Ich habe eine Waffel!

Ja, ich gebe es zu: mir ist kein besseres Wortspiel oder ein sonst irgendwie geistreicher Titel eingefallen, daher musste ich mich bei Woody Allen – oder besser gesagt: dem Übersetzer des Drehbuchs zu „Take The Money And Run“ – bedienen. Ihr kennt ja wahrscheinlich diese Szene aus dem Film, der auf Deutsch den Titel „Der Unglücksrabe“ trägt, in der der Protagonist versucht, eine Bank zu überfallen, was dann aber daran scheitert, dass er seine Drohung in unleserlicher Schrift verfasst hat (oder aber der Bankangestellte sich einfach eine schlaue Taktik zur Überfallverhinderung ausgedacht hat). Ich kenne den Film nur auf Deutsch, wollte aber schon immer mal wissen, wie dieser Wortwitz eigentlich im englischen Original funktioniert. Jetzt habe ich anlässlich dieses Posts – der tatsächlich noch etwas mit Waffeln und auch mit Estland zu tun haben wird, keine Sorge – mal gegoogelt und musste feststellen, dass das wohl eine der seeeehr wenigen Passagen in einem Drehbuch ist, die in der ins Deutsche übersetzten Fassung lustiger ist als in der Originalversion, jedenfalls meiner Meinung nach. Allerdings birgt der kleine Zettel mit der verschriftlichten Drohung in der englischen Fassung gleich zwei Anlässe für ein Missverständnis. Der Bankangestellte liest nämlich in dem Satz „Act naturally as I’m pointing a gun at you“ an zwei Stellen ein „b“, an denen eigentlich ein anderer Buchstabe stehen sollte: „Abt naturally as I’m pointing a gub at you“. Die entscheidende Szene könnt ihr euch hier (auf Englisch) anschauen. So, jetzt muss ich aber irgendwie die Kurve in Richtung Estland bekommen … Ah ja – auf Estnisch funktioniert das Waffe-Waffel-Wortspiel übrigens auch nicht: Waffel heißt vahvel, Waffe heißt relv (oder auch püstol, denn ich gehe mal davon aus, dass bei besagtem Banküberfall, wenn er den stattgefunden hätte, eine Pistole zum Einsatz gekommen wäre). Wäre mal interessant, den Film mit estnischen Untertiteln zu sehen. Aber nun zu den richtigen, essbaren Waffeln! Dafür gibt es hier heute nämlich ein Rezept. Nein, drei. Drei verschiedene Waffelrezepte. Alle aus Estland.

Das erste Rezept beinhaltet eine sehr estnische Zutat: Kama oder auch kamajahu (Kamamehl). Dabei handelt es sich um eine Mehlmischung, die normalerweise aus Weizen-, Roggen-, Gersten- und Erbsenmehl besteht. In Finnland ist die Mehlmischung ebenfalls sehr beliebt und wird dort unter dem Namen talkkuna angeboten. Ich weiß nicht, wie die Finnen es machen, aber die Esten stellen jedenfalls eine ganze Menge verschiedener Dinge mit kama an. Häufig wird es mit Milch (piim), Buttermilch (pett), Sauermilch (hapupiim) oder Kefir (keefir) und, je nach Geschmack, etwas Zucker verrührt und getrunken. An der Selbstbedienungstheke auf der Fähre nach Hiiumaa habe ich zum Beispiel beobachtet, dass so gut wie alle Familienmütter und -väter ihren Kindern ein Glas Kama-Milch-Gemisch mitbrachten (auch wenn hier und da lautstark nach limonaad gequengelt wurde). Aber auch in Kuchen und Desserts findet kama Anwendung, da gibt es immer wieder neue Kreationen. Auch in der Küche zeigt sich die in Estland häufig zu beobachtende Verbindung von Traditionen und modernen Dingen. Das Ganze ist und bleibt aber wohl Geschmackssache, nicht jedem – vor allem nicht jedem Ausländer – schmeckt kama. Ich selbst mag es gerne und bringe mir daher aus Estland auch meistens ein, zwei Packungen mit. Es soll übrigens auch sehr gesund sein.

