Mittsommerlich

Nun ist es schon über eine Woche her und ich bin immer noch nicht dazu gekommen, etwas darüber zu schreiben: das Konzert von Odd Hugo in der Wärmehalle Süd hier in Leipzig. Zum dritten Mal in den 13 Monaten, in denen ich jetzt in dieser Stadt lebe, konnte ich die estnische Band nun live hier oder in der Umgebung erleben – und das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass es Odd Hugo erst seit weniger als drei Jahren überhaupt gibt. Aber sie sind von all den estnischen Bands und Künstlern, die ich gerne höre, die einzigen, die wirklich regelmäßig in Deutschland spielen. Nachdem sie 2014 schon zwei Locations im Leipziger Westen (das NochBesserLeben und die Eisengießerei, die es inzwischen leider nicht mehr gibt) besucht und bespielt hatten, kamen sie nun, am 24. Juni 2015, in die Südvorstadt. Von der Größe her sind alle drei Locations gut miteinander vergleichbar, allerdings kann ich nicht so recht sagen, ob jetzt mehr oder weniger Zuschauer da waren als bei den beiden Konzerten im letzten Jahr, da ich sie im April 2014 nicht in Leipzig, sondern in Jena gesehen habe, und sich die Leute in der Eisengießerei auf Esstische verteilten, was ein Einschätzen der Publikumsgröße erschwerte.

Wie dem auch sei, es war jedenfalls ziemlich voll in der Wärmehalle, deren Name viel größer klingt, als das kleine Café ganz in der Nähe meiner FH eigentlich ist. Schon von Weitem erkannten wir den Tourbus – oder besser: Tourvan – mit estnischem Kennzeichen. Am Eingang durfte jeder so viel Eintritt zahlen, wie er wollte, empfohlen wurde ein Betrag zwischen 6 und 9 Euro, und ich glaube, danach haben sich auch wirklich alle gerichtet. Vor der kleinen Bühne befand sich ein Sammelsurium aus verschiedensten Sitzgelegenheiten, Stephan und ich ließen uns in zwei bunt gestreiften Liegestühlen nieder, andere Gäste saßen auf Bierbänken, in Sesseln oder auf Klappstühlen. Es war gleich klar, dass auch dieses Konzert in einer sehr gut zu der Band und ihrer Musik passenden Atmosphäre stattfinden würde. So sehr es den Jungs aus meiner Sicht auch zu gönnen wäre, dass sie eines Tages größere Hallen füllen – so richtig vorstellen kann ich mir das nicht, zumal ich bisher alle drei Konzerte sitzend genießen konnte.

Dieses Mal trat die Band nur zu viert auf, ohne Schlagzeug, was mir aber erst im Nachhinein so richtig auffiel. Gefehlt hat das Schlagzeug auf keinen Fall, ich war eher erstaunt, als ich auf den Bildern vom Konzert in Jena feststellte, dass sie damals eines dabei gehabt hatten. Man merkte der Band an, dass sie inzwischen mehr Erfahrung mit Konzerten im Ausland hat, es wurde viel mehr zwischen den Songs gesprochen als bei den beiden anderen Auftritten, die ich erlebt habe. Das ist auch so eine typisch estnische Sache: die Esten sprechen sehr gut und auch gerne Englisch, sind aber immer davon überzeugt, dass sie es eigentlich nicht gut können und entschuldigen sich entweder dauernd dafür oder reden einfach noch weniger als sie es ihrer Mentalität wegen sowieso tun. Rando, einer der beiden Sänger, merkte außerdem mehrfach an, wie nervös er sei – was dem Publikum aber allenfalls bei seinen Zwischenansagen aufgefallen sein dürfte, bei den Songs dagegen bestimmt nicht. Zu meiner Verwunderung spielten Odd Hugo hauptsächlich Songs von ihrem ersten Album, anstatt, wie viele andere Bands es wohl tun würden, ihr im Oktober erscheinendes zweites Album zu „promoten“. Aber sie überraschten trotzdem, zum Beispiel mit einer alternativen Version ihres Songs „When I was just a lil‘ boy“ (zum Vergleich hier die normale Version) oder mit der Erklärung, dass es sich bei „Kissing in the falling rain“ gewissermaßen um einen Rundumschlag gegen klischeehafte Liebeslieder handelt. Ich hatte den Song bisher immer auf die berühmte Brunnenstatue in Tartu, der Heimatstadt der Band, bezogen.

Ich glaube, das Konzert hat wieder alle Anwesenden, von denen vermutlich nur die wenigsten die Band vorher kannten, beeindruckt und vor allem: glücklich gemacht. Es war an diesem Tag zwar kälter, als man es sich in der momentan herrschenden Hitze vorstellen kann, und wir saßen in einem Café, anstatt im Freien um ein Lagerfeuer zu tanzen, aber für mich war dieser Abend trotzdem fast so etwas wie eine estnische Mittsommerfeier, und ich fand es sehr schön, dass die Jungs von Odd Hugo an diesem Abend in Leipzig für uns spielten, obwohl zu Hause in Estland gerade einer der wichtigsten Feiertage des Jahres begangen wurde. Beliebt gemacht hat sich die Band wohl auch mit folgender Aussage des Sängers Oliver: „I like Leipzig for some reason … rather than Berlin, Hamburg, München – or Chemnitz!“ Das ist ja schon fast so, als würde man in Düsseldorf sagen, Köln sei doof, oder umgekehrt. Und einer solchen Band, die mit dem Auto aus Estland angereist kommt, um in kleinen Cafés gegen „all you can pay“- Spende vor kleinem Publikum zu spielen, glaubt man solche Worte auch wirklich.

