Blogcharakter und -zukunft

In Vorbereitung auf den bald anstehenden Estland-Urlaub (heute in einem Monat werde ich gerade im Auto sitzen, auf der Fahrt von Tartu nach Haapsalu) habe ich mich mal wieder im Internet umgesehen, um zu erfahren, was in Estland abseits der Musikszene eigentlich gerade so los ist. Das Land war in der letzten Zeit ja gar nicht mal so selten in den internationalen Medien vertreten. Dabei ging es zumeist um die Frage, ob dem Baltikum Gefahr durch Russland droht und um militärische Unterstützung durch andere Länder, unter anderem Deutschland. Ich habe lange überlegt, ob ich zu dieser Frage mal einen Post schreiben soll, habe mich aber inzwischen endgültig dagegen entschieden, auch wenn das vielleicht beim ein oder anderen den Eindruck erweckt (hat), dass ich dieses Thema vollständig ignoriere und so tue, als sei alles immer super in Estland. Dabei fiel mir auch der Begriff des „unkritischen Land XY-Schwärmers“ ein, den meine Eltern benutzen, um Personen zu bezeichnen, die ein bestimmtes Land quasi als Paradies beschreiben und die negativen/problematischen Seiten außer Acht lassen. Ich habe mich gefragt, ob ich in Bezug auf Estland so jemand bin. Nein, falsch, ich weiß, dass ich das nicht bin, denn spätestens, wenn man in einem Land mal eine Weile gelebt hat, wird einem klar, dass es nirgendwo perfekt ist. Ich habe mich also eher gefragt, ob die regelmäßige Lektüre dieses Blogs mich wohl wie eine „unkritische Estland-Schwärmerin“ erscheinen lässt. Es gibt diesen Blog seit mittlerweile fast drei Jahren und ich habe mir diese Frage vorher noch nie gestellt. Und es ist vielleicht ein bisschen seltsam, dass sie jetzt im Zusammenhang mit der Russland-Geschichte in meinem Kopf aufgetaucht ist, denn sollte Estland (bzw. dem ganzen Baltikum) tatsächlich Gefahr drohen, dann wäre das ja nun definitiv nicht die Schuld dieses kleinen Landes, das eben zufällig an den flächenmäßig größten Staat der Welt grenzt. Trotzdem könnte man die Tatsache, dass ich darüber bisher kein einziges Wort hier geschrieben habe, als Zeichen dafür werten, dass ich ganz allgemein die Probleme, die in Estland bestehen, ausblende.