Kama von der Marke Tartu Mill
Kama von der Marke Tartu Mill

 

Neben dem klassischen Getränk (für mich am liebsten mit Buttermilch, die in Deutschland allerdings eine dünnere Konsistenz hat als in Estland, und einem bisschen Zucker) verwende ich die Mehlmischung am liebsten für Waffeln – kamavahvlid. Waffeln sind in Estland meistens dünn und knusprig, vergleichbar mit Eishörnchen oder den Waffeln, die bei uns, je nach Gegend, unter anderem als Neujahrskuchen, Neujahrshörnchen, Zimtwaffeln oder Eiserkuchen bezeichnet werden. Ich glaube, diese Art von Waffeln ist in Deutschland vor allem im Norden bekannt, jedenfalls backt meine Tante, die in Ostfriesland lebt, zu Silvester immer ganze Dosen voll damit. Für die Herstellung benötigt man ein spezielles Waffeleisen, das es in Estland an jeder Ecke günstig zu kaufen gibt, in Deutschland jedoch etwas schwieriger aufzutreiben ist (jedenfalls, wenn man nicht online kaufen will). Trotzdem sollte man da hierzulande deutlich einfacher rankommen als an eine Packung kama (wobei das Internet auch in dieser Hinsicht wahrscheinlich Abhilfe schaffen kann). Das ist mir bewusst und deshalb gibt es neben dem Rezept für kamavahvlid auch noch ein anderes Rezept für dünne, knusprige Waffeln, und zwar eins, das laut meinem estnischen Pfannkuchen- und Waffelbuch dem uralten Rezept entspricht, mit dessen Hilfe die alten Frauen auf Saaremaa ihren Enkeln und Urenkeln sonn- und feiertags eine Freude bereiten. Beide Rezepte sind von mir erprobt und für gut befunden worden, ich selbst bevorzuge aber eindeutig die Version mit kama, also solltet ihr irgendwie an die Mehlmischung rankommen, probiert es aus.

Dicke, weiche Waffeln, wie wir sie kennen, sind in Estland eher unüblich. Wenn man auf toidutare.ee, dem estnischen Äquivalent zu chefkoch.de, nach Waffelrezepten sucht, findet man fast ausschließlich solche für das flache, knusprige Gebäck aus dem speziellen Gerät. Und auch auf den Speisekarten estnischer Cafés habe ich bisher nur sehr selten Waffeln entdeckt, wie man sie bei uns im Winter in jedem Eiscafé bekommt. Was zum einen daran liegen könnte, dass italienische Eiscafés in Estland praktisch nicht existieren – man isst eigentlich nur Eis am Stiel aus dem Supermarkt oder vom Kiosk – , und zum anderen eventuell auch damit zu tun hat, dass Pfannkuchen sehr beliebt sind, da braucht man vielleicht keine weichen Waffeln. Wer weiß. Jedenfalls habe ich trotzdem noch ein Rezept für dicke, weiche Waffeln rausgesucht, damit alle, die über kein spezielles Eisen für dünne Waffeln verfügen, auch was von diesem Post haben. Dieses Rezept habe ich noch nicht getestet, da es aber von einem meiner liebsten estnischen Foodblogs stammt (nämlich von diesem hier), bin ich mir ziemlich sicher, dass es gelingt und die Waffeln lecker werden. Bilder habe ich nur von der Zubereitung des ersten Rezepts. Hier ist es:

Kamavahvlid

Zutaten:

  • 2 Eier
  • 1 dl geschmolzene Butter oder Margarine
  • 1 dl Zucker
  • 2 TL Vanillezucker
  • 1 Prise Salz
  • 1/2 dl Kama
  • 1 dl Mehl (normales Weizen- oder auch Dinkelmehl)
  • 1 dl saure Sahne (habe ich schonmal durch griechischen Joghurt mit 10 % Fett ersetzt, schmeckt auch)
  • 1 dl kaltes Wasser

Zubereitung

  • Eier, Butter/Margarine, Zucker, Vanillezucker und Salz cremig schlagen.

Butter-Ei-Mischung

  • Kama und Mehl mischen. Diese Mischung zuammen mit der sauren Sahne zu der Ei-Butter-Masse geben und gut unterrühren.
  • Wasser hinzufügen und alles gut verrühren.
  • Den Teig mindestens 15 Minuten ruhen lassen.
So sollte der fertige Teig etwa aussehen
So sollte der fertige Teig etwa aussehen
  • Das Waffeleisen, falls notwendig, mit etwas Butter oder Margarine einfetten und heiß werden lassen.
  • Pro Waffel 2-3 Esslöffel Teig hineingeben und auf der Fläche verstreichen. Da der Teig schnell fest wird, muss man sich dabei etwas beeilen.
Die Bräunung der Waffeln kann man natürlich nach Geschmack bestimmen. Zu hell darf der Teig aber nicht bleiben, sonst wird die Waffel nicht knusprig
Die Bräunung der Waffeln kann man natürlich nach Geschmack bestimmen. Zu hell darf der Teig aber nicht bleiben, sonst wird die Waffel nicht knusprig
  • Die fertige Waffel mit einer Gabel oder einem Spatel auf einen Teller legen. Jetzt muss es ganz schnell gehen, weil die Waffeln sofort beginnen, hart zu werden. Da muss man leider in Kauf nehmen, dass die Finger heiß werden können. Denn nun geht es ans Formen der Waffeln. Bei meinem Waffeleisen war ein spezieller Hörnchenroller dabei (siehe Bilder), den man einfach auf die gebackene Waffel legt und dann eindreht, wobei man mit den Fingern das Ende festhält und ein bisschen nachhilft. Man kann die Waffeln aber auch rund formen, so wie es auf dem Bild aus dem Rezeptbuch der Fall ist. Dafür den Teig einfach mit Hilfe eines Kochlöffelstiels aufrollen.
Fertig geformte Hörnchenwaffel
Fertig geformte Hörnchenwaffel

