Winter im Nordosten, Teil 1

Die kleine Tour mit meiner Schwester und meinem Vater ist seit Montag Abend vorbei und war natürlich viel zu kurz, aber im Grunde ist doch jeder Estland-Urlaub viel zu kurz, auch wenn er länger geht als nur vier Tage. In diesen vier Tagen haben wir allerdings eine ganze Menge gesehen, erlebt und fotografiert, wovon ich nun in zwei Teilen und mit vielen Bildern berichten möchte.

Los ging es vergangene Woche Freitag Abend am Flughafen Weeze, wo die Esten, die mit uns im Gate saßen, nicht schlecht staunten, als plötzlich ein kleiner, aber sehr lauter Karnevalszug mit Trommeln und allem Drum und Dran durch die Schalterhalle zog. Für uns gab es dann auch eine Überraschung, als wir in Tallinn landeten: es lag Schnee, und gar nicht mal wenig. Weder der Wetterbericht noch die Tallinn-Webcam hatte uns Grund zur Hoffnung auf wirklich winterliches Wetter gegeben, aber die Stadt war dann doch von einer schönen weißen Schicht überzogen, weshalb wir uns nach einem schnellen Abendessen und dem Einchecken im Hotel „Shnelli“ (direkt am Bahnhof) noch zu einem kleinen Rundgang durch die Altstadt aufmachten. Als ich das letzte Mal im Winter in Tallinn war (kurz vor Silvester 2013/2014), lag überhaupt kein Schnee, und auch in der Vorweihnachtszeit 2012 schien der Himmel lediglich ein kleines bisschen Puderzucker über den Dächern verteilt zu haben. So war es für mich das erste Mal, dass ich die Hauptstadt richtig im Schnee zu sehen bekam. Bei diesem Abendspaziergang hatte ich meine Kamera leider nicht dabei, mein Vater allerdings schon, so dass ich für diesen Teil des Posts auf ein paar seiner Bilder zurückgreifen muss (er sagte, er übertrage meiner Schwester und mir sein Urheberrecht, aber ich habe natürlich im Studium aufgepasst und weiß, dass das gar nicht möglich ist – was dann zu einer Art Running Gag während der Reise wurde).

Das Rathaus
Das Rathaus
Auf dem Rathausplatz
Auf dem Rathausplatz

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Teil der historischen Stadtmauer, deren Gesamtlänge heute noch fast zwei Kilometer beträgt
Teil der historischen Stadtmauer, deren Gesamtlänge heute noch fast zwei Kilometer beträgt
Im Rahmen des talvefestival (Winterfestival) gab es an diesem Wochenende beleuchtete Eisskulpturen zu sehen. Im Hintergrund sieht man das Hotel, in dem wir übernachtet haben
Im Rahmen des talvefestival (Winterfestival) gab es an diesem Wochenende beleuchtete Eisskulpturen zu sehen. Im Hintergrund sieht man das Hotel, in dem wir übernachtet haben

In Tallinn fand an diesem Wochenende ein Teil der europäischen Qualifikationsspiele für die Hallenhockey-WM statt, die Ende des Jahres in Riga ausgetragen wird, und sämtliche an dieser Quali-Runde beteiligte Mannschaften übernachteten im gleichen Hotel wie wir. In den Zimmern gegenüber unseren war ein Teil des dänischen Teams untergebracht, beim Frühstück am Samstag Morgen begegneten wir außerdem noch Sportlern aus Finnland, Österreich und den Niederlanden sowie auch der estnischen Mannschaft, die sich am Ende übrigens zusammen mit Finnland direkt für die WM qualifizierte (Dänemark landete auf Platz 3 und hat damit auch noch Chancen). Unsere Zimmer lagen nach hinten raus, so dass wir unmittelbar mitbekommen konnten, was sich auf dem Balti Jaam, dem Tallinner Bahnhof (dessen Name wörtlich übersetzt „baltische Station“ bedeutet) abspielte. Das „Shnelli“ ist das perfekte Hotel für Trainspotter. Seit nur noch die neuen, orangefarbenen Züge fahren, über die ich vor rund zwei Jahren schonmal schrieb, macht das Ganze einen chiceren und moderneren Eindruck als noch im Sommer 2012, als ich zum ersten Mal die Strecke von Tallinn nach Tartu mit dem Zug zurücklegte – was damals noch gut vier Stunden in Anspruch nahm, heute nur noch etwa zweieinhalb.

