Endlich wieder Estland

Diesen Post schreibe ich in unserem Hostelzimmer in Tartu. Im estnischen Fernsehen im Hintergrund läuft der Eurovision Song Contest, den wir nur so nebenbei verfolgen. Hier in Estland ist der ESC eine ziemlich große Nummer, was wohl mit der allgemeinen Liebe der Esten zum Gesang zusammenhängt, oder auch damit, dass Estland als kleines Land zeigen möchte, dass es Musiker zu bieten hat, die sich international nicht verstecken müssen. Der nationale Vorentscheid, ein Wettbewerb unter dem Titel „Eesti Laul“ (Estnisches Lied), wird groß aufgezogen, und viele bekannte Musiker haben mindestens einmal daran teilgenommen – unter anderem auch die von mir sehr geschätzten Bands Elephants from Neptune (2015) und Tenfold Rabbit (2013) sowie Ewert Sundja, der Sänger von Ewert and the Two Dragons (2004). Übrigens hat auch „Eesti otsib superstaari“, also die estnische Version von „Deutschland sucht den Superstar“, einen ganz anderen Stellenwert als „DSDS“ in Deutschland. Diese Show und ihre Kandidaten werden allgemein viel ernster genommen als bei uns, und nicht wenige Sängerinnen und Sänger, die in Estland sehr beliebt und erfolgreich sind, haben ihre Karriere auf diese Weise gestartet. Elina Born, die Estland dieses Jahr beim ESC gemeinsam mit Stig Rästa vertritt, wurde zum Beispiel vor einigen Jahren zweite bei dieser Castingshow. Mich interessiert der ESC eigentlich überhaupt nicht und ich finde die meisten Lieder auch in diesem Jahr ziemlich furchtbar, aber allein aufgrund der Tatsache, dass es hier im Fernsehen estnische Untertitel zu den Liedtexten gibt, ist es ganz nett, sich das so nebenbei anzugucken. Dem estnischen Duo werden ja, soweit ich das mitbekommen habe, ganz gute Chancen auf eine Platzierung ganz weit vorne ausgerechnet. Und vielleicht brauche ich für diesen Post jetzt auch noch so lange, dass am Ende schon feststeht, wie das Ganze ausgegangen ist.

Nun aber genug über kitschige Popliedchen, kommen wir zum eigentlichen Grund für diesen Post. Seit Mittwoch Abend sind wir in Estland. Ich hatte mir pünktlich vorm Urlaub noch eine ziemlich dicke Erkältung eingefangen, mit der ich die letzten vier Tage vor Abreise zugedeckt auf dem Sofa verbracht habe, und die bis heute noch nicht richtig weg ist. Trotzdem ging es am Mittwoch gut gelaunt erst in den Bus nach Berlin, dann in eine kleine Propellermaschine nach Vilnius und schließlich mit einem normalen Flugzeug nach Tallinn. Dort wurden wir von strahlendem Sonnenschein und der üblichen Aussicht auf den Ülemiste-See (inklusiver blau-schwarz-weißer Fahne) begrüßt. Mit dem Bus ging es zum Hostel. Da das „Fat Margaret“, wo wir 2013 vor Silvester übernachtet hatten, ausgebucht war, schliefen wir dieses Mal im „Kohver“ (Koffer). Dieses Hostel ist quasi mitten in der Altstadt, nur wenige Meter vom Viru-Tor entfernt. Es befindet sich in den obersten beiden Stockwerken eines ziemlich großen, alten Hauses. Man muss mit seinem Gepäck eine ganze Menge Stufen nach oben steigen, vorbei an einer Bar und ein paar Wohnungen, dann erreicht man ein verwinkeltes, leicht chaotisch und improvisiert wirkendes, aber gerade deshalb gemütliches Hostel mit zusammengewürfelten Möbeln und knarzenden Parkettböden. Unser Zimmer war im oberen Stockwerk, so dass wir unsere Koffer noch durch eine Küche und dann zwei weitere Treppen nach oben tragen mussten. Das Zimmer an sich war recht groß und hatte zwei Fenster zum Hinterhof. Leider gab es keinerlei Verdunklungsmöglichkeit, so dass wir trotz Müdigkeit nach der langen Anreise erst spät schlafen konnten, denn Ende Mai ist es hier immerhin schon bis etwa 22:15 Uhr hell. Zu Mittsommer hätte ich in diesem Zimmer wahrscheinlich die ganze Nacht kein Auge zugemacht.

Aussicht aus unserem Zimmerfenster
Aussicht aus unserem Zimmerfenster

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Die kuriose Toilette direkt neben unserem Zimmer. Für große Menschen gar nicht mal so leicht zu benutzen.
Die kuriose Toilette direkt neben unserem Zimmer. Für große Menschen gar nicht mal so leicht zu benutzen.