Ich bin letztendlich – wie schon angedeutet – zu dem Schluss gekommen, dass ich darüber nicht schreiben werde. Und zwar aus mehreren verschiedenen Gründen. Zunächst einmal war das hier nie ein politischer Blog und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Ich schreibe hier sehr subjektiv und selektiv über alle möglichen Dinge, die einen Bezug zu Estland haben. Ob ich ein bestimmtes Thema aufgreife oder nicht, hängt in erster Linie davon ab, ob es mich persönlich interessiert oder nicht (was mit ein Grund dafür ist, dass es hier in letzter Zeit so viel über estnische Musik zu lesen gab). Natürlich interessiert mich auch die politische Situation in Estland sehr, aber – und das ist der zweite Grund – ich fühle mich nicht wirklich in der Lage, besonders ausführlich darüber zu schreiben. Das wäre sicherlich anders, wenn ich „irgendwas mit Politik“ studieren würde oder studiert hätte. Ich wage zwar zu behaupten, dass ich mich ausreichend über politische Geschehnisse, insbesondere in Deutschland und Europa, informiere, aber ich kenne mich da nicht besser aus als andere. In diesem konkreten Fall kommt noch hinzu, dass es auch für Experten alles andere als leicht ist, einzuschätzen, inwiefern wirklich von einer Bedrohung gesprochen werden kann, und solange von russischer Seite aus nicht tatsächlich – im wörtlichen und/oder übertragenen Sinne – Grenzen überschritten werden, sehe ich mich nicht in der Position, diese ganze Sache irgendwie zu kommentieren. Über Fakten und tatsächliche Ereignisse kann man sich ja mit Hilfe aller möglicher Quellen informieren. Ein weiterer Grund ist der, dass dieser Blog als eine Art virtuelles Tagebuch entstanden ist, mit dem ich zu Anfang meine Erlebnisse in Tartu festgehalten habe. Das habe ich für meine Familie und Freunde und nicht zuletzt auch ganz einfach für mich selbst getan, um – so kitschig das auch klingen mag – die Erinnerung an diese tolle Zeit aufrecht zu erhalten. Nach dem Ende meines Praktikums ist der Blog dann zu so etwas wie einer Unterhaltungsplattform mit klarer thematischer Begrenzung geworden (siehe dazu auch die Infos) und das gefällt mir gut, auch weil es einen Gegensatz zu meinem anderen Blog darstellt, der kein festes Thema hat und auf dem ich auch ganz anders schreibe als hier (und für einen Post, nebenbei bemerkt, in der Regel viel viel länger brauche als es hier der Fall ist). So möchte ich das gerne weiter handhaben. Hinzu kommt – und das ist eine Art Grundbedingung für alles, was auf diesem Blog passiert – , dass ich nicht immer Zeit und, offen gesagt, auch nicht immer Lust habe, mich so intensiv mit aktuellen Ereignissen zu beschäftigen, dass ich diese in einen Post umsetzen könnte. Oft ist es dann so, dass ein Thema schon zu einem alten Hut geworden ist, wenn ich darüber nachdenke, ob es vielleicht Stoff für einen Post liefern könnte.

Ich habe keine Ahnung, ob irgendjemand da draußen von mir tatsächlich einen Post zum Thema Russland oder aber ein Statement wie dieses hier erwartet hat. Ich weiß ganz allgemein nicht, ob überhaupt irgendwelche Erwartungen an diesen Blog oder an mich als Verfasserin bestehen. Die WordPress-Statistik zeigt jedenfalls, dass der Blog ganz gut besucht ist, wobei man das natürlich nicht annähernd mit irgendwelchen richtig erfolgreichen Blogs vergleichen kann, aber dafür, dass es hier ja doch um ein Nischenthema geht, das zudem noch sehr subjektiv und nicht in der Weltsprache Englisch behandelt wird, kann ich wohl echt zufrieden sein und habe nach wie vor nicht das Gefühl, gegen eine Wand zu schreiben. Das gibt mir ja auch in gewissem Sinne Recht in der Art und Weise, wie ich diesen Blog bisher „geführt“ habe. Ich hatte jetzt gerade einfach das Bedürfnis, mich mal zu dieser Sache zu äußern. Denjenigen, die sich in Bezug auf Estland für Themen wie Politik und Wirtschaft interessieren, empfehle ich die englischsprachige News-Seite von ERR (Eesti Rahvusringhääling, estnischer Nationalrundfunk). Wer Neuigkeiten aus dem gesamten Baltikum lesen möchte, der sollte sich mal die Webseite der englischsprachigen Zeitung The Baltic Times anschauen (und bei einem eventuellen Besuch in Estland, Lettland oder Litauen die gedruckte Ausgabe kaufen). Wer lieber auf Deutsch liest, kann sich auf dem Estland-Blog des Vereins Infobalt e. V. umsehen. Dieser Verein betreibt auch je einen Blog zu Lettland und Litauen. Alle drei Blogs habe ich mir bisher aber nur sehr oberflächlich angesehen und kann daher nicht sagen, ob sich die Lektüre lohnt.

