Winter im Nordosten, Teil 3

(… an diesem letzten Tag waren wir zwar nicht mehr wirklich im Nordosten, aber ich belasse es einfach trotzdem mal bei diesem Titel.)

Während die meisten Leute in unserer Heimat den Montag in der vergangenen Woche vermutlich mit Karnevalfeiern verbrachten, hatten wir einen letzten Tag in Estland vor uns. Da wir erst am Abend wieder zurückfliegen mussten, konnten wir diesen noch gut ausnutzen. Den Frühstücksraum des „Shnelli“ hatten wir dieses Mal fast für uns alleine, nur ein paar Mitglieder der österreichischen Hallenhockey-Mannschaft waren noch anwesend. Statt uns nach dem Frühstück direkt ins Auto zu setzen, begaben wir uns zu Fuß zu dem ehemaligen Industriegelände Telliskivi, das sich direkt hinter dem Bahnhof befindet. Es ist als „Loomelinnak“ oder auch „Creative City“ bekannt, denn in den letzten Jahren haben sich in diesem Areal eine Menge Kreativer mit Läden, Werkstätten und Cafés niedergelassen. Neben Kalamaja und dem Rotermanni Kvartal (über das ich hier schrieb) ist Telliskivi also eins der „In-Viertel“ der estnischen Hauptstadt. Leider öffnen die Geschäfte dort montags erst um 11 Uhr, so dass wir keinen Blick hineinwerfen konnten. Aber da es mit 3 Grad sehr angenehm war und der Schnee sich in Tallinn inzwischen schon fast komplett verabschiedet hatte, machten wir einen Rundgang. Dabei sind neben den nun folgenden Fotos auch ein paar Street-Art-Bilder entstanden, die ich demnächst separat posten werde.

Auf dem Weg Richtung Telliskivi
Auf dem Weg Richtung Telliskivi
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Das Restaurant rechts heißt „Fliegender Teller“

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In dieser Bar, die übersetzt "Stein, Papier, Schere" heißt, haben schon einige meiner estnischen Lieblingsbands Konzerte gespielt
In dieser Bar, die übersetzt „Stein, Papier, Schere“ heißt, haben schon einige meiner estnischen Lieblingsbands Konzerte gespielt

Wer mehr über Telliskivi und alles, was dort so stattfindet (Flohmärkte, Konzerte, Partys, Comedy-Events, und und und), wissen möchte, kann sich auf der offiziellen Internetseite informieren, auch auf Englisch.

Kurz nachdem wir Tallinn verlassen hatten, fing es an zu regnen. Der Regen wurde später zu Schneeregen, und auch an diesem Tag blieb es die meiste Zeit über grau, allerdings war es nicht mehr so neblig wie noch am Sonntag. Wieder ließen wir uns auf der Fahrt Zeit und hielten einfach überall da an, wo wir gerade wollten, um Fotos zu machen.

Glänzt!
Glänzt!
Mein Vater sammelt schon seit Jahren Bilder von kleinen Dorfläden. Diese sterben in der letzten Zeit immer mehr aus, aber dieser hier geht neu in seine Sammlung ein
Mein Vater sammelt schon seit Jahren Bilder von kleinen Dorfläden in Estland. Diese sterben in der letzten Zeit immer mehr aus, aber dieses Bild hier geht neu in seine Sammlung ein

Wir fuhren dann nach Rummu. Das ist ein eigentlich wenig attraktives Dorf etwa 45 Kilometer südwestlich von Tallinn, in der Nähe von Keila. Bekannt ist es für Kalksteinabbau und das Gefängnis Murru, in dem ein paar „ganz harte Jungs“ sitzen sollen. Wieso steuert man einen solchen Ort gezielt an? Nun ja, ich hatte in den letzten Monaten im Internet, vor allem auf Instagram, immer wieder Fotos von einer im erstaunlich türkisen Wasser eines Sees stehenden Ruine eines alten Sowjetgefängnisses gesehen. Unter anderem wurde diese auf einer amerikanischen Seite als einer von zehn Orten in Estland, „die man gesehen haben muss“, empfohlen. Da keiner von uns zuvor je davon gehört hatte, dass es in Rummu eine solche Sehenswürdigkeit gibt, beschlossen wir, einfach mal hinzufahren. Die Ruine zu finden, war letztendlich jedoch alles andere als „einfach“. Ausgeschildert ist das Ganze nicht, was allerdings selbst in Estland, wo sonst jede noch so kleine interessante Stelle ein Hinweisschild erhält, wenig erstaunlich ist. Wir waren uns noch nicht einmal sicher, ob man die Ruine nicht vielleicht nur halblegal durch Eindringen auf das Gelände des heute noch genutzten Gefängnisses erreichen könnte. Bei Schneeregen und grauem Himmel bot Rummu wirklich keinen besonders schönen Anblick, das heute noch genutze Gefängnis ist groß und wirkt etwas bedrohlich. Mehrfach fuhren wir durch das Dorf und bogen in kleine Seitenstraßen ab, fanden aber zunächst nichts. Mir war zwar klar, dass die Ruine bei diesem Wetter nicht halb so schön aussehen würde wie auf den tollen Bildern im Internet, aber irgendwie wollte ich es nicht auf mir sitzen lassen, dass alle möglichen Leute die Ruine gefunden, fotografiert und als sehenswerten Ort empfohlen hatten, wir nun aber nicht in der Lage sein sollten, auch nur einen Blick darauf zu werfen. Als wir schon kurz davor waren, aufzugeben, folgten meine Schwester und ich einer letzten Vermutung und gingen im dichten Schneeregen einen nicht gekennzeichneten Fußweg am noch genutzten Gefängnis vorbei – und wir sollten Recht behalten, da war sie, die Ruine von den Internetbildern. Wirklich kein besonders aufregender Anblick bei dem Wetter, aber ich war froh, dass wir nicht unverrichteter Dinge wieder fahren mussten (zwischendurch hatte mich schon das blöde Gefühl beschlichen, das Ganze könne sich in einem östlich von Tallinn gelegenen anderen Dorf gleichen Namens befinden). Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Ort im Sommer faszinierend aussieht. Wenn ich das nächste Mal bei anderen Wetterverhältnissen in Estland bin, werde ich mir das nochmal anschauen.