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Kleine Sitzecke am Fenster im Zimmer.
Kleine Sitzecke am Fenster im Zimmer.
Bett
Bett

Wir haben dann nach dem Einchecken noch eine kleine Runde durch die Altstadt gedreht und etwas gegessen. Es war eine ganze Menge los. Wir waren ja in letzter Zeit immer nur im Winter in Estland, das ist ein ganz anderes Bild. Am Mittwoch Abend waren schon relativ viele Touristen unterwegs, unter anderem mehrere deutsche Reisegruppen, die man irgendwie immer direkt von Weitem erkennt. Bei dem schönen Wetter wollten wir eigentlich gar nicht wieder rein, aber irgendwann hat dann die Müdigkeit gesiegt. Geschlafen habe ich trotz der Helligkeit ganz gut, allerdings nur, bis gegen sechs Uhr morgens zwei Besoffene im Hinterhof anfingen, Pfandflaschen von der einen in die andere Tüte und wieder zurück zu packen und dabei lautstark auf Russisch zu lallen. In der Nacht hatte es angefangen, ziemlich stark zu regnen, dazu war die Temperatur auf rund 10 Grad gefallen. Der Hostelinhaber wollte uns beim Auschecken einen schönen Tag wünschen, kam beim Anblick des Regenwetters vor dem Fenster aber nur bis „Have a n…“ und meinte dann: „At least it’s not snowing.“ Insgesamt kann ich das Hostel schon weiterempfehlen, allein schon, weil das Zimmer nur 15 Euro pro Person gekostet hat und die Lage quasi unschlagbar ist, aber man muss sich eben auf die vielen Stufen und die nächtliche Helligkeit einstellen. Die besoffenen Russen werden vermutlich nicht jeden Morgen im Hinterhof Lärm machen, und abgesehen davon war es sehr ruhig, was in einem Altstadt-Hostel in Tallinn nicht unbedingt selbstverständlich ist. Wer leichtes Gepäck hat, in der dunkleren Jahreszeit anreist und mit Treppen kein Problem hat, der ist mit dem „Kohver“ gut beraten.

Mit unserem Leihwagen ging es dann, nachdem wir die Koffer wieder runtergeschleppt hatten, in Richtung Tartu. Allerdings nicht auf direktem Wege, sondern mit ein paar Abstechern. Zuerst fuhren wir nach Rakvere, also in die achtgrößte Stadt Estlands. Sie liegt im Landkreis Lääne-Virumaa, circa 100 Kilometer östlich von Tallinn, aber nicht direkt an der Ostsee. Ich war schon ziemlich lange nicht mehr in Rakvere und hatte nur noch dunkle Erinnerungen an eine Burg, daher war es interessant, die kleine Stadt mal wieder zu besuchen. Außer der Burg gibt es allerdings leider wenig zu sehen. Da es außerdem noch immer ziemlich stark regnete, haben wir nur einen kleinen Spaziergang gemacht und uns dann wieder ins Auto geflüchtet. Hier ein paar Bilder:

Kleiner Park unterhalb des Burghügels
Kleiner Park unterhalb des Burghügels
Kirche am Park
Kirche am Park
Innenstadt
Innenstadt

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Originelle Treppe auf den Burghügel
Originelle Treppe auf den Burghügel
Wenn man oben angekommen ist, sieht man zur einen Seite das ...
Wenn man oben angekommen ist, sieht man zur einen Seite das …
... und zur anderen die Burg
… und zur anderen die Burg
Die Stierstatue in der Nähe der Burg. Der Stier ist Wahrzeichen und Wappentier der Stadt
Die Stierstatue in der Nähe der Burg. Der Stier ist Wahrzeichen und Wappentier der Stadt

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Am Fuße des Burghügels
Am Fuße des Burghügels
Interessantes Fenster
Interessantes Fenster
Das estnische Polizeimuseum
Das estnische Polizeimuseum
Der ziemlich riesige Marktplatz mit diesen seltsamen glockenförmigen Lampen (falls das wirklich Lampen sind)
Der ziemlich riesige Marktplatz mit diesen seltsamen glockenförmigen Lampen (falls das wirklich Lampen sind)
Am Marktplatz gibt es ein nach der deutschen Hauptstadt benanntes Lokal
Am Marktplatz gibt es ein nach der deutschen Hauptstadt benanntes Lokal

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Diese relativ neue Statue am Marktplatz zeigt den international bekannten estnischen Komponisten Arvo Pärt als Jungen. Er wurde in Paide geboren, ist aber in Rakvere aufgewachsen und hat an der dortigen Musikschule seine ersten Klavierstunden genommen.
Diese relativ neue Statue am Marktplatz zeigt den international bekannten estnischen Komponisten Arvo Pärt als Jungen. Er wurde in Paide geboren, ist aber in Rakvere aufgewachsen und hat an der dortigen Musikschule seine ersten Klavierstunden genommen.