Ansonsten wollte ich noch kurz auf die Zukunft dieses Blogs zu sprechen kommen. Ich hatte ja bereits mindestens einmal angekündigt, dass ich am Layout und am Inhalt der Seiten, die man oben über das Menü aufrufen kann, gerne etwas ändern möchte. Dieser Plan steht nach wie vor und betrifft in Sachen Layout auch meinen anderen Blog. Allerdings habe ich bisher keine Zeit gefunden, ihn in die Tat umzusetzen, und habe auch noch keine konkrete Idee, was man da machen könnte. Da ich die kostenlose Basis-Version von WordPress verwende (und es dabei auch belassen möchte), meine Kenntnisse in diesem Bereich eher begrenzt sind und ich mehr Wert auf Inhalt als auf Design lege, darf man da keine Wunder erwarten. Aber ich werde mich in der nächsten Zeit mal ein bisschen intensiver damit beschäftigen, wundert euch also nicht, wenn der Blog demnächst ab und an mal vorübergehend etwas seltsam aussieht, ich muss rumprobieren … Außerdem wollte ich ja schon seit Ewigkeiten eine Seite mit Tipps zu Übernachtungsmöglichkeiten, Cafés, Museen etc. in verschiedenen estnischen Orten machen, auch das habe ich nicht vergessen, möchte aber den kommenden Urlaub dazu nutzen, mich nochmal genauer umzusehen, was das angeht (außerdem kann ich dann ein paar Orte hinzufügen, an denen ich noch nicht oder schon lange nicht mehr war). Der Urlaub soll außerdem auch dazu dienen, neue Bilder für die „Fotos aus …“-Seiten zu sammeln, die ich ebenfalls umgestalten will. Sollte irgendjemand Tipps oder Anregungen haben, auch was eventuelle Themen für zukünftige Posts angeht, immer her damit!

Zu guter Letzt noch etwas Musik. Ich weiß, das gab es hier in der letzten Zeit im Überfluss, aber diesen einen Song möchte ich hier unbedingt noch einbringen, unter anderem weil er quasi ein Update zu einem im vorletzten Post angesprochenen Thema darstellt. Da schrieb ich darüber, dass sich die Band Tenfold Rabbit vor Kurzem aufgelöst hat und über meine Hoffnung, dass Andres Kõpper, der Sänger der Band, sich nicht gänzlich aus der Musikwelt verabschieden wird. Und was soll ich sagen? Das hat er in der Tat nicht getan. Er hat jetzt ein neues Projekt namens NOËP. Der erste Song, „Move“, gefällt mir gut und ich bin mir sicher, dass er perfekt zum estnischen Sommer passt. Hört und seht selbst. Und wer mehr über NOËP erfahren möchte, kann dieses Interview (auf Englisch) lesen.

Außerdem bin ich über ein weiteres Interview, dieses Mal in Videoform, gestolpert, das ich euch nicht vorenthalten will. Und zwar waren vier Mitglieder der von mir sehr geschätzten Band Galvanic Elephants im September 2014 zu Gast im lettischen Radio, um über ihre Musik zu sprechen. Ihr Kommentar zu dem Video auf Facebook: „Did our best of representing the national stereotype of being wee bit slow“. Ich musste an mehreren Stellen lachen, weil vor allem Sänger Taavi-Peeter Liiv so (stereo)typisch estnisch auf die Fragen der Moderatorin antwortet. Außerdem mag ich einfach den estnischen Akzent im Englischen (nicht wundern, am Anfang spricht die Moderatorin Lettisch, das eigentliche Interview ist auf Englisch). Außerdem erfährt man natürlich eine ganze Menge über die Band und ihre Musik.

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2 Gedanken zu “Blogcharakter und -zukunft

  1. Gut so! Schreib den Blog so weiter wie bisher.
    Das Thema Russland eignet sich derzeit gut für alle möglichen Spekulationen bis hin zu absonderlichen Szenarien. Die Verhältnisse sind mit denen im Fall Ukraine auch gar nicht vergleichbar. Könnte sehr gut sein, dass alles heiße Luft ist, Wichtigtuerei nach dem Motto „Wir sind eine Weltmacht“ . . . . Daran musst Du Dich nicht beteiligen.

    Und ganz richtig: Tagesaktuelles aus Estland ist unter „Eesti Rahvusringhääling“ (www.err.ee) zu finden. Und selbst dort schießen teilweise die Spekulationen aller möglichen zitierten Personen mächtig ins Kraut. Aber natürlich kann man gewisse Befürchtungen der Esten nachvollziehen.

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