Nach dem Konzert wurden T-Shirts verkauft – das gab es bisher noch nie. In Handarbeit hatten die Jungs das Coverdesign ihres zweiten Albums „Pocket“ auf graue Shirts gedruckt. Und wer ein solches kaufte („Oh really?“, war Randos Reaktion, als ich nach einem Shirt fragte), bekam etwas besonderes dazu, nämlich das Recht, das Album noch vor Erscheinen der CD herunterzuladen – mit Option auf spätere Zusendung einer CD. Dazu musste man nur seine E-Mail-Adresse aufschreiben. Habe ich natürlich getan. Dann haben wir Rando noch erzählt, dass wir ihn Ende Mai in Tartu auf der Rüütli gesehen haben. „That must have been a great day for you, then“, sagte er, und dann stellte sich heraus, dass nicht nur wir ihn erkannt hatten, sondern, dass auch er wusste, wer wir waren. Wir mussten ihm in Bezug auf unsere Namen zwar etwas auf die Sprünge helfen, aber ihm war offensichtlich aufgefallen, dass wir öfter mal die Beiträge der Band auf Facebook und anderen Plattformen kommentiert und/oder „geliket“ hatten, wie es so schön (?) heißt. Da soll nochmal einer sagen, „Likes“ in Social Media seien lediglich eine Zahl, eine anonyme Masse, von der den, dem sie gelten, allenfalls ihre Größenordnung interessiert. Rando nannte uns „Kumpels“ (auf Deutsch), das T-Shirt habe ich schon mit Stolz getragen und jetzt freue ich mich darauf, vermutlich Ende September eine Mail aus Estland zu bekommen.

Ich weiß, dass ich das schon mindestens zwei Mal in diesem Blog geschrieben habe, aber trotzdem wiederhole ich es auch hier nochmal: bei der nächsten Odd-Hugo-Deutschland-Tour (vermutlich schon dieses Jahr im Herbst), geht auf jeden Fall zu einem Konzert in eurer Nähe! Nicht nur wegen der wunderbaren Musik und der sympathischen Band (die übrigens, was meine Mutter sicher begeistern wird, den Aufenthalt in Deutschland auch dazu genutzt hat, das Musikhaus Thomann aufzusuchen), sondern auch, weil solche Konzerte immer eine gute Gelegenheit sind, schöne kleine Locations (wieder-) zu entdecken. Leider habe ich an diesem Abend keine Fotos gemacht und das T-Shirt ist – wie so ziemlich alle anderen sommerlichen Klamotten bei diesem furchtbaren Wetter – gerade in der Wäsche, aber das Design kann man in etwa erahnen, wenn man sich den Flyer vom damaligen Konzert in der Eisengießerei ansieht. Auch auf dem Shirt ist ein Haus zu sehen, aus dem ein roter Baum wächst.

Odd Hugo Flyer

 

Da es trotz der offensichtlich vorhandenen Deutschlandvorliebe der Odd-Hugo-Jungs insgesamt leider sehr selten vorkommt, dass estnische Bands hierzulande Konzerte spielen, habe ich einfach mal eine Soundcloud-Playlist mit estnischer Musik zusammengestellt. Sie umfasst die verschiedensten Musikrichtungen von Indie und Folk über Elektro bis hin zu HipHop. Es finden sich Lieder auf Estnisch, Englisch und Russisch sowie einige rein instrumentale Sachen, zwei haben auch einen deutschen Titel, allerdings keinen deutschen Text. Gemeinsam haben alle Songs – neben der Tatsache, dass sie von estnischen Künstlern stammen – , dass sie mir auf die eine oder auch eine ganz andere Weise gefallen. Daher fehlen einige Genres, zudem gibt es natürlich nicht alles auf Soundcloud (von Jäääär zum Beispiel leider so gut wie gar nichts). Außerdem habe ich mich auf moderne Musik konzentriert, von Interpreten, die fast alle bis heute noch Musik machen. Momentan enthält die Playlist 164 Songs, aber ich denke, dass ich sie in Zukunft sicher ab und an erweitern werde. Ihr könnt ja einfach mal reinhören und ein bisschen durchklicken, es dürfte eigentlich für (fast) jeden irgendwas dabei sein. Und selbst wenn nicht – die Vielseitigkeit der modernen estnischen Musikszene wird auf jeden Fall deutlich. Noch ein Hinweis: die Songs in der Playlist haben keine besondere Ordnung, das ist eher zufällig so entstanden, vielleicht klickt ihr einfach sowieso auf Shuffle. Viel Spaß! Hier entlang!

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