Bier, Musik und Moor

Den letzten Post hatte ich ja ziemlich abrupt beendet, weil es schon so spät und ich ziemlich müde war. Dabei hatte ich den ersten Tag noch gar nicht zu Ende erzählt. Das werde ich jetzt schleunigst nachholen. Inzwischen sind wir übrigens wieder in Deutschland (leider), aber trotzdem werde ich natürlich noch über den Rest der Reise schreiben.

Ich hatte ja im Vorfeld mal geschrieben, dass wir die Reise unter anderem deshalb genau auf diesen Zeitraum gelegt haben, weil wir zum Indiefest in Tartu gehen wollten. Das hatten wir geplant, bevor das Programm für das Festival feststand. Im letzten Jahr spielten dort eine Menge Bands, die wir gerne gesehen hätten, in diesem Jahr stellte sich das Lineup letztendlich aber leider als deutlich kleiner und weniger toll heraus. Wäre nicht wenige Tage vor unserer Abreise noch bekannt gegeben worden, dass es an unserem ersten Abend in Tartu ein Eröffnungskonzert mit Slippery Slope geben würde, hätten wir das Festival wahrscheinlich ganz links liegen lassen. So aber freuten wir uns darauf, zumindest ein Konzert zu besuchen (und das für gerade einmal drei Euro pro Person). Dieses fing allerdings erst um Mitternacht an, so dass wir vorher noch Zeit hatten, auf der Rüütli etwas trinken zu gehen. Während wir noch überlegten, welche der vielen Bars wir dafür aufsuchen sollten, sahen wir die drei Jungs von Slippery Slope schon mit ein paar anderen vor einer Bar stehen. Ein paar Meter weiter begegnete uns dann Rando, einer der beiden Sänger von Odd Hugo. Schon wieder so ein Moment, in dem ich gut nachvollziehen konnte, warum einer der ersten Sätze, die mein Estnisch-Lehrbuch vermittelt, lautet: „Kui väike maailm on!“ – „Wie klein die Welt ist!“

Wir entschieden uns dann letztendlich für den J. R. Schrammi Keller. Diese tatsächlich in einem Keller befindliche Bar wurde erst im Januar 2014  eröffnet, dürfte sich seitdem aber sehr schnell zu einer Lieblingslocation sowohl der Einheimischen als auch der Erasmusstudenten und Touristen gemausert haben. Denn sie ist für eine Kellerbar nicht nur sehr schön eingerichtet, sondern bietet auch die größte Bierauswahl, die ich jemals gesehen habe. Die vierseitige Getränkekarte besteht zum allergrößten Teil aus einer nach Ländern geordneten Bierliste, größtenteils handelt es sich dabei um sogenannte Craft-Biere, also solche, die nicht von einer großen Marke, sondern in kleinen Mengen in einer kleinen Brauerei, häufig aus regionalen Zutaten auf traditionelle Art und Weise, gebraut werden. Es gibt nicht nur viele Sorten aus Estland, sondern auch Biere aus Island, Österreich, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Finnland, Lettland, Litauen, Japan, Großbritannien (auf der Karte unterteilt in England, Schottland und Wales), Irland, Belgien, den Niederlanden, Polen, Tschechien, den USA, Kanada, Italien, Spanien, Mexiko, Russland, Deutschland und vielleicht noch einigen anderen Ländern, die mir jetzt nicht mehr einfallen. Von den meisten Marken hatte ich zuvor noch nie gehört. Der absolute Wahnsinn. Leider ist die deutsche Auswahl ein wenig enttäuschend, denn hier finden sich fast nur die wohlbekannten großen Marken (größtenteils bayrische Biere). Aber eigentlich kommt es ja auch nicht in Frage, als Deutscher im Schrammi ein deutsches Bier zu bestellen. Neben den Flaschenbieren gibt es noch rund zehn Sorten vom Fass, außerdem etwa zwanzig verschiedene siider, alkoholfreie Getränke (als alkoholfreies Bier leider ausgerechnet Clausthaler), ein paar kleine Snacks und genau zwei Sorten Wein – nämlich roten und weißen. Das ist eben kein Ort für Weintrinker. Etwas schade finde ich, dass die Karte zu den Bieren außer ihrem Namen, ihrer Herkunft und ihrem Preis nichts weiter verrät. Ich hätte es schon besser gefunden, wenn man vor der Bestellung zumindest gewusst hätte, wie viel Alkohol das nach langer Qual-der-Wahl-Entscheidungsphase ausgewählte Bier hat, und was einen geschmacklich so ungefähr erwartet. Aber das kann man sicherlich alles beim netten Barpersonal erfragen (in unserem Falle war das ein Typ, der aussah, als sei er selbst noch gar nicht im richtigen Alter zum Biertrinken). Bei Stephans Wahl, dem hauseigenen Keller Ööbik, bestätigte sich zumindest unsere Vermutung, dass es sich um ein dunkles Bier handelt (ööbik ist das estnische Wort für Nachtigall). Und lecker war es auch. Wer experimentierfreudig ist und/oder das sonst in Estland übliche Saku und A. Le Coq nicht mehr sehen kann, dem kann ich einen Besuch im Schrammi nur wärmstens empfehlen. Aber auch alle anderen sollten ruhig mal hingehen, denn die Atmosphäre ist toll und lässt sich bestimmt auch bei einer Cola genießen.