Anschließend haben wir noch einen weiteren kleinen Umweg gemacht und sind am Peipsi järv entlang gefahren. Dieser See im Osten Estlands ist der größte des Landes und Grenzsee zu Russland. Wenn man am Ufer steht, hat man den Eindruck, sich am Meer zu befinden. Die kleinen Orten am estnischen Ufer sind nicht sonderlich spannend, aber es lohnt sich auf jeden Fall, mal hier oder da anzuhalten und auf den See hinauszuschauen. Genau das haben wir getan, und zwar in Mustvee. Der Name dieses Ortes bedeutet übersetzt „Schwarzwasser“ und das spiegelt sich auch in der Stadtfahne wider.

Strand in Mustvee
Strand in Mustvee

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Auch hier in Mustvee hat man einen von diesen gelben "Bilderrahmen" aufgestellt.
Auch hier in Mustvee hat man einen von diesen gelben „Bilderrahmen“ aufgestellt.
Am Ortsein-/ausgang von Mustvee wehen die Europäische Fahne (wir befinden uns an der EU-Außengrenze!), die estnische Flagge und die oben angesprochene Stadtfahne.
Am Ortsein-/ausgang von Mustvee wehen die Europäische Fahne (wir befinden uns an der EU-Außengrenze!), die estnische Flagge und die oben angesprochene Stadtfahne.

Bevor wir schließlich nach Tartu fuhren, bogen wir noch am Schloss von Alatskivi ein. Dort war ich auch schon lange nicht mehr, das Schloss ist aber wirklich sehenswert. Leider regnete es nach wie vor, so dass wir schon nach wenigen Minuten weiterfuhren.

Alatskivi Loss
Alatskivi Loss

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Das Schloss von hinten
Das Schloss von hinten
Wenn man einmal um das Schloss herum geht, sieht man das hier
Wenn man einmal um das Schloss herum geht, sieht man das hier
Dieses Schild bezeichnet das Schloss als "märchenhaft"
Dieses Schild bezeichnet das Schloss als „märchenhaft“

Und dann ging es nach Tartu. Schon bei der Ankunft in Tallinn hatte es sich so angefühlt, als sei ich nie weg gewesen, aber als wir nach Tartu kamen, verstärkte sich dieses Gefühl noch einmal. Irgendwie ist diese Stadt noch immer Heimat. Es hat sich allerdings einiges verändert. Die wohl auffälligste Neuerung ist die große Baustelle in der Innenstadt. Das wirklich ziemlich hässliche und angegammelte alte Kaufhaus wurde abgerissen, stattdessen entsteht dort jetzt bis zum Frühjahr 2016 ein neues Einkaufszentrum, in dessen Gebäude auch ein Hotel und einige Wohnungen untergebracht werden sollen. Wie das Ganze einmal aussehen soll, kann man auf der Internetseite der Architekten sehen. Außerdem gibt es auf der Rüütli, der Kneipenmeile, einige neue Bars und Clubs. Auch ein paar neue Street-Art-Motive habe ich entdeckt und auch schon fotografiert, aber die zeige ich euch demnächst separat.

Wir übernachten hier wieder im gleichen Hostel wie letztes Mal, also in dem Studentenwohnheim auf der Pepleri. Das Hostel nennt sich inzwischen „Academus“, sieht aber noch genau so aus wie zu Silvester 2013/2014. Wir haben ein eigenes Bad und eine kleine Kochzeile, das Ganze für 20 Euro pro Person und Nacht. Das Zimmer ist relativ einfach ausgestattet, aber man hat alles, was man braucht, es ist sauber und ruhig und die Lage ist sowieso super (ganz in der Nähe vom berühmten Vanemuine-Theater). Außerdem fühlt man sich fast wie ein Student an der Tartuer Uni, wenn man hier wohnt. Dieses Hostel kann ich vollkommen uneingeschränkt empfehlen, vor allem für einen Aufenthalt von mehr als nur einer Nacht, wenn man Wert darauf legt, sich auch einmal selbst etwas kochen zu können.

Ein kleiner Teil unseres Zimmers
Ein kleiner Teil unseres Zimmers

So. Estland ist lediglich im oberen Mittelfeld gelandet, Schweden hat gewonnen, Deutschland hat 0 Punkte bekommen. Und ich muss langsam ins Bett. Von den anderen bisherigen Reisetagen berichte ich dann demnächst, vielleicht schon morgen, vielleicht aber auch erst, wenn wir wieder in Leipzig sind. Mal sehen.

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3 Gedanken zu “Endlich wieder Estland

  1. Na, da ist der Peipsi-See also doch wieder aufgetaut! Das sah Mitte Februar ganz anders aus: Komplett zugefroren. Man hätte wohl bis nach Russland hinüberlaufen können (gut und gerne 35km). Ich weiß aber nicht, wie das beim Eintreffen am dortigen Ufer mit dem Visum gehandhabt würde . . .

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