Der letzte Zug am Freitag Abend fuhr nach Pääsküla. In diesem Stadtteil von Tallinn befindet sich das Zugdepot.
Der letzte Zug am Freitag Abend fuhr nach Pääsküla. In diesem Stadtteil von Tallinn befindet sich das Zugdepot.
Morgens fuhr unter anderem ein Zug nach Tartu
Morgens fuhr unter anderem ein Zug nach Tartu

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Nach dem Frühstück – natürlich mit estnischem Schwarzbrot und Frühstücksbrei mit Marmelade – machten wir uns auf in Richtung Osten. Unseren ersten Zwischenhalt legten wir am Jägala-Wasserfall ein, von dem wir bei der Planung der Reise ursprünglich gehofft hatten, er könnte komplett eingefroren sein. Dazu war es jetzt aber zu warm. Trotzdem bot sich ein ganz anderes Bild als bei meinem letzten Besuch im Mai 2015.

DSC_0046 DSC_0051 DSC_0066 DSC_0067 DSC_0072Unser Ziel für diesen Tag war Narva, die östlichste und drittgrößte Stadt Estlands (circa 58.400 Einwohner). Wir waren allerdings nicht in Eile und hielten deshalb unterwegs hier und da an, um uns umzusehen, Fotos zu machen und das schöne Winterwetter zu genießen. Es war den gesamten Samstag über trocken, manchmal zeigte sich auch die Sonne, und bei -3 Grad blieben Schnee und Eis in dem Zustand, in dem wir sie haben wollten.
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"Hier gibt es keinen Fisch!"
„Privat“, „Hier gibt es keinen Fisch!“
Am mõis (Herrenhaus) von Vihula
Am mõis (Herrenhaus) von Vihula

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Eine besonders schöne Stelle am Meer
Eine besonders schöne Stelle am Meer

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Einen längeren Zwischenstopp machten wir an der Burgruine von Toolse. Diese ist sowohl die nördlichste als auch die jüngste mittelalterliche Burg im Land. Sie befindet sich direkt am Meer, so dass wir neben dem eigentlichen Gemäuer auch ein altes Holzboot, Fischernetze und Eisstücke im Wasser zu sehen bekamen. Sich dort zu bewegen, war ein bisschen abenteuerlich, da es an manchen Stellen glatt war und man nie so recht wusste, was einen beim nächsten Schritt erwartete.

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Nachdem wir Tallinn am Morgen hinter uns gelassen hatten, waren wir hauptsächlich in der Natur unterwegs. Am Nachmittag jedoch erreichten wir den Landkreis Ida-Virumaa. Der östlichste Landkreis Estlands ist ein wichtiger Industriestandort, dort wird Ölschiefer abgebaut und der Großteil des im ganzen Land benötigten Stroms produziert. Dies führt zu einer sehr problematischen ökologischen Situation in der Region, hinzu kommt, dass die Industriestädte nicht gerade als besonders schön bezeichnet werden können. Wer nur Tallinn und Tartu oder auch ein paar kleinere Städte wie Viljandi oder Haapsalu kennt, dem wird hier klar, dass estnische Städte auch hässlich sein können. Estland hat eben viele Gesichter, und auch dieses gehört dazu. Der Anteil der russischen Bevölkerung ist in diesem Landkreis mit fast 73 Prozent der höchste im ganzen Land (auf Platz zwei ist Tallinn mit 36,5 Prozent, der Landesdurchschnitt liegt bei rund 25 Prozent, die Inseln Saaremaa und Hiiumaa kommen auf noch nicht einmal ein Prozent), die Esten sind hier also deutlich in der Minderheit. Im Gegensatz zu den meisten anderen Gegenden im Land sieht es in Ida-Virumaa noch an ziemlich vielen Ecken so aus, als habe sich seit dem Ende der Sowjetunion kaum etwas verändert. Ein paar Beispiele dafür seht ihr auf den folgenden Bildern, die alle mein Vater gemacht hat, weitere Fotos mit Sowjet-Atmosphäre gibt es dann auch im zweiten Teil des Reiseberichts, den ich in ein paar Tagen posten werde.