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Ich habe ein Video gefunden, mit dessen Hilfe man eine Vorstellung davon bekommt, wie es dort im Sommer aussieht. Allerdings wundert es mich, dass die Leute in dem Video an dieser Stelle im See schwimmen, ich habe mehrere Schilder gesehen, auf denen stand, genau das sei verboten. Und wie sicher es ist, in dem alten Gebäude rumzuklettern, weiß ich auch nicht. Aber ich finde das Video auf jeden Fall ziemlich beeindruckend.

Nach diesem kleinen Abenteuer fuhren wir weiter in den Westen, in Richtung Haapsalu. Auf dem Weg war es an manchen Stellen noch einmal erstaunlich winterlich, obwohl die Temperatur den ganzen Tag nicht unter Null sank.

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Die Post im Dorf Padise, laut meinem Vater eines der hässlichsten Gebäude in ganz Estland
Die Post in Turba, laut meinem Vater eines der hässlichsten Gebäude in ganz Estland

Bevor wir in Haapsalu richtig in die Stadt hineinfuhren, begaben wir uns zum Hafen von Rohuküla, von dem aus man mit der Fähre auf die Inseln Hiiumaa und Vormsi fahren kann. Auch hier trieb noch mehr Eis auf der Ostsee, als wir erwartet hatten, und mein Vater verbrachte eine ganze Weile damit, das Treiben am Hafen zu beobachten und zu fotografieren.

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In Haapsalu parkten wir unser Auto schließlich in einer Seitenstraße und machten einen Spaziergang am Wasser und in der Innenstadt. Ich mag diese kleine Stadt einfach bei jedem Wetter sehr, sehr gerne, die bunten Häuser, die ruhigen Straßen, die vielen Zugänge zum Wasser. Und die Tatsache, dass man hinter jeder Ecke etwas entdecken kann – kein Wunder, dass hier der Kinderfilm „Väikelinna detektiivid“ („Kleinstadtdetektive“) gedreht wurde.

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Die Eisstraße von Haapsalu nach Noarootsi ist geschlossen. Sie dürfte laut Schild aber sowieso nur bei Tageslicht, mit maximal 70 km/h und nur innerhalb des markierten Bereichs befahren werden. Anhalten ist auch verboten. Ist der Nebel so dicht, dass man weniger als 300 Meter weit sehen kann, wird die Straße auch bei ausreichender Eisschicht geschlossen.
Die Eisstraße von Haapsalu nach Noarootsi ist geschlossen. Sie dürfte laut Schild nur bei Tageslicht, mit maximal 70 km/h und nur innerhalb des markierten Bereichs befahren werden. Anhalten ist auch verboten. Ist der Nebel so dicht, dass man weniger als 300 Meter weit sehen kann, wird die Straße auch bei ausreichender Eisschicht geschlossen.
"Parken mit laufendem Motor verboten" - mit laufendem Motor irgendwo rumstehen ist, wie ich damals in Tartu feststellte, im Winter eine Art Volkssport in Estland, vor allem unter Taxifahrern.
„Parken mit laufendem Motor verboten“ – mit laufendem Motor irgendwo rumstehen ist, wie ich damals in Tartu feststellte, im Winter eine Art Volkssport in Estland, vor allem unter Taxifahrern.