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Bild aus dem oben erwähnten Rezeptbuch
Runde, längliche Waffeln (Bild aus dem oben erwähnten Rezeptbuch)
  • Geformte Waffeln auskühlen lassen, dazu am besten den Former in der Waffel lassen, bis die nächste geformt werden muss.
  • In Estland serviert man hörnchenförmige Waffeln häufig mit Obstquark, den man, wenn die Waffeln unten richtig zu sind, auch hineinfüllen kann wie bei einem Eis. Ich habe dieses Mal die Waffeln von innen mit geschmolzener Zartbitterschokolade eingestrichen und diese fest werden lassen. Ist zwar nicht unbedingt typisch Estnisch, mein Freund fand es aber dennoch sehr lecker. Man kann die Waffeln aber natürlich auch einfach so wegknuspern.

Schokowaffel

Weiter geht’s mit dem Rezept für die (Ur-)Oma-Waffeln aus Saaremaa. Die Oma heißt auf Estnisch übrigens vanaema, was wörtlich übersetzt Altmutter bedeutet. Und der Opa ist parallel dazu der Altvater, also vanaisa. Uroma und Uropa sind vanavanaema und vanavanaisa, also quasi Altaltmutter und Altaltvater. Zum Zungenbrecher wird das Ganze, wenn man von den Urgroßeltern spricht, die heißen nämlich vanavanavanemad (vanemad sind die Eltern und die werden dann konsequenterweise zu den Altalteltern). Passend dazu wird das Kind, laps, aus Sicht seiner Großeltern zum lapselaps, also zum Kindeskind, und ist für seine Urgroßeltern dann ein Kindeskindeskind – richtig, ein lapselapselaps (ein Wort, das meine eigene Oma begeistert hat und das in unserer Familie zeitweise als Bezeichnung für ihre erste Urenkelin diente). All diese Wörter kann man theoretisch unendlich oft um ein weiteres vana oder ein weiteres lapse erweitern. Aber weil man auch von noch so langen Komposita nicht satt wird, mach ich mal lieber weiter mit besagtem Rezept, das übrigens ein paar mehr Waffeln ergibt als das erste.

Knusprige Waffeln aus Saaremaa

Zutaten:

  • 2 dl geschmolzene Butter oder Margarine
  • 2 1/2 dl Zucker
  • 1 Prise Salz
  • 1 Ei
  • 2 1/2 – 3 dl Mehl
  • 2 1/2 dl Milch

Zubereitung:

  • Geschmolzene Butter/Margarine, Zucker und Salz cremig schlagen.
  • Das Ei unterrühren.
  • Mehl hinzugeben und alles gut verrühren, bis keine Klümpchen mehr zu sehen sind.
  • Die Milch zufügen und rühren, bis der Teig eine dünn-cremige Konsistenz hat.
  • Mit dem Teig so verfahren wie oben beschrieben.

Und zum Schluss noch das versprochene Rezept für – aus deutscher Sicht – „normale“ Waffeln. Mehr oder weniger normal jedenfalls, denn es enhält kaum Zucker (da kann man aber sicher nach Belieben noch mehr zugeben) und es handelt sich um …

Zitronenwaffeln

Zutaten:

  • 3 1/2 dl Mehl
  • 1 TL Backpulver
  • 1 Prise Salz
  • 1 TL Vanillezucker
  • 2 Eier
  • 2 1/2 dl Milch
  • 1/2 dl geschmacksneutrales Pflanzenöl
  • abgeriebene Schale einer Zitrone

Zubereitung:

  • Mehl, Backpulver, Salz und Vanillezucker mischen.
  • Die Eier trennen.
  • Eigelbe mit der Milch verquirlen und mit den trockenen Zutaten gut verrühren.
  • Öl und Zitronenschale unterrühren.
  • Eiweiße steif schlagen und vorsichtig unterheben.
  • Aus dem Teig wie gewohnt Waffeln backen.
  • Sille, die Autorin des oben erwähnten Blogs, serviert die Waffeln auf ihrem Foto mit Puderzucker, frischen Himbeeren und frischer Minze als Garnitur. Sieht sehr lecker aus.

So. Nun lasst es euch schmecken. Bei mir haben die kamavahvlid ein weiteres Wachstum meiner Vorfreude auf den baldigen Estland-Urlaub verursacht. In drei Wochen ist es soweit!

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