aus Volksmusikelementen und elektronischen Klängen erinnert an Trad. Attack! (siehe oben), aber ich musste an einigen Stellen auch an Mr. Scruff denken. Jedenfalls sind Aparaat ein weiteres Beispiel dafür, dass auch viele junge Esten der Volksmusik ihres Landes verbunden sind und sich gerne von ihr inspirieren lassen.

Eine andere Band, die 2013 ebenfalls im Finale des „Noortebänd“-Wettbewerbs stand und dieses Jahr bei der Tallinn Music Week spielen durfte, ist The Boondocks. Wenn man liest, was auf der TMW-Homepage über diese Band aus Pärnu geschrieben wird – „a groovy and nostalgic take on indie rock with a glossing finish of kick ass swagger and partyhouse pumping […], stylistically deep and ever-changing“ – kann man sich zunächst einmal fragen, was einen da wohl erwartet. Die Antwort ist: vier noch ziemlich junge Mitglieder, eine tiefe Stimme mit einem leichten, aber unverkennbaren estnischen Akzent im englischen Gesang, mitreißende Rockmelodien und Songs mit Titeln wie „Cigarettes R My Only Friends“. Eine vielversprechende junge Band also, bei deren Live-Auftritten wahrscheinlich noch nicht alles superprofessionell abläuft, die aber das Potenzial hat, sich bald in die Herzen des estnischen und vielleicht sogar internationalen Publikums zu rocken. Gleiches gilt für die Band Holy Motors, über die man allerdings nicht viel mehr erfährt, als dass sie sich anscheinend dem Motto „vita brevis, ars longa“ verschrieben haben.

Definitiv erwähnenswert sind St. Cheatersburg, deren psychedelischer Sound an einige Bands der 70er Jahre erinnert und die mir allein schon deshalb gefallen, weil sie eine EP veröffentlicht haben, die den tollen Titel „Art Is the Last Refuge of the Untalented“ trägt. Ihre Liveshows sollen großartig sein, ich hoffe, dass ich irgendwann auch mal in diesen Genuss kommen werde. Auch die Musik von Three Leg Dog, die genau wie St. Cheatersburg aus der estnischen Hauptstadt stammen, wird als Psychedelic Rock bezeichnet, ist allerdings etwas härter im Sound. Als Inspiration benennt die Band unter anderem Led Zeppelin und Deep Purple. Sie beschreibt ihre Songs als eine Kombination aus „powerful riffs, visionary lyrics and mind bending sound textures“ und als „maelstrom of sound that is familiar and irresistible, yet at the same time fresh and stimulating“. Sehr interessant finde ich auch vonKuusk, eine Gruppe von Musikern um den Komponisten und Keyboarder Kaarel Kuusk, die bei ihren Konzerten gerne improvisiert und ihr Publikum daher immer wieder aufs Neue überrascht. Ihr Sound erinnert an den der Argo Vals Band, in der Kaarel Kuusk ebenfalls Mitglied ist. Aber es gibt auch Songs, die nur mit dem Klavier eingespielt wurden und deutlich ruhiger daherkommen. Kaarel Kuusk ist übrigens auch in Deutschland kein Unbekannter, denn eine seiner Kompositionen wurde 2013 beim Leipziger A-Cappella-Festival gesungen.

Zum Schluss kommen wir noch zu drei Bands, die man als Nebenprojekte von Mitgliedern anderer bekannter Gruppen bezeichnen kann. Robert Linna, der Sänger der Elephants from Neptune, trat bei der diesjährigen Tallinn Music Week gleich drei Mal auf. Einmal mit den „Elevandid“, wie die Band in Estland genannt wird, und außerdem als Mitglied von Alaska und Lexsoul Dance Machine. Letztere Band erinnert vom Sound her in einigen Songs relativ stark an die Elephants from Neptune, geht allerdings mehr in die Richtung Blues/Funk/Soul/Jazz, was zu Linnas Stimme wunderbar passt. Wer schafft es, aus dem von mir verlinkten Song alle Lieder herauszuhören, auf die darin angespielt wird? Die Musik von Alaska hingegen dürfte EFN-Fans eher überraschen. Den bei ihrem Namen verlinkten Song sollte man am besten erst ab Minute 2 anhören, dann erkennt man auch Robert Linna am Gesang. Als ich Elephants from Neptune zum ersten Mal hörte, war ich begeistert von der Stimme, hätte aber nicht gedacht, dass sie so vielseitig einsetzbar ist, also auch zu einer ganz anderen Art von Musik passt. Aber Alaska liefert den Beweis. Ähnlich überrascht war ich, als ich erfuhr, dass bei der Band Horror Dance Squad die gleiche Person am Schlagzeug sitzt wie bei Slippery Slope, nämlich Henri Kuusk. Die beiden Bands haben musikalisch nur sehr wenig miteinander zu tun und der Sound von Horror Dance Squad ist überhaupt nicht mein Ding. Ich wollte sie aber trotzdem hier erwähnen, einfach, weil ich es interessant finde, dass einige Musiker in so unterschiedlichen Gruppierungen und Genres zu Hause sind.

Das Lineup der Tallinn Music Week hat auch dieses Jahr mal wieder gezeigt, wie vielfältig die estnische Musikszene ist. Es gefällt mir gut, dass bei diesem Festival Musiker beinahe jeden Genres auftreten, so dass unterschiedliche Zielgruppen angesprochen werden und jeder die Chance hat, neue Musik für sich zu entdecken. Leider konnte ich mal wieder nicht selbst dabei sein, aber wer weiß, vielleicht klappt es ja 2016? Genau wie letztes Jahr kann man auch dieses Mal wieder für seinen Lieblingsact abstimmen. Letztes Jahr hatte ja Metsakutsu gewonnen, das Ergebnis von 2015 steht noch aus. Man darf gespannt sein. Neben der Tatsache, dass ich im Zusammenhang mit diesem Post eine ganze Reihe toller Bands und Künstler kennenlernen konnte, hat das noch recht junge Jahr aber auch schon eine traurige Neuigkeit in Sachen estnische Musik mit sich gebracht. Und zwar haben Tenfold Rabbit, für mich eine der besten estnischen Indiebands überhaupt, am 25. Februar auf ihrer Facebookseite ihre Auflösung verkündet. Gründe haben sie nicht angegeben, sondern sich nur bei all denen bedankt, die sie begleitet haben. Ein letztes Konzert soll es noch geben, ich konnte allerdings nicht herausfinden, wann und wo das stattfinden wird (ich hoffe auf das Indiefest in Tartu, das Stephan und ich im Mai besuchen wollen, das aber noch immer kein Lineup bekanntgegeben hat). Ich finde es sehr schade, dass die Band sich schon nach so kurzer Zeit und nach nur zwei Alben getrennt hat, aber die Jungs werden wohl ihre Gründe haben. Ich hoffe jedoch sehr, dass Andres Kõppers großartige Stimme der Musikwelt nicht gänzlich verloren geht, sondern dass er in anderer Form weiter Musik machen wird.

Das wär’s erstmal von meiner Seite. Vielleicht hat ja der ein oder andere Leser durch diesen Post seine neue Lieblingsband entdeckt. Das würde mich sehr freuen. Und von mir gibt’s in Zukunft wieder mehr zu lesen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s