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"Ilons Wunderland" ist ein Museum rund um das Werk der estnisch-schwedischen Illustratorin Ilon Wikland, die vor allem für die Illustrationen in sehr vielen der Astrid-Lindgren-Büchern bekannt ist. Sie wurde 1930 in Haapsalu geboren und wuchs dort auf, bis sie im Alter von 14 nach Schweden floh.
„Ilons Wunderland“ ist ein Museum rund um das Werk der estnisch-schwedischen Illustratorin Ilon Wikland, die vor allem für die Illustrationen in sehr vielen der Astrid-Lindgren-Bücher bekannt ist. Sie wurde 1930 in Haapsalu geboren und wuchs dort auf, bis sie im Alter von 14 mit der Familie einer Freundin wegen der sowjetischen Okkupation Estlands nach Schweden floh.

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Als wir uns im Anschluss an diesen Rundgang noch in einem Café aufwärmten, setzte sich ein Finne zu uns, der mitbekommen hatte, dass wir ausländische Touristen waren, und nun gerne mit uns Englisch sprechen wollte, um das zu üben. Er erzählte, seine Frau und er seien beide Rentner und lebten jetzt seit ein paar Jahren in Tallinn, da es ihnen in Finnland zu teuer geworden sei. Außerdem schien er ein großer Fan von Estland und den Esten zu sein, wie offenbar auch sein Sohn, der mit seinen Kindern auch in Tallinn lebt. Er sagte, es sei gar nicht so leicht, als Finne Estnisch zu sprechen, denn viele Wörter seien sich zwar sehr ähnlich, könnten aber dennoch etwas ganz anderes bedeuten. Vor allem komme es häufig vor, dass ein im Finnischen normales Wort für Esten sehr unhöflich klinge. Außerdem erzählte er, er sei ein paar Mal in Düsseldorf gewesen, habe sich mit der Stadt aber nie wirklich anfreunden können. Irgendwann mussten wir uns von dem Mann, der das Klischee des schweigsamen Finnen keinesfalls erfüllte, verabschieden, denn es wurde allmählich Zeit für uns, zum Flughafen aufzubrechen.

Wir beendeten den Urlaub da, wo wir ihn begonnen hatten, in der Tallinner Filiale des lettischen Restaurants Lido. In der im gleichen Einkaufszentrum befindlichen Buchhandlung erstand ich noch zwei CDs, dann mussten wir los.

Über die Tartuer Band Odd Hugo habe ich hier ja schon diverse Male geschrieben. Lexsoul Dancemachine ist quasi ein Nebenprojekt von Elephants-From-Neptune-Sänger Robert Linna (vierter von links).
Über die Tartuer Band Odd Hugo habe ich hier ja schon diverse Male geschrieben. Lexsoul Dancemachine ist quasi ein Nebenprojekt von Elephants-From-Neptune-Sänger Robert Linna (vierter von links).

Der Tallinner Flughafen gilt ja, wie ich hier im Blog schon mindestens einmal erwähnt habe, als „world’s cosiest airport“, und inzwischen ist im Gatebereich wirklich alles so gestaltet, dass niemand auf die Idee kommen würde, dem zu widersprechen. Und es ist nicht nur gemütlich, sondern in erste Linie eins: estnisch. So fällt der Abschied noch schwerer. Leider habe ich dort nur noch zwei nicht besonders gute Handyfotos gemacht.

Wenn man hier an der richtigen Stelle posiert, sieht es aus, als stehe man wirklich auf einem Steg im Moor
Wenn man hier an der richtigen Stelle posiert, sieht es aus, als stehe man wirklich auf einem Steg im Moor
Der Kinderbereich, gestaltet in Anlehnung an die Welt von "Lotte", einer estnischen Zeichentrickfigur, die es auch schon in zwei Filmen im deutschen Kino zu sehen gab.
Der Kinderbereich, gestaltet in Anlehnung an die Welt von „Lotte“, einer estnischen Zeichentrickfigur, die es auch schon in zwei Filmen im deutschen Kino zu sehen gab.

Und damit endete der Kurztrip. Auch wenn das Wetter etwas winterlicher hätte ausfallen können, waren wir uns alle einig, dass es sich wieder einmal sehr gelohnt hatte, nach Estland zu reisen. Ich habe Orte wiedergesehen, an denen ich schon lange nicht mehr war, und einige sogar zum allerersten Mal besucht. Ich konnte wieder ein bisschen Estnisch üben und neue Wörter lernen. Und ich habe einige Beobachtungen gemacht, die für meine Masterarbeit, in der es ja unter anderem um die russische Minderheit in Estland geht, von Interesse sind. Insgesamt also eine gelungene Reise! Und hoffentlich so etwas wie ein Neustart für diesen Blog, aber da verspreche ich lieber nicht zu viel …

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Ein Gedanke zu “Winter im Nordosten, Teil 3

  1. Richtig! Da steht ein Schild „Ujumine keelatud“ (Schwimmen verboten) am Zugang zu dieser Gefängnisruine. Und was tun die Leute? Sie schwimmen dort. Ist aber auch zu verlockend – natürlich im Sommer.

    Ich stimme Dir voll und ganz zu: ES WAR SCHÖN.

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