Ein Teil der Bierkarte. Leider hatten wir an diesem Abend die Kamera nicht dabei, so dass wir nur mit dem Handy Fotos machen konnten.
Ein Teil der Bierkarte. Leider hatten wir an diesem Abend die Kamera nicht dabei, so dass wir nur mit dem Handy Fotos machen konnten.

Das Konzert von Slippery Slope fand im ebenfalls neuen Club Brooklyn statt. Dieser befindet sich dort, wo früher das Teine Maailm war, in dem ich damals auf der Abschiedsparty für die Erasmusstudenten war. Einige Bereiche in dem Club wurden ziemlich stark umgestaltet, aber ich fühlte mich dennoch sofort an diesen Abend im Dezember 2012 erinnert. Leider lief vor Konzertbeginn übertrieben laute Musik, die gar nicht meinem Geschmack entsprach, und auch die meisten anderen Leute, die sich dort eingefunden hatten, sahen eher nach R’n’B-Party aus als nach einem Indie-Konzert. Es war außerdem auch deutlich leerer, als ich erwartet hatte. Ich kann nicht einschätzen, wie bekannt und beliebt die Band in Estland eigentlich ist, aber ich hatte doch mit einem größeren Publikum gerechnet. Aber egal wie, die drei Jungs haben jedenfalls ordentlich gerockt. Und jetzt, nachdem ich sie live gesehen habe, kann ich mir Schlagzeuger Henri Kuusk auch besser in seiner hier erwähnten anderen Band, Horror Dance Squad, vorstellen. Er gehört nämlich zu den Schlagzeugern, die sich auch alleine mit ihrem Instrument auf die Bühne setzen könnten, ohne dass das Publikum sich langweilen würde. Das Konzert war jedenfalls super, auch wenn die Stimmung mit ein paar mehr Zuschauern sicher besser gewesen wäre.

Slippery Slope live. Leider ebenfalls nur ein Handyfoto
Slippery Slope live. Leider ebenfalls nur ein Handyfoto.

Am Freitag machten wir einen Ausflug. Gemeinsam mit Merit und ihrem Freund fuhren wir in das Naturschutzgebiet Endla. Dieses befindet sich circa 80 Kilometer nordwestlich von Tartu im Grenzbereich der drei Landkreise Jõgevamaa, Järvamaa und Lääne-Virumaa. Das estnische Wort für Naturschutzgebiet ist übrigens looduskaitseala – wenn man das weiß, wundert man sich nicht über estnische Straßenschilder, auf denen was von LKA steht. Im Endla LKA jedenfalls kann man wunderschön auf Holzstegen durch eine Moorlandschaft spazieren. Früher war ich mit meiner Familie öfter dort, und 2011 wollten Stephan und ich auch hin, haben die geplante Wanderung aber wegen Regens abgebrochen. Dieses Mal jedoch schien die Sonne, dazu hatten wir etwa 17 Grad – perfektes Wanderwetter. In Tooma, wo es ein kleines Informationszentrum für Besucher gibt, entdeckten wir ein Schild mit dem Hinweis, dass die Stege aktuell erneuert werden und man deshalb nicht wie gewohnt durch das Moor laufen könne. Da der Beginn der Erneuerungsarbeiten aber gerade einmal zwei Tage zurücklag, beschlossen wir, es trotzdem zu versuchen. Tatsächlich war nichts abgesperrt und es gab auch keine weiteren Hinweise. Allerdings merkte man den Stegen deutlich an, dass eine Erneuerung notwendig ist, viele Planken waren morsch und/oder wacklig, andere fehlten ganz. Richtig gefährlich war es aber nirgendwo. Da sich die Schönheit dieser Landschaft nur schwer in Worte fassen lässt, lasse ich jetzt Bilder sprechen.