Die Kleinstadt Kunda. Hier gibt es eine große Zementfabrik
Die Kleinstadt Kunda. Hier gibt es eine große Zementfabrik
Plattenbauten in Kunda
Plattenbauten in Kunda

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Am Stadtrand von Kunda befindet sich der Lontova seikluspark (Abenteuerpark). Dort gibt es ein schönes Café, in dem wir einen Kaffee getrunken und auf die verschneite Landschaft geblickt haben.
Am Stadtrand von Kunda befindet sich der Lontova seikluspark (Abenteuerpark). Dort gibt es ein schönes Café, in dem wir einen Kaffee getrunken und auf die verschneite Landschaft geblickt haben.

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Nein, der Nordosten Estlands ist nicht bergiger als der Rest des Landes - das hier ist ein Ascheberg in der Stadt Kiviõli (deren Name übrigens passenderweise "Steinöl" bedeutet). Hier gibt es seit einigen Jahren ein "Adventure Center", man kann unter anderem Ski und Motocross fahren.
Nein, der Nordosten Estlands ist nicht bergiger als der Rest des Landes – das hier ist ein Ascheberg in der Stadt Kiviõli (deren Name übrigens passenderweise „Steinöl“ bedeutet). Hier gibt es seit einigen Jahren ein „Adventure Center“, man kann unter anderem Ski und Motocross fahren.
In der Innenstadt von Kiviõli
In der Innenstadt von Kiviõli

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Seltsame Straßenführung
Seltsame Straßenführung.

Einen letzten ausführlicheren Zwischenstopp vor der Ankunft in Narva legten wir an einem weiteren Wasserfall ein. Und auch diese interessante Stelle in der nordostestnischen Natur kann mit einem Superlativ aufwarten: der Valaste juga ist mit 30,5 Metern der höchste in Estland. Im Gegensatz zum Jägala juga ist er allerdings sehr schmal – und war daher tatsächlich komplett eingefroren.

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Schließlich, bereits im Dunkeln, erreichten wir Narva, wo wir im gleichnamigen Hotel übernachteten. Bevor wir eincheckten, steuerten wir aber noch die wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt an, die Hermanni linnus (Hermannsfestung). Diese liegt an dem Fluss, der ebenfalls Narva heißt, und die Grenze zwischen Estland und Russland und damit eine der EU-Außengrenzen bildet. Auf der anderen Seite des Flusses liegt die russische Stadt Ivangorod, die mit unter 10.000 Einwohnern jedoch deutlich kleiner ist als Narva. Von 1919 bis 1945 gehörte Jaanilinn, wie die Stadt auf Estnisch heißt, zu Estland. Auch Ivangorod verfügt über eine Festung am Fluss, das Festungspaar dürfte eines der unter Estlandtouristen beliebtesten Fotomotive außerhalb von Tallinn sein. Die beiden Städte verbindet eine Brücke, auf der Autofahrer oft mehrere Stunden warten müssen, bis sie – natürlich nur mit Visum – nach Russland einreisen dürfen. Bevor wir die Stadt erreichten, mutmaßte mein Vater eher zum Scherz, dass die estnische Festung sicher beleuchtet sei, die russische jedoch nicht. Tja, was soll ich sagen, er hatte tatsächlich Recht.

Links ist Estland, rechts Russland - aber den flächenmäßig größten Staat der Erde kann man hier in der Dunkelheit allenfalls erahnen.
Links ist Estland, rechts Russland – aber den flächenmäßig größten Staat der Erde konnte man in der Dunkelheit allenfalls erahnen.

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Wir verschoben eine genauere Besichtigung der Stadt, in der ich zuvor seit über zehn Jahren nicht mehr gewesen war, auf den nächsten Morgen, gingen noch eine Pizza essen und begaben uns dann ins Hotel. An dieser Stelle verabschiede ich mich vorerst mit zwei Bildern vom Blick aus dem Hotelfenster.

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P. S.: Wer sich nicht nur für Estland interessiert, sondern auch für Ungarn, dem empfehle ich den noch ziemlich neuen Budapest-Blog meiner Schwester Laura, auf dem sie diese wunderschöne Hauptstadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten und Geheimtipps vorstellt, Hintergrundinformationen zu Geschichte und Politik gibt und tolle Bilder präsentiert.

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