Bevor man die Stege erreicht, muss man an einer Pferdeweide vorbei, auf der es jetzt ein paar kleine Fohlen zu sehen gab.
Bevor man die Stege erreicht, muss man an einer Pferdeweide vorbei, auf der es jetzt ein paar kleine Fohlen zu sehen gab.

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Der kleine Frosch fühlt sich in der feuchten Gegend wohl.
Der kleine Frosch fühlt sich in der feuchten Gegend wohl.
Auch die Aussichtstürme im Moorgebiet werden renoviert. Bei diesem hier  hat man als erstes die untere Treppe entfernt.
Auch die Aussichtstürme im Moorgebiet werden renoviert. Bei diesem hier hat man als erstes die untere Treppe entfernt.
Die fehlende Treppe hat unseren Fotografen nicht davon abgehalten, auf den Turm zu klettern. Und für diesen Ausblick hat sich das gelohnt.
Die fehlende Treppe hat Stephan nicht davon abgehalten, auf den Turm zu klettern. Und für diesen Ausblick hat sich das gelohnt.

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Einer von mehreren Seen im Endla LKA.
Einer von mehreren Seen im Endla LKA.

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"Gefahrenzone!" Worin die Gefahr an dieser Stelle konkret bestand, haben wir nicht herausgefunden.
„Gefahrenzone!“ Worin die Gefahr an dieser Stelle konkret bestand, haben wir nicht herausgefunden.
An diesem zweiten Aussichtsturm war ein Schild mit dem Hinweis, dass man nicht daraufsteigen soll, da er einstürzen könnte. Schade. Der Blick von dort oben wäre bestimmt grandios gewesen.
An diesem zweiten Aussichtsturm war ein Schild mit dem Hinweis, dass man nicht daraufsteigen soll, da er einstürzen könnte. Schade. Der Blick von dort oben wäre bestimmt grandios gewesen.

Wir waren ganz schön lange in dem Gebiet unterwegs. Irgendwann kamen die beiden Jungs auf die Idee, eine Abkürzung einzulegen. Und so stapften wir eine ganze Weile über sehr feuchten und matschigen Boden – ich fühlte mich an den Waldausflug mit den Archivkollegen im Herbst 2012 erinnert (nachzulesen am Ende dieses Posts), nur leider hatte ich dieses Mal keine Gummistiefel und war außerdem noch erkältet, so dass ich wenig begeistert war, als meine Füße patschnass wurden. Ob dieser Querfeldeinlauf die Strecke letztendlich wirklich verkürzt hat oder eher doch nicht, weiß ich nicht. Jedenfalls waren wir alle ziemlich müde, als wir das Auto wieder erreichten. Aber alles in allem war das ein sehr schöner Tag, allein schon, weil wir Merit nach fast anderthalb Jahren mal wiedersehen konnten. Den Freitag Abend verbrachten Stephan und ich dann im Hostel, wo wir uns etwas kochten und dann früh schlafen gingen. Schließlich hatten wir uns für den nächsten Tag auch einiges vorgenommen. Davon erzähle ich dann im nächsten Post. Zum Abschluss gibt’s noch das Video zu „Faces“ von Slippery Slope. Außerdem möchte ich an dieser Stelle noch kurz auf die Umfrage hinweisen, die ich zur diesjährigen Gastpost-Aktion in meinem anderen Blog erstellt habe. Vielleicht hat ja der ein oder andere Lust, sie auszufüllen (geht ganz schnell) – falls ja, einfach hier klicken.

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